Gelächter

5,00 Stern(e) 3 Bewertungen

rubber sole

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Nach der Scheidung leben sie getrennt. Fast zwanzig Jahre lang. Geografisch weit auseinander. Ohne jeglichen Kontakt. Man weiß nichts mehr von einander. So gewollt. Von beiden. Sie sind inzwischen erneut geschieden. Alle beide. Leben alleine. Dann das Aufeinandertreffen. Zufällig. Nicht vorhersehbar. Anfänglich unerkannt. Beide als Komparsen. Für einen Spielfilm. Von einer Agentur gecastet. Bundesweit. Drehort Hamburg. Szene in einem Hafenrestaurant. Sie spielen ein Paar. Während eines Essens. Im hinteren Bereich des Lokals. Eine Rolle ohne Text. Spannung am Set. Alle Akteure hochkonzentriert. Dann: Kamera ab. Jetzt erkennen sich die beiden wieder. Ungläubiges Staunen. Unverwechselbare Gestik. Mimik auch wie früher. Tauschen belustigte Blicke. Stumm. Gespräch strikt untersagt. Laut Regieanweisung. Kameraausrichtung auf Totale. Ablauf nach Plan. Dann ein Prusten. Aus der Ecke. Von diesem Paar. Können nicht mehr an sich halten. Lachen lauthals los. Angespanntes Schweigen im Raum. Peinliches Schweigen. Im Filmteam. Dann vereinzeltes Kichern. Anfänglich verhalten. Bald allgemeines Gelächter. Ungehemmt. Neue Erfahrung. Nie dagewesen. Absolut spontan. Dieses ansteckende Lachen. In ungewöhnlicher Tonart. Von Komparsen animiert. Ausgerechnet. Der Regisseur rastet aus. Lautstark. Bricht ab. Das Paar wird des Sets verwiesen. Sie schleichen zum Ausgang. Verlassen den Drehort. Aus dem Lachen wird ein Glucksen. Immer wieder. Nicht zu bremsen. Bis weit vor die Tür.

Monate später der fertige Film: Der Take wurde nicht herausgeschnitten, sondern wurde ins umgeschriebene Drehbuch für die Szene einer lachenden Gesellschaft eingearbeitet. Der Ton-Ingenieur hatte das Lachen versehentlich gespeichert. Diese Ton-Sequenz wird später häufig wiederverwendet. Dass dieses Gelächter von Komparsen ausgeht, war belanglos. Es transportierte eine spezielle Komik, die aus einer Staffage entstanden ist – einzigartig, meint selbst der Regisseur nachträglich. Und diese Tonkonserve wird später wegen ihrer besonderen Tonalität in ungezählten Filmen als Geräuschkulisse verwendet, ist in vielen Szenen, die in Sälen, Restaurants oder auf Partys spielen, im Hintergrund diverser Filme zu hören. Das geschiedene Paar sah sich nach dem abgebrochenen Drehtag nie wieder.
 
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Shallow

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Hallo @rubber sole,

unglaublich verknappt. Ich hätte das nicht so extrem gemacht, aber: Es ist stimmig! Konsequent durchgehalten. Hat mir sehr gefallen!

Schönen Gruß von

Shallow
 

wirena

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@rubber sole, ja spannend diese verdichtete Dichtung ohne Gedankenstrich und Komma. Im zweiten Abschnitt, ab "Monate später der fertige Film:..." vermisse ich allerdings diesen gewählten Schreibstil - lange Sätze sind zu lesen - doch vielleicht ist das ja auch gewollt -. Wie dem auch sei, es gefällt mir auch inhaltlich, wie ein sogenannter "Fehler", wie Ungeplantes, sich spontan ergebendes Leben sinnvoll integriert werden kann - sehr schön - LG wirena
 
Hübsche Geschichte.
Aber dieser Stakkato-Stil am Anfang gefällt mir gar nicht, und ich sehe den Sinn nicht ein. Während atemloses Tempo signalisiert wird, vergehen zwei halbe Lebensgeschichten? Dann müsste es doch eher umgekehrt sein: Lange Perioden, bis es im unaufhaltsamen Gelächter explodiert.

MfG,
Binsenbrecher
 

rubber sole

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Hallo @Shallow,

ja dieser Stakkato-Stil ist sehr speziell. Mitunter schreib ich so - als Fingerübung -, um den Hang zur Weitschweifigkeit zu mildern. Herzlichen Dank für deine wertschätzenden Anmerkungen und die üppige Sternenwertung.

Gruß von rubber sole
 

rubber sole

Mitglied
Hallo @wirena,

freut mich, dass dir diese Geschichte gefällt. Die Änderung des Stils mitten im Text ist so gewollt. Ich habe den Absatz im Textblock nachträglich verschoben, um den Unterschied deutlicher werden zu lassen. Danke für deinen zustimmenden Kommentar.

Gruß von rubber sole
 
Zuletzt bearbeitet:

rubber sole

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@Binsenbrecher,

danke für 'hübsche Geschichte'. Der extrem kurz gehaltene Stil soll einerseits Tempo machen, andererseits mich bremsen. Mag wohl nicht jeder. Danke für dein Interesse.

Gruß von rubber sole
 

rubber sole

Mitglied
Hallo @Clown seiner Klasse ,

schönen Dank für deine Zustimmung zur Idee und für die Ausführung, auch wenn du einige Abstriche machen musst. Auf den Keks gehen, das war nicht mein Anliegen - dein Kommentar klingt aber insgesamt nicht negativ für mich.

Gruß von rubber sole
 

johP

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@rubber sole

Mir hat deine story gefallen. Für mich liest es sich beinah wie ein orgasmus :) das kurzsätzige auf den höhepunkt zukommende - gelächter - entspanntes nachspiel, das auch ausfühlicher beschrieben werden darf. Alles für mich stimmig.
Sehr schön auch, das es den aufbau einer kurzgeschichte, aber die kürze von kurzprosa hat.
 

rubber sole

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Hallo @johP,

freut mich, dass dir die Geschichte zusagt; eine interessante Sicht auf den Text – da muss man erst einmal drauf kommen! Danke für deine inspirierende Interpretation und die reichlichen Sterne.

Gruß von rubber sole
 

Zettelin

Mitglied
Hallo rubber sole,

eine schöne Geschichte. Ich mag die Verdichtung der Sätze am Anfang. Für mich steht sie auch für die Kürze der Begegnung der beiden nach den zwnzig Jahren der Trennung. Das finde ich stimmig. So gibt der Text das Treffen - einige wenige Stunden/ Minuten nach zwanzig Jahren - so verdichtet wider, wie es sich für die Protagonisten angefühlt haben muss. Ein Schlaglich im Leben.

Daher finde ich es auch in Ordnung, dass die Sätze im letzten Abschnitt länger sind, da sie nicht mehr die überraschende, kurze Begegnung beschreiben.

Beste Grüße

Fabian
 

rubber sole

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@Zettelin

Hallo Fabian,

herzlichen Dank für deine Wertung und deine zustimmenden Anmerkungen zu meiner Geschichte. Der Text, wie du diesen gelesen und interpretiert hast,
sollte genau so verstanden werden - der Mix aus Verdichtungen und ausführlichen Passagen bestimmen den Aufbau der Geschichte.

Gruß von rubber sole
 



 
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