Gedanken zum Herbst

Walther

Mitglied
Gedanken zum Herbst


Auf dem Ast verbrüdern sich
Zwei Krähen und stecken die Köpfe zusammen.
Der Ahorn hat sich entblättert,
Schämt sich aber dafür und trägt die Reste stolz:
Wie so viele Bäume ein Verlierer,
Übt er sich in schwarzem Strich am Himmel.

Das Eichhörnchen verbuddelt
Hastig Walnüsse. Daneben Haselnüsse. Und
Daneben Kastanien. Ein Igel
Kiebitzt. Dann trollt er sich raschelnd. Die
Krähen mögen sich nicht mehr,
Und dem Ahorn ist piepegal, wer da krächzt.

Die Sonne hängt sich in den
Leeren Apfelbaum und stapelt tief. Ihr
Schlagschatten zerfasert sich
Ins Halbdunkel zweier Holzbeuge. Über
Allem tanzen Eintagsfliegen
Letzte Hochzeitspolkas, Hab mich lieb! flügelnd.

Ich lüge mir die Hände in die
Taschen und vergrabe meine Frühlings-
Hoffnungen. Ernüchtert schaue
Ich meiner Atemfahne hinterher und stelle die
Falschen Fragen auf die richtigen
Antworten. Denn ich bin so alt wie das Jahr.
 

anbas

Mitglied
Hi Walther,

ein, wie ich finde, launischs Gedicht - und zwar im besten Sinne des Wortes. Mir gefällt es. Den "schämenden" Ahorn finde ich allerdings ein wenig zu viel des Guten - aber das ist wohl mal wieder eine Frage des Geschmacks ;).

Täusche ich mich, oder gibt es nur wenige Prosagedichte dieser Art von Dir?

Liebe Grüße

Andreas
 

Walther

Mitglied
hi anbas,

danke für deinen eintrag. so selten sind diese texte von mir gar nicht. wenn du rechts Walthers Beste anklickst, sind die plätze 1 und 2 genau solche art von gedicht.

nun sind in diesem bilderwald zum herbst viele solche "übertreibungen". der ahorn kann sich nicht "schämen", aber die eintagsfliegen tanzen auch keine polka. diese kleine "spitzen" sollen die aufkommende herbstdepression durch ihren witz und ihre spitzen ironisch ausleuchten.

lg w.
 

anbas

Mitglied
Hi Walther,

danke für den Hinweis of die Best-of-Liste - werde bei Gelegenheit mal reinschauen.

Ich habe durchaus gesehen, dass dieser Text viele solcher Übertreibungen hat - stört mich auch nicht, im Gegenteil. Es ist nur dieses "schämt", das mir ein wenig zu viel, zu "dick" ist.

Liebe Grüße

Andreas
 

Walther

Mitglied
hi anbas,

hast du einen adäquaten vorschlag? wäre super, weil ich etwas fest hänge in dieser sache.

danke und grüße w. :)
 

anbas

Mitglied
Hallo Walther,

ich würde hier die Radikallösung vorschlagen: Streichen!

Der Ahorn hat sich entblättert
und trägt die Reste stolz:
Ahhh - und mir fällt jetzt auch auf, was da noch ist, das mich stört: Der Widerspruch, dass er sich schämt, die Reste aber stolz trägt - das ist ein schiefes, aus meiner Sicht nicht passendes Bild. Auch danach, wieder ein schiefes Bild, wie ich finde: stolz-Verlierer. Nur so 'ne Idee (evtl. zum Weiterspinnen):
Der Ahorn hat sich entblättert,
[strike]Schämt sich aber dafür[/strike] und trägt die Reste stolz:
[blue]Doch / Trotzdem[/blue] wie so viele Bäume ein Verlierer,
Übt er sich in schwarzem Strich am Himmel.
Oder aber (falls Du die Scham unbedingt behalten willst ;)):
Der Ahorn hat sich entblättert,
[blue]trotzt der Scham[/blue] und trägt die Reste stolz:
Wie so viele Bäume ein Verlierer,
Übt er sich in schwarzem Strich am Himmel.

Ich hoffe, Du kannst mit meinen Gedanken was anfangen.

Liebe Grüße

Andreas
 

Walther

Mitglied
lb anbas,

der von dir beklagte widerspruch ist absicht. das ist ein "schiefes" bild. es ist so schizoid, wie wir das selbst sind. natürlich ist der ahorn wie alle laubbäume ein (blätter)verlierer, und da es auch nadelbäume gibt, sind es "so viele" und genau deshalb nicht alle.

meine sprache ist immer sehr präzise, ich überlege mir eigentlich immer genau, was ich wie schreibe.

leider muß ich deinen bemerkungen also begründet widersprechen und kann deinen vorschlägen daher nicht folgen.

danke für dein verständnis!

lg w.
 

Walther

Mitglied
Gedanken zum Herbst


Auf dem Ast verbrüdern sich
Zwei Krähen und stecken die Köpfe zusammen.
Der Ahorn hat sich entblättert,
Schämt sich aber dafür und trägt die Reste stolz:
Wie so viele Bäume ein Verlierer,
Übt er sich in schwarzem Strich am Himmel.

Das Eichhörnchen verbuddelt
Hastig Walnüsse. Daneben Haselnüsse. Und
Daneben Kastanien. Ein Igel
Kiebitzt. Dann trollt er sich raschelnd. Die
Krähen mögen sich nicht mehr,
Und dem Ahorn ist piepegal, wer da krächzt.

Die Sonne hängt sich in den
Leeren Apfelbaum und stapelt tief. Ihr
Schlagschatten zerfasert sich
Ins Halbdunkel zweier Holzbeugen. Über
Allem tanzen Eintagsfliegen
Letzte Hochzeitspolkas, Hab mich lieb! flügelnd.

Ich lüge mir die Hände in die
Taschen und vergrabe meine Frühlings-
Hoffnungen. Ernüchtert schaue
Ich meiner Atemfahne hinterher und stelle die
Falschen Fragen auf die richtigen
Antworten. Denn ich bin so alt wie das Jahr.
 

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