Geschichten aus der Bahn - Monolog im Dialog

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Lisa Büning

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Fremde Gespräche zu belauschen gehört sich nicht, das ist klar. Aber trotzdem ist es eine dieser Kleinigkeiten, die wohl jeder einmal ganz gerne macht. Sich das Lachen zu verkneifen, während man das Drama anderer Leute mit verfolgt ist häufig besser als das aktuelle Fernsehprogramm.

In der Bahn befindet man sich in einer besonderen Position. Auf Grund der körperlichen Nähe, die in quasi jeder anderen gesellschaftlichen Situation sämtliche Grenzen überschreiten würde, kann man häufig gar nicht anders als das Gespräch des Sitznachbars mit anzuhören. Und nicht allzu selten auch das Gespräch der viel zu lauten Person im nächsten Abteil.

Am Spannendsten sind allerdings die Gespräche, die man nur von einer Seite aus mitverfolgen kann, wie Telefonate. Wenn man sich die andere Hälfte des Gespräches dazu denken muss, bildet nur die eigene Fantasie die Grenzen dessen worüber die anderen wohl sprechen.

Sagt der junge Mann ein paar Sitze weiter lautstark in sein Smartphone: „Hallo Heidi, die Bahn hat fünf Minuten Verspätung.“, ist es sehr wahrscheinlich dass Heidi geantwortet hat: „Alles klar, ich warte mit dem Essen auf dich.“.

Sie könnte aber auch gesagt haben: „Alles klar, ich fang den Sex schon mal ohne dich an.“

Die darauf folgende Antwort: „Das ist lieb von dir.“, erhält so einen gänzlich anderen Kontext.

Leider unterhalten sich die Menschen viel zu häufig über eindeutig langweilige Sachen, wie Termine für Zahnreinigungen. Trotzdem kann man so aus dem unfreiwilligen Belauschen von Dingen, die einen kein bisschen interessieren wenigstens noch ein wenig Spaß herausholen.

Die Krönung der einseitigen Gespräche, quasi der heilige Gral, ist es wenn jemand im Zug den Notfallknopf drückt und sich mit dem Schaffner unterhält. Der Clou dabei ist, dass die Stimme des Schaffners im gesamten Zug durch die Lautsprecher übertragen wird, es könnte ja ein echter Notfall sein in dem zum Beispiel ein Arzt benötigt wird. Die Stimme desjenigen am anderen Ende der Strippe wird jedoch nicht verstärkt. In Neunzig Prozent der Fälle läuft das folgende Gespräch dann etwa so:

„Ja, bitte.“

5 Sekunden Pause.

„Wer hat denn gedrückt?“

10 Sekunden Pause.

„Hallo?“

10 Sekunden Pause.

„Könnte sich bitte jemand melden?“

Zu diesem Zeitpunkt nähert sich die Stimmung des Schaffners der eines Schalkefans der herausfindet, dass seine Frau ihrem dreijährigen Sohn eine BVB-Bettwäsche gekauft hat, weil Schalke nicht mehr da war und die doch beide im Ruhrgebiet spielen. In dem Alter sind Kinder noch verwundbar für derlei Einflüsse. Wie auch immer, unser genervter Schaffner wird vermutlich noch mindestens zweimal nachfragen, bis sich entweder irgendjemand erbarmt und erwidert, dass jemand mit dem Rucksack gegen den Knopf gekommen sei, woraufhin ein gegrunztes „Danke.“, die Antwort ist, oder er wird einfach aufgeben.

Bisher hatte ich das Glück, dass es in einem Zug in dem ich saß noch nie zu einem echten Notfall gekommen ist. Stattdessen hatte ich das große Glück diesen Dialog bzw. Monolog mit anhören zu dürfen, der aus meinem Gedächtnis, in etwa so ablief:

„Ja, bitte?“

5 Sekunden Pause.

„Bleiben sie erstmal ruhig.“

Fünfzehn Sekunde Pause. Die Spannung im Zug steigt mit jeder Sekunde, die vergeht.

„Ja, sind sie denn IN der Toilette?“

Vereinzeltes Lachen schalt durch den Zug.

„Die Tür geht gar nicht mehr auf?"

15 Sekunden Pause in denen ich schmunzelnde Blicke mit dem gesamten Abteil austausche.

„Ok, wo sind sie denn?“

Immer wieder hört man Gelächter im Zug.

„Also der Zugbegleiter ist in Gelsenkirchen, der kann nicht kommen.“

Zur Information der Zug befand sich zu diesem Zeitpunkt noch kurz hinter Essen, also fünfzehn Minuten Zugfahrt von Gelsenkirchen entfernt. Die Blicke die ich mit meinen Sitznachbarn austauschen haben jetzt die Bandbreite von mitleidig über fragend bis hin zu vor Schadenfreude über beide Backen grinsend. Zu meiner Schande gestehe ich an dieser Stelle, das ich zur letzten Kategorie gehörte und daran scheiterte mir das Grinsen zu verkneifen.

„Jetzt gerade kann niemand zu ihnen kommen.“

Vielleicht durchzuckte mich jetzt doch ein kleines bisschen Mitleid. Keiner will eine Viertelstunde lang auf der Bahntoilette gefangen sein. Auf einer normalen Toilette festzustecken ist schon eines der unangenehmsten Dinge die passieren können, aber eine Bahntoilette hebt das Ganze nochmal auf eine völlig neue Ebene. Eine Weile hörte man nichts mehr, vielleicht eine halbe Minute lang.

„Jetzt geht es auf?“

Bei diesen Worten macht sich im Zug eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Bedauern breit. Aber immerhin hatten jetzt alle ein Grinsen auf den Lippen. Bis auf die armen Schweine, die so laut auf ihren Kopfhörern Musik gehört haben, dass ihnen der gesamte Spaß entgangen ist.

An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls kam der arme Mensch wieder aus der Toilette raus, ohne auf den Zugbegleiter in Gelsenkirchen warten zu müssen. Noch mal Glück gehabt.

Fazit des Ganzen ist: So langweilig, stumpfsinnig und nicht allzu selten nervtötend Bahn fahren auch ist, in einigen wenigen Fällen ist die Bahn auch genau der Ort wo man sein will. Was würde einem sonst alles entgehen?

Das kommt halt davon, wenn man sonnengebräunte Urlauber, angetrunkene Frauen in pinken Kleidern und dämlichen Kostümen die eine Bachelorette-Party schmeißen und dabei immer wieder laut „Prösterchen“ durch den Zug brüllen, Fußballfans der verschiedensten Vereine, genervte Pendler, Ökofuzzis die sich etwas drauf einbilden mal das Auto Zuhause gelassen zu haben und einen nicht zu vernachlässigenden Teil Studenten, die sich kein anderes Transportmittel leisten können, zusammen in eine Blechbüchse steckt, die mit 100 km/h durchs Ruhrgebiet tuckert. In der Bahn treffen alle Gesellschaftsgruppen aufeinander, und alle Gesellschaftsgruppen treffen auch noch auf die Bahn. In 90% der Fällen ist Frustration das Ergebnis. Aber manchmal auch eine wirklich gute Partyanekdote.
 
Hallo Lisa,

ich lese nicht oft in „Humor und Satire", aber bei dieser Geschichte hat es sich gelohnt, ich musste schmunzeln. Und habe so einiges wiedererkannt. Auch hat die Geschichte einen guten Lesefluss, man wird direkt hineingezogen.


LG SilberneDelfine
 

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