Gefangen

Rei

Mitglied
Gefangen
„Ich liebe dich, hey, dein Daddy liebt dich“ Er war nicht ihr Daddy, nur irgendein Spinner, ein Verrückter.
Das Bild, das schreckliche Bild, das er ihr immer zeigte, wenn sie die Augen öffnete, das schreckliche Bild, das sich in die Innenseiten ihrer Augen gebrannt hatte, so dass sie es immer sah. Schrecken, Gewalt, Blut, das war alles, was von ihm übrig geblieben war. Mehr gab es von ihm nicht mehr, nicht, seit „Daddy“ die Sache in die Hand genommen hatte. Seitdem war sie hier.
„Vergiß nicht, Daddy liebt dich.“ Sagte er, bevor er ging,bevor er sich ihr näherte, bevor er die scheuernden Handschellen anlegte. Hatte er sich auch Daddy genannt, als er ihr das Liebste in ihrem Leben genommen hatte, das, was er auf dieses schreckliche Bild verbannt, es in ihm verewigt hatte? Sie wollte nicht daran denken, sie wollte an gar nichts denken. Aber das Bild war da. Die aufgerissen braunen Augen, die immer so sanft waren. Der entstellte Mund, der sie immer so sanft geküsst hatte. Die gebrochenen Finger, die sie immer so sanft gestreichelt haben. Die tiefe Stimme, herausgeschnitten. Alles vorbei, alles verbannt auf dieses Bild, das in ihrem Hirn abgespeichert war, immer verfügbar.
Nie hätte er sie bekommen, hätte Daddy nicht das unaussprechliche begangen, das, was sie jeden Tag sehen musste. Er hätte sie beschützt, behütet, wäre nicht ihr „Daddy“. Wo war er nur, jetzt, wo sie ihn brauchte? "Daddy" hatte ihn ihr genommen. Aus Eifersucht? Aus Liebe? Wieso?
Die Handschellen drückten ihr das Blut ab. Die Finger schliefen ihr ein. Würde das ein Daddy zulassen? Warum hatte er das getan, das schreckliche?
Sie wusste noch, wie es begonnen hatte, damals, als sie gücklich mit ihm hatte sein wollen, doch dann kam „Daddy“ und zerstörte ihr Glück, ihre Liebe. Drängte sich zurück in ihr Leben, aus dem sie ihn Jahre zuvor verbannt hatte. Doch er war wieder da. Stärker, entschlossener, brutaler. Hatte ihn überrascht, ihn eiskalt ermordet, dieses Foto gemacht, mit dem er sie jetzt jeden Tag konfrontierte. „Das kann Daddy auch mit dir tun“ sagte er, aber er tat es nicht. Er liebte sie. Er tat gar nichts, außer sie anketten, damit sie nicht weglief. Das Bild hätte längst jeden Schrecken verloren haben müssen, aber das hatte es noch lange nicht. Immer wieder war etwas neues da, was sie erneut erschreckte, schockierte. Die Tränen waren längst versiegt, tief in ihr begraben. Das machte Daddy Sorgen, aber er wollte sie nicht zwingen. Er zwang sie zu gar nichts, nur zu den Dingen, die gut für sie waren. Darum hatte er ihr ihn ja auch genommen, da er – Daddy – besser für sie war. Er war der Mann in ihrem Leben, nicht der andere. Jetzt jedenfalls nicht mehr.
Der Schlüssel ging in der Tür. „Daddy ist zuhause!“ Er war nicht ihr Daddy, nur irgendein Spinner, ein Verrückter.
Rei 030800

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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