Gut vernetzt

4,00 Stern(e) 5 Bewertungen
Eine U-Bahn-Endstation im Norden von Berlin. Im Minutentakt karren Busse Menschenmassen aus der nahen Großsiedlung heran. Der leere Zug läuft ein. Die Menge verteilt sich in die Wagen. Mir gegenüber setzt sogleich eine durchdringende, alles überlagernde Jünglingsstimme ein. Aha, er muss jetzt telefonieren, ein Grundbedürfnis, unabweisbar. Ich mustere ihn kurz. Er ist der typische Berliner Jungmann, und ich frage mich wieder einmal, woher die Kraft für die laute Stimme kommt, für dieses Krähen und Bellen. Er ist nur mittelgroß, dünn, dabei eher eckig als schlaksig und im Profil schon ein bisschen schartig.

Bis zur zweiten Station sind wir anderen über seine Lage weitgehend aufgeklärt. Er spricht mit einem Freund, seit langem erstmals wieder. Er sagt: „Ich bin ja krankgeschrieben, seit dreizehn Monaten schon, also im vierzehnten, hehe, lach nicht …“ – „Ah, interessant“, sage ich dazu, es fährt mir halblaut eben so heraus. Aber er bekommt es nicht mit, er muss eine Vermutung des anderen zurückweisen: „Nee, nee, die Krankenkasse zahlt ganz ordentlich!“ – Dazu ich, schon deutlich lauter: „Na, dann ist ja alles in Ordnung.“ Auch jetzt keine Reaktion – mit mir spricht er nicht.

Bald darauf klingelt es bei ihm. „Oh, man ruft mich an“, sagt er zum Freund, es klingt freudig erregt. Er legt sein Smartphone Nr. 1 auf den freien Platz neben sich und hält das Zweitgerät ans Ohr. Es folgt ein kurzes Gespräch, in dem es um die Lieferung eines bestellten Gegenstandes geht.

Dann wird der unterbrochene Dialog mit dem Freund fortgesetzt. Er erklärt, dass es gerade um den Liefertermin für sein Drittgerät ging, als Ersatz für ein defektes. Und dann folgt eine umständliche Beschreibung von Lieferproblemen, falschen Sendungen, verpatzten Terminen und immer so fort in großer Ausführlichkeit. Außer ihn selbst interessiert das keinen, am wenigsten den Gesprächspartner, der gar nicht mehr zu Wort kommt.

An der sechsten Haltestelle stehe ich auf, gehe zur Tür. Die amüsante Nervensäge redet immer noch ins Erstgerät, das Zweitgerät empfangsbereit neben sich, und redet und redet vom defekten Drittgerät, das jetzt hoffentlich bald durch ein funktionstüchtiges viertes ersetzt wird … Lebt er so alle Tage, frage ich mich, während mich die Rolltreppe hinauffährt.

Oben zur Linken der Park mit den hohen Bäumen, zwischen denen ein See glitzert. In die Idylle hinein ruft ein junger Mann, dünn, mittelgroß, eher eckig als schlaksig und mit schartigem Profil: „He, Alter …“ (Er meint doch nicht etwa mich?) „He, Alter“, schreit er, „was glaubst du denn – hier wohnen doch nur Assis!“ Er lacht dazu und in diesem Moment überdeckt der Lärm einer abfliegenden Maschine alles am Boden. Ach ja, wieder Ostwind heute, also Schlechtwetter östlich von Tegel - startende Vögel sind noch lauter als landende. Arm die Stadt, denke ich, ja, aber nicht sexy. Nicht gut so.
 

flores

Mitglied
Hallo Arno Abendschön,

eine Bahnfahrt wie sie viele schon einmal erleben durften. Oftmals heißt es dann Fremdschämen oder man fragt sich, ob sich die Gutvernetzten zur Selbststilisierung derart preisgeben wollen (was bei unserem Protagonisten ja vorzuliegen scheint). Auf der anderen Seite bekommt man aber auch die Chance auf unvorhersehbare Einblicke, die man als Zuhörer doch auch einmal schätzen könnte.

Ich habe nur eine Frage zum Erzähler: Woher weiß er denn, dass sich außer dem Telefonierenden selbst niemand für das Gespräch interessiert? Vielleicht lauschen verstreut andere ja genauso wie der Erzähler, der, nebenbei, auch nicht so ganz uninteressiert der Szene beiwohnt. Immerhin musste er darüber schreiben. :)

Das war's auch schon.
Beste Grüße!
 
U

USch

Gast
Hallo Arno,
so ist es mit der Smartphone-Seuche. Das hast du sehr amüsant und überspitzt (4 Phones) gezeichnet. Da bleibt vom Zeitaufwand wirklich nur noch Krankschreibung.
Heute ist es nicht mehr möglich ein zufälliges Gespräch in der Bahn mit einem Mitfahrer oder anderswo zu führen. (Fast) alle smartphonieren, sind immer woanders - sogar in der Natur oder im Schwimmbad etc.
LG USch
 
Mein Dank an flores und USch fürs Notiznehmen und freundliche Reaktion. Was flores im zweiten Absatz bemängelt, ist nicht von der Hand zu weisen. Insgeheim hatte ich selbst deshalb auch schon Bedenken. Mir ist nur noch nichts Geeignetes zum Ersatz eingefallen.

Schönen Morgengruß
Arno Abendschön
 
U

USch

Gast
Immer mehr Leute haben ja auch noch ein Tablet dabei, falls mal keins der vielen Smartphones klingelt und alle Freunde schon angerufen sind. Da kannst du dann kurz die Ohren entlasten, wenn nicht schon wieder ein anderer mit bestenfalls nur einem Smartphone hantiert. Und du wirst vielleicht auch bald mal fotografiert als der letzte Mohikaner ohne Smartphone :)
Allerdings ich hab noch keins - seufz.
so long USch
 
USch, du seufzt? Vielleicht ein Stoßseufzer der Erleichterung? Gerade wer viel in der digitalen Welt unterwegs ist, sollte sich Freiräume offenhalten oder schaffen. Vgl. dazu Hans Magnus Enzensbergers Text "Wehrt Euch (Regeln für die digitale Welt) in der FAZ vom 28.2.14. Regel Nr. 1 beginnt so: "Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg ..." Auch alles Weitere sehr lesenswert.

Arno Abendschön (selbstverständlich ohne jede Art von elektronischer Fußfessel oder Wanze am Körper)
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Ein gewohnt guter Erzählstil. Nachdenklich stimmend und sehr realitätsnah. Wenn ich mal wieder dem kleinen Ausflug eines kritischen Autors in die Welt der „Generation Smartphone“ als Leser beiwohnen darf, stellt sich mir immer die Frage aller Fragen, auf die ich aber noch keine Antwort gefunden habe:

Ist dieser Trend der Allzeiterreichbarkeit durch den Kommunikationsterror der heutigen Zeit ein pathologisches Vorzeichen für den schleichenden Verfall der Werte, die uns Menschen zum Homo sapiens gemacht haben, oder ist der heutige Homo communicatoris nur eine logische Weiterentwicklung, ein Prototyp, der früher oder später auf eine neue Bewusstseinsebene gehoben wird?

Ich sage mir dann immer: „Lass mal gut sein – das ist nicht mehr deine Zeit. Deine Maßstäbe gelten nicht mehr. Wenn du heute so um die Zwanzig wärst, würdest du dich genauso aufführen“.

Trotzdem danke ich jedem Autor, der sich mit diesem Thema kritisch auseinandersetzt. Und eine so gut erzählte Geschichte lädt allemal zum Nachdenken ein.

Es grüßt der smartphonelose Ironbiber
 
Ironbiber, über Lob und Anerkennung habe ich mich sehr gefreut.

Die Fragen, die du dir stellst, sind auch für mich relevant. Ich beantworte sie mir nicht resignativ, sondern pragmatisch. Also: Keinen Feldzug führen (kein Don Quijote sein), aber hin und wieder einen Stein ins Wasser werfen und dann die Ringe beobachten.

Selbstverständlich entscheidet nicht meine, sondern es entscheiden die nachfolgenden Generationen über das weitere Verhältnis Mensch-Kommunikationstechnik. Das zu wissen, ist auch entlastend, falls man sein kleines Scherflein an möglicher Kritik gegeben hat.

Arno Abendschön
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Gut beschrieben - wie gewohnt stilsicher.
Man kann noch froh sein, solche Geschichten zu hören und nicht Endlosgespräche über den aktuellen Beziehungsstatus.
Und arm ist nicht die Stadt, sondern die Menschen sind es. Mit mehreren Geräten sowieso.

LG Doc
 
Danke, Doc. Tja, ich weiß nicht, das Beziehungsgedöns ist manchmal doch interessanter. Da hörte ich mal auf einem Bahnsteig (Dorf in der Lüneburger Heide), wie der Sprecher seinen Gesprächspartner bekniete, dieser solle doch eine schwangere Frau - schwanger von wem? - zur Abtreibung überreden. Das kam - obwohl in der Sache abstoßend - ziemlich dramatisch rüber.

Mit deinem letzten Einwand ("arme Stadt") hast du natürlich Recht. Nun ist das allerdings eine Anspielung auf den Ausspruch einer Persönlichkeit, an der ich mich gern reibe.

Schönen Abendgruß
Arno Abendschön
 

Oben Unten