gefühl schlägt verstand (Sonett)

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die zeit - sie ist zur zeit so gar nicht schön
für mich zumindest fühlt es sich so an
tagaus tagein gefangen in dem bann
von sorgen, die in dunklen ecken steh'n

sie lauern, starr'n mich an und woll'n nicht geh'n
ein blick, dem ich mich nicht entziehen kann
ich weiß - ich war es selbst, der sie ersann
doch scheint mein fühlen dies nicht zu versteh'n

da wachsen kleine ängste turmeshoch
dort öffnet sich die erde, wird zum schlund
kein halt, es zittern hände, kalt rinnt schweiß

wie lange, banges herz, sag, schlägst du noch?
und wo, ihr füße, gibt es festen grund?
ihr sagt, ich muss das wissen? ja - ich weiß...





.nov_2022
 

petrasmiles

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Toll! Großartig! Fee eben.
Wie kann man nur aus so einer finsteren Sache etwas so Schönes machen?
Und dann der kleine Schmetterling zum Schluss ... "ich weiß" ... da ist eigentlich alles drin.
Bevor ich mich wiederhole ... jetzt regnet es ausnahmsweise mal Sterne ...

Liebe Grüße
Petra
 

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Herzlichen Dank, liebe Petra!

Das "ich weiß" ist das, was einen solche Phasen aushalten lässt. Irgendwie. Weil man weiß, was da eigentlich vor sich geht.
Trotzdem fühlen sich diese Sachen in den depressivsten Phasen sogar dann verdammt echt an, wenn man weiß, dass man weiß. Das ist etwas gruselig.
Was Schönes draus zu machen, ist auch Teil einer Strategie, damit umzugehen. So quasi "umarme den Feind".

Freut mich, wenn es dir - trotz des düsteren Themas - so gefällt!

Liebe Grüße,
fee
 

James Blond

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Hallo liebe Fee,
leider kann ich nicht so uneingeschränkt in das Lob einsteigen, das dein Sonett bereits erhalten hat.
Wären da nicht der 1. ("die zeit - sie ist zur zeit" ...) und der letzte Vers ("ihr sagt, ich muss das wissen? ja - ich weiß..." ), die ihm einen besonderen Sprachwitz verleihen, dann bliebe es eher glanzlos.
Sicher, es geht hier ja auch um keine lustige, sondern um eine recht qualvolle Angelegenheit, wird doch mit "schön" / "steh'n" der Reim und in V2 ("für mich zumindest fühlt es sich so an") selbst noch der Jambus gequält.

Ich denke - und so hatte ich dich einst auch verstanden, dass das Erstellen eines Textes über innere Angelegenheiten auch helfen kann, Klarheit und Distanz über die eigene Situation zu gewinnen. Genau dazu ist das klassische Sonett prädestiniert, indem es einen Gedankengang von zwei Seiten zu einer Einsicht zusammenführt.

Im Grunde hast du auch dort angesetzt, wenn du die Diskrepanz zwischen gefühlsmäßigem Erleben von Ängsten und verstandesgeleiteter Einsicht der Welt zum Ausgangspunkt deiner Betrachtung wählst. Allerdings blitzt die Erkenntnis von der Unabhängigkeit dieser beiden psychischen Instanzen bereits in Q2 auf:
sie lauern, starr'n mich an und woll'n nicht geh'n
ein blick, dem ich mich nicht entziehen kann
ich weiß - ich war es selbst, der sie ersann
doch scheint mein fühlen dies nicht zu versteh'n
Damit ist eigentlich schon alles gesagt und dir bleibt danach nur noch die Paraphrase in T1 und T2 mit der resignierenden finalen (und auch etwas humorigen) Feststellung, dass dir das Problem ja längst bekannt ist. Sonetthafter wäre es, die Inhalte von Q2 und T1 zu tauschen, um dem inneren Gedankengang zu folgen.

Liebe Grüße
JB
 

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... dann bliebe es eher glanzlos.
Bei mir glänzt halt auch seit einiger Zeit nichts mehr, lieber James.

Und ich meine wortwörtlich nichts. (und rede jetzt nicht von meinen Texte hier - wiewohl die vermutlich genau das auch wiederspiegeln, wenn ich mir das Echo der letzten Wochen so ansehe).
Ich habe also beschlossen - weil ich es ja eigentlich eh weiß - , mir eine Auszeit vom Forum zu verordnen. Ich langweilge offensichtlich hier ohnehin zu Tode mit den letzten Texten oder sie sind ein Verhau (was zumindest erstaunlich viele zu Kommentaren veranlasst, aber diese sind im Moment für mich nicht gesund bzw. ich kann im Moment damit nicht so gelassen umgehen wie sonst). Toxisches habe ich zur Zeit im realen Leben genügend, dem ich mich täglich stellen muss. Da muss ich mir das hier nicht selbst noch aktiv schaffen.

Ich wünsche euch allen eine schöne Adventszeit und schöne Feiertage, Gesundheit und Freude mit dem, was ihr am liebsten tut.

Alles Liebe,
fee
 
Nein nein, Claudia, dieses Sonett darfst Du nicht kleinreden - es ist ein allemal gelungenes Gedicht: Jambisch, fünfhebig, maskul. Kadenz. Persönlich hätte ich die klassische Groß/Kleinschreibung mit entsprechender Interpunktion vorgezogen - aber, mein Gott, ist das wichtig? Petras Lob schließe ich mich an, James Blonds Vorschlag, Q2 und T1 inhaltlich zu tauschen, ist eine Überlegung wert - sortiert allenfalls, bringt aber das Gefüge nicht aus dem Gleichgewicht.

Die Offenheit und Ehrlichkeit in diesem Sonett finde ich ausgesprochen sympathisch!

Pause - ja! Keine hat in den letzten Wochen so viel Energie fürs Kommentieren, Diskutieren und Schreiben aufgebracht wie Du! Bitte keine Selbstvorwürfe, da freuen sich nur andere drüber!

Auch Dir eine schöne und erholsame Adventszeit!

Kristian
 

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Danke, Kristian.

Das eine "ich weiß" ist aber nicht gleichbedeutend mit dem "ich weiß..." zum Schluss. Das nur noch als letzter Nachsatz zur Klärung ganz allgemein.

Ich bin auf der Talsohle angelangt - schon länger. Aber wer will das schon wahrhaben...ich hatte gehofft, es halbwegs durchtauchen zu können, sieht aber nach Fehlanzeige aus momentan.

Ich wünsche auch dir eine schöne Adventszeit. Und reinlesen werde ich ja ab und zu. Nur nicht bös sein, wenn ich es einfach still und leise tue, okay?

Herzliche Grüße,
Claudia
 



 
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