Gefangen in der Dunkelheit

4,50 Stern(e) 4 Bewertungen

VeraL

Mitglied
Wenn etwas Schreckliches passiert, erscheint uns das Davor als besonders schön und perfekt. So erging es ihm, lange nachdem er seinen Namen vergessen hatte. Am Anfang seiner Gefangenschaft erinnerte er sich an einen strahlenden, hellen Tag mit bunten Farben. Das war es, wofür er geschaffen war: Malen, kreativ sein. Er war gerade mit seinem ersten Kunstwerk beschäftigt gewesen, als es geschah. Er wurde gepackt und in die Dunkelheit gestoßen.

Atme ruhig. Beruhige dich. Es half nichts. Seine Gedanken gingen ins Leere. Es war eng und stickig. Er konnte sich kaum bewegen und bekam keine Luft. Doch am meisten setzte ihm die absolute Schwärze zu. Er wusste nicht, wo oben und unten war. Er streckte sich, um den Rand seines Gefängnisses zu ertasten und erschauderte. Neben ihm lag noch jemand. Er bewegte sich nicht.

Wo war er? Warum war er hier? Er wollte schreien, traute sich aber nicht. Nur ein Schluchzen konnte er nicht unterdrücken. Panisch drehte er sich weg von dem anderen, wollte ihn nicht berühren. Doch links neben ihm lag noch jemand. Beide waren eiskalt. Vorne, hinten und oben wurde er gegen Wände gedrückt. Er konnte nirgendwo hin.

„Komm schon. Denk an etwas Schönes. Denk an deine Bilder.“ Seine eigenen Worte beruhigten ihn nicht.
Da ertönte ein heiseres Lachen. „Gib dir keine Mühe. Nach spätestens zwei Tagen hier drin drehst du eh durch.“
„Hallo, lebt hier noch jemand?“ Hoffnung flackerte in ihm auf.
„Natürlich. Wir leben alle noch. Falls man das leben nennen kann.“
Er war nicht allein. Gott sei Dank. Doch was hatte der andere gesagt? „Nach zwei Tagen? Wie lange bist du schon hier?“
Der andere ließ sich mit der Antwort Zeit. „Tage, Wochen, Jahre. Wer kann das schon sagen. Find dich damit ab.“
Er fand sich nicht damit ab. Er kreischte: „Holt mich raus! Bitte! Hilfe! Ich kann das nicht.“
Keiner der anderen sagte etwas zu ihm. Er schrie und schrie, bis er keine Kraft mehr hatte und vor sich hin wimmerte.


„Bist du noch da?“ Seine Stimme war ein heiseres Krächzen.
„Natürlich. Alle sind noch da. Wo sollen wir denn hin?“ Diesmal hörte er mehrere Stimmen, die kicherten.
„Ich will hier raus.“
„Wünsch dir das lieber nicht.“
„Warum nicht? Was ist draußen?“
„Das willst du nicht wissen.“
So blieb es ihm überlassen, sich alle möglichen Schrecken auszumalen. Nach und nach schnappte er Gerüchte auf, die die anderen verbreiteten. Er hörte von denen, die raus durften und danach nicht mehr dieselben waren. Die ein Stück von sich verloren hatten. Und er hörte Geflüster über eine Foltermaschine, in die man kopfüber gesteckt wurde und die einem unbegreifliche Qualen zufügte. Und so verlor er seine Hoffnung. Selbst, wenn er in einen kurzen Schlaf fiel, träumte er von Foltermaschinen und Schmerzen.

Schwer zu sagen, wie lange er in seinem Gefängnis zugebracht hatte, als er spürte, wie der Raum sich bewegte. Er wurde gegen die anderen geschleudert, stand für einen kurzen Moment kopfüber und wurde wieder gegen die anderen geschleudert. Er schrak zurück, ekelte sich vor der Berührung und dem Gestank. Wieder das beklemmende Gefühl der Enge, die Panik der Orientierungslosigkeit. Dann gab es ein knarzendes Geräusch. Fahles Licht schien durch einen schmalen Streifen, wurde breiter und blendete ihn. Er zuckte zurück. Bitte nicht mich, bitte nicht mich, dachte er. Kalte, feuchte Hände berührten ihn kurz. Jemand anderes wurde gepackt und nach draußen gerissen. Er atmete auf. Es herrschte Stille. Niemand flüsterte. Alle warteten. Eine Ewigkeit.

Wieder erschien das unerträglich helle Licht. Der Erste wurde wieder hineingeschleudert ein anderer herausgerissen. So ging es weiter. Die, die zurückkamen, verhielten sich unterschiedlich. Einige waren apathisch. Sagten nichts und rührten sich nicht. Andere schrien. Und diese Schreie waren das Schlimmste. Sie erschütterten ihn bis ins Mark. Einige kamen zwei oder drei Mal dran. Und die ganze Zeit wusste er, dass es auch ihn treffen würde.

Als die Helligkeit wieder seine Dunkelheit durchbrach, wusste er, dass es so weit war. Er konnte nirgendwo hin. Riesige Hände griffen nach ihm. Sie drückten ihn so fest, dass er keine Luft bekam. Er wurde durch die Luft gewirbelt und sah Metall auf sich zukommen. Sein Kopf wurde gegen das kalte Material gepresst und er schloss die Augen.

Von all dem ahnte Alina nichts. Er war nur ein Stift. Ein Buntstift, den sie aus ihrem Mäppchen zog und in den Anspitzer steckte.
 
Hallo Vera,

man malt sich beim Lesen schon die schlimmsten Dinge aus. Und dann diese Pointe! Super!
Also haben auch Buntstifte eine Seele.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Oben Unten