Gravitation

Lisa Büning

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Gravitation lässt sich nicht betrügen. Ich weiß es, ich hab’s versucht. Man könnte fast schon sagen ich habe mein Leben lang nichts anderes gemacht. Jeder Tag auf dem Planeten ein Risiko, jeder Tag dort oben ein fast genauso großes. Hin und her gerissen zwischen 9,807 m/s² und 1,539 m/s².

Jetzt ist das Spiel vorbei, alle Karten sind offengelegt und egal wie viele kleine Siege man sich in den einzelnen Runden erringen konnte, am Ende ist es immer die Bank, die gewinnt. Die Schwerkraft.

Ich sitze auf einer kalten Stahlbank mitten im Grün des kleinen Waldes der unsere schäbige Kolonie mit Sauerstoff versorgt. Es ist ein eigener kleiner Mikrokosmos, künstlich angelegt, perfekt im Gleichgewicht. Hier ist nichts was stört, was das Wachstum der Bäume beeinträchtigen oder die haargenau ineinandergreifenden Zahnräder der Natur aus dem Takt bringen könnte. Nichts bis auf mich. Ein Schweißgerät von der Arbeit entwenden, durch die Schleuse schmuggeln, ein wenig Funkenflug und schon haben wir einen erstklassigen Waldbrand. Natürlich werde ich das nicht tun, ich bin auf diesen Wald angewiesen genauso wie auf die Wasseraufbereitungsanlage, den Strahlenschutz und die Versorgungsflüge. Aber ich könnte es tun.

Stumm starre ich auf die Baumreihen vor mir. Die menschliche Hand bei der Entstehung dieses Waldes ist unverkennbar. Mit viel zu viel Präzision wurden sie in die exakt richtigen Abstände zueinander gepflanzt, umrankt von Buschen, Sträuchern und Gräsern in dem traurigen Versuch Chaos in der Ordnung zu schaffen. Sie haben diesen Abschnitt vor gerade einmal zwanzig Jahren neu bepflanzt, im gleichen Jahr, in dem ich auf die Oberfläche zog. Für diese Bäume ist das nichts, mir kommt es vor wie eine Ewigkeit.

Langsam stehe ich auf und mache mich auf den Heimweg. Meine großen Sprünge tragen mich in nur einer Minute zur nächsten Schleuse, einer der wenigen Vorteile der geringen Schwerkraft auf meinem Heimatplaneten. Mein Weg führt mich durch endlose schmale Gänge, gerade breit genug damit zwei einander entgegenkommende Menschen nicht mitten im Sprung kollidieren. Platzsparen war Priorität Nummer 1 beim Bau der Kolonie. Heute, einige hundert Jahre später, sieht man es damit nicht mehr ganz so eng. Schon lange nimmt die Einwohnerzahl immer weiter ab. Mehr Platz für die, die übrig bleiben, bald werden wir die ganze Kolonie für uns haben. Der Letzte macht das Licht aus.

Das Echo trägt meine Schritte durch den Gang, das einzige Geräusch, das die Stille stört. All die Türen an denen ich vorbei komme tragen die Spuren vergangener Zeiten. Dellen, Macken und Klebeüberreste, da wo einst die Namen der Bewohner standen. Jetzt ist dieses Viertel eine Geisterstadt, ein Mahnmal für alle die auf der Oberfläche verbleiben. Es ist als würden mir diese Türen zuflüstern, von all den falschen Entscheidungen, den verwelkten Hoffnungen und hohlen Versprechungen. Die Überreste des Reichtums verhöhnen mich, lachen über mich, der nur einige Jahre zu spät oder zu früh geboren wurde. Verloren zwischen den Zeilen der Geschichte.

Über Generationen hat der Bergbau dieses an Rohstoffen reichen Planeten den Wohlstand seiner Bewohner gesichert. „Für eine weitere Generation wird es schon noch reichten.“, dachten meine Eltern. „Für eine weitere Generation wird es schon noch reichen.“, dachte ich. Sie hatten recht, ich nicht.

Die Kolonie stirbt. Jeder mit ein bisschen Verstand verlässt diesen Ort. Jeder der es kann. Für die meisten in meinem Alter, die Jahrzehnte in der geringen Schwerkraft verbracht haben, ist es zu spät, mein Körper erträgt eine höhere Gravitation nicht mehr. Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Hier bleiben oder auf einen anderen Planeten oder Raumstation mit ähnlicher Schwerkraft ziehen. Wir können es uns nicht leisten hier wegzuziehen und so bleiben wir hier. Die Gravitation hat uns in ihrem Griff, beraubt uns unserer Möglichkeiten, unserer Wahlfreiheit, unseres freien Willens. Sie lässt uns hier zum Sterben zurück.

Wenigstens waren meine Kinder schlau genug nicht auf die Oberfläche zu ziehen als sie volljährig wurden und vor der gleichen Entscheidung standen wie ich. Jung und dumm ließ ich mich von der Gravitation des Planeten packen, dachte ich könnte sie austricksen, ließ mich auf einen Kampf ein, den ich nur verlieren konnte.

Es ist nicht mehr weit bis zu der Tür, die meinen Namen trägt, die in das Apartment führt, in dem meine Frau auf mich wartet. Die Mieten sind in sich zusammengebrochen, nur deshalb können wir uns es leisten und trotzdem sind wir auf die Rücküberweisungen unserer Kinder angewiesen. Wie unnützer Ballast hänge ich ihnen am Bein, abhängig wie ein Kleinkind, herabgesetzt, gedemütigt.

Ich schließe die Tür auf und meine Frau begrüßt mich mit fröhlicher Stimme. Ein angenehmer Duft nach Gemüsesuppe schlägt mir entgegen. Heute Abend werden wir gemeinsam essen, lachen, reden, vielleicht unsere Kinder anrufen und die Holoaufnahmen unserer Enkel bewundern. Alles nur um die Zeit zu überbrücken. Bis diese Kolonie endlich ihren letzten Atemzug getan hat und ihre Einwohner aus ihrem eisernen Griff entlässt. Der Letzte macht das Licht aus.
 

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