Lieber Jonas Laufberg,
nach nachmittäglicher Kurzbewertung in Form von „ausgezeichnet“, der besonderen Thermik der Zeit geschuldet, habe ich jetzt Aufwind gefunden, um dir zu deinen beeindruckenden Zeilen zu schreiben. Wenn die Faszination tiefer geht als ein gewöhnliches Lesen, sollte sich der Raum öffnen, um ihm Worte einzuflößen.
Dein Gedicht ist nicht nur ausgezeichnet, es ist noch vieles mehr. Beeindruckt verfolge ich die Wahl deiner Worte, sie ist außergewöhnlich, nicht verschlissen, sie nimmt sich Bewusstsein ins Lesen, führt eine eigene Sprache heran. Mir gefällt, wie du das eine Komma setzt, das andere nicht. Gerade das fällt auf im äußeren Blick auf deine Zeilen. Ich nehme zwei Beispiele heraus:
„die Möwe die abstürzt“ – dort ist es, das Rastlose, du hast ihr den abstürzenden Atemflug eingehaucht – ohne Komma. „frisst was da ist die Möwe die abstürzt“ – kein Einschub, keine Unterbrechung, keine Illusion, die Pause wird mit aufgefressen.
An anderer Stelle wieder dieses Zusammenziehen:
„durchläuft den Rücken, den Grundriss, das Myzel des Fehlens“ – hier wird es wieder getaktet, einzeln gefühlt, verwoben. Ich finde diese Herangehensweise aufs Beste eingesetzt.
Das sind nur die ersten, ich nenne es „optischen“ Eindrücke.
Du hast mich als Leser bereits mit den ersten zwei Verszeilen auf schönste Art gewonnen. Was sind wir, die diese besondere Art sich nicht zu berühren, beherrschen und trotzdem das Wetter des anderen sind? In meiner Lesart sind wir (die eigentlich im Gedicht fast Unbenannten, die Verschwiegenen im Wir und Ich), zwar niemand mehr, der anfassen, nah sein darf, und hier die erste interessante Übertragung schon gleich zu Beginn, ins Wetter, wie ein meteorologisches Phänomen, einander betrachtend, auf seltsame Weise verbunden, durch Natur. Ein Nebelbild steigt auf, ein Ereignis, dass sich sowohl in Beobachtung eines äußerlichen Nebelfalls sehen und begreifen lässt, vielleicht nass auf unserem Gesicht, wenn wir durch diese Nebel wandern, die Feuchtigkeit spüren, als auch in der psychologischen Absenz eines noch nass begriffenen Gesichts, nicht zu sich findend.
Der „Nebel“ ist für mich hier beides: Bewusstheit und Blindheit.
Was darüber hinaus hereinstürzt, stellt sich keine Frage nach dem Warum, es ereilt sich nicht, es trägt nur zu und nimmt sich, was ist? Was nicht mehr ist? Ist Hoffnung in dieser Landung, es bleibt offen. Ihm begegnet lediglich „und dann nichts“ beschrieben als seltsame Freiheit. Wieder in einem sensorischen Wechselspiel „kalt auf warm“. Es taucht ein in gespaltene Beziehung, in Erinnerung an Liebe und Tod. Dazwischen steigt etwas auf, in Grau gehüllt. Es wird verglichen mit einer unbezahlten Rechnung. Verstanden als Last, ein unbeglichenes Grau, später wird eine Dachrinne darüber Buch führen. Ein Zwischenraum.
Im zweiten Sinnabschnitt beginnt sich Wolle, Organisches zu erinnern, bevor sie berührt werden kann, unterliegt sie einem Schnitt, einer „Schulterform“ und „Thermik“. Der gespindelte Faden ist für mich Konformität. Diese „Wolle“ bemüht sich, gleichzeitig zu sein: weich, angepasst und fluktuierend. „aus dem was bleibt wenn jemand geht“ beeinflusst alles, körperlich, den Rücken, vergleichbar der Last auf unseren Schultern, es erobert den Grundriss unseres Seins, das Fehlen selbst wird zu einem „Myzel“, es gräbt sich wie ein unendliches Geflecht in uns fort, sich ausbreitend. Es schmilzt wesentlich später als „Toteis“. Der eine Mensch, der anders bleibt, unter Leinen, nicht mehr in einer Deck-ung, die Halt verspricht.
Wenn ich diese Verszeile lese: „was nach oben wollte verteilt sich ins Gerücht“ kommen mir die Gedanken an das Fehlen des Glaubens, an die Abwesenheit des so gerne ausgesprochenen Wortes. Ihr legt eine Trennlinie den Finger auf die Lippen, maßregelnd, in Unterschied von Grau und Schwarz. Eine Entfernung wird benannt, die sich in höchstem Maß vom Brennpunkt entfernt, sich eignend, selbst den Abstand zu benennen in seiner erwirkten Differenz.
Eine Strähne im Abfluss, sie wirkt zersetzt, ein Haar des anderen, das zurückblieb, vielleicht das Einzige, das von ihm bleiben durfte, es wird lesbar, rückwärts lesbar. Es setzt sich in die Gedanken wie eine Lösschicht des Sediments, wird Sporenflug für das folgende Myzel des Fehlens. In seiner Umkehr, die weder Zersetzung noch Werden ist, ist es die eine „Strähne“, die mitschrieb und mitschreibt ohne Abkehr, ohne Ablass, sondern vielleicht als Seele.
Lieber Jonas, die Faszination für dein Gedicht hält an. Alles, was mir jetzt in diesem Moment dazu einfällt, wird sich weiter ergänzen durch ein neues Lesen dieses, deines Gedichts. Es liegen so viele verschiedene Zugänge darin und ich bin mir sicher, mit jedem neuen Leser werden es mehr

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Danke für dieses Erlebnis.
Liebe Grüße,
ubertas