Grünkohl

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Wo die grünen Bäume standen,
dran geweht manch`rotes Band,
ist nur Grünkohl noch vorhanden:
alles andre ist verbrannt.

Grünkohl wächst nicht in den Himmel -
sowas fällt ihm gar nicht ein.
Man serviert ihn uns mit Pimmel.
Nicht? Dann wird`s wohl Pinkel sein.

Kohl! Und das schon seit Jahrzehnten!
Nur verschiedener Couleur.
Den am wenigsten Verwöhnten
fällt da längst das Schlucken schwör.

Dabei ist, was Oma lernte,
heut noch ebenso probat:
Grünkohl ist erst reif zur Ernte,
wenn`s ihn überfroren hat.

Denn der Grünkohl kriegt, sagt Oma,
(wie es sich ja oft verhält)
erst das richtige Aroma,
wenn er einmal kaltgestellt.

So, nun schau in den Kalender
(sonst versäumst du noch die Wahl):
Ob man auch im Grünen schlender` -
häufig friert`s im März noch mal.
 

James Blond

Mitglied
Liebe annefröhlich,

meine Antwort hier ist weder Retourkutsche noch ein Dankeschön, sondern allein deinem besonderen Text geschuldet, den ansonsten hier vermutlich kein Schwein so richtig verstanden hat. Deshalb ist es mir ein wichtiges Anliegen, darauf etwas näher einzugehen.

Dieser "Grünkohl" ist hochpolitisch konnotiert, flott gereimt und verzichtet trotz seiner Satire auf eine zu direkte - explizite - Kritik, sondern öffnet mit entsprechenden Metaphern "dezent" den Raum zu eigenen Gedankenspielen. Das ist schon etwas ganz bemerkenswertes.

Grüße
JB
 

Tula

Mitglied
Hallo Anne

Kohl! Und das schon seit Jahrzehnten!
Nur verschiedener Couleur.


Nun ja, Kohl's letzte politische Rettung waren einst ostdeutsche blühende Landschaften, ohne diese wären ihm die Wahlen arg auf den Saumagen geschlagen. Schröders Reformen waren wahrscheinlich unausweichlich, als Kohl-Couleur gehen sie allemale durch. Nicht umsonst hat die SPD bis heute Orientierungsprobleme.

Ob nun doch die Grünen ...? Das wird der auf freie Fahrt pochende Bürger kaum zulassen. Schade. Da kommt in absehbarer Zukunft nichts Neues auf den Tisch.

LG
Tula
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Grünkohl haben wir nur als Kaninchenfutter verwendet, als ich klein war.
Als Gemüse lernte ich ihn erst kennen, als ich verheiratet war. Meine Frau stammt aus Potsdam, ich aus Haselbach/Thüringen. Sehr schmackhaft, und gerade heute werden wir welchen machen.

Gemüse als politische Metapher ist gut und nicht mal selten.

Tucholsky schrieb in "Feldfrüchte": ( https://www.textlog.de/tucholsky-feldfruechte.html )


Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen, rot und innen weiß.
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Auch Kohl kam vor, das beschreibe ich aber hier nicht. (Es hat auch nichts mit dem aktuellen Werk zu tun.)


Heute ist die Situation sehr komplex. Viel verschiebt sich. Angela Merkel hat die CDU sehr in Richtung Sozialdemokratie verschoben.
Und die CSU ist grün wie lange nicht.
Die Linken in Thüringen erscheinen mir eher im Abseits, wenn ich die Coronapolitik sehe. (Einen Ministerpräsidenten, der während entscheidender Sitzungen Computerspiele spielt - und damit noch angibt. Ich hatte ihn vorher verehrt. )
Eine Linke, deren eine Vorsitzende nicht mehr Rot-Rot-Grün will.

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In dem Gedicht wird nicht alles gezeigt, aber viel.

Übrigens: Omas Kochrezepte sind einfach die besten.
 

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