Gefährdende Begegnung

anbas

Mitglied
Gefährdende Begegnung

Ein Morgen im Mai, kurz vor 8.00 Uhr. Die Sonne schien, aber es war kalt. Unter 10 C°. Die Stimmung drohte jedoch gleich hitzig zu werden.

Mein Hirn war noch nicht in Höchstform. War es um diese Zeit sowieso nur selten. Ich wollte kurz einen Brief zum Briefkasten bringen, bevor ich zur Arbeit fuhr. Hierfür musste ich zwar einen kleinen Umweg machen, doch ich hatte Zeit, die Sonne strahlte, und die Kälte machte mir nichts aus. So trottete ich also von meinen noch leicht verschlafenen Gedanken umnebelt die kleine Nebenstraße Richtung Briefkasten entlang. Ich erreichte ein größeres Blumenbeet, es war vielleicht vier mal vier Meter groß und von einer kleinen Backsteinmauer umfasst. Manchmal spielten Kinder hier, indem sie darum herumliefen und Fangen spielten.

Plötzlich klingelte es hinter mir. Gleich darauf fuhr auf der Straße eine Frau mit ihrem Rad an mir vorbei. Nach ein paar Metern hielt sie abrupt an und blieb mitten auf der Fahrbahn stehen. Sie war etwa Anfang dreißig und schaute mich vorwurfsvoll an.

Krampfhaft versuchte ich mein Hirn auf Touren zu bekommen. Warum klingelte die Frau? Kannten wir beide uns irgendwoher? Weiter kam ich mit meinem Gedanken-Frühsport nicht.

"Können Sie nicht Platz machen, wenn hinter Ihnen jemand klingelt? Jetzt muss Ihretwegen mein Kind einen Umweg fahren!", blaffte sie mich an.

Überrascht schaute ich mich um. Genau auf der anderen Seite dieses Beetes sah ich einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad fahren. Er war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Eifrig strampelte er sich ab. Wahrscheinlich wollte er das Beet umrunden, um mich so zu überholen, denn der Gehweg war an dieser Stelle sehr schmal.

"Entschuldigen Sie bitte!" rief ich der Frau zu und faltete demütig meine Hände vor der Brust. "Es tut mir wirklich sehr leid. Aber wissen Sie, ich war gerade mit meinen Gedanken bei afrikanischen Kindersoldaten und dem Trauma, das diese erleiden müssen. Und nun wird durch meine Gedankenlosigkeit vielleicht auch Ihr Kind traumatisiert, weil es einen Umweg von mehreren Metern fahren muss. Das könnte ich mir nie verzeihen. Gleich morgen werde ich zur Buße eine Spende auf den Weg bringen. Das Geld wird an einen Verein für traumatisierte Kinder von sogenannten Hubschrauber-Eltern gehen. Ich hoffe inständig, Sie können mir noch einmal verzeihen …"

… nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Diese Antwort ist mir etwa zehn Minuten später eingefallen. Stattdessen entschuldigte ich mich mit dem Hinweis darauf, dass ich gedacht hatte, jemand auf der Straße hätte geklingelt.

Anschließend ging ich weiter. Auch die Frau setzte ihren Weg fort, ohne noch etwas zu sagen. Nach wenigen Metern fiel mir ein, dass mich das Kind immer noch nicht überholt hatte. Sofort ging ich zur Seite und lies den Kleinen vorbei. Schließlich sollte er kein Trauma von unserer Begegnung davontragen.
 



 
Oben Unten