Horst M. Radmacher
Mitglied
Endlich eine Nachricht von seinem Enkel. Der alte Mann legte das Telefon zur Seite und lehnte sich lächelnd in den Sessel zurück. Ralf Flintbek freute sich sehr über die Einladung. Sein Enkel Tobias hatte vor, nach Rückkehr von seiner Reise aus Neuseeland, den 21. Geburtstag nachzufeiern. Und es sollte groß gefeiert werden, auf verschiedene Termine verteilt. Für Ralf war es fast ein Ritterschlag, als einziger 'Alter' in die Gruppe der jungen Freunde eingeteilt zu werden. Enkel Tobias und sein Großvater hatten von je her ein inniges Verhältnis zueinander. „Opa erzählt von früher“, diese übergriffige Nummer hatte er, zumindest in Beisein des Jungen, immer vermieden. Er selber war in dieser Beziehung von ähnlichen Erzählweisen in seiner Kindheit traumatisiert. Zu oft hatte er genervt zuhören müssen beim Thema 'Opa-oder-sonst-Wer' erzählt vom Krieg. Das hatte ihn in seinen jungen Jahren nachhaltig gestört. So einer wollte er niemals werden. Und ganz sicher nicht anlässlich dieses Geburtstages. Auch war sein Hang zu einer für Erwachsene typischen dominanten Erzählweise inzwischen durch Altersmilde abgeschwächt.
Und es begann ein unangestrengter Abend. Die übrigen Gäste waren offensichtlich auf den älteren Gast vorbereitet worden und behandelten ihn keineswegs wie ein aus der Zeit gefallenes Fossil. Das Gegenteil schien der Fall zu sein. Dessen gelegentliche Gesprächsbeiträge an diesem Abend fanden die meisten offenbar 'cool', wie sie es in ihrem Jargon nannten. Die jungen Leute hatten augenscheinlich auch einen guten Geschmack, was die Getränkeauswahl betraf. Eine seiner bevorzugten Spirituosen, 'Flor de Caňa', ein 18-jähriger Rum aus Nicaragua, wurde großzügig ausgeschenkt. Das genüssliche Herantrinken an kreative Sphären beflügelte die Gespräche aller. Nach drei bis vier Gläsern des köstlichen Rums war der alte Herr in bester “Sabbellaune”, wie seine Ehefrau diesen Zustand gerne schon mal nennt. Die Gespräche über das Leben als solches sowie aktuelle gesellschaftliche Themen wurden mit erstaunlichem Sachverstand und Respekt geführt. Die Befürchtung des Großvaters, er würde in einer solchen Runde nur achselzuckend zuhören müssen, bewahrheitete sich nicht. Es war dann aber ein einziges Stichwort, bei dem er aus dem Kreuz kam: Wachstum. Die meisten Gesprächsteilnehmer in der Runde leiteten von diesem Begriff ihre als angenehm wahrgenommenen Lebensumstände ab, diese wollten sie auch künftig genießen. Opa Ralf hatte inzwischen ein paar weitere Gläser konsumiert. Und da geschah es: Sein bis dahin unterdrückter 'Alt-68er-Klugscheißer-Reflex' brach durch. Gerade Wachstum, das war für ihn nicht nur irgendein ideologisches Reizwort. Unreflektiert benutzt war es für ihn so etwas wie Unwort des Jahrhunderts. Nun wurde die Gesprächslage pointierter. Eine Grundsatzdebatte über den Umgang mit Statussymbolen schien unausweichlich.
Sein Enkel Tobias, Ralf hätte diesem soviel diplomatisches Geschick gar nicht zugetraut, rettete die Situation letztlich sehr geschmeidig. Er holte ein kleines zerfleddertes Buch hervor. „Hier, sieh dir das mal an, Opa.“ Der Enkel hatte den Reiseführer wider Erwarten wohl doch mit auf die Reise genommen und schlug nun eine bestimmte Seite auf. Bei genauerem Hinsehen erkannte Ralf Flintbek seinen alten Reiseführer für Neuseeland wieder. Den hatte er seinem Enkel vor dessen Abreise förmlich aufgeschwatzt, obwohl er ahnte, junge Reisende benutzen so etwas in der heutigen Zeit gar nicht mehr. Vor allen Dingen nicht eine Ausgabe aus den frühen Achtzigerjahren. Und so sah dieses Heftchen auch aus, abgegriffen und voller handschriftlicher Notizen, ganz im Stil des früheren Benutzers.
Es ging an der betreffenden Stelle um eine handschriftliche Notiz, auf die Tobias hinwies. Ja, das passte. Wie der Großvater aus dem Zusammenhang erkannte, war sie offensichtlich an den damaligen Besitzer des Buchs gerichtet: 'Ka piro te moni', Hotel Masonic, Opotiki, Januar 1984. Klang nach Maori-Sprache. Sein Enkel hatte sich das offensichtlich übersetzen lassen: „Geld stinkt doch!“ Und tatsächlich, Ralf konnte sich noch verschwommen an einen Abend dort erinnern. An das genaue Datum nicht. Aber es stimmte, er hatte damals in diesem Maori-Städtchen am East Cape in genau dem Hotel übernachtet. Er hatte auch undeutliche Erinnerungen an eine durchzechte Nacht mit mehreren Einheimischen dort. Hatte er etwa in der Situation großspurig einige Runden zu viel spendiert? Verstärkt durch entsprechende Gesten und Sprüche? Er wusste es nicht mehr. Er schloss jedoch nicht aus, dass ihm einer der Maori in dieser Nacht diesen Spruch in das Buch geschrieben hat, wo dieser seither neben all den krakeligen Notizen, die im Verlauf der Reise dort hineingekommen waren, zu lesen war. Dem alten Herrn war nicht bewusst, jemals in irgendeinem Land der Erde als Großkotz aufgetreten zu sein, oder gar als dominanter Vertreter einer vermeintlich überlegenen Spezies. Schon gar nicht in Neuseeland. Diesem Sehnsuchtsziel seiner jungen Jahre hat er sich stets mit einer gewissen Demut genähert.
Und es begann ein unangestrengter Abend. Die übrigen Gäste waren offensichtlich auf den älteren Gast vorbereitet worden und behandelten ihn keineswegs wie ein aus der Zeit gefallenes Fossil. Das Gegenteil schien der Fall zu sein. Dessen gelegentliche Gesprächsbeiträge an diesem Abend fanden die meisten offenbar 'cool', wie sie es in ihrem Jargon nannten. Die jungen Leute hatten augenscheinlich auch einen guten Geschmack, was die Getränkeauswahl betraf. Eine seiner bevorzugten Spirituosen, 'Flor de Caňa', ein 18-jähriger Rum aus Nicaragua, wurde großzügig ausgeschenkt. Das genüssliche Herantrinken an kreative Sphären beflügelte die Gespräche aller. Nach drei bis vier Gläsern des köstlichen Rums war der alte Herr in bester “Sabbellaune”, wie seine Ehefrau diesen Zustand gerne schon mal nennt. Die Gespräche über das Leben als solches sowie aktuelle gesellschaftliche Themen wurden mit erstaunlichem Sachverstand und Respekt geführt. Die Befürchtung des Großvaters, er würde in einer solchen Runde nur achselzuckend zuhören müssen, bewahrheitete sich nicht. Es war dann aber ein einziges Stichwort, bei dem er aus dem Kreuz kam: Wachstum. Die meisten Gesprächsteilnehmer in der Runde leiteten von diesem Begriff ihre als angenehm wahrgenommenen Lebensumstände ab, diese wollten sie auch künftig genießen. Opa Ralf hatte inzwischen ein paar weitere Gläser konsumiert. Und da geschah es: Sein bis dahin unterdrückter 'Alt-68er-Klugscheißer-Reflex' brach durch. Gerade Wachstum, das war für ihn nicht nur irgendein ideologisches Reizwort. Unreflektiert benutzt war es für ihn so etwas wie Unwort des Jahrhunderts. Nun wurde die Gesprächslage pointierter. Eine Grundsatzdebatte über den Umgang mit Statussymbolen schien unausweichlich.
Sein Enkel Tobias, Ralf hätte diesem soviel diplomatisches Geschick gar nicht zugetraut, rettete die Situation letztlich sehr geschmeidig. Er holte ein kleines zerfleddertes Buch hervor. „Hier, sieh dir das mal an, Opa.“ Der Enkel hatte den Reiseführer wider Erwarten wohl doch mit auf die Reise genommen und schlug nun eine bestimmte Seite auf. Bei genauerem Hinsehen erkannte Ralf Flintbek seinen alten Reiseführer für Neuseeland wieder. Den hatte er seinem Enkel vor dessen Abreise förmlich aufgeschwatzt, obwohl er ahnte, junge Reisende benutzen so etwas in der heutigen Zeit gar nicht mehr. Vor allen Dingen nicht eine Ausgabe aus den frühen Achtzigerjahren. Und so sah dieses Heftchen auch aus, abgegriffen und voller handschriftlicher Notizen, ganz im Stil des früheren Benutzers.
Es ging an der betreffenden Stelle um eine handschriftliche Notiz, auf die Tobias hinwies. Ja, das passte. Wie der Großvater aus dem Zusammenhang erkannte, war sie offensichtlich an den damaligen Besitzer des Buchs gerichtet: 'Ka piro te moni', Hotel Masonic, Opotiki, Januar 1984. Klang nach Maori-Sprache. Sein Enkel hatte sich das offensichtlich übersetzen lassen: „Geld stinkt doch!“ Und tatsächlich, Ralf konnte sich noch verschwommen an einen Abend dort erinnern. An das genaue Datum nicht. Aber es stimmte, er hatte damals in diesem Maori-Städtchen am East Cape in genau dem Hotel übernachtet. Er hatte auch undeutliche Erinnerungen an eine durchzechte Nacht mit mehreren Einheimischen dort. Hatte er etwa in der Situation großspurig einige Runden zu viel spendiert? Verstärkt durch entsprechende Gesten und Sprüche? Er wusste es nicht mehr. Er schloss jedoch nicht aus, dass ihm einer der Maori in dieser Nacht diesen Spruch in das Buch geschrieben hat, wo dieser seither neben all den krakeligen Notizen, die im Verlauf der Reise dort hineingekommen waren, zu lesen war. Dem alten Herrn war nicht bewusst, jemals in irgendeinem Land der Erde als Großkotz aufgetreten zu sein, oder gar als dominanter Vertreter einer vermeintlich überlegenen Spezies. Schon gar nicht in Neuseeland. Diesem Sehnsuchtsziel seiner jungen Jahre hat er sich stets mit einer gewissen Demut genähert.