Geschöpfe des Meeres

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen
Geschöpfe des Meeres


David und Peter machten eine Bootstour durch die Ägäis, segelten von Insel zu Insel.
Eines Tages hatten sie das Gefühl, dass sie ein paar unsichtbare Begleiter hätten. Unsichtbar deshalb, weil sie sich nicht wirklich zeigten. Und doch glaubten beide, dass da etwas war, was um ihr Segelboot herum im Wasser schwamm.
„Gibt es hier Haie oder sowas?“
„Glaube nicht“, antwortete Peter. Er war sich aber wohl nicht ganz sicher.
David schaute nach hinten. „Da!“, rief er. „Da war was! Ich bin sicher, ich habe eine Schwanzflosse gesehen. Eine recht große.“
„Ein großer Fisch, okay. Aber der wird nicht an Bord hüpfen und dich auffressen.“ Peter lachte.
„Nein. Ich wollte nur sagen, dass wir uns nicht geirrt hatten. Es gibt hier recht große Fische.“
Peter schaute sich den Himmel an und gab zu bedenken: „Der Wind frischt ganz gut auf. Könnte sein, dass sich da was zusammenbraut. Lass uns irgendwo an Land gehen.“
Sie steuerten ihr Boot an einen kleinen Strand, machten es fest und setzten sich in den Sand.

Das Gewitter zog an ihnen vorbei, zum Abend hin klarte es sogar wieder auf. Deshalb machten sie noch einen kleinen Spaziergang am Strand.
„Ich genieße das hier richtig“, sagte David.
Peter wollte gerade antworten, da stolperte er über etwas. „Was ist das denn?“
„Das sind Knochen!“, rief David. „Und da ist sogar noch etwas Fleisch dran!“
„Hast du Hunger?“
„Mach keine Witze! Das ist recht frisches Fleisch. Scheinbar gibt es hier doch Haie oder sowas.“
„Ach, David. Haie lassen nichts übrig, würde ich sagen.“ Peter lachte, weil er es witzig fand.
David starrte das Gebilde an, das mit Sand und Seetang behaftet war. Und dann erkannte er, dass es die Überreste eines menschlichen Fußes sein mussten. „Das ist gruselig, Peter. Das sind Menschenknochen!“
Nun lief auch Peter ein kalter Schauer über den Rücken. „Was hast du gesagt? Menschenknochen?“
„Ja, sieh sie dir mal genau an. Das ist ein Teil eines Fußes.“
„Wie kann das sein?“ Jetzt gruselte es Peter ebenfalls.
„Bauen wir das Zelt auf oder übernachten wir unter Deck?“
„Wie kannst du jetzt ans Schlafen denken?“
„Ich bin müde.“
„Ich fürchte, wir werden Alpträume haben. Wir schlafen unter Deck. Da können wir uns einschließen.“
Mit einem mulmigen Gefühl kletterten sie wieder auf ihr Boot, gingen unter Deck und schlossen die Kajüte ab.

Am nächsten Tag beobachteten sie eine Gruppe offener Ruderboote.
„Was machen die denn? Das sind eine ganze Menge.“ David schaute konzentriert hin und versuchte zu zählen.
„Die rudern um die Wette.“
„Das sind mindestens zwanzig Boote. Aber wo wollen die hin?“
„Vielleicht zur nächsten Insel.“
David schaute zum Himmel. „Da hinten ist es recht dunkel. Wenn sie da hin wollen, bekommen sie ordentlich was ab, denke ich.“
„Dann müssen sie schneller rudern“, meinte Peter und lachte. „Oder umkehren.“
„Der Wind drückt schon ganz gut ins Segel. Wir sollten bald nach einem sicheren Ankerplatz suchen.“
„Weißt du was, David? Ich denke, sie werden umkehren. Die Front kommt doch immer näher. Das werden sie nicht riskieren.“
Die Wellen wurden auch unter ihrem Kiel deutlich unruhiger und verlangten den beiden Männern immer mehr ab. Sie strebten der Insel entgegen, von der die Ruderboote gekommen waren. Und tatsächlich entschlossen sich diese Leute nun, dorthin umzukehren.
Die Gischt schlug inzwischen bei David und Peter über die Bordwand. Aber die kleinen Nussschalen, die nur wenige hundert Meter hinter ihnen auf den höher werdenden Wellen schaukelten, drohten zu kentern.
David schaute sich um. Und dann erblickte er wieder diese großen Schwanzflossen, die er auch am Vortag gesehen haben wollte. Aber heute waren es deutlich mehr. „Peter! Siehst du sie auch?“
„Ja! Das sind aber viele“, meinte er und bekam ein wenig Angst. Und als er dann noch genauer hinschaute, schrie er: „Sind das wirklich Fische?“
„Was redest du? Was denn sonst?“
Die Flossenträger strebten den kleinen Booten entgegen, die immer heftiger in den größer werdenden Wellen schaukelten.
„Hörst du das?“, fragte David dann.
„Was?“
Ein leises Singsang durchbrach den Lärm, den die tosenden Fluten inzwischen machten. Und es übertönte auch das Heulen des Windes, der über das Wasser peitschte.
Die beiden jungen Männer waren wie gebannt. Sie starrten zu den kleinen Ruderbooten. Sie vernahmen die Schreie, die Hilferufe der Ruderer, doch sie wussten nicht, was sie tun sollten. Und dann sprangen einige diese Wesen plötzlich aus dem Wasser auf die Boote und brachten sie zum Kentern. Eins nach dem anderen.
„David! Das glaube ich nicht! Was sind das für Bestien? Das sind doch keine Fische!“
David starrte reglos auf das Geschehen. Dann lächelte er, aber es wirkte falsch, wie Peter glaubte, als er den Freund ansah. „Das sind … Peter, das sind Meerjungfrauen“, sprach David wie in Trance.
„Blödsinn! Es gibt keine Meerjungfrauen!“
„Die Boote sind fort, alle fort.“ Davids Stimme klang jedoch zufrieden.
„Das sehe ich auch. Aber was ist mit ihnen passiert? Und was ist mit dir los? Du klingst komisch!“
„Sie werden auch zu uns kommen.“ Davids Stimme vermittelte Freude.
„Nein!!!“, schrie Peter in heller Panik. Denn er wollte nicht glauben, dass sie in Freundschaft kommen würden. „Sie haben all die Männer umgebracht!“
„Rede doch nicht so böse.“ David lächelte. Er spürte eine magische Anziehungskraft, die von diesen Wesen ausging.
„Bist du irre?“, schrie der Freund ihn an. Er riss das Ruder herum, um der Gewitterfront zu entkommen.
Doch es war zu spät. Der Sturm erreichte sie wenig später und zerfetzte das Segel. Ein kräftiger Ruck warf das Segelboot etwas zur Seite. Und da erblickten die Männer zwei strahlend schöne Gesichter. Die beiden Wesen hatten sich mit Leichtigkeit auf die Bordwand gelehnt und schauten in die angsterfüllten Augen der Segler.
Doch David blieb ganz ruhig. Er stand auf und machte einen Schritt zur Bordwand. Da sprang Peter auf, dass das Boot wieder heftig zu schaukeln begann. David verlor das Gleichgewicht und stürzte ins Wasser. Doch er schrie nicht.
Dafür Peter um so mehr: „David! Oh, mein Gott! David!“
Hilflos musste er mit ansehen, wie die beiden Fabelwesen seinen Freund in ihre Mitte nahmen und dann abtauchten. Er war der Ohnmacht nahe.

Peter wachte am Morgen auf und staunte, dass er mit dem Segelboot an einer Insel gestrandet war. Das Segel war nur noch ein Fetzen, der Mast war gebrochen, doch er hatte überlebt. „David!“, rief er nach seinem Freund. „David!“, rief er immer wieder.
Den ganzen Tag suchte Peter auf der sehr kleinen Insel nach seinem Freund. Dann fand er diese kleine Felsenbucht. Und dort sah er etwas auf dem Wasser schwimmen. Das ist doch Davids roter Pullover, dachte er. Ohne lange nachzudenken rannte er ins glasklare Wasser. Und so konnte Peter erkennen, dass in diesem Felsen eine kleine Höhle sein musste. Seine Neugierde war nun größer, als seine Angst. Also schwamm er hin und tauchte zu dem Eingang.
Peter war ganz froh, dass er nach weniger als zwanzig Metern schon wieder auftauchen konnte. Tatsächlich war es eine Höhle. Es gab tiefer hinein sogar einen Aufgang, eine Treppe, die aus dem Wasser führte. Dann hörte er Stimmen oder, nein, Stimmen war zu viel gesagt, es war eher ein melodisches Summen. Er folgte dem steilen Weg, der weiter nach oben führte. Bald bemerkte er Licht. Ein sanft schimmerndes Licht. Und das Summen wurde deutlicher.
Der junge Mann hatte seine Ängste völlig ausgeblendet. Er wurde nur noch von der Neugier getrieben. Der Weg schien zu enden, doch hinter der nächsten Felskrone musste das Licht sein, es war auch die Quelle der unzähligen so wunderschön summenden Stimmen. Und dann fand er den schmalen Durchgang.
Dutzende zierlicher weiblicher Wesen, die zwar völlig nackt waren, deren Blöße allerdings durch ihr enorm langes rotgoldenes Haar bedeckt waren, tummelten sich dort. Und dann erblickte Peter auch David. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sein Freund glücklich war, dass er am Vorabend mit zwei dieser Wesen in den Fluten der See verschwunden war. Es mussten doch diese Wesen gewesen sein, auch wenn sie jetzt keine riesige Schwanzflosse hatten, sondern wie ein Mensch auf eigenen Füßen standen. Genau das war doch die Eigenart von Meerjungfrauen, dachte Peter. Er musste jetzt genau überlegen, was er tun wollen würde.

Es musste noch einen von Peters Position aus nicht einsehbaren zweiten Raum geben, denn aus einer Nische am anderen Ende kamen nun dreizehn, ja, genau dreizehn dieser zarten Geschöpfe. Und dreizehn andere wurden hinein geschickt. Aber warum war David ganz allein mit jenen, die in diesem Vorraum waren? Zwei von diesen Mädchen schienen mit ihm zu sprechen, aber Peter konnte nichts als dieses liebliche Summen vernehmen. David wirkte zudem wie hypnotisiert, er lächelte die ganze Zeit.
Nach vielleicht fünfzehn Minuten kamen diese dreizehn, die eben dort verschwunden waren, wieder hinter dieser Nische hervor, und dreizehn Neue wurden hinein geschickt. Und ebenso, wie die erste Gruppe, die Peter beobachtet hatte, ging auch diese zweite sofort ins Wasser. Sie sprangen von oben herab in das Gewässer, aus dem er selbst in diese Höhle gelangt war. Er sah nach unten und erkannte, dass sie sofort wieder ihre kräftigen Schwanzflossen bekamen.
Das ist doch unglaublich, dachte er, aber was haben sie mit David gemacht?

Ein letzter Zyklus mit dreizehn Meerjungfrauen, die hinter dieser Nische verschwanden, folgte noch. Was mochte es damit auf sich haben?
Dann wurde es plötzlich laut. Eine größere Anzahl Männerstimmen erfüllte den Raum. Sie klangen ängstlich. Und dann kamen diese mit den letzten dreizehn Damen hinter dieser Nische hervor. Unten im Becken tauchten die anderen wieder auf. Die dreizehn oben drängten die Männer über die Klippe, dass diese panisch schrien, während sie hinunter stürzten. Die dreizehn Mädchen folgten ihnen.
Peter sah nach unten. „Oh, mein Gott!“, schrie er. Er duckte sich aber sofort, aus Angst, entdeckt zu werden.
Das Wasser färbte sich blutrot! Diese so liebreizend wirkenden Wesen wurden zu blutrünstigen Bestien, die die Körper der Männer gleich zu mehreren zugleich auseinander rissen, bis die Todesschreie erstarben.
Peter versteckte sich zwischen den Felsen, konnte aber trotzdem noch David mit den übrigen Mädchen beobachten. Sie schienen wieder miteinander zu reden.
„Peter!“, rief David plötzlich. „Peter, bist du da?“
Der Freund erschrak. Woher wollte David jetzt wissen, dass er zugegen war?
Und dann kam David in Begleitung der drei Schönheiten in Peters Richtung. Panik kroch in ihm hoch, er wollte die Flucht ergreifen, doch er war wie gelähmt.
„Habe keine Angst, Peter. Wenn du keine Angst hast, wird dir nichts geschehen.“
Aber Peter hatte Angst. Er versteckte sich. Den steilen Weg hinab zum Wasser konnte er nicht gehen, denn da warteten die menschenfressenden Bestien. Und die ersten kamen nun sogar wieder diesen Weg hinauf. Jetzt war er gefangen, es gab kein Entkommen. Also sprang er auf und zeigte sich. „Seht her! Hier bin ich! Ich habe keine Angst vor euch. Aber mir hat nicht gefallen, was ich gesehen habe.“
In diesem Augenblick hatte David den Durchgang erreicht und sprach Peter an. „Du darfst keine Angst haben. Dann tun sie dir nichts. Im Gegenteil, dann geben sie dir alles, was du willst.“
„Dann lasst mich doch gehen.“
„Das geht nicht. Wer das hier gesehen hat, muss für immer hier bleiben.“
„Oder sterben, ja?“
Die Geschöpfe summten wieder lauter. Sie wirkten unruhig.
„Er ist mein Freund, bitte tut ihm nichts. Er wird hier bleiben. So, wie ich, meine Lieben.“
Peter schaute seinen Freund ungläubig an. „Ich … Ich kann nicht hier bleiben.“
Das Summen wurde sofort aggressiver.
„Peter, du hast keine Wahl. Und wenn du erst einmal weißt, was dich hier erwartet, wirst du auch hier bleiben wollen. Versprochen.“
Peter registrierte den Unmut der Meerjungfrauen, sagte deshalb nichts mehr. Langsam beruhigten sie sich wieder und kamen näher an ihn heran. Er schaute noch immer skeptisch drein, aber er gewöhnte sich langsam an die Anwesenheit und die neugierigen Blicke dieser Fabelwesen.

„Was ist in diesem Raum dort hinten geschehen?“
Die Meerjungfrauen summten und Peter staunte, dass er verstanden hatte, was sie damit gesagt hatten. Er schaute David an. „Hast du auch ...“
„Du wirst nie wieder etwas anderes wollen, Peter. In dreizehn Wochen bringt jede von ihnen eine kleine Meerjungfrau zur Welt. Verstehst du?“
„Es scheint noch nicht so viele gegeben zu haben, die das erkannt hatten, ja?“
„Wer trotz der Freuden nur an die Flucht denkt, weil er gesehen hatte, was mit jenen passierte, die eines dieser wundervollen Geschöpfe getötet hatten, der ist nicht würdig, hier bleiben zu dürfen.“
„Dreizehn dieser Ruderer und sicher Unzählige vor ihnen haben diese Freuden erlebt und wollten doch fliehen?“
„Unfassbar, nicht wahr?“
„David, ich ...“ Peter sprach nicht aus, was er fragen wollte, aber drei der Fabelwesen umfingen ihn und trugen ihn in diesen Raum, um seinem Wunsch Erfüllung zu schenken. Er leistete keinen Widerstand.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Rainer Zufall,

hier ist dir eine richtig gute Geschichte gelungen, in der du deine "schlechte Angewohnheit" mit den Inquit-Formeln endlich mal weggelassen hast :) Kompliment! Der Plot an sich ist zwar nicht gerade neu, aber das macht nichts. Du hast die Geschichte gut und unterhaltsam erzählt.

LG SilberneDelfine
 

Ciconia

Mitglied
Hallo, Rainer Zufall,

Horror ist zwar sonst nicht mein Genre, aber wenn’s um Meer geht … Diese Geschichte finde ich spannend geschrieben, gefällt mir gut. Nur einen kleinen Fehler solltest Du ausbessern:

Die Gicht schlug inzwischen bei David und Peter über die Bordwand.
Wir wollen doch hoffen, dass die beiden Männer noch keine Gicht haben. ;)

Gruß, Ciconia
 
Hallo SilberneDelfine, hallo Ciconia,
oh, das freut mich sehr. Ich habe die Geschichte auch mindestens zehnmal gelesen und immer weiter geschliffen, bis es passte. Euer Lob zeigt mir, dass ich schon was gelernt habe. Okay, beim Thema habe ich mich von Piraten der Karibik inspirieren lassen ...
Die Gelenkverkalkung ist jetzt zu schäumenden Wassermassen korrigiert ;)
Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Oben Unten