Gezuckerte Kondensmilch

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monsieur H

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Ein junger Mann in Trainingshosen und Kapuzenshirt schnorrte sich am „Le Crobag“ eine Tasse Filterkaffee. Als der Becher leer war, füllte er ihn mit Zucker vom Selbstbedienungsregal neben der Theke.
Ich sah es vom Nachbarstand (Mai-Mai ;)) und dachte, dass es eine schlaue Art ist, sich Essen zu verschaffen, wenngleich irgendwie ungesund.
Ein Angestellter von Crobag schritt ein, schickte ihn weg. Er wollte aber auch noch Milch in den Becher füllen. „Hey, das geht nicht, der Café war ok, aber das ist zu viel." Der Penner brummelte etwas unverständliches. „Welche Sprache sprichst du?“ „Ich spreche nicht, ich schlage“ sagte der Mann und hob drohend die Faust, zog mit seiner Beute davon.

„Hunger macht böse“ – stieg in meinem Kopf auf. Ich hörte diesen Satz früher eher in der Bedeutung „unfreundlich“. Als ich vor Jahren in Köln arbeitete, war ich erstaunt, wie viele Menschen auf der Straße saßen und bettelten. Es waren unglückliche Menschen, die total freundlich waren und wohl kaum eine Faust ballen konnten. - Mein Penner kam noch einmal zurück und holte sich aus der Geschirrrückgabe hinter mir einen Teller mit Reisrest - den aß er auf. Beim Gehen sagt er „Scheiße“

Ich vermied Blickkontakt, spürte die Härte bei diesem Mann, der in unserer Gesellschaft nicht zurechtkommt. Obwohl er sich gut gezuckerte Kondensmilch besorgen kann.
7.6.26
 
Zuletzt bearbeitet:
Vermutlich selbst beobachtet und uns hier recht plastisch vor Augen geführt. Es ist einer der Texte, bei denen man ein bisschen zusammenzuckt und dann lieber nichts dazu schreibt - worin sich gerade zeigt, dass es ein relevanter Text ist. Ich finde ihn lesenswert und im Ganzen gelungen. Die verbale Äußerung des Protagonisten spricht für einen überraschenden Grad von Selbstreflexion.

Hier nur ein wenig Textkritik: 1. Smileys finde ich in einem Kurzprosatext nicht besonders schön und hier auch von keinem zusätzlichen Informationswert. - 2. Beim Satz des Angestellten fehlt am Schluss das Anführungszeichen. - 3. Satz 1 in Absatz 3 scheint mir nicht so recht geglückt. Für mein Sprachgefühl ist der letzte Satzteil zu weit vom Wort "Satz" weggerückt.. Ich würde es umstellen, vielleicht so: " --- - ich hörte diesen Satz, früher für mich eher mit der Bedeutung 'unfreundlich', in meinem Kopf aufsteigen."

Schöne Nachmittagsgrüße
Arno Abendschön
 

monsieur H

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Lieber Arno, deine Kritik hat mir sehr gut gefallen, danke dafür. 2. und 3. hab ich sofort geändert. 1. lass ich noch ein Weilchen. Dieses Thema war mein zweites und der Asia-Laden von Mai-Mai war ein kleiner Teil von meinem ersten Thema "Französische Teigtaschen". Und ja, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass jemand, der die "Kondensmilch" liest, die "Teigtaschen" schon gelesen hat.
Solche Kommentare wünsche ich mir und waren wohl ein Grund, dass ich Mitglied der Leselupe geworden bin. Bisher bin ich sehr erfreut.
 
Hallo Monsieur,
ich hab mal ein Jahr im Kiezcafé in der Wühlischstraße gearbeitet. Dort hatten wir auch Schlafplätze.
Ich hab meist gekocht und Kaffee ausgeschenkt. Tee war gratis mit Selbstbedienung. Dass, was du beobachtet hast, dass der junge Mann sich so übermäßig viel von dem Zucker in seinen Becher gemacht hat, war im Kiezcafé genauso.
Deshalb mussten die, die hinterm Tresen waren, den Zucker dosieren. Ein, zwei Löffel, nicht mehr. Als die Dose noch einfach zur Selbstbedienung dastand, war sie nach kurzer Zeit immer leer.
Viele haben die Hälfte des Teebechers mit Zucker gefüllt. Sehr gewöhnungsbedürftig. Und dann war der ganze Zucker dadurch immer schnell alle. Die Anderen mussten ungesüßten Tee trinken.
Lästiger als das Dosieren des Zuckers war, dass die Arbeitskräfte auch das Toilettenpapier blattweise zuteilen mussten. Sonst wurde es geklaut. Aber noch teurer war es, dass auch mindestens jede Woche die Krümmer von den Waschbecken abgeschraubt wurden. Altmetall. Wenn das nicht rechtzeitig bemerkt wurde, ergoss sich ein Schwall Wasser auf den Fußboden. Die Leute, die schon nichts haben, beklauen sich auch noch selbst.

Ob es sich um Hunger handelte, weswegen ständig Klopapier, Waschbeckenkrümmer und Zucker mitgenommen wurde, ist die zweite Frage. Ich denke, sie hatten schon Einkünfte, die gingen aber für bestimmte Substanzen drauf.
Gruß Friedrichshainerin
 



 
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