Gleichgültig

I. Kasim

Mitglied
Es ist trüb und dunkel zu dieser Jahreszeit. Das machte ihr nichts, denn sie liebte den Winter und die Anonymität der Dunkelheit. Mit Tränen, die ihr die Wangen runterflossen, ging sie durch die Gassen der Stadt. Es interessierte Keinen und sie war froh drum. Musik dröhne durch ihre Kopfhörer und versuchte etwas zu betäuben, das immer wieder in ihr aufkam. Heute gelang es ihr nicht. „Ich sehe meine Fehler im Konflikt und erkenne mich selbst nicht mehr – ich habe versucht ihn zu drängen, sich auf etwas einzulassen, auf dass er keine Lust hatte und dann auch noch sich mit mir auseinanderzusetzen. Und der Part tut mir leid. Ich habe mir an dem Punkt, an dem mir das klar wurde, Gedanken gemacht… warum ich das so sehr bei ihm wollte, wo es mir bei anderen egal gewesen wäre“. Die Erkenntnis des „Warum“ zu haben, wie besonders er für sie war und wie einseitig es schon immer verlief, hat sie auf Distanz geschossen – egal wie weh es tat, egal wie sehr sie seine Nähe wollte.
Nach 14 Tagen sahen sie sich notgedrungen wieder. Sie umarmten und brav zur Begrüßung, den Abend über blieben sie jedoch auf Abstand. Er wirkte desinteressiert und kalt. Es zeriss sie innerlich. Sie betrank sich.
Am nächsten Tag war der Wunsch nach Auslöschung der Gedanken und des Fühlen unendlich groß. Um den Wunsch ihm nahe zu sein zu ersticken, ging sie der Idee nach und löschte zwei Apps, alle Chatverläufe und Bilder von ihm oder die sie an ihn erinnerten und archivierte die nun leeren Chats.
Der Schmerz und die Traurigkeit ließen knapp 20 Tagen nach dem Konflikt nach - der Wunsch nach Nähe jedoch blieb. Sie schrieb ihm nach langem hin und her, tippen und löschen, um knapp 3 Uhr an einem frühen Sonntag: „Du fehlst mir :-/“. Auch wenn der Tag und die Uhrzeit es nicht nahelegten, sie war dabei absolut nüchtern. Er las es um knapp 12 Uhr und schrieb erstmal nichts – knapp 10 Stunden Vakuum. Dann schrieb er „okay“. Sie tippte mit einer Mischung aus Traurigkeit, Verdutztheit und einem schelmischen Grinsen „Eine Lesebestätigung hatte ich schon von WhatsApp“ und löschte es sogleich wieder und antwortete mit einem Daumen hoch. Daumen hoch wie „Danke, das wird mir reichen. Es wird mich erinnern auf Distanz zu bleiben“ – sie nahm sich vor es nie zu löschen und immer wenn sie rückfällig werden würde, es ansehen, den Schmerz spüren und es sein lassen.
Aber nichts war Daumen hoch. Was meinst du mit „okay“‘? Anstatt ihm zu schreiben, gab sie sich dem Schmerz und den Gedanken hin, was sie ihn Fragen würde, wenn es eine Chance auf Klärung gäbe.
„Ich verstehe „okay“ in dem Kontext nicht. Okay – als Lesebestätigung? Die hatte ich schon in Form von Häkchen. Okay – im Sinne von Gleichgültigkeit? Dann hättest du auch Garnichts schreiben können oder „Ist mir egal“. Aus Höflichkeit/Verlegenheit, weil was sagt man darauf? Okay wie „(Alles) okay“? Okay aus Verwunderung („okay?“)? Okay – statt „Du mir aber nicht“ oder „Lass mich in Ruhe“? Okay als „Minimalintervention“? Aber warum dann überhaupt kommentieren? Ne bunte Mischung aus einigen der Dinge? Was anderes? Okay – was? Wo stehen wir?“
Sie hatte damit gerechnet, dass er das ignorieren würde oder sowas sagt wie „Lass mich in Ruhe“, obwohl sie eigentlich hoffte, dass er sie wieder sanft in sein Leben einschließt (vielleicht indirekt, sowas wie „Wir gehen heute aus, magst du mit?“). Also zwei Extreme. „Ich mag dich nicht“ vs. „Ich mag dich“. „Okay“ war überraschend, es nagte an ihr, ließ sie nicht los. Sie war sich schließlich sicher, dass es ein okay aus Gleichgültigkeit war. „Ich bin ihm nicht wichtig“. Und da war es wieder. Es tat wieder weh.
„Warum ist es mir wichtig das zu verstehen? Warum bauche ich es noch konkreter? Warum wieder eine Klatsche kassieren?“. Es war doch schon vorher deutlich und es wurde immer deutlicher – „Seine Haltung mir gegenüber ist „Du bist mir nicht wichtig.“ – Tränen kullerten unkontrolliert ihr Gesicht herab und tropften uf ihren Mantel. Damals jedenfalls war sie ihm „Nicht übermäßig wichtig“ und heute eben „gar nicht mehr wichtig“. „Soll ich mir noch mehr Konkretheit holen? Warum fällt es mir schwer das zu akzeptieren? Es ist schon wieder etwas wo ich was von ihm will – eine Antwort, Klarheit, eine Reaktion. Damit fing der Konflikte doch an.“. Sie stand wieder am Anfang.
Sie hatte Angst, was er konkret sagen könnte. Sie hatte Angst ihn zu nerven mit diesen Fragen – dass er sie dann noch weniger leiden könne. „Aber dann wäre es wenigstens deutlich. So deutlich, dass ich es akzeptieren kann? Was wenn nicht? Was wenn es mir vielleicht eigentlich darum geht, dass er mir sagt dass ich ihm sehr wohl wichtig bin? Blöde Hoffnung - That will never happen. Warum verstehe ich es nicht? Es sollte doch irgendwann von meinen Kopf in mein Herz sickern.“.
„Es ist doch auch verrückt… nicht mal vor einem Monat sagte ich Distanz und das schmerzte so sehr. Nun will ich wieder Nähe?“
„Belasse ich es so? Distanz und weg? Heilen und drüber wegkommen? Oder Nähe suchen? Versuchen die Freundschaft versuchen zu erhalten? Was kann ich tun, damit freundschaftlich alles wieder gut ist? Möglichst ohne mich zu verbiegen. Freundschaft ohne übermäßigen Kontakt. Freundschaft mit normalem Abstand.“.

„Ich bin ihm gleichgültig.“…
 

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