Gregor, der Radiomoderator

Einem Profi hört man nicht an, wie er sich gerade fühlt.

Diesen Spruch hatte Gregor einmal aufgeschnappt und zu seinem Credo gemacht. Seit fünf Jahren arbeitete er bei Antenne quatre-vingts, einem mittelgroßen Sender in Rheinland-Pfalz, den man auch in Teilen Frankreichs noch empfangen konnte. Seine Vorgesetzten hatten ihn eingestellt, weil sie seine jugendliche, manchmal flapsige Art überzeugt hatte. Gregor war jenseits der 35, aber die meisten Hörer von Antenne quatre-vingts stellten sich eher einen 25-jährigen vor.

„Guten Morgen zusammen! Es ist kurz nach 5, es wird ein schöner heißer Sommertag, und Antenne quatre-vingts begrüßt alle Frühaufsteher, diejenigen, die zur Arbeit müssen und diejenigen, die es freiwillig machen! Wir starten mit wunderschöner Musik! Ich bin Gregor Dagger, Ihr Radiomoderator.“ Gregor drehte sein Mikrofon ab und nickte seinem Kollegen Manuel, der für die Musik verantwortlich war, zu. Manuel drückte ein paar Knöpfe, und ein Hit von Cutting Crew aus den 80ern erklang. „I Just died in your arms tonight“, sang der Frontmann der Band. Gregor schlenderte zu Manuel hinüber und setzte sich neben ihn. „Ein klasse Song. Erinnert mich an die unglaublichste Nacht, die ich jemals hatte.“
Manuel lachte. „Ist sicher schon lange her?“
„Ein paar Jahre. Das war die erste Nacht mit Cindy. Da wusste ich, das ist die Frau fürs Leben. Und weitere unglaubliche Nächte mit ihr folgten.“ Gregor schwieg und sah versonnen vor sich hin.
„Da wir gerade von deiner Frau reden, habt ihr am Wochenende schon was vor? Wir wollten grillen. Wäre schön, wenn ihr kommen könntet.“
„Ich frag Cindy mal, aber ich glaube, sie wollte Samstag mit ihren Freundinnen ausgehen.“
Die Musik wechselte von Cutting Crew zu dem französischen Erfolgshit „Moi … Lolita“ von Alizée. Gregor wechselte den Platz, drehte kurz vor dem Ende des Liedes sein Mikrofon auf und sang am Schluss für die Hörer ein paar Zeilen mit. „Je vois les autres …c’est pas ma faute … Man muss einfach mitsingen bei solch tollen Hits! Da hat sich unser Musikredakteur ein nettes Programm ausgedacht, liebe Hörer, bei der flotten Musik tanzen die Füße ganz von allein! Seien Sie versichert, es kommt noch mehr davon! Bleiben Sie also dran!“ Er winkte Manuel zu, und das Musikprogramm ging mit „I can’l live, when living is without you“ von Mariah Carey weiter.
Um 12.00 Uhr machte Gregor Feierabend. „Es war mal wieder super mit Ihnen, liebe Hörer! Noch einen schönen Tag und bis morgen, ich freue mich auf Sie!"
„Du warst wieder klasse“, sagte Manuel, als das Mikrofon aus war, „ich wette, manche Hörer stehen nur wegen dir auf.“
„Ja, gelernt ist halt gelernt!“ Gregor grinste. „Bis morgen, Alter! Wegen dem Grillen sage ich dir noch Bescheid.“

Als er die Haustür aufschloss, wunderte er sich nicht mehr über die Stille wie in den letzten Tagen. Erst war es seltsam gewesen. Aber man gewöhnte sich anscheinend an alles. Auch daran, dass die eigene Frau auf und davon war, mit irgendeinem Kerl, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Gregor hatte das noch niemandem erzählt. Es galt, die Fassade aufrecht zu erhalten.
Er betrat das Wohnzimmer und blieb wie erstarrt stehen. Es war leer – alle Möbel waren weg.
„Oh – nein.“ Hektisch lief er in die Küche. Er hatte es kommen sehen – auch hier waren alle Möbel verschwunden. Er lief ins Schlafzimmer. Das Doppelbett war weg. Gregor schluckte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Klammheimlich hatte sie das gedreht. Warum tat sie ihm das an?
Jedenfalls musste er etwas tun, damit er heute Nacht schlafen konnte. Er würde sich zunächst eine Luftmatratze besorgen. Und später ein Möbelhaus aufsuchen.

Im Möbelhaus ließ er sich ausgiebig beraten, warf ab und zu eine Bemerkung oder Frage ein und riss Witze, bis der Verkäufer stutzte.
„Moment, ich kenne Sie doch! Sie sind Gregor, die Stimme von Antenne quatre-vingts! Das ist ja eine nette Überraschung!“
Gregor schüttelte ihm die Hand. „Ganz meinerseits. Freut mich, einen unserer Hörer kennenzulernen!“ Von da an redete er wie ein Wasserfall. Der Verkäufer kam erst wieder zu Wort, als er ihm den Kaufvertrag vorlegte. Gregor unterschrieb, bedankte sich und empfahl dem Verkäufer, morgen früh sein Radio einzuschalten.

Am nächsten Tag erzählte er Manuel, dass Cindy am Wochenende nicht da sei und er selbst auch nicht kommen könne, weil Samstag neue Möbel geliefert würden. Da müsse er zu Hause sein.
„Schade“, sagte Manuel, „ich wollte …“ Seine Worte gingen im Lärm unter, weil Gregor die Musik auf volle Lautstärke gestellt hatte. Er brüllte fast ins Mikrofon: „Und nun, liebe Hörer, machen Sie sich auf etwas gefasst! Es kommt ein Hit nach dem anderen. Raus aus den Betten, ein wunderschöner neuer Tag hat begonnen!“
Manuel kam an diesem Tag kaum zu Wort. Gregor drehte in jeder Hinsicht voll auf.
„Du warst ja noch besser als gestern“, lobte er ihn nach Feierabend.
„Danke, Manuel. Ich fühle mich heute einfach top in Form.“

Und in Gedanken wiederholte er sein Mantra: Einem Profi hört man nicht an, wie er sich gerade fühlt.
 
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steyrer

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Hallo SilberneDelfine,
ich halte das für eine recht passable Kurzgeschichte: Die aufgedrehte Fröhlichkeit des Moderators kontrastiert so stark mit seiner inneren Traurigkeit, dass allein das schon die Geschichte trägt. Auch die scheinbaren Nebensächlichkeiten wie die gespielten Songs passen zum Thema. Für meinen Gusto übertreibt es Gregor aus psychologischer Sicht zwar etwas, wenn er von seiner Verflossenen schwärmt, aber zugegeben: auch dass hilft der Geschichte, weil es den Konflikt verstärkt. Der Sendername „Antenne quatre-vingt“ kann wohl nur rein französisch ausgesprochen werden. Das wäre eine Stolperfalle in einem deutschen Satz. Oder spricht er in Wahrheit französisch und Deutsch ist nur ein Zugeständnis an die Leser?
Der Name „Gregor Dagger“ wirkt bilingual, auch das würde passen.

Schöne Grüße
steyrer
 
Hallo steyrer,

ich halte das für eine recht passable Kurzgeschichte:
das freut mich sehr. :).

Der Sendername „Antenne quatre-vingt“ kann wohl nur rein französisch ausgesprochen werden. Das wäre eine Stolperfalle in einem deutschen Satz. Oder spricht er in Wahrheit französisch und Deutsch ist nur ein Zugeständnis an die Leser?
Falls er im Saarland aufgewachsen ist (nicht weit weg von Rheinland-Pfalz) sollte er fließend Französisch neben seiner Muttersprache Deutsch sprechen können, denn dort wird Französisch schon ab der Grundschule gelehrt (in Rheinland-Pfalz leider nicht, erst ab dem 7. Schuljahr). Der Name Antenne quatre-vingt kommt daher, dass der (fiktive) Sender auch in Teilen Frankreichs empfangen werden kann. Es wird ungefähr „katreveng" ausgesprochen und bedeutet eine Zahl (80). Steht dafür, dass der Sender ziemlich viele Songs aus den 80ern bringt.

Und jetzt habe ich gerade gemerkt, dass ich die Zahl in dem Fall falsch geschrieben habe. Da kommt noch ein „s" dran, weil es am Ende einer reinen Zahl steht (quatre-vingt bedeutet auf französisch 4 x 20). Werde ich gleich verbessern. Ausgesprochen wird es aber genauso, das s ist ein stummes s ist. 81 würde quatre-vingt-un geschrieben, also ohne s (habe ich auch gerade erst gesehen, ich dachte, es würde immer ohne s geschrieben).

Die aufgedrehte Fröhlichkeit des Moderators kontrastiert so stark mit seiner inneren Traurigkeit, dass allein das schon die Geschichte trägt.
Schön, dass die Geschichte so gewirkt hat, wie ich es mir vorgestellt habe.

Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe!

LG SilberneDelfine
 
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Ich muss mich korrigieren, das war zu meiner Schulzeit in Rheinland-Pfalz noch so, dass Französischunterricht erst ab der 7. Klasse stattfand. Heute beginnt man schon in der dritten Klasse Grundschule:
 

steyrer

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Es ist kurz nach 5, es wird ein schöner heißer Sommertag, und Antenne quatre-vingts begrüßt alle Frühaufsteher,
Es geht mir nur um den notwendigen Betonungswechsel im Satz – zum Beispiel für den Fall, dass jemand die Geschichte vorlesen möchte.

Nebenbei: Im sechsten Absatz steht noch immer „quatre-vingt“ (Gespräch mit dem Verkäufer). : )

steyrer
 
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Danke für den Hinweis, werde ich noch verbessern :).
Zur Betonung: Das erste Wort wird auf der letzten Silbe betont, also katre-weng (das v wird wie ein w ausgesprochen und das g am Schluss darf man kaum hören).
 
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Hat mir auch gut gefallen! Die ewige Geschichte des Traurigen Clowns in einem zeitgemäßen, ansprechenden Gewand. Wobei dieser hier wohl eher nicht melancholisch qua Gemüt, sondern aus handfesten Gründen ist. Obwohl, vielleicht ist er doch ein bisschen depri und kompensiert das - natürlich ist das nur Spekulation, die Geschichte gibt's letztlich nicht preis, muss sie auch nicht.

Mich jedenfalls macht diese Zwangsbelustigung beispielsweise in Faschings- und ähnlichen Veranstaltungen und eben auch in diesen überdrehten Radio-Moderationen eher traurig.

MfG
Binsenbrecher
 



 
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