Medias Argento
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Sie lief durch Tempelhof, schob das Fahrrad vor sich her. Sie war nach Buckow gefahren, hatte mehrere Runden durch die Parks gedreht, und jetzt, auf dem Rückweg, ging sie zu Fuß. Die Waden schmerzten, es war aber ein angenehmer Schmerz, der ihr Wohlbehagen bereitete. Ihre Schuhe suchten die Ränder des Kopfsteinpflasters auf, fanden dort jeden Spalt. Es war ein anderes Gehen. Leichtfüßiger. Bewusster.
Sie überlegte, über die offene Fläche des Tempelhofer Felds noch eine Runde zu drehen. Die Kopfhörer einzustecken und Musik zu hören. Es war aber windig, und gegen den Wind zu fahren – dafür hatte sie keine Kraft mehr. Ihre Hand ruhte auf dem Lenker. Auf dem Rücken trug sie einen leichten Rucksack.
Das Rad hatte dünne, harte Reifen. Es war leicht, und man konnte es problemlos schultern. John aus dem Bikeshop hatte ihr geholfen, das Rad zusammenzustellen. Die Teile hatte sie einzeln gekauft, darauf hatte sie gespart. Ein Singlespeed. Unscheinbar.
Jetzt war das Licht irgendwie anders, und die Jugendlichen, die ihr entgegenkamen, lachten, und sie lachte auch, wich ihnen aber aus. Sie wartete geduldig an den Ampeln. Überquerte breite Straßen. Vor einem Späti blieb sie stehen. Sie kaufte sich ein Red Bull und rauchte eine Zigarette.
Sie textete John, ob sie ihm etwas mitbringen sollte, und John sagte, dass er nichts brauche. Sie hatte ihm trotzdem Tabak gekauft: Pueblo, den blauen. Den würde sie in einer Schublade in Johns Küche abstellen, zusammen mit Papers und Filtern. Dort, wo er seine Rechnungen aufbewahrte und nicht so oft nachsah. Sie lachte, wenn sie daran dachte, wie John den Tabak finden würde. Er würde ihn finden und an sie denken.
Die Straße war laut, die Bäume trugen schon Grün. Der Winter war feucht gewesen, und ans Fahrradfahren war nicht zu denken. Jetzt sah man vermehrt Menschen auf Rädern, vermehrt Senioren mit bulligen Elektrorädern. Die Autofahrer öffneten die Fenster, ließen die frische Luft hinein. Aus manchen Autos strömte Musik nach draußen. Aus einigen Rauch. Der Wind war überall in der Stadt.
John fragte, ob sie mit ihm essen wolle, er würde Pasta kochen. Wäre sie dabei, dann würde er mehr aufsetzen. Sie sagte nein, sie hätte bereits gegessen. Aber sie wusste, er würde sowieso mehr kochen. Und würde sie dazu drängen, zu probieren.
Sie stand vor einer Bäckerei und sah durch die Vitrine in den Laden hinein. Im Schaufenster waren Süßigkeiten aufgestellt, viel Baklava und Kokosgebäck, große gewürzte Taler mit Marmelade und schaumiger Glasur. Es gab mehr Verkäufer als Kunden im Geschäft, die Auswahl war aber riesig, und es roch nach geröstetem Sesam und Kardamom. Sie wartete, bis einer der Verkäufer ihren Blick erhaschte. Der junge Mann kam ans Fenster. Sie deutete auf das Rad, auf ihre Augen. Wieder auf das Rad. Der Mann nickte, blieb am Fenster und lud sie wortlos hinein.
Drinnen war es warm, und es roch noch stärker nach Zimt.
„Bitte schön, Madame", sagte einer der Angestellten.
Sie fuhr mit den Fingern über die Glasfläche.
„Eine große Packung. Diese hier. Und die hier. Und die hier auch."
Die durchsichtige Box füllte sich. Sie war aber noch nicht durch. Da gab es noch Brownies mit Kokosflocken. Und viel Pistazie, in dicken Schichten zwischen mit Rosenwasser und Zuckersirup getränktem Blätterteig. Die Torten sahen auch gut aus, die Zuckerglasur darauf war pink oder hellblau.
„Noch eine Packung?"
„Nein", sagte sie und lächelte dabei schief.
Sie zahlte und verließ das Geschäft. Die Plastiktüte mit dem Baklava baumelte an ihrem Rad.
Sie wäre gerne aufs Rad gestiegen. Es war aber schade um die Süßigkeiten. Schade um die Arbeit der Bäcker, hätte John gesagt. Seine Stimme war warm. In seiner Küche war es das auch immer. Sie wechselte die Straßenseite, ging an der großen Moschee vorbei, und bald war sie in Neukölln.
Sie textete John, dass sie bald da sein würde, und John las die Nachricht, schrieb ihr aber nicht zurück. Sie schrieb, dass sie mit ihrer Mutter telefoniert habe und dass sie mit ihm über etwas Wichtiges sprechen wollte. Er las das auch, und nach einer Weile kamen zwei Worte zurück: „Alles klar".
Sie war nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Jetzt lief sie die kleinen Straßen entlang, und die Straßen waren voll mit jungen Menschen. Sie standen vor den Cafés, saßen zu zwei oder zu dritt an der Straße. Sie schob das Rad an ihnen vorbei.
An der Hermannstraße gab sie einem Obdachlosen einige Münzen. Sie griff in ihren Rucksack, vorbei an Johns Tabak, an den Papers und den Filtern, fand den Geldbeutel und löste das Münzfach. Das Metall lag kurz in ihrer Hand, warm von der Bewegung. Sie ließ das Geld auf einmal in den abgegriffenen Pappbecher vor seinen Füßen fallen. Es klang leichter, als sie erwartet hatte.
Sie sah den Mann aufblicken, sie anschauen. Sie sagte: „Bitte, für dich", und wartete nicht darauf, etwas zurückzuhören. Sie schob das Rad nur weiter, und ihr war, als hätte sich nicht der Mann, sondern jemand anderes an seiner Stelle für die Gabe bedankt.
Ihr Telefon klingelte, und diesmal sagte ihre Mutter, dass bei ihr im Süden die Sonne gerade untergehe, und fragte sie, ob es bei ihr auch so sei. Sie schaute nach oben, und das Blau begann tatsächlich, die Farbe zu ändern. Der Wind ließ auch nach. Sie sah Licht in einigen Wohnungen. Sie sah Silhouetten hinter den Fenstern, flüchtige Schatten, die ihr Geschlecht nur schwer preisgaben. Sie verfolgte eine Taube, die hinter der Fassade der Mietshäuser verschwand.
„Du musst mir versprechen", sagte die Mutter, „dass du mit niemandem über das Geld sprichst. Hast du das bereits getan?"
„Nein, Mama", sagte sie.
„Er war ein Arschloch, dein Vater. Gut, dass du ihn nie kennengelernt hast."
„Ja."
„Der Notar sagt, morgen oder übermorgen hast du das Geld. Du hast jetzt sein Geld, und du bist reich. Mach etwas aus deinem Leben. Nicht viele haben so ein Glück wie du."
Das Display ihres Telefons war schmierig und es hatte einen langgezogenen Kratzer.
Im Abendlicht war Johns Haus grau. Die Eingangstür war angelehnt, das Schloss beschädigt. Er wohnte im fünften Stock, und dort oben, wo seine Fenster waren, war kein Licht zu sehen. Sein Küchenfenster war eine dunkle, gähnende Leere an der hellen Fassade. Ihre Füße spürten das. Die Beine wurden weich, und sie verlor beinahe den Halt.
Sie klingelte, einmal, dann noch einmal. Sie schrieb ihm über WhatsApp. Er antwortete nicht.
Sie trat in den Flur ein, stellte das Rad an die Wand und die Plastiktüte neben sich auf die Treppe. Sie saß im Dunkeln und wartete, und sie dachte an den Sirup, der aus ihrem Baklava quoll und in der durchsichtigen Tüte auseinanderlief.
Sie überlegte, über die offene Fläche des Tempelhofer Felds noch eine Runde zu drehen. Die Kopfhörer einzustecken und Musik zu hören. Es war aber windig, und gegen den Wind zu fahren – dafür hatte sie keine Kraft mehr. Ihre Hand ruhte auf dem Lenker. Auf dem Rücken trug sie einen leichten Rucksack.
Das Rad hatte dünne, harte Reifen. Es war leicht, und man konnte es problemlos schultern. John aus dem Bikeshop hatte ihr geholfen, das Rad zusammenzustellen. Die Teile hatte sie einzeln gekauft, darauf hatte sie gespart. Ein Singlespeed. Unscheinbar.
Jetzt war das Licht irgendwie anders, und die Jugendlichen, die ihr entgegenkamen, lachten, und sie lachte auch, wich ihnen aber aus. Sie wartete geduldig an den Ampeln. Überquerte breite Straßen. Vor einem Späti blieb sie stehen. Sie kaufte sich ein Red Bull und rauchte eine Zigarette.
Sie textete John, ob sie ihm etwas mitbringen sollte, und John sagte, dass er nichts brauche. Sie hatte ihm trotzdem Tabak gekauft: Pueblo, den blauen. Den würde sie in einer Schublade in Johns Küche abstellen, zusammen mit Papers und Filtern. Dort, wo er seine Rechnungen aufbewahrte und nicht so oft nachsah. Sie lachte, wenn sie daran dachte, wie John den Tabak finden würde. Er würde ihn finden und an sie denken.
Die Straße war laut, die Bäume trugen schon Grün. Der Winter war feucht gewesen, und ans Fahrradfahren war nicht zu denken. Jetzt sah man vermehrt Menschen auf Rädern, vermehrt Senioren mit bulligen Elektrorädern. Die Autofahrer öffneten die Fenster, ließen die frische Luft hinein. Aus manchen Autos strömte Musik nach draußen. Aus einigen Rauch. Der Wind war überall in der Stadt.
John fragte, ob sie mit ihm essen wolle, er würde Pasta kochen. Wäre sie dabei, dann würde er mehr aufsetzen. Sie sagte nein, sie hätte bereits gegessen. Aber sie wusste, er würde sowieso mehr kochen. Und würde sie dazu drängen, zu probieren.
Sie stand vor einer Bäckerei und sah durch die Vitrine in den Laden hinein. Im Schaufenster waren Süßigkeiten aufgestellt, viel Baklava und Kokosgebäck, große gewürzte Taler mit Marmelade und schaumiger Glasur. Es gab mehr Verkäufer als Kunden im Geschäft, die Auswahl war aber riesig, und es roch nach geröstetem Sesam und Kardamom. Sie wartete, bis einer der Verkäufer ihren Blick erhaschte. Der junge Mann kam ans Fenster. Sie deutete auf das Rad, auf ihre Augen. Wieder auf das Rad. Der Mann nickte, blieb am Fenster und lud sie wortlos hinein.
Drinnen war es warm, und es roch noch stärker nach Zimt.
„Bitte schön, Madame", sagte einer der Angestellten.
Sie fuhr mit den Fingern über die Glasfläche.
„Eine große Packung. Diese hier. Und die hier. Und die hier auch."
Die durchsichtige Box füllte sich. Sie war aber noch nicht durch. Da gab es noch Brownies mit Kokosflocken. Und viel Pistazie, in dicken Schichten zwischen mit Rosenwasser und Zuckersirup getränktem Blätterteig. Die Torten sahen auch gut aus, die Zuckerglasur darauf war pink oder hellblau.
„Noch eine Packung?"
„Nein", sagte sie und lächelte dabei schief.
Sie zahlte und verließ das Geschäft. Die Plastiktüte mit dem Baklava baumelte an ihrem Rad.
Sie wäre gerne aufs Rad gestiegen. Es war aber schade um die Süßigkeiten. Schade um die Arbeit der Bäcker, hätte John gesagt. Seine Stimme war warm. In seiner Küche war es das auch immer. Sie wechselte die Straßenseite, ging an der großen Moschee vorbei, und bald war sie in Neukölln.
Sie textete John, dass sie bald da sein würde, und John las die Nachricht, schrieb ihr aber nicht zurück. Sie schrieb, dass sie mit ihrer Mutter telefoniert habe und dass sie mit ihm über etwas Wichtiges sprechen wollte. Er las das auch, und nach einer Weile kamen zwei Worte zurück: „Alles klar".
Sie war nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Jetzt lief sie die kleinen Straßen entlang, und die Straßen waren voll mit jungen Menschen. Sie standen vor den Cafés, saßen zu zwei oder zu dritt an der Straße. Sie schob das Rad an ihnen vorbei.
An der Hermannstraße gab sie einem Obdachlosen einige Münzen. Sie griff in ihren Rucksack, vorbei an Johns Tabak, an den Papers und den Filtern, fand den Geldbeutel und löste das Münzfach. Das Metall lag kurz in ihrer Hand, warm von der Bewegung. Sie ließ das Geld auf einmal in den abgegriffenen Pappbecher vor seinen Füßen fallen. Es klang leichter, als sie erwartet hatte.
Sie sah den Mann aufblicken, sie anschauen. Sie sagte: „Bitte, für dich", und wartete nicht darauf, etwas zurückzuhören. Sie schob das Rad nur weiter, und ihr war, als hätte sich nicht der Mann, sondern jemand anderes an seiner Stelle für die Gabe bedankt.
Ihr Telefon klingelte, und diesmal sagte ihre Mutter, dass bei ihr im Süden die Sonne gerade untergehe, und fragte sie, ob es bei ihr auch so sei. Sie schaute nach oben, und das Blau begann tatsächlich, die Farbe zu ändern. Der Wind ließ auch nach. Sie sah Licht in einigen Wohnungen. Sie sah Silhouetten hinter den Fenstern, flüchtige Schatten, die ihr Geschlecht nur schwer preisgaben. Sie verfolgte eine Taube, die hinter der Fassade der Mietshäuser verschwand.
„Du musst mir versprechen", sagte die Mutter, „dass du mit niemandem über das Geld sprichst. Hast du das bereits getan?"
„Nein, Mama", sagte sie.
„Er war ein Arschloch, dein Vater. Gut, dass du ihn nie kennengelernt hast."
„Ja."
„Der Notar sagt, morgen oder übermorgen hast du das Geld. Du hast jetzt sein Geld, und du bist reich. Mach etwas aus deinem Leben. Nicht viele haben so ein Glück wie du."
Das Display ihres Telefons war schmierig und es hatte einen langgezogenen Kratzer.
Im Abendlicht war Johns Haus grau. Die Eingangstür war angelehnt, das Schloss beschädigt. Er wohnte im fünften Stock, und dort oben, wo seine Fenster waren, war kein Licht zu sehen. Sein Küchenfenster war eine dunkle, gähnende Leere an der hellen Fassade. Ihre Füße spürten das. Die Beine wurden weich, und sie verlor beinahe den Halt.
Sie klingelte, einmal, dann noch einmal. Sie schrieb ihm über WhatsApp. Er antwortete nicht.
Sie trat in den Flur ein, stellte das Rad an die Wand und die Plastiktüte neben sich auf die Treppe. Sie saß im Dunkeln und wartete, und sie dachte an den Sirup, der aus ihrem Baklava quoll und in der durchsichtigen Tüte auseinanderlief.
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