Graisan - In der Lagune

Hudriwurz

Mitglied
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Hudriwurz (Emanuel W. Kury)​


Die Fischerboote schaukeln müde um den Mond. Er schwimmt knallrund im Hafenbecken und sein Licht ist heller als sonst. Der Schnee ist schuld daran, den es in der Nacht, wie schon seit Jahren nicht mehr, geschneit hatte. Er breitet sich wie eine schützende Hand über das Dorf und macht die Nacht zum Tag. Er verschluckt alle Geräusche und macht Stille.
Man sieht die vielen Spuren derer die in den frühen Morgenstunden zum Hafenbecken schleichen um ihre secchielli (kleinen Eimer) zu entleeren, die in den Nachtstunden ihre Notdurft aufnahmen. Jede Familie macht das so und es ist ein ungeschriebenes Gesetz, sich nicht zu grüßen, sollte man sich dabei zufällig begegnen. Es scheint fast so, als würde jeder für sich glauben wollen, einer von wenigen zu sein, die das tun. Die zertrampelte Schneedecke zeichnet jedoch Spuren zu jedem Haus im Dorf.
Ab einem gewissen Alter wird den Kindern damit gedroht, im Hafenbecken geworfen zu werden, wenn sie sich nicht brav benehmen. Kleinkindern droht man damit, von den Varvuole verschleppt zu werden. Das sind igenartige Wesen, die in der Nacht mit dem Wind vom Meer kommen, Furien gleichen und durch das Dorf heulen.

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Francesco Moretti gehört zu den erfahrenen Fischern, die mit einem Blick auf die Wasserbewegungen im Hafenbecken erkennen können, ob die See draußen ruhig oder aufgewühlt ist. Seit er ein kleiner Junge war, fährt er täglich zumindest einmal zum Fischen aus der Lagune. Er macht das alleine, seit sein Vater vor wenigen Jahren erst verstorben war. Ursprünglich war auch noch sein Großvater mit am Schiff, doch die Zeit dezimierte die Anzahl der helfenden Hände am Boot.
Die wunderschöne Tochter von Francesco und seiner Frau Alessia, Esmeralda, zählt 14 Jahre und es ist nicht mehr damit zu rechnen, dass sich die Familie noch vergrößern würde. Esme, wie sie von ihren Eltern genannt wird, strahlt mit ihrer makellosen Schönheit; ihren langen hellen Haaren und ihrer hellen Haut, die weiß wie Milch ist, unsägliches Glück und Zuversicht für das Gelingen der Welt aus. Die jungen Männer im Dorf, die die perfekte und großartige Schönheit der jungen Frau zu überfordern scheint, zeigen auffällig wenig Interesse daran, ihr den Hof machen zu wollen. Es scheint fast so, als würde sich niemand für Würdig halten, sein Glück zu versuchen.
Alessia und Francesco leben ihr Leben mit wenig Gemeinsamkeiten und jeder konzentriert sich darauf, die Aufgaben, die das Leben ihm stellt und die für das Überleben an diesem einsamen Ort notwendig sind, zu bewältigen. Das beschäftigt beide in einem Ausmaß, das wenig Zeit für das Ausschweifen der Gedanken; das Ausmahlen der Zukunft, bleibt. Esme wächst unbeschwert in ihr Leben und lernt von ihrer Mutter, welche Aufgaben den ˝Frauenalltag˝ bestimmen.




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Der Tag beginnt, wie viele vor ihm. Nichts läßt Böses vermuten. Im Hafenbecken schaukeln die Fischerboote und beinahe ein wenig ungeduldig, wie Schlittenhunde, die es kaum erwarten können, endlich auslaufen zu können, warten sie auf die Fischer. Es kann niemand ahnen, dass sich, weit entfernt, der gefürchtete Scirocco auf den Weg gemacht hatte um ein wenig über die Lagune zu fegen.
Routiniert läuft die kleine Flotte an Fischerbooten aus dem schützenden Hafenbecken und jedes Boot steuert seinen, ihm zugewiesenen Fischgrund an. Die auffällige Stille der See lässt die erfahrenen Fischer in der Magengrube spüren, dass an diesem Tag etwas anders werden würde.
Erst zaghaft, dann mit deutlich zunehmender Intensität trifft der gefürchtete Wind, der seinen Ursprung in Afrika nimmt, auf die friedvoll vor sich hin schaukelnden Fischerboote.
Es sind die Erfahrenen unter ihnen, die als Erste den Rückzug in den sicheren Hafen antreten.
Lorenzo, dessen Fischgrund wohl am weitesten vom Hafen entfernt liegt und bei seinem Rückzug eine Meile gegen den Wind ankämpfen muss, hat den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug verpasst. Der Wind ist zu stark, um erfolgreich gegen ihn anzukämpfen und treibt Lorenzo’s Schiff immer weiter auf die gefürchtete ˝Mula di Muggia˝ zu, einer breiten Sandbank, die schon vielen Booten zum Verhängnis geworden war. Lorenzo verzweifelt und versucht mit letzter Kraft, den Anker so zu platzieren, dass er Halt findet um so das Stranden des Schiffes zu verhindert.
Vergeblich. Die ˝Mula˝ hat Lorenzos Boot gefangen, lässt es im Sand festlaufen und zur Seite kippen.
Die anderen Fischerboote hatten sich in das schützende Hafenbecken retten können und Francesco bemerkt zuerst, dass das Boot von Lorenzo fehlt.
»Lorenzo ist noch draussen, wir müssen ihn holen, Männer!« ruft Francesco panisch. »Los, wir nehmen das Ruderboot. Sechs Mann an die Ruder, schnell!« Francesco wirft noch einen Anker und ein Bündel Tau in das Boot und die Rettungsmannschaft legt ab. Der Regen peitscht den Männern ins Gesicht und es wird aus vollen Kräften gerudert. Kurz vor Lorenzos Fischgrund sehen sie, was die meisten vermutet hatten. Die ˝Mula di Muggia˝ hat ein weiteres Opfer für sich gefordert. Langsam tastet sich das Rettungsboot zu Lorenzos Schiff vor. Der starke Wind und der Regen, der seitlich auf die Männer prasselt, verlangt den Fischern alles ab. Francesco versucht das Boot mit dem Anker fest zu machen. Der starke Wind und der sandige Boden vereiteln seine Bemühungen.
»Der Anker findet keinen Grund. Ich kann das Boot nicht fest machen. Wir müssen so knapp wie möglich an das Schiff heran kommen. Rudert, Männer!« Francesco brüllt gegen den tosenden Sturm an und die Rudermannschaft scheint zu verstehen. An der Rückseite von Lorenzos Boot, finden sie schließlich Lorenzo, der sich panisch an die Fischernetze klammert.
»Fang‘ das Seil, Lorenzo!« ruft Francesco, alle Leibeskräfte bündelnd. »Wir ziehen Dich her«. Er wirft Lorenzo ein Seilende zu, das dieser zum Glück fängt und sich gleich ins Wasser stürzt. Lorenzo und Paolo ziehen mit vereinten Kräften den verlorenen Fischer an Bord. Spuckend und hustend liegt der Gerettete in der Bootsmitte. Paolo torkelt zu seinem Ruderplatz und nach einer weiteren, wunderbaren Anstrengung, läuft die Rettungsmannschaft mit dem überglücklichen Lorenzo im Hafenbecken ein.

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Im Gemeinschaftshaus hatten die Frauen zwischenzeitlich den Ofen dermaßen aufgeheizt, dass die Männer, nachdem sie sich der nassen Kleider entledigen, mit nackten Oberkörpern bei den Tischen sitzen und die Rettung Lorenzos feiern. Das geht mit großen Mengen Wein, einer kräftigen Fischsuppe und Grappa ganz gut.
Bis spät in die Nacht werden die aufregenden Erlebnisse des Abends rekapituliert und die Schilderungen der unterschiedlich stark betrunkenen Retter werden immer unglaublicher. Letztendlich war alles gut ausgegangen, darüber war man sich einig. Lorenzos Boot würde bei der nächsten Flut wieder flott gemacht werden können und alles würde wieder so sein, wie es immer war. Nach ein wenig betrunkenem Gesang, beginnt sich die Meute aufzulösen und
als einer der Letzten begibt sich Francesco wackelig auf den Heimweg.

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Er betritt sein Haus und bemerkt im unteren Stockwerk einen Lichtschein unter der Tür, die zu dem Zimmer führt, in dem Esme schläft. Francesco ist in einer seltsamen Stimmung und wohl auch etwas betrunken. Er denkt: ›Na, was macht denn Esme noch auf?‹ Er öffnet die Tür und überrascht Esme bei ihrer Abendtoilette. Sein etwas glasiger Blick wandert über den wunderschönen Körper seiner Tochter und etwas seltsames passiert in ihm. Es war plötzlich nicht mehr Esme, seine Tochter, die da nackt vor ihm stand, es war die Manifestation perfekter Schönheit, ausgewogene Proportionen umschmeichelt von wunderbar blondem Haar und weißer, makelloser Haut. Francesco macht einen Schritt auf Esme zu und umarmt das nackte Kind. Francesco’s Geruchsinn schaltet sich in sein Denken und unaussprechliches nimmt seinen Lauf. Er muß ihren zarten Nacken küssen und fällt in einen tiefen Strudel, noch nie zuvor erlebten Genusses. Er kann nicht anders und er kann sich nicht mehr stoppen.
Eine Situation war losgetreten, die unmoralisch, verboten, unmöglich, von teuflischen Kräften geführt, Unheil für alle bringen muss. In Francescos Gedanken warnen alle diese Dinge klar, aber sie können nicht an die Oberfläche seines Denkens gelangen. Er ergibt sich und besinnungslos küsste er alle Stellen ihres Körpers. Ihr Geschlecht, das ihn rosarot und unberührt an junge Seerosen erinnert, die er vor ewigen Zeiten irgendwo am Festland in einem Weiher schwimmen sah. Sie schmeckt nach reifen Erdbeeren und Kirschen und besinnungslos läßt sich Francesco treiben. Es gibt kein Zurück mehr.
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‹Tagebucheintrag›

Esmeralda Moretti; Samstag, 17. November 1917

Gestern war mein Vater bei mir. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich ihm das letzte Mal so nahe war. Er hatte mich so lieb und ich ihn auch. Ich kann mir nicht erklären, was plötzlich dazu geführt hatte. Er roch etwas stark nach Grappa und Wein, aber das kann es wohl nicht gewesen sein. Ich hoffe, dass sein Gefühlsausbruch nichts mit einer Krankheit zu tun hat, da er irgendwann, bei einer Umarmung von starken Zuckungen geschüttelt wurde.
Diese Zuckungen steigerten sich mehr und mehr, bis sie plötzlich jäh endeten, worauf er aufsprang, sich eilig ankleidete und mein Zimmer wortlos verließ. Ich mache mir Sorgen um ihn, da ich auf dem Laken einen kleinen Blutfleck bemerkte. Ich hoffe, er ist nicht krank. Aus meinem Unterleib sickerte eine fremd riechende Flüssigkeit und ich bin im Zweifel darüber, ob ich mit Mutter darüber sprechen sollte. Wenn er mir nun seine Krankheit übergeben hat, nehme ich sie gerne, wenn es ihm dadurch besser geht. Ja, ich muß sagen, daß ich sehr besorgt bin und werde Vater genau beobachten müssen und notfalls mit dem Pfarrer oder dem Arzt reden.
Lieber Gott, bitte bring‘ kein Unglück über uns. Wir werden uns bemühen, damit Dir unser Verhalten gefällt und Du uns weiter wohl gesonnen bleibst.

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Der neue Tag beginnt für Francesco mit starkem Kopfschmerz. Der vergangene Tag hatte ihn sehr aufgewühlt und die dunklen Erinnerungen, die er an die Begegnung mit Esme hatte, verursachen einen undefinierbar trockenen und auch bitteren Geschmack in seinem Mund. Alessia geht schweigsam, wie immer, in den Tag. Sie erkennt wohl, dass Francesco von den Ereignissen des Vortages gezeichnet, keiner besonderen Aufregung bedarf. So wundert sie sich nur in sich hinein, warum er nicht schon lägst zum fischen gefahren war. Er war der Einzige, dessen Fischerboot alleine im Hafenbecken schaukelte.
Ein schweigsamer Morgen, wie so oft. Es wird nicht gesprochen, da auch ohne darüber zu sprechen, alles klar ist. Alessia geht besonnen ihren Aufgaben nach.
»Guten Morgen!« ruft Esme in den Raum, als sie ihn betritt. Sie ist schön und fröhlich wie immer und Francesco ist beruhigt, dass sie sich normal verhält. In seiner, von einem bleiernen Vorhang verhangenen Erinnerungen, war nicht klar zu erkennen, welche Ereignisse am Vorabend zu welchen Konsequenzen führen müssen. Aber irgendwas war da, das er nicht genau erkennen konnte. Es ist so, als wäre es in eine Kiste gesperrt, die er keinesfalls öffnen, ja nicht einmal berühren möchte.
Langsam beginnt sich die Welt um Francesco zu normalisieren. Obwohl sie sich anfangs so sperrig zeigte, scheint sie nun doch rund zu werden.
»Ich weiss, dass es schon spät ist, aber ich werde doch noch raus fahren. Wartet nicht mit dem Essen auf mich.« Francesco hofft, dass die klare Seeluft seine Gedanken etwas lüften würde und er freut sich vor allem darauf, alleine sein zu können.
Die anderen Fischer sind schon auf den Weg zurück in das Hafenbecken und die späte Ausfahrt Francescos verwundert.
»Na, Francesco, hast Du heute etwas verschlafen?« ruft Lorenzo, der stolz auf seinem Schiff vorbei fährt und lautstark dabei lacht. »Die Mula hat mir mein Schiff zurückgegeben. Die Flut ist heute besonders hoch.«
Francesco fängt nicht viele Fische. Er sitzt gedankenversunken auf einer Kiste und starrt in die See. Er versucht den Vorabend zu rekonstruieren. Etwas ganz süßes war da und zur gleichen Zeit auch etwas ganz bitteres. Ganz dunkel, in seinen Gedanken, kann er erkennen, daß es mit seiner Tochter Esme zu tun hat, aber er kann nicht genau erkennen, was da war. Der Druck auf seiner Brust läßt im hintersten Winkel seiner Gedanken einen fürchterlichen Verdacht aufkommen. ›was war da bloss passiert? Habe ich mich an ihr vergangen und damit ihr Leben zerstört. Ich werde in der Hölle schmoren.‹ sind letztendlich seine Gedanken und er beschließt, mit dem spärlichen Fang, die Heimreise anzutreten.

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Der ˝kleine Irrtum˝, wie das Wetterverhalten in den Wintermonaten genannt wird, hat seinen Höhepunkt erreicht. Die Fänge gehen beinahe auf Null zurück und es zahlte sich daher kaum aus, zum Fischen auszufahren. Die Fischer beschäftigen sich damit, ihre Boote, die sich nach einem arbeitsreichen Jahr endlich längere Zeit im Hafenbecken ausruhen können, zu reparieren. Die Netze müssen gänzlich überprüft und geflickt werden und wenn jemand genug Geld gespart hatte, um etwas Farbe für sein Boot zu kaufen, so gab es keinen besseren Zeitpunkt dafür, diese auf das Boot zu bringen.
Francesco ist auffällig schweigsam, doch niemanden beunruhigt das. Am Abend sitzen die Fischer im Gemeinschaftshaus zusammen und verspeisen den spärlichen Fang Francescos. Sie besprechen den Beginn der neuen Saison und etwaige Neuerungen.
Wie in jedem Frühjahr wird auch diesmal ein Wettrennen ausgetragen, bei dem die Fischgründe zugeteilt werden. Eifrig wird an den Booten gebastelt, geschliffen und lackiert. Es ist nicht ganz klar, welcher der Fischgründe der beste, beziehungsweise der schlechteste ist. Das ändert sich von Jahr zu Jahr. Deshalb wird vor dem Rennen willkürlich festgelegt, wie die Zuordnung der Gründe geschehen soll. Niemand nimmt das Rennen besonders ernst und der ganze Aufwand dient eher der Kurzweil, in den beschäftigungsarmen Wintermonaten. Wer tatsächlich Glück bei der Vergabe der Fischgründe hat, wird erst später im Jahr festgestellt werden können. Es ist einfach so, wie in jedem Jahr.
Jacopo Bellini hat im Jänner Geburtstag. Er feiert seinen sechzigsten Geburtstag und läßt dazu ein paar Kisten Wein springen. Alle freuen sich und es wird ausserordentlich lange im Gemeinschaftshaus zusammengesessen, getrunken, geraucht und gesungen.
Spät am Abend schleppen sich die Männer nach Hause und Francesco, der es nicht besonders weit hat, torkelt dem Hafenbecken entlang zu seinem Haus. Er poltert in den Flur und sieht unter der Türe von Esmes Zimmer einen Lichtstrahl. Er ist plötzlich hell wach und wie von Geisterhand geführt öffnet er die Tür. Er möchte sich dagegen wehren, fühlt sich aber machtlos. Er sieht seine wunderschöne Tochter vor dem Spiegeltischchen sitzen und legt seine schweren Hände auf ihre zarten Schultern. Esme lächelt über den Spiegel zu ihm und freut sich über den späten Besuch ihres Vaters. Sie will ihm nahe sein und klären versuchen, ob sich seine Krankheit verändert hatte. Vielleicht war er sie auch losgeworden. Sie versucht genau zu beobachten und bei einer sehr intensiven Umarmung spürt sie die Zuckungen erneut. Es wiederholt sich, was schon vor Wochen geschah. Es spielt sich ganz gleich ab. Nach dem besonders intensiven Rütteln, beeilt sich Francesco das Zimmer Esmes zu verlassen. Esme findet diesmal kein Blut auf dem Laken und sie fühlt sich beruhigt.
Francesco stapft die Treppe hoch zum Schlafzimmer, in dem Alessia bereits zu schlafen scheint. Sie macht das völlig geräuschlos und er kann nicht einschätzen, ob sie vielleicht nur so tat, als schliefe sie.

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‹Tagebucheintrag›

Esmeralda Moretti; Freitag, 18. Jänner 1918

Mein Vater war in der Nacht bei mir. Ich hoffe, dass er seine Krankheit überwunden oder an mich weiter gegeben hat. Ich spürte zwar seine Zuckungen, aber es war wenigstens kein Blut mehr auf dem Laken zu sehen. Ich hoffe so sehr, dass es ihm wieder besser geht. Ich habe ihn so furchtbar lieb und es ist ein unbeschreibliches Glück für mich, ihm so nahe sein zu können.
Ich fühle, dass sich alles zum Guten wendet und freue mich auf den Frühling, den blauen Himmel, die Blumen, die warme Luft.
Mutter ist schweigsam, wie immer und ich werde sie nicht auf Vater ansprechen. Ich hoffe und bete dafür, dass sich alles in Wohlgefallen auflöst.

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Im Dorf geht alles seinen gewohnten Gang. Man spürt die Aufbruchsstimmung, die mit dem milden Wind über die Bewohner des Dorfes zieht. Den Fischern wird langsam langweilig und man merkt die Vorfreude auf die erste Ausfahrt.
Die Fischgründe sind neu vergeben und jeder ist schon gespannt, wie ergiebig die neue Saison starten wird. Ein alter Aberglaube leitet den Jahreserfolg vom Ertrag der ersten Ausfahrt im Jahr ab. Dementsprechend aufgeregt verhalten sich die Fischer. Es werden zwar zu Beginn der Saison nur kleine Fische ins Netz gehen, das war klar, aber die Menge wird den Ausschlag geben.
An einem glasklaren Morgen starten die Fischer in die neue Saison und man sieht es den Fischern an, dass sie zurück in ihrem Element waren und sich darauf freuten, zu tun, was sie am liebsten taten. Die Ausfahrt mit dem Schiff, die Weite des Meeres, der blaue Himmel und die frische Luft vermitteln das Gefühl, frei zu sein. Keine maßregelnden Aufforderungen der Frauen, unbeliebte Dinge zu tun. Kein Schimpfen und Drängen; nur selbstbestimmtes Handeln prägt das Leben an Bord. Niemand redet dazwischen oder stellt Entscheidungen in Frage. So ist das Fischerleben, das alle so lieben und für das sich alle bestimmt fühlen.
Francesco darf seine nachdenklich gerunzelte Stirn der See zeigen und muss niemandem lästige Fragen beantworten. Er fühlt in seiner Magengrube, dass er Unrecht begangen hatte und das die Konsequenz daraus unbarmherzig darauf wartet, ans Licht zu treten.

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‹Tagebucheintrag›

Esmeralda Moretti; Samstag, 2. Februar 1918

Meine Periode ist schon seit Tagen überfällig. Hat mir mein Vater seine Krankheit übertragen? Ich bin unsicher und die Übelkeit, die mich Morgens regelmäßig überkommt kann ich nicht zuordnen. Ich spüre, dass sich in meinem Körper etwas verändert und hoffe auf natürliche Ursachen.
Ich glaube, ich wandle mich vom Mädchen zur Frau. Mein Busen schwellt mehr und mehr an und ich hoffe doch, dass Mutter mit mir darüber sprechen kann. Ich werde sie bei nächster Gelegenheit darauf ansprechen. Ich glaube, solche Veränderungen schon bei anderen Frauen beobachtet zu haben. Doch meine größte Sorge gilt der Gesundheit von Vater. Die Zuckungen machen mir Sorgen und der seltsame Ausfluss dazu. Vielleicht habe ich jetzt die gleiche Krankheit wie er und sie wirkt sich ei mir einfach anders aus.
Es ist nicht einfach, Mutter in ihrem Arbeitstrott zu stören doch an einem sonnigen Nachmittag gelingt es mir doch für kurze Zeit. Sie hört sich nachdenklich die Schilderungen der Veränderungen, die ich an mir bemerkt zu haben glaube, an. Von Vaters nächtlichen Besuchen möchte ich ihr allerdings nichts erzählen. Die Momente der Nähe, zwischen Vater und mir, gehören nur mir und Vater, fühle ich.
Mutter beschliesst darauf hin, mit mir zum Arzt nach Palmanova fahren zu wollen. Sie teilt die Angelegenheit mit ernster Mine meinem Vater mit und wir beschliessen gleich am nächsten Tag zu fahren.

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Francesco steuert das Boot wortlos durch die Lagune. Alessia ist nicht besonders gesprächig; eine böse Vorahnung beschleicht sie.
Francesco wartet bei seinem Boot, bis die beiden Frauen zurückkehren. Der Verdacht Alessias hat sich bestätigt und sie versuchte am Rückweg den Verursacher der Schwangerschaft Esmes zu erfragen. Esme bestreitet jeden Männerbesuch, doch letztendlich erzählt sie doch von den nächtlichen Besuchen ihres Vaters.
Für Alessia bricht die Welt zusammen. ›Wie konnte der Mann, mit dem sie das Leben teilt, die eigene Tochter schwängern?‹ fragt sich Alessia. ›Ist der Mensch derart egoistisch, dass er für einen kurzen Moment des Glücks; der Befriedigung, die ganze Familie ins Unglück reißt?‹
Francesco entfremdete sich in diesem Moment für Alessia völlig.
Esme versteht die Zusammenhänge nicht und wundert sich über die anhaltende Schweigsamkeit der Eltern. Sie freut sich über die Diagnose, schwanger zu sein und hält den Umstand für eine normale Entwicklung im Leben einer jungen Frau, die an der Grenze zum Erwachsenwerden angelangt ist.
Das monotone knattern des Bootsmotors begleitet die schweigsame Familie auf dem Heimweg und jeder denkt in eine andere Richtung.

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Nur wenige Freundinnen Esmeraldas freuen sich aufrichtig über die Nachricht, die Esme verkündet. Viele sind einfach von Neid erfüllt, denkt Esme und sie freut sich auf den neuen Lebensabschnitt, das Kind, die Zukunft.
»Du Hurenbock kannst es dir nicht verkneifen, deine eigene Tochter zu schwängern. Wie stellst du dir die Zukunft jetzt vor. Niemanden können wir mehr in die Augen sehen. Wir sind verloren; verdammt.« brüllt Alessia auf Francesco ein.
Francesco findet keine Antwort; er findet keine Worte, die er erwidern könnte. Er hat an den Pforten der Hölle geklopft, das ist ihm klar und er sieht keinen Ausweg aus der Situation.
»Das war kein einmaliges Geschehen, du warst öfter bei ihr. Was, um Gottes Willen, geht in deinem Kopf bloss vor?« brüllt Alessia weinerlich und lautstark auf Francesco ein.
»Ich kann dazu nichts sagen, Alessia. Ich finde kein Wort, das beschreiben würde, was ich empfinde. Es gibt keine Vergebung dafür. Ich bin verdammt.« stammelt Francesco leise hervor und macht sich daran, zum Hafen zu gehen, um zum Fischen auszufahren.
Die Nachricht hat sich schon im ganzen Dorf verbreitet; die Menschen, die er am Weg trifft, sind nicht sehr gesprächig. Mehr als ein müdes ˝Hallo˝ wird ihm auf seinen Gruß kaum erwidert. Die munteren Gespräche im Gemeinschaftshaus der Fischer verstummen, als er den Raum betritt. Er fährt zum Fischen aus dem Hafen und hat das Gefühl erstmals richtig durchatmen zu können. Die Einsamkeit auf See und das Gekreische der Möwen werden zu seinem Rückzugsort, den er so dringend braucht.

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Ein neues Jahr zieht über die Lagune. Das Leben im Dorf geht munter seinen Gang, doch es ist nichts mehr, wie es vorher war. Francesco’s Familie wird mehr und mehr an den Rand gedrängt. Es ist, wie es Alessia prophezeit hatte. Niemand möchte mehr all zu nahen Kontakt zu Alessia, Esme und Francesco pflegen.
Esme deutet das Verhalten der Leute dahin, dass alle von Neidgefühlen geführt werden. Niemand scheint ihr das grosse Glück der Schwangerschaft zu gönnen.
Als der Herbst in die Lagune zieht, gebiert Esme einen gesunden Jungen, den sie den Namen ihres Großvaters, Alessandro, gibt. Jeder, der in die strahlend blauen Augen des Kindes sieht verfällt dem kleinen Geschöpf augenblicklich. Vergessen sind die unmöglichen Umstände, die zu seiner Existenz führten.
Francesco, der mit einem Schlag Vater und Großvater wird, vergisst alle peinigenden Gewissensbisse beim Anblick des Kindes.



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Es wird Herbst und Alessandro wird ein Jahr alt. Die Nacht ist kühl und stürmisch; Regen und Wind heulen durch die Gassen. Esme wird vom schlagen der offenen Fensterflügel geweckt und stürzt, plötzlich hell wach, zu Alessandros Bett. Es ist leer und Esmes Herz scheint still stehen zu wollen.
»Varvuole, Varvuole, die Furien haben mein Kind geraubt!« brüllt Esme aus voller Kraft und weckt damit nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Menschen in den umliegenden Häusern. Alessia und Francesco poltern die Treppe herunter und finden die verstört weinende Esme kniend vor dem leeren Bett des Säuglings.
»was ist passiert, Esme? Wo ist das Kind?« drängt Alessia auf Esme ein.
»Das klappern der Fensterläden hat mich geweckt. Die Varvuole müssen hier gewesen und das Kind geraubt haben.« ruft Esme schluchzend.
»Nein, Esme. Es gibt keine Varvuole. Warte, ich bringe dir dein Kind.« sagt Francesco.
Vor dem Haus haben sich bereits einige Fischer versammelt, die vom Geschrei aus den umliegenden Häusern gerissen waren.


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Bela, die Hexe lebt schon seit Jahrzehnten auf einer winzigen, vorgelagerten Insel. Vor Jahren; Jahrzehnten hatte die Frau in einem Haus im Dorf gelebt und war unsterblich in Francesco verliebt gewesen. Francesco liebte auch sie und es schien ihrem gemeinsamen Glück nichts im Wege zu stehen. Alessia kam dazwischen und Francesco entschied sich dazu, sein Leben mit Alessia teilen zu wollen.
Bela brach das Herz und ihr Verstand bekam wohl auch einen Schaden ab. Sie verkaufte ihr Haus an den Fischhändler und ließ sich von den Burschen im Dorf auf einer kleinen Insel, die etwas entfernt vom Dorf war, eine casone (kleine Strohhütte) bauen. Seit damals haust sie auf der kleinen Insel und ernährt sich von Fisch und Gemüse. Eben dem, was ihr das kleine Stück Erde und die Lagune abgibt. Nur selten kommt Besuch auf ihre Insel. Einmal im Jahr kommt vielleicht der Pfarrer. In der Zeit, in der ihre Brüder noch lebten, kamen auch die manchmal auf Besuch und um nach dem Rechten zu sehen.
Bela hat den Ruf, über ungewöhnliche Kräfte zu verfügen. Man sagt, dass sie irgendwann, mit einer lapidaren, wischenden Handbewegung, ein deutsches Aufklärungsflugzeug vom Himmel geholt haben soll. Sie wird dafür verantwortlich gemacht, wenn der Wind besonders stark weht und wenn jemand besonderes Pech beim Fischen hat, wird es auf den Umstand geschoben, dass der Fischer wohl irgendwann, aus Unachtsamkeit, unhöflich zu Bela gewesen sein mußte.
Jedenfalls ruhte der Verdacht vieler Dorfbewohner und auch der von Francesco darauf, dass sie das Kind geholt haben mußte.
Es regnet in Strömen, als Francesco und eine Gruppe aus Fischern, die Fahrt zu Bela‘s Insel antreten.
Bei Bela‘s Insel angekommen, stürzt Francesco zur Hütte und eilt gleich, ohne Ankündigung, in den einzigen Raum, der nur eine winzige Türe, die nach Westen zeigt, hat.
Tatsächlich sitzt Bela mit wahnsinnigem Blick vor dem Ofen, schaukelt ein Bündel auf ihren Knien und scheint sich nicht über den Besuch Francescos zu wundern.
»Du hast deine eigene Tochter geschwängert, du Hurenbock.« krächzt die Hexe. »Du wirst in der Hölle schmoren.«
»Gut, Bela. Dann geh‘ du voraus.«
Für einen kurzen Moment treffen sich ihre Blicke. Francesco sieht in die glasklaren, blauen Augen von Bela und die längst vergessen geglaubte Tiefe, erschüttert ihn kurz.
Mit drei vehementen Schritten stürzt er auf sie zu und entnimmt ihr das Bündel, das damit beginnt, aus einem leisen Wimmern erst, ein lautstarkes Brüllen zu erzeugen.
Für die Männer, die sich vor der Türe sammeln, bedeutet das Geschrei ein sicheres Zeichen für den Erfolg der Mission.
Nachdem Francesco aus der Tür getreten ist, beginnt Paolo damit, die Tür zu verbarrikadieren. Lorenzo versucht, gleich neben der Tür‘, die Strohhütte in Brand zu setzen. Der viele Regen, der die Strohmatten aufgeweicht hatte, verhindert das anfangs. Nachdem die Flammen die Überhand gewonnen haben, breiten sie sich jedoch rasch und verheerend aus. Die Flammen bündeln sich zu langen Zungen, die nach dem schwarzen Himmel lecken.
Ein markerschütternder Schrei, der wie ein abscheuliches Lachen klingt, lässt das Blut der Männer in den Adern gerinnen. Das Boot ist noch keine hundert Meter von der Insel entfernt und man sieht die brennende Hütte als Fackel hell über die Lagune leuchten.
Im Hafenbecken hat sich eine aufgeregte Menge um Esme versammelt, die hysterisch kreischend Halt in den Armen ihrer Mutter sucht.
Francesco drückt ihr Alessandro in die Arme und Esme fühlt eine riesige Last von ihr abfallen.
Alle sind froh über den glimpflichen Ausgang der Entführung und die Gruppe beginnt sich aufzulösen.

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Die Lagune zeigt sich unbeeindruckt von all den Geschehnissen. Sie tut, was sie immer tut. Die Sonne geht am Morgen auf, sie scheint unterschiedlich intensiv; die Flut kommt, sie geht. Der Wind bläst manchmal stark und manchmal nicht. Ein, sich abwechselndes Spiel der Ereignisse, in das die Menschen, jeder mit seinem speziellen Schicksal, zu leben versuchen.
Eines Morgens, der Himmel ist wunderbar blau; es gab in der Nacht zuvor stürmischen Wind, fährt Lorenzo früh am Morgen zum Fischen aus. Sein Weg durch die Lagune ist gesäumt von entwurzelten Baumstämmen, denen er geschickt auszuweichen versucht. Ein Baumstamm schwimmt in seinen Weg, der anders aussieht, als die Anderen. Das Boot gleitet langsam näher an den vermeintlichen Baumstamm heran und Lorenzo erkennt, dass es kein Baumstamm ist, sondern ein Mann, der mit dem Rücken nach oben in der Lagune treibt.
Mit einem Ruder dreht er die Leiche vorsichtig auf den Rücken und erkennt das aufgedunsene und von den Fischen angeknabberte Gesicht Francescos.


E N D E​

Inspiriert von einem Grado-Kurzurlaub 10/2019 und dem Buch: "Grado abseits der Pfade - Eine etwas andere Reise durch die Sonneninsel, Michael Dangl"
 

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