Gott spielen – Figurenkonstruktion von Grund auf

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FrankK

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Gott spielen – Figurenkonstruktion von Grund auf
Deine Geschichte wird von deinen Figuren getragen, sie wird von ihnen erzählt, während du von deinen Figuren erzählst. Damit deine Geschichte glaubhaft wird, müssen auch deine Charaktere glaubhaft und überzeugend sein.

Um deine Figuren besser zu begreifen, ihre Fähigkeiten zu definieren, erstellst du am besten eine Biographie. Sie muss nichts außergewöhnliches sein, sie wächst mit den Figuren.

Jeder Homo Fictus ist einzigartig, wie auch jeder echte Mensch. Deine Figur benötigt nicht nur die Szene, innerhalb derer sie agiert, sie benötigt auch einen Hintergrund, aus dem heraus sie so agiert, wie du es dir für diese Szene wünschst. Hintergrund der Figur, Entwicklungsfähigkeit der Figur und die aktuelle Situation bestimmen das Verhalten.


Beispiel:
Auf einem Kinderspielplatz stürzt ein Klettergerüst um, ein achtjähriges Mädchen wird darunter eingeklemmt. Ein neunjähriger Junge bemerkt es. Wie könnte er sich verhalten?
  • Er könnte einfach weitergehen.
    Dies wäre die schlechteste aller Möglichkeiten, die Leser denken sich „so ein A…loch“ und klappen das Buch zu. Ende.
  • Er könnte das Gerüst alleine hochheben.
    Klar, wenn er Supermann-Junior ist und die Geschichte darum geht, dass Außenstehende seine Fähigkeiten entdecken. Ansonsten ist es die zweitschlechteste Möglichkeit.
  • Er könnte Hilfe holen.
    Das wird er machen, wenn ihm gar nichts anderes übrig bleibt, weil er ganz alleine ist. Dies dürfte dann variiert werden, wenn er nicht alleine ist, und in Rufweite weitere „Freunde“ zur Verfügung stehen.
  • Er ruft seine Freunde herbei.
    Selbst wird er zum „Anführer“ in der nachfolgenden Rettungsaktion. Allerdings nur, wenn seine Vorgeschichte und seine Fähigkeiten dies zulassen.
  • Er schickt jemanden los, Hilfe zu holen.
    Für den Fall, dass es ihm und seinen Freunden nicht gelingt, das Gerüst anzuheben. Für diese Lösung muss er aber als kühler und klarer Denker überzeugen können.

Es gibt sicherlich noch weitere Möglichkeiten und Variationen. Entscheidend ist, dass die Figur deiner Geschichte im Rahmen ihrer Möglichkeiten die richtige Entscheidung trifft.
„Bruno Waschlapp“ käme vermutlich nie auf die Idee, es zunächst selbst zu versuchen, das Gerüst anzuheben, er würde eher panisch losrennen, und Hilfe holen. Jemanden, der auch alle weiteren Maßnahmen koordiniert.
„Benno Muskelprotz“ würde vermutlich wertvolle Zeit damit vergeuden, alleine zu versuchen, das Gerüst anzuheben, bevor er Hilfe holt. Anschließend würde er auch nur ungern die Kontrolle abgeben.
In jeder Situation innerhalb deiner Geschichte musst du dich Fragen: „Würde er / sie wirklich das tun?“


Beispiel:
Wir konstruieren eine Figur, nennen wir sie mal „Herrmann Simpel“.
Herrmann ist 42 Jahre alt, verheiratet mit einer nur ein Jahr jüngeren Frau und Vater einer zwölfjährigen Tochter. Die Familie bewohnt ein Reihen-Eigenheim mit Garten, am Rande einer beliebigen Stadt. Geldsorgen haben sie keine, beide haben einen Job, er ist Lohn-Buchhalter in einem Sanitär-Großhandel und sie freiberufliche Landschaftsgärtnerin. Die Tochter besucht das Gymnasium.
Herrmann ist in einer gutbürgerlichen Mittelschicht aufgewachsen, seine Eltern betrieben einen „Tante-Emma-Laden“ im Stadtzentrum, nach kurzer, aber heftiger Krankheit starb der Vater, als Herrmann gerade mal acht Jahre alt war. Die Mutter konnte das Geschäft nicht alleine betreiben, sie fand aber eine neue Anstellung im Supermarkt gegenüber. Im ehemaligen Geschäft der Eltern haben sich später viele verschiedene Gewerbe niedergelassen. Das Ladenlokal steht heute leer.
Von seinem Vater hat er nur noch eine einzige Erinnerung, als er Herrmann einmal beiseite nahm und ihm eindringlich mitteilte, er solle etwas Vernünftiges mit seinem Leben anstellen und nur ja die Finger vom Einzelhandel lassen.
Herrmann Simpel begann nach seinem Realschulabschluss eine Lehre als Großhandelskaufmann in einem Sanitär-Großhandel, durch entsprechende Fortbildungsmaßnahmen hat er sich zum Lohnbuchhalter qualifiziert. In drei Monaten feiert er sein 25-Jähriges Betriebs-Jubiläum.

Soweit erst einmal die Kurzbiographie von Herrmann Simpel. Der Typ ist so einfach gestrickt, dem traut niemand etwas Besonderes zu. Ein Musterbeispiel für einen Spießer.
Springen wir einmal in die mögliche Geschichte.
Im ersten Kapitel haben wir Herrmann Simpel und seine Familie präsentiert. Um den Leser zu binden haben wir einige unterhaltsame Anekdoten eingestreut.
Im zweiten Kapitel stellen wir Herrmann Simpel in den Schalterraum einer Sparkasse. Eine kurzläufige, automatische Maschinenpistole in der Hand, ein Toter und zwei Verletzte zu seinen Füßen.

Im Normalfall würde jeder Leser jetzt denken: „Was soll das? Der Herrmann, den ich kenne, würde so etwas niemals tun. Der hat auch gar keine Uzi. Der wüsste gar nicht, mit so einem Ding umzugehen.“ Buch zugeklappt. Ende.
Oder auch nicht … wenn du als Verfasser der Geschichte eine logische Erklärung liefern kannst, wie unser lieber und treuer Freund Herrmann in eine solche Situation geraten konnte. Herrmann ist (zum Glück?) so simpel gestrickt, dass ihm ein enormes Potenzial zur Figurenentwicklung innewohnt.


Figuren müssen sich verändern
Entwicklung bedeutet Veränderung, durch seine Handlungen und Erlebnisse entwickelt sich der Protagonist.
Der „Held“ deiner Geschichte ist zu Beginn vielleicht noch unsicher, rennt lieber davon, um Hilfe zu holen. Ein zweites Mal in der gleichen oder ähnlichen Situation sollte er souveräner reagieren können. Er hat Erfahrungen gesammelt. Wenn du also einen Charakter entwirfst, lasse in seinem Erfahrungshorizont Platz für neue Erfahrungen, gib ihm die Möglichkeit, zu wachsen.

Als unerfahrener Teenager könnte dein Protagonist zum ersten Mal ein Mädchen küssen. So richtig küssen, heiß, leidenschaftlich und innbrünstig. Dabei stochert er mit seiner Zunge viel zu heftig in ihrem Mund herum, als wolle er wie mit einem Schürhaken die Kohlen im Ofen neu anfachen. So heftig, dass sie anfängt zu würgen.
Beim nächsten Mal ist er vorgewarnt, aber dadurch dann zu vorsichtig. Sie hat das Gefühl, als versuche seine Zunge einen Abwehrkampf in seinem eigenen Mund.
Erst beim dritten oder vierten Versuch klappt es einigermaßen und beide können anfangen, es zu genießen.
Sollten solche Szenen wichtig für deine Geschichte sein, dann gehört ein Wesenszug „Kuss-Befähigung“ in die Biografie deines Protagonisten, mit einer Qualifikations-Skala von 0 bis 9.
Da er zu Beginn der Geschichte völlig unerfahren ist, gehört dort eine „0“ eingetragen.
Alle Wesenszüge, die zu den Entscheidungen und zum Verhalten deines Protagonisten beitragen, gehören in eine solche biografische Auflistung.

„Was sind das alles für Wesenszüge, die ich berücksichtigen muss?“
Das kann man pauschal nicht sagen, weil es von der Geschichte, die du schreiben möchtest, abhängig ist.
Hier mal eine kleine Liste:
  • Äußerliches
    Geschlecht / Alter / Größe / Beruf / Figur / Gesicht / Augenfarbe / Augenform / Haarfarbe / Frisur / Bart / Stimme / Gang / Gestik / Gesundheit / Ausstrahlung / Erscheinung / Essgewohnheiten / Sportvorlieben / Fingernägel / Wortschatz / Akzent / Angewohnheiten / Marotten / Lieblingsfarbe / Lieblingsbuch / Rasse / Vorlieben / Hobbies / Freunde / Begleiter / Kleidung
  • Psychologie
    Innerer Konflikt / Gefühle / Standpunkt zum Leben / Standpunkt zum Tod / Religion / Humor / Einstellung zu Liebe / Politische Ansichten / Einstellung zu Natur
  • Aktion
    Kraft, Stärke und Geschwindigkeit der Bewegungen, des Denkens und Sprechens.
  • Reaktion
    Tempo und Stärke, mit der auf äußere Reize reagiert wird.
  • Negative Wesenszüge
    Angeberisch / Arrogant / Beeinflussbar / Böswillig / Destruktiv / Egozentrisch / Feige / Gefährlich / Größenwahnsinnig / Hasserfüllt / Hinterlistig /Individualistisch / Korrupt / Lüstern / Manipulativ / Menschenverachtend / Neiderfüllt / Paranoid / Rachsüchtig / Raffiniert / Schadenfroh / Selbstzweifelnd / Skeptisch / Skrupellos / Spielsüchtig / Übermütig / Undurchschaubar / Unselbstständig / Zwanghaft / Zwielichtig / Zynisch
  • Positive Wesenszüge
    Abenteuerlustig / Anpassungsfähig / Anspruchslos / Anziehend / Athletisch / Attraktiv / Aufmerksam / Ausdauernd / Ausgeglichen / Begabt / Beherrscht / Beherzt / Bodenständig / Charismatisch / Charmant / Clever / Diskret / Diskussionsfreudig / Diszipliniert / Ehrenhaft / Eigenwillig / Einfallsreich / Einfühlsam / Engagiert / Erfahren / Freizügig / Freundlich / Furchtlos / Gebildet / Geduldig / Geschwätzig / Gewitzt / Glaubensstark / Gründlich / Hilfsbereit / Humorvoll / Intelligent / Konsequent / Kontaktfreudig / Kraftvoll / Lebenslustig / Leidenschaftlich / Loyal / Mitfühlend / Mutig / Nachtragend / Naturverbunden / Neugierig / Redegewandt / Reserviert / Selbstbewusst / Teamfähig / Unkonventionell / Unterhaltsam / Vorsichtig / Weichherzig / Willensstark / Wissbegierig
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie dient als mögliche Vorlage. Es kann sein, dass du zusätzliche Informationen benötigst, es kann sein, dass vieles, was oben aufgelistet ist, gar nicht benötigt wird.

Gerade die Wesenszüge müssen für eine Geschichte nicht unbedingt alle notwendig sein. Wie bereits erwähnt, sollten sie aber, wenn sie notiert werden, mit einem „Level“ ausgestattet sein, bei der Planung der einzelnen Szenen im „Storyboard“ (dazu an anderer Stelle mehr) kann dann notiert werden, welche Eigenschaft sich in welche Richtung und um welchen Wert verändert.

James N. Frey sagt in Wie man einen verdammt guten Roman schreibt{*1}:
„Menschen benehmen sich manchmal töricht. Sie versprechen sich, sie vergessen etwas, sie kaufen, wenn sie verkaufen sollten, sie lassen günstige Gelegenheiten verstreichen, sie übersehen das Offensichtliche. Kurz gesagt, sie agieren nicht jederzeit und in allen Situationen mit ihrer maximalen Kapazität. Nicht so homo fictus.“

Dies bedeutet, dein Protagonist gibt immer alles, was seine Fähigkeiten hergeben. Das macht er aber nicht aus freien Stücken, einfach so. Dazu benötigt er einen Antrieb, etwas, dass ihn dazu verleitet, genau das zu tun, was er gerade tut. Es können Banalitäten sein, die ihm Entscheidungen abverlangen, oder gewaltige, verstörend wirkende Situationen, in denen er sich plötzlich wiederfindet – wie unser Herrmann Simpel.
In der Bewältigung dieser Situation muss er sich dann als möglichst klug und effizient erweisen.

Für Herrmann Simpel wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Ihn jetzt einfach sagen zu lassen: „April, April!“ wäre kaum noch möglich. Er hat das Maximum an Chaos erreicht, den größtmöglichen Konflikt, den es geben kann. In einer solchen Szene würde jeder normale Mensch vermutlich alles fallen lassen und weglaufen. Nicht Herrmann, er bleibt, er behält die Waffe in der Hand. Wir brauchen also etwas, dass ihn an diese Situation bindet, einen stärkeren Konflikt, der ihn antreibt, dort zu bleiben.
Wenn er diese Situation überstanden hat, ist er ein Anderer. Er hat sich verändert.

Wenn du deine Figuren vor schwere Entscheidungen stellst, in kritische Situationen führst, musst du dir immer die Frage stellen: „Würde er oder sie wirklich so handeln?“
Bedenke Alternativen, vielleicht findest du eine bessere Möglichkeit, etwas, dass deine Figur noch raffinierter, dramatischer oder überraschender agieren lässt.
Leser lieben solche Charaktere.

„Irgendwie traue ich meinen Figuren nicht zu, dass sie das machen, was ich will.“
Tja, das kann vorkommen, dann warst du nicht sorgfältig genug bei der Entwicklung deiner Figuren.

Es ist halt so, wenn die süße Melanie Flugangst hat, wird sie nie einen Pilotenschein machen und dementsprechend nie mit Freddie, dem Fluglehrer, zusammentreffen. Die beiden werden sich nie verlieben und drei Kinder in die Welt setzen, von denen eines Arzt wird und einen Impfstoff gegen Krebs entwickelt.
Keine Figur überschreitet ihre Fähigkeiten einfach so. Wenn sie es doch macht, verliert sie an Glaubwürdigkeit und der Leser das Interesse an ihr.

Es ist wie mit diesem verrückten Mädel, das alleine in einem fremden Haus sitzt, während draußen ein Gewitter tobt und drinnen der Strom ausfällt. Sie findet eine Kerze, entzündet sie und geht den merkwürdigen Geräuschen nach, dem Stöhnen und Ächzen, welche vom Dachboden kommen. Oben angelangt – kann sich jeder denken.
Diese Szene ist berühmt als „Idiot auf dem Speicher“, keine halbwegs klar denkende Figur würde so töricht agieren. Jede Figur sollte das machen, was sie machen kann. Wenn es Blödsinn ist, schreibst du hoffentlich an einer Komödie.

Wenn du Schwierigkeiten mit deinen Figuren hast, dann frag sie, wo es klemmt oder kneift. Mache einen Spaziergang und stelle dir vor, deine Romanfigur würde dich begleiten. Dann könnt ihr euch unterhalten, stell Fragen und erwarte Antworten. Achte darauf, dich in deine Figur zu versetzen, ihre Rolle zu spielen. Dies kann helfen, die Figur besser zu verstehen.

Wenn du immer noch nicht mit deiner Figur klarkommst, ist diese möglicherweise für die Rolle ungeeignet. Dann kannst du dich gezielt auf den Weg machen, einen passenderen Charakter zu formen.


„Und wie erschaffe ich jetzt konkret eine Figur?“
Auch dafür gibt es kein Patentrezept.
Vielleicht hast du die Idee zu einer Geschichte. Dann denkst du dir eine passende Heldenfigur dazu aus.
Nehmen wir an, wir wollen unsere Fee „Flirry“ konstruieren. Sie sollte zufällig im Wald den Zauberstab der Königin finden. Erste Frage: Warum ist sie im Wald? Sie schwänzt vielleicht die Schule, weil sie von einer Clique anderer Schülerinnen immer gepeinigt wird. Ihr fehlt es demnach möglicherweise an Selbstsicherheit. Also wäre dies ein Wesenszug, der sich im Laufe der Geschichte entwickeln könnte. In verschiedenen Kapiteln könnte sie Situationen bewältigen, die ihr Selbstvertrauen stärken. Wenn Flirry am Ende der Geschichte den Zauberstab an die Königin übergibt, gewinnt sie mit ihr eine wohlwollende Freundin. Mit deutlich gestärkten Selbstvertrauen kehrt Flirry zurück. Natürlich dürfen auch mehrere Wesenszüge eine Veränderung erfahren.

Vielleicht hast du die Idee zu einer bestimmten Figur und möchtest eine Geschichte über sie schreiben.
Dann überlegst du dir, welche Wesenszüge dieser Figur entwickelt werden sollen oder – ebenfalls eine Möglichkeit – welche Wesenszüge dieser Figur ihr bei der Entwicklung innerhalb der Geschichte im Wege stehen. Wie Ebenezer Scrooge, der in Charles Dickens „A Christmas Carol“{*2|*3} erst seinen Geiz überwinden muss, bevor er sich zu einem Menschenfreund entwickeln kann.
Eine andere Möglichkeit könnte auch eine Figur sein, die zu Beginn der Geschichte unter einer Angst vor Hunden leidet, die im Laufe der Geschichte aber Vertrauen und Zuneigung zunächst zu einem bestimmten Hund, später zu einer ganzen Hundeschar entwickelt.

Bei der Entwicklung des Protagonisten gibt es aber noch etwas zu beachten.


Figuren spielen nicht alleine
Zu einem gut durchgestylten Protagonisten, dem Helden, gehört ein ebenso gut durchgestylter Antagonist, ein Gegenspieler. Du kannst deinem Helden Weggefährten zur Seite stellen, ebenso wie der Schurke Helfershelfer hat. Sie alle müssen wohl durchdacht sein, ihre Fähigkeiten dürfen sich ergänzen, müssen sie aber nicht. Je nach Wichtigkeit für die Geschichte dürfen sie auch flacher, zweidimensionaler werden.
Der Postbote, der mit einem freundlichen „Guten Morgen, Herr Simpel“ ein kleines Briefpaket abgibt, braucht keinen ausführlichen Lebenslauf.

Am interessantesten für den Leser sind Figuren, die mit gegensätzlichen Wesenszügen ausgestattet sind und dennoch interagieren müssen. Die Bewältigung des Konflikts zwischen diesen beiden trägt zur Handlungsentwicklung bei.

Im Tolkiens „Der Herr der Ringe“{*4|*5|*6} wird Frodo von Boromir bedrängt, ihm den Ring auszuhändigen. Die Menschen hätten einen größeren Anspruch auf dieses Objekt als die Auenländer. Überhaupt sei es Wahnsinn, dieses machtvolle Instrument in Zeiten höchster Gefahr vernichten zu wollen.
Der Konflikt zwischen den beiden bricht plötzlich hervor, er schwelte allerdings schon lange vorher. Das Zusammenspiel zwischen den Figuren funktioniert, sie wirken in jedem Moment der Szene überzeugend.

Zu einem starken Helden gehört ein starker Wiedersacher. Beide agieren aus unterschiedlichen Motiven, beide können das gleiche Ziel verfolgen. Sie können in gewissen Bereichen sogar gemeinsame Interessen haben, sich ähnlich sein.

Ein gutes Orchester spielt mit vielen verschiedenen Instrumenten.
Bei der Komposition deiner Romanfiguren solltest du ebenfalls auf eine ausgewogene Vielfalt achten.



Hauptthema: Eine gute Geschichte

Vorheriges Kapitel: 03 Nicht nur Casting – Die Charaktere
Nächstes Kapitel: 05 Es knistert – Der Konflikt




*1: James N. Frey, „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag; Auflage: 1 (1993), ISBN-13: 978-3924491321 (Deutsch)
*2: Charles Dickens, „A Christmas Carol“, Balzer + Bray; Auflage: Reprint (22. September 2009), ISBN-13: 978-0061650994 (Englisch)
*3: Charles Dickens, „Ein Weihnachtslied in Prosa“, dtv Verlagsgesellschaft (1. Oktober 2011), ISBN-13: 978-3423140423 (Deutsch)
*4: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (20. Juli 2015), ISBN-13: 978-3608939811 (Deutsch)
*5: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (9. September 2016), ISBN-13: 978-3608939828 (Deutsch)
*6: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“, Klett-Cotta; Auflage: 4 (11. September 2015), ISBN-13: 978-3608939835 (Deutsch)
 

FrankK

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Gott spielen – Figurenkonstruktion von Grund auf
Deine Geschichte wird von deinen Figuren getragen, sie wird von ihnen erzählt, während du von deinen Figuren erzählst. Damit deine Geschichte glaubhaft wird, müssen auch deine Charaktere glaubhaft und überzeugend sein.

Um deine Figuren besser zu begreifen, ihre Fähigkeiten zu definieren, erstellst du am besten eine Biographie. Sie muss nichts außergewöhnliches sein, sie wächst mit den Figuren.

Jeder Homo Fictus ist einzigartig, wie auch jeder echte Mensch. Deine Figur benötigt nicht nur die Szene, innerhalb derer sie agiert, sie benötigt auch einen Hintergrund, aus dem heraus sie so agiert, wie du es dir für diese Szene wünschst. Hintergrund der Figur, Entwicklungsfähigkeit der Figur und die aktuelle Situation bestimmen das Verhalten.


Beispiel:
Auf einem Kinderspielplatz stürzt ein Klettergerüst um, ein achtjähriges Mädchen wird darunter eingeklemmt. Ein neunjähriger Junge bemerkt es. Wie könnte er sich verhalten?
  • Er könnte einfach weitergehen.
    Dies wäre die schlechteste aller Möglichkeiten, die Leser denken sich „so ein A…loch“ und klappen das Buch zu. Ende.
  • Er könnte das Gerüst alleine hochheben.
    Klar, wenn er Supermann-Junior ist und die Geschichte darum geht, dass Außenstehende seine Fähigkeiten entdecken. Ansonsten ist es die zweitschlechteste Möglichkeit.
  • Er könnte Hilfe holen.
    Das wird er machen, wenn ihm gar nichts anderes übrig bleibt, weil er ganz alleine ist. Dies dürfte dann variiert werden, wenn er nicht alleine ist, und in Rufweite weitere „Freunde“ zur Verfügung stehen.
  • Er ruft seine Freunde herbei.
    Selbst wird er zum „Anführer“ in der nachfolgenden Rettungsaktion. Allerdings nur, wenn seine Vorgeschichte und seine Fähigkeiten dies zulassen.
  • Er schickt jemanden los, Hilfe zu holen.
    Für den Fall, dass es ihm und seinen Freunden nicht gelingt, das Gerüst anzuheben. Für diese Lösung muss er aber als kühler und klarer Denker überzeugen können.

Es gibt sicherlich noch weitere Möglichkeiten und Variationen. Entscheidend ist, dass die Figur deiner Geschichte im Rahmen ihrer Möglichkeiten die richtige Entscheidung trifft.
„Bruno Waschlapp“ käme vermutlich nie auf die Idee, es zunächst selbst zu versuchen, das Gerüst anzuheben, er würde eher panisch losrennen, und Hilfe holen. Jemanden, der auch alle weiteren Maßnahmen koordiniert.
„Benno Muskelprotz“ würde vermutlich wertvolle Zeit damit vergeuden, alleine zu versuchen, das Gerüst anzuheben, bevor er Hilfe holt. Anschließend würde er auch nur ungern die Kontrolle abgeben.
In jeder Situation innerhalb deiner Geschichte musst du dich Fragen: „Würde er / sie wirklich das tun?“


Beispiel:
Wir konstruieren eine Figur, nennen wir sie mal „Herrmann Simpel“.
Herrmann ist 42 Jahre alt, verheiratet mit einer nur ein Jahr jüngeren Frau und Vater einer zwölfjährigen Tochter. Die Familie bewohnt ein Reihen-Eigenheim mit Garten, am Rande einer beliebigen Stadt. Geldsorgen haben sie keine, beide haben einen Job, er ist Lohn-Buchhalter in einem Sanitär-Großhandel und sie freiberufliche Landschaftsgärtnerin. Die Tochter besucht das Gymnasium.
Herrmann ist in einer gutbürgerlichen Mittelschicht aufgewachsen, seine Eltern betrieben einen „Tante-Emma-Laden“ im Stadtzentrum, nach kurzer, aber heftiger Krankheit starb der Vater, als Herrmann gerade mal acht Jahre alt war. Die Mutter konnte das Geschäft nicht alleine betreiben, sie fand aber eine neue Anstellung im Supermarkt gegenüber. Im ehemaligen Geschäft der Eltern haben sich später viele verschiedene Gewerbe niedergelassen. Das Ladenlokal steht heute leer.
Von seinem Vater hat er nur noch eine einzige Erinnerung, als er Herrmann einmal beiseite nahm und ihm eindringlich mitteilte, er solle etwas Vernünftiges mit seinem Leben anstellen und nur ja die Finger vom Einzelhandel lassen.
Herrmann Simpel begann nach seinem Realschulabschluss eine Lehre als Großhandelskaufmann in einem Sanitär-Großhandel, durch entsprechende Fortbildungsmaßnahmen hat er sich zum Lohnbuchhalter qualifiziert. In drei Monaten feiert er sein 25-Jähriges Betriebs-Jubiläum.

Soweit erst einmal die Kurzbiographie von Herrmann Simpel. Der Typ ist so einfach gestrickt, dem traut niemand etwas Besonderes zu. Ein Musterbeispiel für einen Spießer.
Springen wir einmal in die mögliche Geschichte.
Im ersten Kapitel haben wir Herrmann Simpel und seine Familie präsentiert. Um den Leser zu binden haben wir einige unterhaltsame Anekdoten eingestreut.
Im zweiten Kapitel stellen wir Herrmann Simpel in den Schalterraum einer Sparkasse. Eine kurzläufige, automatische Maschinenpistole in der Hand, ein Toter und zwei Verletzte zu seinen Füßen.

Im Normalfall würde jeder Leser jetzt denken: „Was soll das? Der Herrmann, den ich kenne, würde so etwas niemals tun. Der hat auch gar keine Uzi. Der wüsste gar nicht, mit so einem Ding umzugehen.“ Buch zugeklappt. Ende.
Oder auch nicht … wenn du als Verfasser der Geschichte eine logische Erklärung liefern kannst, wie unser lieber und treuer Freund Herrmann in eine solche Situation geraten konnte. Herrmann ist (zum Glück?) so simpel gestrickt, dass ihm ein enormes Potenzial zur Figurenentwicklung innewohnt.


Figuren müssen sich verändern
Entwicklung bedeutet Veränderung, durch seine Handlungen und Erlebnisse entwickelt sich der Protagonist.
Der „Held“ deiner Geschichte ist zu Beginn vielleicht noch unsicher, rennt lieber davon, um Hilfe zu holen. Ein zweites Mal in der gleichen oder ähnlichen Situation sollte er souveräner reagieren können. Er hat Erfahrungen gesammelt. Wenn du also einen Charakter entwirfst, lasse in seinem Erfahrungshorizont Platz für neue Erfahrungen, gib ihm die Möglichkeit, zu wachsen.

Als unerfahrener Teenager könnte dein Protagonist zum ersten Mal ein Mädchen küssen. So richtig küssen, heiß, leidenschaftlich und innbrünstig. Dabei stochert er mit seiner Zunge viel zu heftig in ihrem Mund herum, als wolle er wie mit einem Schürhaken die Kohlen im Ofen neu anfachen. So heftig, dass sie anfängt zu würgen.
Beim nächsten Mal ist er vorgewarnt, aber dadurch dann zu vorsichtig. Sie hat das Gefühl, als versuche seine Zunge einen Abwehrkampf in seinem eigenen Mund.
Erst beim dritten oder vierten Versuch klappt es einigermaßen und beide können anfangen, es zu genießen.
Sollten solche Szenen wichtig für deine Geschichte sein, dann gehört ein Wesenszug „Kuss-Befähigung“ in die Biografie deines Protagonisten, mit einer Qualifikations-Skala von 0 bis 9.
Da er zu Beginn der Geschichte völlig unerfahren ist, gehört dort eine „0“ eingetragen.
Alle Wesenszüge, die zu den Entscheidungen und zum Verhalten deines Protagonisten beitragen, gehören in eine solche biografische Auflistung.

„Was sind das alles für Wesenszüge, die ich berücksichtigen muss?“
Das kann man pauschal nicht sagen, weil es von der Geschichte, die du schreiben möchtest, abhängig ist.
Hier mal eine kleine Liste:
  • Äußerliches
    Geschlecht / Alter / Größe / Beruf / Figur / Gesicht / Augenfarbe / Augenform / Haarfarbe / Frisur / Bart / Stimme / Gang / Gestik / Gesundheit / Ausstrahlung / Erscheinung / Essgewohnheiten / Sportvorlieben / Fingernägel / Wortschatz / Akzent / Angewohnheiten / Marotten / Lieblingsfarbe / Lieblingsbuch / Rasse / Vorlieben / Hobbies / Freunde / Begleiter / Kleidung
  • Psychologie
    Innerer Konflikt / Gefühle / Standpunkt zum Leben / Standpunkt zum Tod / Religion / Humor / Einstellung zu Liebe / Politische Ansichten / Einstellung zu Natur
  • Aktion
    Kraft, Stärke und Geschwindigkeit der Bewegungen, des Denkens und Sprechens.
  • Reaktion
    Tempo und Stärke, mit der auf äußere Reize reagiert wird.
  • Negative Wesenszüge
    Angeberisch / Arrogant / Beeinflussbar / Böswillig / Destruktiv / Egozentrisch / Feige / Gefährlich / Größenwahnsinnig / Hasserfüllt / Hinterlistig /Individualistisch / Korrupt / Lüstern / Manipulativ / Menschenverachtend / Neiderfüllt / Paranoid / Rachsüchtig / Raffiniert / Schadenfroh / Selbstzweifelnd / Skeptisch / Skrupellos / Spielsüchtig / Übermütig / Undurchschaubar / Unselbstständig / Zwanghaft / Zwielichtig / Zynisch
  • Positive Wesenszüge
    Abenteuerlustig / Anpassungsfähig / Anspruchslos / Anziehend / Athletisch / Attraktiv / Aufmerksam / Ausdauernd / Ausgeglichen / Begabt / Beherrscht / Beherzt / Bodenständig / Charismatisch / Charmant / Clever / Diskret / Diskussionsfreudig / Diszipliniert / Ehrenhaft / Eigenwillig / Einfallsreich / Einfühlsam / Engagiert / Erfahren / Freizügig / Freundlich / Furchtlos / Gebildet / Geduldig / Geschwätzig / Gewitzt / Glaubensstark / Gründlich / Hilfsbereit / Humorvoll / Intelligent / Konsequent / Kontaktfreudig / Kraftvoll / Lebenslustig / Leidenschaftlich / Loyal / Mitfühlend / Mutig / Nachtragend / Naturverbunden / Neugierig / Redegewandt / Reserviert / Selbstbewusst / Teamfähig / Unkonventionell / Unterhaltsam / Vorsichtig / Weichherzig / Willensstark / Wissbegierig
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie dient als mögliche Vorlage. Es kann sein, dass du zusätzliche Informationen benötigst, es kann sein, dass vieles, was oben aufgelistet ist, gar nicht benötigt wird.

Gerade die Wesenszüge müssen für eine Geschichte nicht unbedingt alle notwendig sein. Wie bereits erwähnt, sollten sie aber, wenn sie notiert werden, mit einem „Level“ ausgestattet sein, bei der Planung der einzelnen Szenen im „Storyboard“ (dazu an anderer Stelle mehr) kann dann notiert werden, welche Eigenschaft sich in welche Richtung und um welchen Wert verändert.

James N. Frey sagt in Wie man einen verdammt guten Roman schreibt{*1}:
„Menschen benehmen sich manchmal töricht. Sie versprechen sich, sie vergessen etwas, sie kaufen, wenn sie verkaufen sollten, sie lassen günstige Gelegenheiten verstreichen, sie übersehen das Offensichtliche. Kurz gesagt, sie agieren nicht jederzeit und in allen Situationen mit ihrer maximalen Kapazität. Nicht so homo fictus.“

Dies bedeutet, dein Protagonist gibt immer alles, was seine Fähigkeiten hergeben. Das macht er aber nicht aus freien Stücken, einfach so. Dazu benötigt er einen Antrieb, etwas, dass ihn dazu verleitet, genau das zu tun, was er gerade tut. Es können Banalitäten sein, die ihm Entscheidungen abverlangen, oder gewaltige, verstörend wirkende Situationen, in denen er sich plötzlich wiederfindet – wie unser Herrmann Simpel.
In der Bewältigung dieser Situation muss er sich dann als möglichst klug und effizient erweisen.

Für Herrmann Simpel wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Ihn jetzt einfach sagen zu lassen: „April, April!“ wäre kaum noch möglich. Er hat das Maximum an Chaos erreicht, den größtmöglichen Konflikt, den es geben kann. In einer solchen Szene würde jeder normale Mensch vermutlich alles fallen lassen und weglaufen. Nicht Herrmann, er bleibt, er behält die Waffe in der Hand. Wir brauchen also etwas, dass ihn an diese Situation bindet, einen stärkeren Konflikt, der ihn antreibt, dort zu bleiben.
Wenn er diese Situation überstanden hat, ist er ein Anderer. Er hat sich verändert.

Wenn du deine Figuren vor schwere Entscheidungen stellst, in kritische Situationen führst, musst du dir immer die Frage stellen: „Würde er oder sie wirklich so handeln?“
Bedenke Alternativen, vielleicht findest du eine bessere Möglichkeit, etwas, dass deine Figur noch raffinierter, dramatischer oder überraschender agieren lässt.
Leser lieben solche Charaktere.

„Irgendwie traue ich meinen Figuren nicht zu, dass sie das machen, was ich will.“
Tja, das kann vorkommen, dann warst du nicht sorgfältig genug bei der Entwicklung deiner Figuren.

Es ist halt so, wenn die süße Melanie Flugangst hat, wird sie nie einen Pilotenschein machen und dementsprechend nie mit Freddie, dem Fluglehrer, zusammentreffen. Die beiden werden sich nie verlieben und drei Kinder in die Welt setzen, von denen eines Arzt wird und einen Impfstoff gegen Krebs entwickelt.
Keine Figur überschreitet ihre Fähigkeiten einfach so. Wenn sie es doch macht, verliert sie an Glaubwürdigkeit und der Leser das Interesse an ihr.

Es ist wie mit diesem verrückten Mädel, das alleine in einem fremden Haus sitzt, während draußen ein Gewitter tobt und drinnen der Strom ausfällt. Sie findet eine Kerze, entzündet sie und geht den merkwürdigen Geräuschen nach, dem Stöhnen und Ächzen, welche vom Dachboden kommen. Oben angelangt – kann sich jeder denken.
Diese Szene ist berühmt als „Idiot auf dem Speicher“, keine halbwegs klar denkende Figur würde so töricht agieren. Jede Figur sollte das machen, was sie machen kann. Wenn es Blödsinn ist, schreibst du hoffentlich an einer Komödie.

Wenn du Schwierigkeiten mit deinen Figuren hast, dann frag sie, wo es klemmt oder kneift. Mache einen Spaziergang und stelle dir vor, deine Romanfigur würde dich begleiten. Dann könnt ihr euch unterhalten, stell Fragen und erwarte Antworten. Achte darauf, dich in deine Figur zu versetzen, ihre Rolle zu spielen. Dies kann helfen, die Figur besser zu verstehen.

Wenn du immer noch nicht mit deiner Figur klarkommst, ist diese möglicherweise für die Rolle ungeeignet. Dann kannst du dich gezielt auf den Weg machen, einen passenderen Charakter zu formen.


„Und wie erschaffe ich jetzt konkret eine Figur?“
Auch dafür gibt es kein Patentrezept.
Vielleicht hast du die Idee zu einer Geschichte. Dann denkst du dir eine passende Heldenfigur dazu aus.
Nehmen wir an, wir wollen unsere Fee „Flirry“ konstruieren. Sie sollte zufällig im Wald den Zauberstab der Königin finden. Erste Frage: Warum ist sie im Wald? Sie schwänzt vielleicht die Schule, weil sie von einer Clique anderer Schülerinnen immer gepeinigt wird. Ihr fehlt es demnach möglicherweise an Selbstsicherheit. Also wäre dies ein Wesenszug, der sich im Laufe der Geschichte entwickeln könnte. In verschiedenen Kapiteln könnte sie Situationen bewältigen, die ihr Selbstvertrauen stärken. Wenn Flirry am Ende der Geschichte den Zauberstab an die Königin übergibt, gewinnt sie mit ihr eine wohlwollende Freundin. Mit deutlich gestärkten Selbstvertrauen kehrt Flirry zurück. Natürlich dürfen auch mehrere Wesenszüge eine Veränderung erfahren.

Vielleicht hast du die Idee zu einer bestimmten Figur und möchtest eine Geschichte über sie schreiben.
Dann überlegst du dir, welche Wesenszüge dieser Figur entwickelt werden sollen oder – ebenfalls eine Möglichkeit – welche Wesenszüge dieser Figur ihr bei der Entwicklung innerhalb der Geschichte im Wege stehen. Wie Ebenezer Scrooge, der in Charles Dickens „A Christmas Carol“{*2|*3} erst seinen Geiz überwinden muss, bevor er sich zu einem Menschenfreund entwickeln kann.
Eine andere Möglichkeit könnte auch eine Figur sein, die zu Beginn der Geschichte unter einer Angst vor Hunden leidet, die im Laufe der Geschichte aber Vertrauen und Zuneigung zunächst zu einem bestimmten Hund, später zu einer ganzen Hundeschar entwickelt.

Bei der Entwicklung des Protagonisten gibt es aber noch etwas zu beachten.


Figuren spielen nicht alleine
Zu einem gut durchgestylten Protagonisten, dem Helden, gehört ein ebenso gut durchgestylter Antagonist, ein Gegenspieler. Du kannst deinem Helden Weggefährten zur Seite stellen, ebenso wie der Schurke Helfershelfer hat. Sie alle müssen wohl durchdacht sein, ihre Fähigkeiten dürfen sich ergänzen, müssen sie aber nicht. Je nach Wichtigkeit für die Geschichte dürfen sie auch flacher, zweidimensionaler werden.
Der Postbote, der mit einem freundlichen „Guten Morgen, Herr Simpel“ ein kleines Briefpaket abgibt, braucht keinen ausführlichen Lebenslauf.

Am interessantesten für den Leser sind Figuren, die mit gegensätzlichen Wesenszügen ausgestattet sind und dennoch interagieren müssen. Die Bewältigung des Konflikts zwischen diesen beiden trägt zur Handlungsentwicklung bei.

Im Tolkiens „Der Herr der Ringe“{*4|*5|*6} wird Frodo von Boromir bedrängt, ihm den Ring auszuhändigen. Die Menschen hätten einen größeren Anspruch auf dieses Objekt als die Auenländer. Überhaupt sei es Wahnsinn, dieses machtvolle Instrument in Zeiten höchster Gefahr vernichten zu wollen.
Der Konflikt zwischen den beiden bricht plötzlich hervor, er schwelte allerdings schon lange vorher. Das Zusammenspiel zwischen den Figuren funktioniert, sie wirken in jedem Moment der Szene überzeugend.

Zu einem starken Helden gehört ein starker Wiedersacher. Beide agieren aus unterschiedlichen Motiven, beide können das gleiche Ziel verfolgen. Sie können in gewissen Bereichen sogar gemeinsame Interessen haben, sich ähnlich sein.

Ein gutes Orchester spielt mit vielen verschiedenen Instrumenten.
Bei der Komposition deiner Romanfiguren solltest du ebenfalls auf eine ausgewogene Vielfalt achten.



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*1: James N. Frey, „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag; Auflage: 1 (1993), ISBN-13: 978-3924491321 (Deutsch)
*2: Charles Dickens, „A Christmas Carol“, Balzer + Bray; Auflage: Reprint (22. September 2009), ISBN-13: 978-0061650994 (Englisch)
*3: Charles Dickens, „Ein Weihnachtslied in Prosa“, dtv Verlagsgesellschaft (1. Oktober 2011), ISBN-13: 978-3423140423 (Deutsch)
*4: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (20. Juli 2015), ISBN-13: 978-3608939811 (Deutsch)
*5: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (9. September 2016), ISBN-13: 978-3608939828 (Deutsch)
*6: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“, Klett-Cotta; Auflage: 4 (11. September 2015), ISBN-13: 978-3608939835 (Deutsch)
 
Um hier kurz auf die Steckbriefe der Charaktere einzugehen, es ist schon richtig, dass man seine Charaktere kennen sollte. Charakter-Steckbriefe eignen sich ganz gut um sich einen groben Überblick über seine Charaktere zu verschaffen. Schließlich schreibt man so ein Buch nicht über Nacht, sondern über Wochen und Monate, wenn nicht sogar Jahre hinweg. Bei einer solch langen Zeitspanne kann es schonmal vorkommen, dass sich die Haarfarbe eines Charakters versehentlich von braun auf schwarz ändert. Da ist eine kleine Übersicht manchmal schon ganz praktisch. Trotzdem würde ich die Steckbriefe so kurz wie möglich gestalten und zwar aus folgenden Gründen.

1. Ich habe mal gelesen, als Autor muss man jedes Details seiner Charaktere kennen, vom Namen bis zur Penis- oder Körbchengröße um zu wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen zu verhalten haben. Daraufhin habe ich mich an ein paar Steckbriefe gemacht und schnell festgestellt, dass alleine der Steckbrief meines Hauptcharakters so umfangreich war, dass ich bereits mehrere DIN A4-Seiten dafür benötigt habe. Und das Gleiche galt für meine Nebencharaktere. Letztendlich hatte ich dann einen halben Ordner voll mit Charakterbeschreibungen, die mit einer Übersicht nichts mehr gemein hatten.
Solche Aussagen, wie "Man muss jedes Detail seiner Charaktere kennen", werden meiner Ansicht nach meist von Schreibern von Drehbüchern zu Filmen oder Theaterstücken getroffen. Es besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Drehbuch und einem Roman. Ein Drehbuch erzählt eine grobe Handlung und stellt lediglich einen Teil des Gesamtwerks dar. Zusätzlich dazu gibt es an Filmsets oder Theatern Maskenbildner, Charakterdesigner, Schauspieler, Kameramänner, Licht- und Tontechniker, Regisseure, usw. Wenn sich also ein Charakter im Film an der Nase kratzt, dann steckt da 100% Aufwand und Konzentration von zig Menschen in dieser einen kleinen Geste. Das funktioniert nur, wenn der Regisseur die richtigen Anweisungen gibt, der Schauspieler seine Hand richtig bewegt, der Lichttechniker das Licht richtig wirft, der Tontechniker die Szene mit der passenden Musik untermalt, der Maskenbilder das Makeup richtig platziert hat und der Drehbuchautor die Szene richtig geschrieben hat. In anderen Worten ausgedrückt, die zu bewältigenden Aufgaben werden auf verschiedene Einzelpersonen aufgeteilt. Es gibt einen Menschen, der sagt, was für Figuren man wofür braucht, dann gibt es einen anderen, der die Figur zeichnet, der den Charakter zu der Figur schreibt, der die Rahmenhandlung der Figur schreibt, der die Figur entsprechend spielt, dann gibt es einen, der dem Schauspieler die Kostüme designt und es gibt einen, der das Makeup entsprechend erstellt. Wenn sich da jeder auf seine Aufgabe konzentriert, kommt da ein richtig runder Charakter bei raus.
Als Autor eines Romans kann man sich diesen Luxus in der Regel nicht leisten. Da fallen fast alle Aufgaben auf einen selbst zurück. Da ist man selbst, Drehbuchschreiber, Charakterdesigner, Kostümdesigner, uvm. und das alles in einem. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das in diesem Umfang unmöglich alleine zu bewältigen ist, auch wenn die Aufgabe für einen Drehbuchautor oder Charakterdesigner unvorstellbar einfach klingt. Daher sind so lange Steckbriefe in meinen Augen eher kontraproduktiv, da sie eher verwirren als Überblicke zu verschaffen.

2. Die Charaktere verändern sich im Laufe der Geschichte(n). Manche Charaktere verwandeln sich von Guten zu Bösewichten und umgekehrt. Andere werden gebrochen oder kommen über ihre Ängste hinweg oder werden gar wahnsinnig. Und wieder andere werden einfach nur erwachsen. Letztendlich verändert jede noch so kleine Tat die Sicht des Lesers auf den Charakter. Vor allem bei längeren, fortlaufenden Geschichten wird es ziemlich schwierig, darüber noch einen Überblick zu behalten. Bei in sich abgeschlossenen Romanen kann man sich noch mit zusätzlichen Steckbriefen behelfen, aber bei Endlosgeschichten wird das fast unmöglich.


Dreidimensionalität von Charakteren
Die Frage ist also, was nimmt man in solch einen Steckbrief alles rein? Und da scheiden sich die Geister leider. Wo fängt man an und wo hört man auf? Was ist wirklich wichtig für meine Geschichte und was kann ich weglassen? Um hier eine kleine Hilfestellung zu geben, gibt es eine sogenannte Charakter-Dreidiemnsionalität. Ich denke, viele haben davon schon einmal gehört, können aber nicht wirklich etwas damit anfangen.

1. Charakterhöhe: Wie wichtig ist mein Charakter für meine Geschichte? Welchen Stellenwert nimmt er ein? Ist es ein Hauptcharakter oder nur ein Nebencharakter, der nur in einer Szene vorkommt? Dieser Punkt dient vor allem als kleine Hilfe, wie viel Zeit man dem Charakter in seiner Geschichte gewährt. Als Hauptcharakter sollte er entsprechend mehr Zeit in der Geschichte bekommen als ein Nebencharakter.

2. Charakterbreite: Wie viel Handlungsspielraum hat der Charakter? In wie weit kann der Charakter die Geschichte und deren Verlauf beeinflussen? Als Hauptcharakter sollte er in der Regel immer den Verlauf der Geschichte ändern können indem er z.B. den Bösewicht besiegt oder Charaktere überredet oder von seiner Sache überzeugt.

3. Charaktertiefe: Wie viel Hintergrundgeschichte hat der Charakter? Das hängt letztlich immer von den oberen beiden Punkten ab. Es macht kaum Sinn eine ellenlange Hintergrundgeschichte für einen Charakter zu entwerfen, der für die Geschichte nicht wirklich relevant ist.


Wenn ihr einen neuen Charakter erstellt, solltet ihr euch immer diese Fragen stellen. Wie wichtig ist der Charakter? In wie weit soll er die Geschichte beeinflussen und welchen Tiefgang sollte er haben? Entsprechend dieser Punkte solltet ihr auch euren jeweiligen Steckbrief entwerfen.
Außerdem würde ich mir wenn möglich vorab Gedanken zu der Geschichte machen und nicht einfach drauf los zu schreiben. Worum soll es in der Geschichte gehen? Was möchte ich mit der Geschichte aussagen? Wie kann ich dieses Ziel am effizientesten erreichen?


Alignments
Was auch helfen kann, einen Überblick über eure Charaktere zu behalten, sind sogenannte Alignments. Diese legen die Gesinnung und die Rechtschaffenheit eines Charakters fest. Beispiel: http://3.bp.blogspot.com/_6Us30t_Uop4/S-18dMlLTWI/AAAAAAAAASk/w_L5aT7e7Xk/s1600/Alignment+Chart.jpg

Das Ganze ist manchmal nicht so einfach zu erkennen oder einzuteilen. Letztendlich geht es bei der Gesinnung um das was sie tun und bei der Rechtschaffenheit um ein übergeordnetes Ziel, das sie verfolgen, sprich ob sie an eine größere Sache glauben oder nicht und entsprechend dafür einstehen. So kann ein Charakter zwar von der Gesinnung böse indem er böses tut, aber trotzdem rechtschaffen sein, weil er glaubt, dass sein handeln notwendig und einem höheren Zweck dienlich ist. Dabei wird in der Horizontalen die Rechtschaffenheit und in der Vertikalen die Gesinnung festgelegt. Hier noch eine kurze Erklärung dazu.

Rechtschaffen Gut: Superman (kämpft für eine gute Sache und steht für seine Prinzipien ein)
Neutral Gut: Malcom Raynolds aus Firefly (steht als Söldner weder auf der guten noch der bösen Seite, hält aber an seine Prinzipien fest)
Chaotisch Gut: V aus V wie Vendetta (versucht eine korrupte und unterdrückende Regierung zu stürzen)

Rechtschaffen Neutral: Captain Picard (kann jemandem in Not nicht helfen, wenn die Prinzipien es verbieten)
Wahrhaft Neutral: Baumbart aus Der Herr der Ringe (weder rechtschaffen noch chaotisch und schließt sich keiner Seite an)
Chaotisch Neutral: Captain Jack Sparrow aus Fluch der Karibik (verrät jeden wenn es seinem Vorteil dient ohne sich dabei füe eine Seite zu bekennen)

Rechtschaffen Böse: Darth Vader (hat unzählige Tote auf dem Gewissen, glaubt aber dennoch an ein übergeordnetes Wohl die Konflikte in der Galaxie damit zu beenden)
Neutral Böse: Alien aus Alien (versucht nur zu überleben und bringt dabei jeden um, der ihm in die Quere kommt; zählt als böse, da es von Natur aus alles tötet)
Chaotisch Böse: Der Joker (tut böses einfach weil er Spaß daran hat)
 

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