Gulli

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Meine Partnerin hatte sich damit einverstanden erklärt, dass wir einen Käfer als Haustier hielten. Wir nannten ihn Gulli.

Warum wir das taten, weiß ich heute nicht mehr genau. Vielleicht deshalb, weil er ohnehin schon da war und nichts von uns verlangte. Er brauchte kein Futter, keinen Käfig und keine Aufmerksamkeit. Meistens wussten wir nicht einmal, wo er sich aufhielt. Manchmal saß er an der Wand, manchmal am Fenster, manchmal verschwand er für mehrere Tage und tauchte plötzlich wieder zwischen unseren Sachen auf. Wenn wir ihn entdeckten, freuten wir uns. „Da ist Gulli wieder“, sagten wir dann. So wurde aus einem Käfer ein Haustier.

Damals wussten wir noch nicht, dass Gulli ein Stinkkäfer war. Vielleicht war das sein Glück. Wir kannten das Wort nicht und hatten deshalb auch nichts, was wir mit ihm hätten verbinden können: keinen Ekel, keine Abneigung, keine Vorstellung davon, dass dieses Tier zu denen gehörte, die man gewöhnlich lieber aus der Wohnung entfernte. Für uns war er einfach Gulli.

Er war nicht schön, aber Schönheit hatten wir nie von ihm verlangt. Auch sonst bereitete er uns keine Schwierigkeiten. Nur fliegen konnte er erstaunlich laut. Für ein so kleines Tier entwickelte Gulli dabei eine beträchtliche Präsenz. Tagsüber nahm ich das hin. Wenn irgendwo in der Wohnung dieses tiefe Brummen einsetzte und kurz darauf wieder verstummte, wusste ich eben, dass Gulli unterwegs war.

Nachts klang dasselbe Geräusch anders. Eines Abends war meine Partnerin nicht zu Hause. Ich lag bereits im Bett, als ich Gulli im Wohnzimmer fliegen hörte. Das Brummen setzte ein, kam näher, entfernte sich wieder und begann wenig später von Neuem. Ich konnte ihn nicht sehen.

Zum ersten Mal fragte ich mich, wohin Gulli eigentlich flog, wenn niemand zusah. Dann fragte ich mich, ob er ins Schlafzimmer kommen könnte. Natürlich konnte er das. Ob er auf dem Bett landen könnte. Auch das musste möglich sein. Ob er auf mir landen könnte. Hier begann mir die Sache nicht mehr zu gefallen.

Ich kannte dieses Tier seit Monaten, und doch musste ich feststellen, dass ich über seine Absichten nicht das Geringste wusste. Solange Gulli tagsüber an einer Wand gesessen hatte, war mir diese Wissenslücke nie aufgefallen. Nun lag ich allein im Dunkeln und hörte etwas durch die Wohnung fliegen, das jederzeit zu mir kommen konnte. Wieder dieses Brummen. Zum ersten Mal hatte ich Angst vor Gulli.

Es war erstaunlich, wie schnell sich dadurch alles veränderte. Noch am selben Nachmittag hätte ich ihn vielleicht an der Wand entdeckt und mich gefreut, dass er noch lebte. Jetzt lag ich im Bett und wünschte mir, dass er es nicht mehr tat.

Dann kam mir der Gedanke, dass Gulli sterben musste. Er kam beinahe sachlich. Fast beruhigend sogar, weil er einer Angelegenheit, die bis dahin nur aus Geräuschen, Dunkelheit und Möglichkeiten bestanden hatte, plötzlich eine Richtung gab. Die Haltung eines Haustiers setzte schließlich ein gewisses Maß an Identifikation mit dem Tier voraus, dachte ich. Ich wollte kein Käfer sein. Gulli musste sterben, damit ich würdig leben konnte.

Eine Weile blieb ich trotzdem liegen. Vielleicht, dachte ich, genügte es, bis zum Morgen zu warten. Dann würde Licht in der Wohnung sein, und Gulli würde vermutlich wieder an irgendeiner Wand sitzen und aussehen wie das harmlose Tier, das wir seit Monaten kannten. Doch dann hätte ich gewusst, dass ich eine ganze Nacht lang aus Angst vor einem Käfer im Bett geblieben war.

Also stand ich auf. Im Wohnzimmer war von Gulli nichts zu sehen. Das war schlimmer, als ihn zu sehen. Ein Käfer an der Wand war wenigstens irgendwo. Ein Käfer, von dem man nur wusste, dass er sich im Raum befand, konnte überall sein.

Ich suchte die Wände ab, dann die Möbel, den Boden, die Vorhänge. Schließlich blickte ich nach oben. Dort saß Gulli. Er sah aus wie immer. Das machte die Sache schwieriger.

Ich zog eine Socke aus und warf sie nach ihm. Sie verfehlte ihn. Die zweite ebenfalls. Daraufhin griff ich nach einem Besenstiel. Er war lang genug, um bis zur Decke zu reichen, und stabil genug, um mir für einen Moment das Gefühl zu geben, ich hätte einen Plan. Ich hielt ihn wie eine Lanze vor mir und ging langsam auf Gulli zu. Meine Hände zitterten.

Ich stieß zu. Daneben. Gulli löste sich von der Decke, flog eine kurze, laute Runde durch das Wohnzimmer und landete einige Meter vor mir auf dem Boden. Jetzt saß er dort, klein und reglos. Ich nahm einen Hausschuh. Bevor ich zuschlug, betrachtete ich die Sohle und prüfte ihr Profil. Dann zerquetschte ich mein Haustier.

Am nächsten Morgen saß Gulli auf meiner Bettkante. Zumindest dachte ich das. Für einen Moment war ich nicht einmal erschrocken. Ich war eher erstaunt, vielleicht sogar ein wenig erleichtert. Da saß er ja wieder, genau wie nach seinen früheren kleinen Abwesenheiten. „Da ist Gulli wieder.“ Nur sagte ich es diesmal nicht. Ich tötete ihn.

Erst später kam mir der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht derselbe Käfer gewesen war. Am nächsten Tag fand ich wieder einen. Er saß am Fenster. Dieselbe Form, dieselben dünnen Beine, derselbe unscheinbare Körper. Für einen Augenblick hatte ich erneut das Gefühl, jemanden wiederzusehen. Dann fiel mir ein, dass ich Gulli bereits zweimal getötet hatte. Also konnte dieser Käfer nicht Gulli sein. Ich tötete ihn trotzdem.

Einige Tage später erschien der nächste. Dann noch einer. Anfangs trug jeder von ihnen noch etwas von Gulli mit sich. Nicht viel. Vielleicht nur die Art, wie er reglos an der Wand saß, oder dieses unverhältnismäßig laute Brummen, wenn er aufflog. Für einen kurzen Moment war da manchmal noch das alte Wiedererkennen. Dann wurde auch das seltener.

Es waren zu viele. Gulli hatte verschwinden und wiederkommen können. Vier Gullis ergaben keinen Sinn. Irgendwann erfuhren wir, wie diese Käfer hießen: Stinkkäfer. Das Wort passte erstaunlich schnell.

Von da an saß nicht mehr etwas an der Wand, das aussah wie Gulli. Dort saß ein Stinkkäfer. Stinkkäfer saßen am Fenster. Stinkkäfer liefen über den Boden. Stinkkäfer flogen nachts durch die Wohnung. Wenn ich einen fand, tötete ich ihn. Das ging bald schnell. Ich betrachtete die Sohle nicht mehr so genau.

Wenn ich einen Stinkkäfer sah, erinnerte er mich nicht mehr an Gulli. Stattdessen erinnerte Gulli mich an einen Stinkkäfer.

Einmal hatten wir gewartet, dass er wieder auftauchte. Wir hatten uns gefreut, wenn er nach einigen Tagen plötzlich wieder irgendwo saß. „Da ist Gulli wieder“, hatten wir gesagt.

Später hätte ich nicht mehr sagen können, was an diesem einen Käfer anders gewesen war als an den anderen.
Vielleicht war nie etwas anders gewesen.

Und mit jedem Käfer, den ich tötete, wurde mir unverständlicher, wie ich einen von ihnen monatelang hatte lieben können
 
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