Genügt ein Heiliger Antonius in Darenwede?

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Hagen

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Genügt ein Heiliger Antonius in Darenwede?



Die ehrsame Jungfer Johanna vom Hof eines des reichsten Bauern Darenwedes, Alfred Brunner, war bekannt als eine fesche, resolute Person, als Ehrenmitglied des Mäßigkeitsvereins und gute Tänzerin beim Feuerwehrball, doch sie galt als unnahbar. Viele Heiratsanträge hatte sie schon abgelehnt, sie wollte nur einen ‘Studierten‘ heiraten.

Im Dorf, was Darenwede zu der Zeit, in der dieses Geschichte spielt, noch war, gab es aber nur einen ‘studierten Herren‘, das war der Herr Pfarrer. Heiraten konnte dieser Mann Gottes die gute Johanna jedoch nicht.

So vergingen die Jahre und Johanna blieb Jungfrau, wenn die ‘Verlangen nach der Sünde‘ über sie kamen, suchte sie Trost im Gebet, bis, ja, bis, nun, ich muss noch etwas ausholen.

Sie wurde nicht jünger, nahm aber an Gestalt mächtig zu, die Jungfer Johanna. Die Wangen rund, der Busen üppig, die Waden stramm und Fäuste bei der Arbeit kräftig. Die Bauern und Knechte, die sich in jungen Jahren eine Abfuhr bei ihr geholt hatten, bekamen langsam ein Grausen vor ihr; - mancher jedoch fand die Jungfrau Johanna dennoch begehrenswert.

Nun geschah es eines Sonntags, dass der Pfarrer von Darenwede von der Kanzel herunter den Bäuerinnen, Bauern, Mägden und Knechten gehörig seine Meinung sagte: „Es ist eine Schweinerei, dass in unserer Kirche noch immer keine Statue vom heiligen Antonius aufgestellt ist!“

So wetterte er von der Kanzel, „zum Antonius beten, ja das könnt ihr, aber dass er sein Konterfei in Holz oder Porzellan dastehen hätte, davon wollt ihr nichts wissen! Für alles habt ihr Geld, für Bier, für Schnaps, fürs Kegelschieben und für den Tabak, das Kraut des Satans! Nur für den heiligen Antonius habt ihr kein Geld, nicht einen roten Heller! Gerade der heilige Antonius ist ein gütiger Heiliger! Er hilft den Frauen bei ihrem Anliegen, wenn sie ein Kind haben wollen und wenn sie die Brieftasche verloren oder etwas verlegt haben, der heilige Antonius hilft immer! Am 13. Juni, dem gebotener Gedenktag des heiligen Antonius, will ich eine Statue von ihm in meiner Kirche sehen!“

In diesem Ton ging die Rede fort, die Frauen heulten und die Männer schnäuzten. Nur die ehrsame Jungfer Johanna saß ganz hinten und gesenkten Hauptes in der Kirchenbank.

Sie tat ein Gelübde.

Für den heiligen Antonius würde sie jedes Opfer bringen, jedes!

Nun mag es sein, dass das ‘Verlangen nach der Sünde‘ in dieser Stunde mit Macht über sie kam, da der Pfarrer soeben von den Frauen, die Kinder haben wollten, mit Zorn gepredigt hatte, oder dass sie ihrer Jungfernschaft nun leid war; - sie wusste es selbst nicht! Sie wollte sich, zum Teufel nochmal, schnell schlug sie drei Kreuze, wie eine ertappte Sünderin, selbst und ihre Jungfräulichkeit dem heiligen Antonius opfern!

Die Bauern und Knechte indes hatten nach der Predigt auf ihren Herrn Pfarrer, wegen seines Schützlings Antonius, eine fürchterliche Wut. Sie schickten ihr Geweibe heim und trafen sich zum Bier im ‘Grünen Jäger‘.

Die Bauern von Darenwede und Umgebung waren der Ansicht, auch ohne den heiligen Antonius sehr gut auskommen zu können. Viele der Bauern waren der Ansicht, dass sie schon genug Mäuler zu stopfen hatten, da brauchte sich ihr Geweibe keine weiteren Kinder zu wünschen, und die Brieftasche des Bauern Brunner war schon seit Wochen weg. Wo war da der heilige Antonius?

Außerdem, was nimmt sich der Pfarrer für ein Recht heraus, sie derart anzuschreien?

„Herr Wirt, noch ein Bier! Wir geben unser sauer verdientes Geld aus, wofür wir wollen!“, sprach der Bauer Brunner, alle nickten zustimmend und bestellten sich auch ein Bier, ein recht schönes großes.

Drittens aber, es war wohl das Wichtigste: Die Weibersleut werden sich jetzt zusammensetzen und die Gesichter hängen lassen.

Nun also saßen die Bauern nach der Predigt zusammen und tranken manch Krüglein Bier. Zuerst aus Wut und dann, weil sie sich nüchtern nicht nach Hause trauen.

Der Bauer Wittrock hat den Bauern Brunner einen Geizhals geheißen, weil er, als reichster Bauer Darenwedes, hätte schon vor Jahren einen heiligen Antonis stiften können, was seine Pflicht gewesen wäre, worauf der Bauer Brunner den Bauern Wittrock einen ‘Milchpanscher‘ genannt hat und dann mischte sich auch noch der Bauer Hahnewinkel ein und unterstellte dem Bauern Brunner faule Kartoffeln zu verkaufen. Es fielen von allen Seiten üble Worte wie ‘Leuteschinder‘ und ‘Stadtfrack‘, kurz ein Wort gab das andere, ein Amtsgericht wäre mit Ehrenbeleidigungsprozessen auf Wochen versorgt gewesen, aber was ein richtiger Stänkerer und Raufbold ist, der braucht kein Gericht, der macht alles gleich an Ort und Stelle aus, und es wurde, wegen dem heiligen Antonius versteht sich, noch eine zünftige Rauferei unter den Darenweder Bauern absolviert, alle machten mit, die Bauern sowieso und ihre Knechte, wie es ihre Pflicht war in Darenwede.

Schnell waren die Röcke vom Leib gerissen und die Ärmel aufgekrempelt. Wo die Fäuste nicht ausreichten, mussten die Bierkrüge herhalten und der Bauer Mittenzwei schlug die Stühle entzwei, weil es sich mit den ausgerissenen Stuhlbeinen gut prügeln ließ.

Der Wirt des ‘Grünen Jäger‘ sah seine, vom Handwerksburschen Georg, gerade frisch gestrichene Wirtshauseinrichtung in Trümmer gehen. Aber ihm wurde bei Androhung aller Todesarten untersagt, die Gendarmerie zu holen. Die zünftige Rauferei wegen dem heiligen Antonius musste erst fachgemäß zu Ende geführt werden. So sah der Wirt keine andere Möglichkeit, als den ehrwürdigen Herrn Pfarrer, sozusagen den Hauptschuldigen, zu holen.

Schon tauchten blutige Köpfe auf, aber der Herr Pfarrer griff ein: „Beim heiligen Antonius, hört auf, ihr lieben Bauern! Werdet ihr nun endlich aufhören?“

Doch noch war die akkurate Rauferei im Gange, die Fäuste und Bierkrüge flogen und die Stuhlbeine sausten hernieder. Es war eine Rauferei, wie man sie in Darenwede vorher und nachher nicht wieder erlebt hatte, die Stimme des Pfarrers war nicht zu hören, sosehr er auch den heiligen Antonius bat zu helfen. Da musste er selbst eingreifen und sprach: „Es steht geschrieben bei Hebräer 12: ‚Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut widerstanden und habt die Ermahnung vergessen, die zu euch als zu Söhnen spricht: „Mein Sohn, schätze nicht gering des Herrn Züchtigung, und ermatte nicht, wenn du von ihm gestraft wirst! Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt aber jeden Sohn, den er aufnimmt." Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung: Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?“ Nun werde ich das tun, was der Heilige Vater auch tat!“

Er bekreuzigte sich, der schwarze Priesterrock flog auf das Fensterbrett und mit Leib und Seele züchtigte er seine Gemeinde. Der Pfarrer hatte harte Fäuste und setzte sie auch ein. Die bekamen die Bauern zu spüren, langsam und bewundernd gaben sie nach. Sie stellten fest, dass es keine Feindespartei gab, zogen ihre Röcke wieder an, bestellten noch ein Bier und ließen den Herrn Pfarrer hochleben. Im Grunde war er ja ein guter Mann, der mächtig zuschlagen konnte. Das imponierte ihnen und der Bauer Mittenzwei bestellte einen Schnaps für den Herrn Pfarrer. Die anderen ließen sich natürlich nicht lumpen und bestellten auch. Ans Nachhausegehen dachte keiner, und der Pfarrer, der eigentlich seine Rosen hatte schneiden wollen, zechte tüchtig mit. Er bestand aber drauf, dass der Schaden in Bausch und Bogen, zumindest in Bausch, bezahlt wurde, was auch geschah.

Man hätte mindestens sechs heilige Antoniusse dafür kaufen können, aber sei es drum.

Die Zecherei ging weiter, bis spät in den Abend. Als die Bauern und Knechte spät abends heimgingen, war ihr Empfang bei ihren Frauen alles andere als freundlich, zumal der eine ein blaues Auge, der nächste eine blutige Nase und alle weiteren Bauern und Knechte Blessuren der mannigfaltigen Art mit sich trugen.

Frauen sind nachtragend und die aus Darenwede ganz besonders. Sie taten sich zusammen, allen voran die Jungfrau Johanna aus dem Mäßigkeitsverein, und sie beschlossen, ihre Männer, diese Raufbolde, kurzzuhalten, ihren das ‘mitternächtliche Hochgefühl‘ strikt zu verweigern. Den Bauern wurde Nächtens das gemeinsame Schlafzimmer versperrt. Aus und vorbei mit der Liebe und Öffnen der Schenkel!

Die Bauern nahmen ihre Strohsäcke und zogen in die Ställe, auf die Tenne oder ins Heu. Sogar der Bauer Brunner packte sein Bettzeug und ging in die Scheune. Doch er warf sich schlaflos von einer Seite auf die andere, vermisste er doch die kühlen Brüste seiner Frau, an die er sich schmiegte, wenn er nach der Arbeit auf dem Felde heim kam und der Ruhe bedurfte.

Wie er sich so hin und herwarf, sah er, dass in der Kammer der Jungfrau Johanna noch Licht war.

Was soll’s?

Bauer Brunner versuchte sein Glück, pochte ans Kammerfenster und wurde auch sogleich eingelassen. Die Jungfrau Johanna zeigte ihm sogar mehr von sich, als es für eine Jungfer schicklich ist.

„Komm nur herein, Bauer“, sprach Johanna, „ihr verkühlt euch ja in kalter Nacht. Kommt in mein Bett und ich werde euch meine Schenkel unter einer Bedingung öffnen!“

„Was soll es denn sein, Jungfer?“, antwortete der Bauer und schlüpfte schnell zu Johanna ins Bett.

„Einen heiligen Antonius müsst ihr stiften!“

War es der Wind oder sonst eine Bewegung, die Augen des Bauern wurden immer größer, denn die Johanna hat, wie sie sich ins Bett gelegt und geräkelt hat, wie beim Tanze auf dem Feuerwehrfeste, Vielversprechendes von sich gezeigt, was dem Bauern bisher verborgen geblieben war.

„Zum Teufel noch eins, du sollst ihn haben, deinen Heiligen Antonius!“, fluchte der Bauer Brunner.

„Bestimmt?“

„Wenn ich einmal sag ‘Ja‘, dann heißt es auch ‘Ja‘!“

Und die Stimme der Johanna klang weich und samtartig als sie sagte: „Du bist halt ein gutes Mannsbild! Gell, in vierzehn Tagen, am 13. Juni, wirst du dem Pfarrer den heiligen Antonius in die Sakristei bringen!“

Nun, der Bauer Brunner hat es nicht bereut, die Johanna war ihm ein liebes Mädchen, sie jubilierte selbst und stöhnte und jauchzte als sie ihm ihre Schenkel, zwischen denen noch nie ein Mann geweilt hatte, öffnete …



Natürlich hielt der Bauer Alfred Brunner Wort, fuhr in die naheliegende Stadt und kaufte in der dortigen Devotionalienhandlung für achtundsechzig Reichsmark den größten und schönsten heiligen Antonius, den es dort gab. Das war doch gelacht, und der Bauer Wittrock sollte ihn nicht nochmal einen Geizhals schimpfen!

Gut verpackt wurde der heilige Antonius auf den Wagen verladen, und die Bäuerin, die Frau von Alfred Brunner, war glücklich, als der Bauer den heiligen Antonius ins Haus brachte. In dieser Nacht brauchte der Bauer nicht mehr in die Scheune, alles war wieder gut.

Naja fast alles, denn der Bauer Brunner erzählte dem Bauern Wittrock beim Feierabendbier im ‘Grünen Jäger‘, das er den größten und schönsten heiligen Antonius erworben hatte, von wegen Geizhals, und bei einem weiteren Bier kam auch zur Sprache, natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ihm die Johanna ihre Schenkel geöffnet hatte.

Und so geschah es, dass der Bauer Wittrock am nächsten Abend an das Kammerfenster Johannas pochte. Johanna überlegte, doppelt hält besser, gewährte dem Bauern Wittrock Einlass, verlangt natürlich auch einen heiligen Antonius und gab sich jauchzend der Fleischeslust hin.

Opfer ist Opfer, das musste gebracht werden und das genoss sie!

Nun, jeder von Johannas Kammerbesuchern hat es unter dem Siegel der Verschwiegenheit dem anderen Bauern weitererzählt, der Bauer Wittrock dem Bauern Hahnewinkel und so fort. So kamen Tag für Tag am Ende zwölf heilige Antoniusse zusammen.

In der Devotionalienhandlung der großen Stadt, erzählte der Verkäufer von den braven, frommen Bauern in Darenwede: „Das sind rechte Glaubensleute! Dreizehn heilige Antoniusse haben sie in kaum vierzehn Tagen gekauft. Lauter Bauern waren das. Kein einziges Weib war darunter.“

Dreizehn?

Nun, fahren wir in dieser Geschichte fort, ich hole nochmals aus: Von einem hat die Johanna keinen heiligen Antonius verlangt, vom Peer Moldenhauer, Großknecht beim Bauern Hahnewinkel, ein großgewachsener, stämmiger Mann. Als Johanna nun sein Gemächt beim Einsteigen durch das Kammerfenster sah, hauchte sie nur: „Komm nur so herein!“

Sie herzten, küssten und kosten einander und in Johanna entbrannte ein nie gekanntes Verlangen, als sie Peers Luststab in ihrer feuchten Liebesgrotte empfing. Ein nie gekanntes Verlangen nach Hochzeitsriten, Treue und Kinderkriegen griff nach ihr. Vorbei war‘s mit dem Studierten, die waren ohnehin langweilig; - zumindest was die Liebe betraf, die sie nun in allen Nuancen auskostete.

Und sie redeten, ob der Pfarrer wohl das Aufgebot am Antoniustag von der Kanzel aus verkünden würde. Peer war dem nicht abgeneigt, denn er war des Treibens müde und sehnte sich auch nach einer guten Frau, die ihm Kinder schenken würde. Während sie redeten klopfte es ans Fenster. Claas Roggendorf, auch ein Knecht beim Bauern Wittrock, stand dort und begehrte Einlass.

„Was willst du denn? Bist du närrisch geworden?“, schrie Johanna.

„Pst, pst, nicht so laut, Johanna“, flüsterte Claas, „ich hab‘ dir deinen heiligen Antonius gleich mitgebracht!“

Da wurde die ehrsame Johanna handgreiflich: „Behalte deinen heiligen Antonius! Was geht mich dein heiliger Antonius an?“ Krachend flog das Fenster zu.

Der Claas suchte die Porzellanscherben von seinem erschlagenen Antonius auf der Erde zusammen, es war nur gut, dass er einen kleinen, ganz billigen Antonius gekauft hatte. Dabei murmelte er: „Teufel, Teufel, so eine Aufschneiderei vom Bauern Wittrock. Ich hab’s immer gewusst, dass die Johanna eine ehrsame Jungfer ist!“



Nun, am Antoniustag gab es für die Knechte, Bauern und ihr Geweibe eine schöne Rede vom hochwürdigen Herrn Pfarrer, engelsgleich klang die hochwürdige Stimme: „Zwölf heilige Antoniusse! Soviel Glauben und Liebe in diesem Heiligen Dorf!“

Die Bäuerinnen schüttelten die Köpfe, doch die Bauern lächelten verschmitzt.

Nach der Predigt verlas der hochwürdige Herr Pfarrer das eheliche Aufgebot: „Die ehrsame Jungfer Johanna, Mitglied des Mäßigkeitsvereins und der Großknecht Peer Moldenhauer, haben das Aufgebot zur Eheschließung bestellt!“

An diesem Sonntag wurde beim Wirt des ‘Grünen Jägers‘ von den gläubigen Stiftern des heiligen Antonius viel gesprochen, ebenso von der Jungfer Johanna, die doch noch einen guten Mann abgekriegt hatte.

Nur dem Herrn Pfarrer bekannte die ehrsame Johanna während der Beichte ihr Opfer wegen dem heiligen Antonius. Gesenkten Blickes, doch innerlich schmunzelnd, erteilte er, nachdem er ihr zwölf Stoßseufzer zum heiligen Antonius und zwölf Vaterunser als Buße aufgetragen hat, die Absolution.

Die Kirche ist sehr gnädig im Verzeihen.

Und aus dem Mäßigkeitsverein soll die Johanna auch ausgetreten sein, allerdings erst nach ihrer Eheschließung, denn sie hatte noch viel nachzuholen …
 

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