Goldener Lotos

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Goldener Lotos

von Rolf-Peter Wille


Man sollte annehmen, daß der Kopf — als Sitz des Gehirns — der Stolz des Menschen sei. Doch die Geschichte scheint diese Annahme nicht zu bestätigen. Zwar haben die Könige ihre Krone in der Regel schon auf dem Kopf getragen; auch haben sie sich ihrer Feinde oft dadurch entledigt, daß sie ihnen denselbigen — den Kopf nämlich — abschlagen ließen; doch gibt es genügend Beispiele dafür, daß zu bestimmten Zeiten ganz andere Körperteile die Phantasie beflügelten: Bei manchen Völkern ist es ein besonders langer Hals, bei anderen wiederum die recht weiße Hautfarbe. Auch die inneren Organe — das Herz zum Beispiel — kommen nicht zu kurz. Es sind auch keineswegs nur exotische Völker oder altertümliche Zivilisationen, die solch skurrile Regionen des menschlichen Körpers verehren. Nein, sogar unsere eigene hochzivilisierte, hochtechnologisierte, demokratisch westliche Welt ist nicht frei von solcher Götzenanbetung. Man braucht nur in das nächste Health Center zu schauen, um zu sehen, wie viele Männer an den Nautilus Maschinen ihre Muskeln stählen. Ganz zu schweigen überhaupt von der Industrie, die sich der Verschönerung des weiblichen Körpers widmet.

Die Idee, der Natur durch eine kleine Schönheitsoperation nachzuhelfen, ist allerdings ziemlich alt. Doch gab es recht unterschiedliche Schönheitsideale. Bis vor kurzem etwa galt in China ein weiblicher Fuß nur dann als schön, wenn er so winzig war, daß man ihn kaum noch sehen konnte. Die Füße der kleinen Mädchen wurden absichtlich verkrüppelt, ungefähr wie die Zweige eines Bonsai Baumes, um das natürliche Wachstum derselben zu verhindern. Die reichsten und vornehmsten Damen konnten sich die kleinsten Füße erlauben, da sie nicht im Feld zu arbeiten brauchten und nur zu Hause in Sänften getragen wurden. Kleine Füße galten deshalb als ungemein vornehm und elegant, und ein Mädchen mit ungebundenen Füßen hätte überhaupt keine Heiratschancen gehabt. Ein perverser Kult entwickelte sich um das Füßebinden, einschließlich Wettbewerbe für die kleinsten Füße. Der Gang einer Frau mit gebundenen Füßen — von Europäern meist mit dem einer watschelnden Ente verglichen — galt bei chinesischen Männern als derart reizvoll, daß ein Poet die Allegorie von der Lotosblume erfand: Nach jedem Schritt sprießt eine Lotosblume aus der Erde hervor; daher der Name für gebundene Füße — goldener Lotos. Heute ist diese Tradition mit den hochhackigen Schuhen fortgesetzt. Doch ich möchte nicht als frauenfeindlich gelten. Zugegeben: Wir Männer haben auch unsere besondere Verehrung für glänzende Lederschuhe, wenngleich sich diese auch eher in Maßen hält.

Oder sollte ich sagen — bis vor kurzem in Maßen hielt? Seit jenem unseligen Tag nämlich, an dem sich Herr S. seine Schuhe überscheinen ließ, hat sich einiges geändert hierzulande, und ich fürchte fast, daß wieder so ein entsetzlicher Schuhkult entsteht wie seinerzeit beim goldenen Lotos — in anderer Form natürlich. Aber ich sehe schon — Sie wissen natürlich gar nicht, wer Herr S. überhaupt ist. Und wie könnten Sie ihn auch kennen? Herr S. ist doch nur ein ganz unbedeutender kleiner Geschäftsmann, ein Sekretär, ein Unterling. Man kann ja heute solche Büromenschen gar nicht mehr voneinander unterscheiden. Sie alle tragen den gleichen Anzug, das gleiche Hemd, die gleichen Schuhe und den gleichen Attaché-Case. Sie alle wirken emsig nervös beschäftigt. Sie alle stolpern morgens zur gleichen Zeit hastig ins Office, verschlingen mittags hastig ihr Essen und verlassen feierabends hastig das Büro.

Herr S. war natürlich in keinem dieser Punkte eine Ausnahme. S. hatte überhaupt nur eine einzige Angewohnheit, die auf einen gewissen Individualismus schließen ließ, und die ihn von dem Heer der anderen Büromenschen, Sekretäre und ‘Executives’ unterschied — und dies war das Schuheputzen. Nicht, daß S. wirklich geputzte Schuhe liebte. Eigentlich waren ihm diese recht gleichgültig. Jedoch war er gezwungen durch die allmorgendlichen Verkehrsstaus, recht früh ins Büro zu fahren. Da kam er häufig viel zu früh an und wußte nicht, wie er die Zeit totschlagen konnte. Zuerst ging er ins Mac Donald Restaurant, um Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen. Doch mußte er dort Schlange stehen, und einen Sitzplatz konnte man schon gar nicht erlangen. Nun gab es jedoch vor dem gegenüberliegenden Massageparlor einen Schuhputzer, und S. setzte sich in seiner Verlegenheit auf den Stuhl und ließ sich die Schuhe polieren. Hier konnte er in Ruhe die Zeitung lesen, die ihn auch vor den Blicken der vorbeieilenden Sekretäre und Büromenschen schützte. Das Polieren der Schuhe wirkte gleichzeitig als angenehme Fußmassage und beruhigte die Nerven von S. Allmählich machte er es sich zur Gewohnheit, jeden Morgen recht früh noch vor dem Verkehrsstau anzukommen, um sich dann eine halbe Stunde vor Beginn der Arbeit beim Schuhepolieren und Zeitunglesen zu entspannen.

Bald entwickelte sich auch ein Gespräch zwischen dem Schuhputzer und S. Nach zwei Monaten allmorgendlichen Polierens kannte S. die Lebens- und Familienverhältnisse des Schuhputzers so gut, daß er eine genaue Biographie hätte schreiben können. Seit über fünfzehn Jahren putzte dieser schon Schuhe — und zwar täglich, ohne auch nur einen einzigen Tag Ferien zu machen. Die Einnahmen waren mehr schlecht als recht, hatten sich jedoch seit zwei Jahren erheblich gebessert, da er nun für den Massageparlor arbeitete. Er bezog also ein festes Grundgehalt, da seine Aufgabe eher im Aufpassen lag, ob irgendein Polizist vorbeikam. Der Massageparlor hatte um diese frühe Stunde noch gar nicht wieder zugemacht, und der Schuhputzer döste meist nur so vor sich hin, da er schon die ganze Nacht durch Wache gehalten hatte. Aber er putzte auch tatsächlich hin und wieder ein paar Schuhe, da manche Kunden des Massageparlors ihre Schuhe draußen ließen und erwarteten, sie beim Verlassen des Etablissements geputzt wieder vorzufinden. Der Schuhputzer war ein sehr einfacher Mensch und, im Gegensatz zu S., kein bißchen nervös. Sein ganzer Lebensinhalt war eigentlich nur der Streit mit seiner Frau, da diese ihm täglich vorwarf, er habe es nicht über den Beruf eines Schuhputzers hinausgebracht, und sie müsse nun ihr lebelang arm bleiben. Der Schuhputzer hingegen meinte, sie habe großes Glück gehabt, überhaupt einen Mann zu finden, da sie nur ein Waisenkind gewesen sei und ohne ihn bestimmt Prostituierte geworden wäre.

Die Klarheit und Einfachheit dieser Leute und der Ansichten, die sie vertraten, gefielen S., da sie ihn von seinen eigenen komplizierteren Angelegenheiten ablenkten. Er kaufte alsbald gar keine Zeitung mehr und hörte sich nur noch die Berichte des Schuhputzers an, über die jüngsten Entwicklungen, die dessen Streit mit seiner Frau genommen hatte. Auch der Akt des Putzens selbst schien von diesen Entwicklungen beeinflußt zu sein. War der Schuhputzer zum Beispiel besonders wütend auf seine Frau, so konnte er sich bisweilen in eine richtige Rage hineinpolieren. S. freute sich schon immer im voraus auf solche Wutausbrüche, da seine Schuhe danach nur umso heller glänzten.

Eines guten Tages jedoch schien der Streit des Schuhputzers mit seiner Frau ein ganz außergewöhnliches Ausmaß angenommen zu haben. Er sprach überhaupt kein Wort mit S. Ja, er begrüßte ihn nicht einmal sondern fing sofort und ohne weitere Umstände mit dem Schuhepolieren an. Seine Bewegungen waren dabei von derartiger Wut beflügelt, daß sie auch einem erfahrenen Kungfu Meister alle Ehre gemacht hätten. Hätte S. dem Schuhputzer nur etwas mehr Zeit gegeben, so hätte ihm dieser die Füße sicherlich bald auf die Originalgröße der elegantesten goldenen Lotosfüße heruntergerieben. Doch S. stand schließlich von selbst auf, da er sich ins Office begeben mußte. Nun hatte ihm der Schuhputzer die Füße zwar nicht weggerieben; das übermenschlich intensive Putzen und Polieren hatte jedoch den Glanz der Schuhe zu einer überirdisch blendenden Brillanz transzendiert. Ohne Sonnenbrille hätte man sich bestimmt die Netzhaut des Auges verletzt, wenn man längere Zeit direkt in diese Schuhe geblickt hätte. Die glitzernde und funkelnd strahlende Radianz dieses Glanzes beschränkte sich übrigens nicht allein auf die Füße sondern schien noch eine flimmernde Aura um dieselben zu werfen, so daß S. wie mit einem Heiligenschein um den Füßen entschwebte.

Sie werden bestimmt glauben, daß meine Beschreibung dieses Glanzes der S.’schen Schuhe etwas übertrieben ist. Jedoch müssen Sie bedenken, daß S. nicht besonders reich war und, im Gegensatz zu Imelda Marcos, eigentlich nur ein einziges Paar schwarzer Lederschuhe besaß. Es waren also dieselben Schuhe, die da allmorgendlich poliert wurden. Nun stellen Sie sich vor, man würde sich jeden Tag die Haare schneiden lassen. Da bliebe von Haaren bald nicht mehr viel über. Und so ähnlich war es bestimmt auch mit den S.’schen Schuhen, die wohl kaum noch Leder enthalten mochten und zu 99% aus einer dicken, öligen Schicht von Schuhcrème bestanden. Jeden Morgen wurde noch eine neue Schicht auf die bereits glänzenden Unterschichten aufgetragen. Der Glanz verdichtete sich dabei allmählich. Es gab kaum noch schwarze Farbe sondern nur noch eine spiegelnde Oberfläche.

Doch kehren wir zu S. zurück, der sich mit diesen Wunderschuhen ins Büro begab. Bereits im Fahrstuhl erregten seine Schuhe die allgemeine Aufmerksamkeit. Der Fahrstuhl ist ja überhaupt der Ort, an dem man im allgemeinen die Füße der anderen Leute beschaut. Die meisten Fahrstuhlfahrer sind zu scheu, den anderen Fahrgästen in die Augen zu schauen, und so starrt jeder in seiner Verlegenheit nach unten, um die Schuhe der anderen zu inspizieren. Dies ist gar nicht so dumm, denn an den Schuhen eines Menschen kann man vieles ablesen. In einer verdreckten Stadt, wie Taipei zum Beispiel, ist es ganz unmöglich draußen herumzuspazieren und dabei saubere Schuhe zu behalten. Ein Mensch mit glänzenden Lederschuhen muß deshalb bestimmt wohlhabend sein, da er entweder ein eigenes Auto hat, mit dem Taxi fährt, oder aber sich unentwegt neue Schuhe kauft. Die Fahrstuhlgäste, die mit S. zusammen eingestiegen waren, hätten bestimmt ähnliche Gedankengänge gehabt, doch kamen sie gar nicht dazu. Die S.’schen Schuhe blendeten derart, daß einjeder sofort wegschaute. Die Fahrgäste mußten sich alle gegenseitig anstarren, und für die meisten war dies ein so unbekanntes und beängstigendes Erlebnis, daß sie alle in den falschen Stockwerken ausstiegen.

Sie können sich nun sicher auch leicht vorstellen, lieber Leser, welche Sensation die S.’schen Schuhe hervorriefen, als S. ins Büro stolzierte. S. war nämlich eigentlich gar nicht als Stutzer bekannt. Seine Anzüge waren überhaupt nicht von gediegener Qualität, seine Manschettenknöpfe höchst gewöhnlich, und auch die Uhr war nur die allgemein gängige geschmacklose Rolex Imitation. Zu dieser so mittelmäßigen Erscheinung aber bildeten die Funkelschuhe erst recht einen Kontrast, und so wie bei gewissen Reklameplakaten das Gesicht nur dazu da ist, die elegante Zigarette herauszustreichen, so schien die Funktion der S.’schen Person und ihrer Erscheinung nur darin zu bestehen, jene Schuhe zur Geltung zu bringen. Es wirkte geradezu, als wenn die gewöhnliche Arbeitsathmosphäre des Büros durch die S.’schen Schuhe gestört wurde. Den Grundtonus der Stimmung in diesem Office bildete für gewöhnlich der recht alberne Flirt, der sich routinemäßig zwischen den jüngeren Sekretären und -tärinnen entspann. Diese schnellen und neckischen Klänge waren sozusagen die hohen Instrumente des Büroorchesters, währen die tieferen und gesetzteren Töne meist von den höheren Executives in leitenden Positionen angestimmt wurden. Diese mochten sich wohl auch mit ernsteren Angelegenheiten beschäftigen, wie zum Beispiel dem Golfspielen und dem ‘Real Estate Market’.

Doch wie durch Magie schien an diesem Morgen der natürliche Fluß der Gespräche durch das Leitmotiv der S.’schen Schuhe unterbrochen, da man immer wieder witzelnde Bemerkungen über deren ungewöhnlichen Glanz machte. S. wurde dabei allmählich das Zentrum des Flirts. Allerlei verwegene Mutmaßungen wurden aufgestellt, die S. scherzhafterweise in ein recht zweifelhaftes Licht stellten. Natürlich behauptete man, daß S. allnächtlich nur den Massageparlor frequentierte, und deshalb seine Schuhe automatisch draußen so regelmäßig poliert würden. Man fragte S. im Scherz nach allen Details über diese Massage aus, die dieser natürlich auch im Scherz beantwortete. Der Schabernack entwickelte sich derart, daß sich ein paar Kollegen von S. verabredeten, den nächsten Morgen früher als gewöhnlich einzutreffen, um S. eventuell beim Verlassen des Massageparlors — ‘in flagranti’ sozusagen — zu ertappen. Jener saß aber nur in der Tat beim Schuhpolierer. Und was blieb den Freunden nun noch weiter übrig, als ebenfalls das Schuhepolieren auszuprobieren. Natürlich riet man dem Schuhputzer an, die Schuhe auch ja so recht schön glänzend wie die S.’schen zu polieren, was dieser auch, angestachelt durch seinen Berufsstolz, in die Tat umzusetzen versuchte. Im übrigen hatten die Kollegen nun erfahren, wie man den Verkehrsstau vermeiden konnte und wie man zu so früher Stunde und vor der Hitze des Tages eigentlich ganz gemütlich draußen sitzen und plaudern konnte, bevor man sich dann etwas entspannter ins Büro begab.

Es entwickelte sich allmählich ein Kult um das Schuhputzen, und es gehörte bald zum guten Ton, sich morgens vor dem Massageparlor ein halbes Stündchen beim Polieren zu entspannen. Der Schuhputzer selbst war natürlich nicht dumm geblieben. Und da er den ungeahnten Andrang kaum selbst bewältigen konnte, hatte er seine Söhne angeheuert, so daß nun eine ganze Mannschaft von Schuhputzern allmorgendlich die Füße der Büromenschen mit gezückten Lappen erwartete. Man darf eine gewisse Kraft nicht unterschätzen, die hierzulande unsere Gesellschaft formt: Man wird bemerkt haben, wie einige Marktstände oder Geschäfte niemals Kunden haben, während andere immer voll sind. Dieses Phänomen wird im allgemeinen dem ‘Fong Shuei’ zugeschrieben, doch behaupte ich, daß es nur die Attraktionskraft ist, die hier wirkt. Die Chinesen sind gesellig, wie man immer wieder festgestellt hat, und begeben sich gerne dorthin, wo es bereits von Artgenossen wimmelt, was dann so häufig den bekannten Ölsardineneffekt hervorruft.

Das Schuhputzzentrum vor dem Massageparlor war nun ein derartiger Attraktionspunkt geworden. Es wimmelte bald von Gaffern und Neugierigen, die allesamt wohl glauben mochten, irgendein wichtiges Ereignis zu verpassen. Man kann auf den Nachtmärkten oder dem Schlangenmarkt in Taipei beobachten, wie manch ein besonders gewiefter Verkäufer oder Schausteller eine derartige Situation geschickt zu seinen Gunsten ausnutzen kann, um irgendein womöglich ganz miserables Produkt in Unmengen zu verkaufen. Auch Politiker bedienen sich häufig recht geschickt dieser Masseninstinkte. Auch ist es beängstigend und faszinierend zugleich, zu beobachten, wie viele Leute das Opfer einer derartigen psychologisierenden Suggestion werden und etwas kaufen, daß sie in nüchternem Zustand gar nicht ansehen würden und — zu Hause angekommen — bald wegschmeißen werden.

Um es kurz zu machen: Das Schuheputzen vor dem Massageparlor war alsbald ein blühendes Geschäft geworden; ein Umstand, der übrigens dem Inhaber des Massageparlors nicht lange verborgen blieb. Dieser hatte auch insgeheim schon seit einiger Zeit beschlossen, sein Geschäft dicht zu machen, da es immer weniger Kunden gab. Was lag also näher, als den Betrieb überhaupt umzufunktionieren und einen Schuhputzparlor aufzumachen. Mit dem Schuhputzer und seinen Söhnen war man schnell ins reine gekommen, und so entstand nun in dem gleichen Gebäude, in dem noch vor kurzem ein recht zweideutiges Gewerbe betrieben wurde, ein höchst eleganter Schuhsalon.

Nun ja — da Sie, lieber Leser, sicherlich bereits eine Reihe von ähnlichen Geschichten von mir gelesen haben, werden Sie sich sicherlich ganz gut vorstellen können, wie es mit dieser Schuhputzmanie weiterging. Natürlich blieb es nicht bei diesem einen Schuhputzsalon. Es entwickelte sich natürlich eine Kette von ‘Polierstores’, die alle nach dem ‘Seven-Eleven’ Vorbild 24 Stunden rund um die Uhr Service anboten. Natürlich blieb es nicht bei unserem S.’schen Büro, sondern das Schuhpolieren wurde der letzte Schrei aller Büromenschen, Sekretäre und Executives. Ziel aller dieser Bemühungen war es, jenen letzten unübertrefflichen Glanz zu erreichen, den S. als erster bei seinen Schuhen erzielt hatte. Dieses äußerste Stadium der Brillanz erhielt den Namen ‘Chin-Guang’ (Goldglanz ) Schuh und ließ sich nur nach monatelangem hartnäckigen Polieren erreichen. Ein Sekretär zum Beispiel, der ein Chin-Guang Stadium erreicht hatte, konnte fast sicher sein, einen höheren Posten zu erhalten.

Natürlich entwickelte sich auch eine besondere Philosophie um den Chin-Guang Schuh. Träger von Chin-Guang Schuhen behaupteten, durch das Tragen eine Art magischer Energie zu erhalten. Die Brillanz wirkte offensichtlich nicht nur nach außen sondern übertrug sich auch als geheimnisvolle Energie auf den Kreislauf des Trägers und stachelte diesen zu besonders intensiver Arbeit an. Hatten viele Angestellte früher ‘Ice’ und andere Amphetamine inhaliert, um gegen die ständige Müdigkeit anzukämpfen, so schwörten sie jetzt auf den Chin-Guang Schuh. Es versteht sich von selbst, daß die meisten stolzen Besitzer dieser Schuhe ihre wertvolle Fußbekleidung gar nicht mehr auszogen und noch mit ihren Chin-Guang Schuhen zu Bett gingen. Durch das ständige Tragen schien sich das Energieniveau übrigens noch zu verstärken, und viele Leute spürten ein starkes Kribbeln und Jucken, welches sich, von den Füßen ausgehend, auf den ganzen Körper übertrug. Gewisse zynische Ärzte behaupteten allerdings, daß dieses Phänomen eine besonders ausgeprägte Variante des Fußpilzes sei — hervorgerufen durch das ständige Tragen und die Luftundurchlässigkeit jener Schuhe. Auch dieses Phänomen erhielt natürlich sofort einen recht witzigen Namen und wurde ‘Chin-Gang’ Fuß genannt, eine Zusammenziehung aus ‘Chin-Guang’ und ‘Hsiang-Gang’ (Hongkong; ‘Hongkong Fuß’ ist im Chinesischen die Bezeichnung für Fußpilz).

Diese Chin-Gang Füße wurden zu einem echten Gesundheitsproblem. Es stellte sich nämlich fatalerweise heraus, daß man jene Chin-Guang Schuhe gar nicht mehr ausziehen konnte, wenn man sie längere Zeit getragen hatte. Es wurden genauere Untersuchungen angestellt, und man entdeckte, daß in der Tat von dem ursprünglichen Schuhleder keine Spur mehr vorhanden war. Die Schuhcrème war also sozusagen ganz fest in die Füße verrieben worden und war mit diesen zu einer völlig untrennbaren Einheit verschmolzen.

Das Jucken schien bei allen Betroffenen zu einer ganz unerträglichen Qual anzuwachsen. Es war ihnen das Stillesitzen unmöglich geworden, und man konnte bald an jeder Straßenecke ein paar Executives erblicken, die mit ihren scheinenden Füßen einen wilden Tanz aufführten, der meist noch die Weltmeister des Lambada an Virtuosität übertraf. Das wilde Tanzen linderte die Qual des Juckens jedoch nicht, sondern bewirkte lediglich, daß sich jener überirdische Glanz der Füße allmählich auf den übrigen Körper verteilte. Die Tänzer erstrahlten in überirdischer Pracht, und man konnte wohl glauben, daß es sich um fremde Wesen von magischer Energie handeln mochte, die sich von dem phantastischen Planeten eines fernen Sonnensystems zufällig in die trübe Kümmernis unseres Alltaglebens verirrt hatten. Mit dem Glanz zusammen hatte sich jedoch leider auch der Fußpilz auf den gesamten Körper verteilt. Die tanzenden Executives mußten sich unentwegt kratzen, ohne jedoch in der Lage zu sein, den Glanz wegzukratzen. Durch das ständige Reiben und Kratzen entzündete sich der Körper allerdings und schwoll häufig auf den drei- bis fünffachen Umfang an, so daß die Opfer schließlich als überdimensionale strahlende Bälle auf den Straßen herumkugelten.

Es ist leicht einsichtlich, daß die ganze Angelegenheit nunmehr zu einer rechten Volksbelästigung angewachsen war, und die Regierung es sich nicht länger erlauben konnte, tatenlos zuzusehen. Nicht allein war der ohnehin schon chaotische Verkehr jetzt völlig paralysiert, nein, man hatte auch festgestellt, daß diese leuchtenden Riesenkugeln eine hohe Radioaktivität ausstrahlten, und einige Wissenschaftler schienen nicht auszuschließen, daß diese wandelnden Atomreaktoren unmittelbar in einer Art nuklearen Explosion verglühen würden.

Die Regierung ließ kurzerhand alle Schuhputzer verhaften und verhängte eine totale Ausgangssperre. Die gesamte Infanterie wurde in kürzester Zeit mobilisiert und rückte gegen die Leuchtkugeln vor, welche sich inzwischen zu einer einheitlichen Kampffront solidarisiert hatten. Die beiden feindlichen Streitkräfte trafen auf dem Platz vor dem Tschiangkaischek Memorial aufeinander. Doch genau in dem Moment als das Feuer eröffnet werden sollte, verschmolzen alle Leuchtkugeln plötzlich zu einem riesigen Feuerball und flogen in die Lüfte, wobei sie eine Weile als eine zweite Sonne irrsinnig rotierend am Himmel standen. Infolge des verminderten Luftdrucks verlor diese Sonne jedoch an innerer Stabilität und explodierte endlich in einem spektakulären Feuerwerk. Die Executives stoben dabei als funkelnde Sterne auseinander und wirbelten in den Weltraum. Die Kampfflugzeuge unserer Luftwaffe machten sofort Jagd auf diese Sterne, doch waren sie schon nach kurzer Zeit in den Weiten des Weltraums verschwunden, und sowohl die Star-Executives als auch die Kampfflugzeuge werden bis heute vermißt.

Seit jenem schauerlichen Vorfall hat sich manches hierzulande geändert: Das Schuheputzen ist bei Todesstrafe verboten. Der ‘Tuo-Hsie’ (‘Slipper’, Latschen ) wurde zum Nationalschuh ernannt. Die Wirtschaftslage verbesserte sich sofort, da so viele verrückte Executives auf einen Schlag verschwunden waren. Die Astronomie machte bedeutende Fortschritte, da nun endlich das Mysterium von der Entstehung der Sterne aufgeklärt war.

Was können wir aber nun lernen von der Geschichte des Herrn S. sowie der anderen Executives und Büromenschen, die jetzt als Sterne durch den Weltraum fliegen? Nun, man kann durchaus ein Star werden, wenn man sich nur immer die Schuhe gründlich putzen läßt.
 
B

Barbarella

Gast
Hi !
Na, ich denke, da bleibe ich doch lieber bei meinen Turn- und Leinenschuhen, die meiner Mutter immer zu dreckig fürs Büro waren, die man aber bequem in die Waschmaschine werfen kann :). Ich fürchte, mir persönlich war die Ausführung auch etwas zu lang ... sorry. Ich fand es nur interessant, daß S. sich plötzlich garnicht mehr hinter seiner Zeitung versteckte, wie anfangs. Ach ja, was hat eigentlich die Frau des Schuhputzers gearbeitet ?
Gruß
Barbarella
 
Verkaeuferin von stinkendem Sojabohnenkaese

Ja, Barbarella, was soll sie arbeiten? Hauptberuflich ist sie Ausschimpferin des Schuheputzers natuerlich. Nebenberuflich..., Verkaeuferin von stinkendem Sojabohnenkaese? Tempelwaerterin? Taxifahrerin wird sie nicht sein, denn da haette sie nicht genug Zeit, um sich mit ihrem Gemahl zu streiten. "Was ist stinkender Sojabohnenkaese?" hoere ich Dich fragen. Oh je, dann musst Du auch noch meine naechste (kuerzere!!!) Geschichte, "Hohe Nase", lesen.

Gruss,
RP
 

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