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Gewinn - Sonett

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Walther

Mitglied
Gewinn


Ich sitz bei mir, auf einem dieser Stühle,
Die zwischen allen stehn, im Zwischenraum.
Und um mich weht des einen Herbstes Kühle,
Da Blatt um Blatt verlässt den einen Baum.

Ich frage mich, wie ich mich immer fühle,
So un- wie eingeteilt in Wach und Traum.
Es knistert meine Zeit, in der ich wühle;
Ich suche mich, jedoch ich kenn mich kaum,

Noch weiß ich, wie ich heiß. Das weiße Linnen
Bedeckt den großen Tisch so voll von Leere.
Ich schreie still und teufle wie von Sinnen,

Dass mir mein Blut und Speichel fast gerinnen:
Ich sitze noch und komm mir in die Quere,
Und halt mich fest und kann doch nichts gewinnen.

in memoriam Georg Trakl
 
T

Trainee

Gast
Hallo Walther,
wenigsten den Trakl hättest du "verschonen" können, diesen großen Dichter!

Traurige Grüße
Trainee
 

Walther

Mitglied
Hi Trainee,

hätte ich, hab ich aber nicht. aber du hättest diesen thread verschonen können. haste auch nicht.

lg W.
 

Tula

Mitglied
Hallo Walther

Hat je ein Dichterleben Stoff für einen großartigen Film gegeben, war es wohl dieses, nicht zuletzt seinen dramatischen End- und Höhepunktes wegen, welches für seine Zeit, als auch seine Persönlichkeit steht; soweit es mir meine recht bescheidenen Kenntnisse erlauben, sehe ich da - rebellisch, exzentrisch ... wie auch einfühlsam und eben 'zerbrechlich'. Ich überlege mir, welche künstlerischen Persönlichkeiten unserer Epoche diesem 'Profil' (auch ohne Weltkrieg und Feldlazarett) nahekommen und denke da unwillkürlich an Joplin, Winehouse, Cobain und andere.

Solch ein Leben und die Gefühls- und Gedankenwelt in ein Gedicht zu fassen, ist mit Sicherheit eine enorme Herausforderung. Ich entdecke hier Lyri's vergeblichen Versuch, sich selbst zu finden, bis dahin finde ich es gelungen. Nur bei den ersten Zeilen von S2 und S3 scheint mir die Selbstbetrachtung textlich etwas naiv.
Es ginge insgesamt vielleicht auch expressionistischer, d.h. der poetischen Sprache Trakl's und anderer seiner Zeit etwas näherstehend. Den weißen Tisch voller Leere finde ich in dieser Hinsicht sehr schön. Vielleicht kann man da noch mehr mit Bildern arbeiten, die Lyri sieht und empfindet, als dass er sich selbst beschreibt (S3V3 und S4V1).

LG
Tula
 

Walther

Mitglied
lb Tula,

danke für deinen eintrag, der sich mit dem spannungsfeld des sonetts abgibt. Trakls leben ist ein beispiel für die verwirrung, die diese zeit erfaßt hatte, seine biographie ist geraadezu ein bild einer ganzen europäische epoche, die ende des 19. jahrhunderts begann und eigentlich erst 1945 wirklich endete. wir werden später einmal die beiden weltkriege des 20. jahrhunderts als 2. 30jährigen krieg verstehen. dazu braucht es noch etwas mehr abstand, weil, zurecht, die shoa des Hitlerreichs im moment noch dieses fazit verunmöglicht.

ich habe mit mit Trakl sehr stark auseinandergesetzt. er ist ein sehr anrührender und sehr dunkler poet. das suchende, das ich beschrieb, hat ihn letztlich in seiner vergeblichkeit in den tod getrieben - die umgebung und die zeit, in der er sein viel zu kurzes leben lebte, haben eine auflösung seines persönlichen dilemmas, das zugleich eines der epoche ist, in der er lebte, verhindert.

der 1. weltkrieg hat in Europa einem großteil seiner generation das leben gekostet und einen großen rest körperlich verletzt und zutiefst traumatisiert (auch er war opfer eines solches traumas). heute lernen wir aus den auslandseinsätzen der bundesweht, wie schlimm diese traumata sind. ermessen können wir sie kaum, aber vielleicht nachahnen.

dieses sonett versucht das; es ist, es muß, unvollkommen sein. empathie ist nie der ersatz für das wirkliche erleiden, baut aber vielleicht eine brücke.

wer über krieg spricht, sollte daher immer Trakl gelesen haben. Trakls Tod hat sich 2014 zum 100sten mal gejährt. man darf an ihn also mit fug und recht erinnern.

lg W.
 

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