Hackfresse

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Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Für Dieter Kallenbach, einem recht erfolgreich agierenden Bauunternehmer, hatte sich überraschend die Gelegenheit ergeben, eine insolvenzgefährdete Tiefbaufirma in Süd-Brandenburg zu übernehmen.
An diesem wunderschönen Frühlingstag war er daher vom heimatlichen Dresden nach Potsdam gereist, um erste Kontakte mit dem Vorstand des hiesigen Bauindustrie-Verbands zu knüpfen.

Die Unterredung fand im gediegenen Ambiente einer Babelsberger Villa statt und verlief, obwohl Kallenbach einige Konzentrationsschwächen an sich bemerkte, ausgesprochen erfreulich. Das war nicht zuletzt dem Engagement seines Mitarbeiters Gert Frötsche zu danken. Der legte sich mächtig ins Zeug, wusste er doch, dass er gute Chancen besaß, mit der Leitung der neuen Firma betraut zu werden.

Von dem kalten Buffet, zu dem man im Anschluss gebeten hatte, machte Kallenbach nur wenig Gebrauch. Mit einigen Schnittchen auf dem Teller begab er sich an eines der hohen Fenster und ließ sich von der wundervollen Aussicht auf den langgestreckten See, der sich von hier aus in seiner ganzen Schönheit vor ihm ausbreitete, bezaubern. Dabei spürte er, wie der Drang, hinunter ans Ufer zu gehen, in ihm unwiderstehlich wurde.
Mit den Worten: „Ich muss mal ein wenig an die Luft“, übertrug er Frötsche die weitere Führung des obligatorischen Smalltalks und begab sich schnurstracks zum Hinterausgang. Er betrat den winzigen Park, der die Villa umgab. Unwillkürlich reckte die Nase in die nach für ihn nicht zu definierenden Blüten duftende Spätfrühlingsluft und atmete tief durch. Seine Aufgeregtheit vermochte er damit allerdings nicht zu vertreiben.

Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes begann eine schmale stählerne Treppe, die den zum Seeufer führenden Steilhang begehbar machte. Es mochten knapp ungefähr Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise überwinden konnte, ohne über den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu müssen.

Kallenbach nahm also diese Treppe und ärgerte sich über die Schmerzen im linken Knie, die sich bald bemerkbar machten, sich von Stufe zu Stufe stärker ausbreiteten und ihn schließlich zu einer kleinen Pause zwangen. Er nutzte die Gelegenheit, um von hier aus ein paar Fotos zu schießen.
„Vielleicht sollte ich doch demnächst die fällige Knieoperation ins Auge fassen‘, dachte er, während er die letzten Stufen in Angriff nahm.

Unten verlief parallel zum Ufer ein sorgfältig asphaltierter Weg. Kallenbachs Blick fiel auf eine Parkbank, die in unmittelbarer Nähe, im Schatten einer verzwieselten Akazie stand. Dorthin humpelte er jetzt, und als er sich setzte, vermochte er ein Ächzen nicht zu unterdrücken. In solchen Momenten wurde er deutlich daran erinnert, dass er allmählich auf die Sechzig zu ging.

Er zog sein Jackett aus und lockerte den Schlips. Obwohl die Sonne schon sehr tief in seinem Rücken stand und die Villa hinter ihm bereits lange Schatten warf, war es noch angenehm warm.
Von hier unten war die Perspektive eine ganz andere. Der lang gezogene See erschien viel breiter als von oben. Der Wald, der das gegenüberliegende Ufer säumte, schien weiter weg gerückt.
Gleich einem riesigen Schwan näherte sich von rechts ein Fahrgastschiff. Hier an der schmalsten Stelle des Sees, kam es dem Ufer sehr nahe. Musik und Stimmengewirr drangen von Bord zu ihm herüber.
Kallenbach zückte erneut den Fotoapparat.

„Darf ich?“

Überrascht hob er den Blick.
Ein Mann war drei Schritte vor der Bank stehen geblieben. Kallenbach nahm nur eine magere Gestalt war, die in einem uralten Jeansanzug steckte; die Hose verbeult, die abgeschabte Jacke um einiges zu groß. Die nackten Füße steckten in ausgelatschten Sandalen.

„Ein Penner!“, dachte Kallenbach und fühlte Ärger in sich aufkommen.
Er hatte in Ruhe hier sitzen und seine Gedanken in diese für ihn so faszinierende Landschaft einbetten wollen.
Doch noch ehe er sich ein zögerndes Nicken abringen konnte, hatte der jeansbefrackte sich bereits nieder gelassen. Wenn Kallenbach jetzt erwartet hatte, von einer schweren Alkoholfahne gestreift zu werden, sah er sich getäuscht. Auch die sonst fast obligatorische Plaste-Tüte, deren Inhalt stets verdächtig zu klimpern pflegte, gehörte nicht zur Ausrüstung des Fremden. Trotzdem begann Kallenbach innerlich jene Spannung aufzubauen, die er brauchen würde, um mit unfreundlichem Knurren alle Versuche einer drohenden Kontaktaufnahme bereits im Keim zu ersticken. Aber zunächst reichte es wohl, so zu tun, als sei man völlig damit beschäftigt, sich auf dem Display der Kamera die gerade geschossenen Bilder zu betrachten.

Es reichte nicht.

„Schöne Aussicht, stimmt’s? Da lohnt es sich, Fotos zu machen“, hörte er prompt den ungebetenen Gast sagen.
Kallenbach nickte, knurrte ein „Hm“ und hielt den Blick stur auf den Apparat gerichtet.
„Jetzt ist die Sicht ja nicht mehr versperrt. Früher, da…“
Der Mann brach ab, als wolle er abwarten, ob seine Andeutungen so etwas wie Interesse entfachen könnten. Als er merkte, dass das offensichtlich nicht der Fall zu sein schien, fuhr er fort: „Hier, wo wir sitzen, war früher nur Sand, sauber geharkter Sand – und dahinter – bis zum Wasser: Stacheldraht. Rostiger, aber solider Stacheldraht, in drei Reihen zwischen zweieinhalb Meter hohe Betonpfähle gespannt. Und zwischen den Reihen lagen zusätzlich etliche aufgedröselte Stacheldrahtrollen. Können Sie sich das vorstellen?“
„Kann ich“, brummte Kallenbach ohne aufzuschauen.
„Die dachten damals, da kommt keiner durch. Und falls es doch jemand versuchen sollte… Tja… dort oben am Steilhang, da hamse gestanden… und gewartet… mit ihren Schießeisen.“
„Ich weiß“, sagte Kallenbach, noch immer nicht bereit, sich ein Gespräch aufdrängeln zu lassen.
„Ach so. Sie sind wohl von hier?“, fragte der Mann, und man konnte seine Enttäuschung heraus hören. Wer weiß - vielleicht benutzte er die Beschreibung der ehemaligen Grusel-Grenze gewöhnlich als Aufhänger für ein Gespräch.

„Nein – bin geschäftlich hier.“
Kallenbach wies mit dem Daumen über die Schulter. Dabei schaute er dem Unbekannten zum ersten Mal ins Gesicht… und erschrak.
Dieses Antlitz war fürchterlich entstellt. Von der Stirn verlief eine breite, zickzackförmige Narbe dicht am linken Auge vorbei, über den Wangenknochen und verlor sich im dichten Filz eines grauen Vollbartes. Eine zweite, nicht weniger auffällige Narbe hatte in die rechte Augenbraue eine breite Schneise geschlagen, die Nasenflügel demoliert und sogar die Oberlippe verunstaltet. Zeugen schlimmer, offenbar schlecht verheilter Wunden.

Kallenbach senkte verwirrt den Kopf, und er fürchtete, der Andere könnte sein Zurückschaudern bemerken.
„Bin ich gewöhnt. So glotzen alle, die mich zum ersten Mal sehen.“
Kallenbach fühlte sich ertappt und rang sich ein „Tut mir leid“ ab.

Der Narbengesichtige schien davon unberührt. Er lehnte sich auf der Bank zurück, durchwühlte seine Jackentaschen und förderte schließlich ein Päckchen Tabak zu Tage. Routiniert drehte er sich eine Zigarette.
Kallenbach taxierte ihn von der Seite und versuchte das Alter zu schätzen.
‚Ende fünfzig ist der auch schon‘, dachte er. ‚Und in diesem Alter, wo es überall zu zwicken beginnt, so leben zu müssen...'

„So einer wie Sie raucht natürlich ein besseres Kraut“, murmelte der vermeintliche Penner, ehe er das Papier anleckte.
„Aber ich bin eben nur ein Harz-Vierer und Verlierer“, glaubte er wohl noch hinzu fügen zu müssen. Vielleicht fand er das sogar lustig, denn er lachte meckernd.

Kallenbach war peinlich berührt, wollte schon wieder eine grobe Antwort geben, besann sich aber. Was wusste er denn von diesem Mann?

„Als ich noch jung war – ganz jung – da habe ich auch von einem zufriedenen Leben geträumt. Gut bezahlter Job, hübsche Wohnung, erlebnisreiche Urlaubsreisen und jede Menge tolle Weiber.“

„Davon haben wir alle geträumt“, sagte Kallenbach und versuchte einen gelangweilten Klang in seine Stimme zu projizieren.

„Na, Sie scheinen es ja geschafft zu haben“, schniefte der Narbige und schnippte seine Kippe auf den Asphalt. Dann starrte er eine Weile schweigend hinüber zum anderen Ufer.
„Als ich dort drüben ankam, glaubte ich noch: Alles wird gut. Eine Zeitlang gab es eine Menge Rummel um meine Person. Meine zerhackte Visage taugte für etliche Titelseiten und flimmerte sogar über den Bildschirm. Da habe ich gedacht: Jetzt biste berühmt und alles Weitere kommt von allein. Aber ein halbes Jahr später hockte ich schon wieder auf der Rüstung und durfte im Accord die Kelle schwingen. Und mit Weibern war och nischt. Früher, bevor das passiert ist…“ Er strich sich mit zwei Fingern über die Narben. „…da hatte ich eine Freundin. Allerdings… wenn ich sie streicheln wollte, dann hat sie sich immer über meine rissigen Hände beschwert. Aber wenn man ständig im Kalk rührt, iss nischt mit Beamtenpfötchen.“
Er lachte unfroh und setzte hinzu: „Aber davon verstehen Sie ja nichts.“
„Ich bin gelernter Betonbauer“, sagte Kallenbach mit ein wenig Trotz in der Stimme.
„Echt?“ Überraschung malte sich in dem entstellten Gesicht. „Du bist vom Bau? Und wie… ich meine…“
Er brach ab, aber Kallenbach meinte zu spüren, dass der Mann sich nicht vorzustellen vermochte, dass sich ein Betonbauer in so feinem Zwirn auf eine Parkbank setzt.
„Ist doch nichts Besonderes“, murmelte er. Und etwas lauter. „Typische DDR-Karriere eben. Zwei Jahre Lehre, Achtzehn Monate NVA, fünf Jahre Studium…“
„Studieren sollte ich auch. Meine Alten wollten es so. Doch ich… nee keen Bock. Und zur Fahne schon gar nicht. Als ich wusste, dass die mich im Herbst einziehen wollten, habe ich das Kasernentor mit dem Seiteneingang dieser Villa da vertauscht.“
Diesmal zeigte er mit dem Daumen hinter sich.
„Verstehe ich nicht“, meinte Kallenbach, drehte sich um und schaute hinauf zu dem Gebäude, wo die dort versammelten Herren wohl gerade dabei waren, die letzten Schnittchen von den Platten zu picken.

Als er sich wieder zurück wandte, sah er auf dem Narbengesicht ein breites Grinsen.
„Das ist ein Ding, was?“ Das Grinsen verbreiterte sich. „Wir sind damals dort eingebrochen – mein Kumpel und ich. Ein stinknormales Schloss und für uns kein Problem.“
„Aha“, sagte Kallenbach und spürte, wie seine innere Distanz wieder zu wachsen begann. Er raffte sein Jackett zusammen und machte Anstalten, aufzustehen.
„Nee, nee – nicht was Du denkst. Wir haben nischt geklaut. Wir haben uns nur im Keller verkrochen – zum Beobachten – verstehste?“

Kallenbach verstand. Sein Hintern plumpste zurück auf die Bank.
„Ach so – ihr wolltet rüber?“
„Na klar!“ Das Narbengesicht nickte lebhaft. Dann holte er wieder seine Rauchutensilien hervor.
„Soll ich die Geschichte erzählen?“
Kallenbach spürte, das war keine Frage, sondern eine Bitte. Okey – er würde sie ihm erfüllen. Oder ob Fröschke schon wartete? Egal. Sollte er.
„Krieg ich auch eine? Ich habe meine im Auto liegen lassen“. sagte er statt einer Antwort.
Der Narbige guckte erst ungläubig, aber das ging ein Leuchten über sein hässliches Gesicht.
„Ich heiße übrigens Jürgen. Kannst mich aber ruhig Hackfresse nennen – das machen alle Anderen auch.“
Damit reichte er Kallenbach die Selbstgedrehte. Der nahm sie und ließ sich Feuer geben. In das Husten, das dem ersten Zug folgte, mischte sich bereits wieder die Stimme des Narbigen.
„Weißt du, seit der Wende komme ich jedes Jahr hierher – immer am 13. Mai. An dem Tag bin ich zum zweiten Mal geboren und wahrscheinlich auch das erste Mal gestorben. Das ist auf den Tag genau 35 Jahre her.“

Jürgen, die Hackfresse, tat einen tiefen Zug, und während er den Rauch ausstieß, schaute er mit leicht tränenden Augen hinüber zum anderen Ufer. Kallenbach folgte dem Blick und rechnete.
„1967 also“, sagte er rau. „Wie alt warst du damals?“
„Gerade zwanzig geworden, und Peter, mein Kumpel, nur wenig älter. Von ihm stammte der Plan zur Flucht. Er wollte rüber zu seinem Alten, der angeblich vor Kohle gestunken haben soll. Als er mich fragte, ob ich mitmachen wollte, habe ich ganz spontan „Ja“ gesagt. Schiss habe ich erst später gekriegt, aber da wollte ich keinen Rückzieher mehr machen. Und außerdem… viele vor uns hatten es schon geschafft. Warum sollte es bei uns nicht auch klappen?

Also machten wir uns an einem Freitag-Abend los. Unser Plan war gut, und die so leicht zu öffnende Tür der Villa deuteten wir als ein gutes Zeichen. Wir beschlossen, vom Keller aus die Lage aufzuklären. Einen Tag und eine eineinhalb Nächte verbrachten wir dort. Wir fanden heraus, dass ein Grenzpostenpaar ungefähr 100 Meter links von uns am Rande des Abhangs seinen Standort hatte. Wir notierten uns die Zeiten der Ablösungen, registrierten wann zusätzliche Streifen vorbei kamen und ermittelten wie lange ein Grenzboot braucht, um unserer Gesichtsfeld zu passieren.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag verließen wir unser Versteck. Dass wir ohne große Probleme mit unserer im Keller notdürftig zusammengebastelten Leiter den Signalzaun überwinden konnten, machte uns Mut. Aber nun mussten wir den dicht mit Sträuchen und Bäumen bewachsenen Steilhang hinab kriechen. – geräuschlos, versteht sich. Mit Händen und Füßen versuchten wir uns in den Boden zu krallen, um nicht unkontrolliert ins Rutschen zu kommen. Überall lagen abgebrochene Äste und altes Laub. Buchstäblich Zentimeter für Zentimeter arbeiteten wir uns abwärts. Ich musste dabei höllisch aufpassen, dass ich die Drahtschere nicht verlor.
Als wir endlich unten ankamen, waren wir fix und fertig.

Um kurz zu verschnaufen, verkrochen wir uns in einem Gebüsch. Es war zwar eine kühle Nacht, aber mein Hemd klitschte wie ein nasser Lappen am Körper. Den Hang hatten wir geschafft, aber das Schwierigste und vor allem Gefährlichste stand uns noch bevor. Nur knapp zwanzig Meter trennten uns vom Wasser. Zwanzig Meter, die aber auf einmal unüberwindlich erschienen.
Direkt vor uns lag der vielleicht sechs bis acht Meter breite Sandstreifen. Er wurde von starken Peitschenlampen grell beleuchtet. Auch der dahinter liegende Wall aus Stacheldraht bekam noch jede Menge von diesem Licht ab. Nur ein Schritt und wir würden uns direkt auf einem Präsentierteller befinden. Besaßen wir überhaupt eine Chance?

Wir wagten nicht einmal zu flüstern – wir spürten nur, wie die Angst immer hastiger zwischen uns hin und her sprang. Rein mechanisch zog ich die Arbeitshandschuhe aus dem Gürtel und streifte sie über.
„Wollen wir wirklich? Wenn die nun gleich schießen?“, wagte ich schließlich zu hauchen
Keine Antwort. Wozu auch? Wir lagen zitternd in unserem Schweiß und dachten wohl Beide das Gleiche.

„Was ist das?“
Wir schauten nach links und entdeckten mitten auf dem See drei sich nähernde Lichter. Das konnten nur die Positionslampen eines amerikanischen Schnellbootes sein, das sich mit stark gedrosselten Motoren gemächlich näherte. Die DDR-Grenzboote erzeugten viel mehr Lärm.
„Das lenkt vielleicht die Grenzer ab“, flüsterte Peter. „Wir warten noch, bis es näher gekommen ist und dann …!“
Würde das Boot die Aufmerksamkeit der Posten lange genug auf sich ziehen? Die Nerven lagen blank
Egal! Jetzt oder nie!
„Los!“, zischte Peter.

Es dauerte keine drei Sekunden, um aus dem Gebüsch heraus zu huschen und mit langen Sätzen den Sandstreifen zu überqueren. Schon lagen wir wieder auf dem Bauch – unmittelbar an der Drahtsperre. Ich packte die Schere und schnitt die ersten Drähte durch. Mein Kumpel versuchte, so gut es ging, die losen Enden beiseite zu biegen. Die Dinger waren verdammt widerspenstig. Doch wir wühlten uns Stück für Stück durch die Sperre, und je weiter wir voran kamen, umso mehr wuchs die Hoffnung, es schaffen zu könnten. Aber noch diktierte die Angst den Rhythmus der Herzen.

Endlich hatten wir die letzte Rolle beim Wickel, durchtrennen auch hier so viele Drähte, wie wir brauchten, um durchschlüpfen zu können. Und da – die letzte Zaunreihe.
„Gleich geschafft!“, wollte ich flüstern – doch plötzlich – eine laut bellende Stimme: „Halt Grenzposten – stehen bleiben!“
Wir zuckten zusammen. Nein – das durfte nicht wahr sein. In letzter Sekunde noch…
„Halt – oder wir schießen!“
Dann kam der erste Feuerstoß. Ich wurde erneut starr vor Angst, ließ die Drahtschere sinken und dachte nur: Aus!“
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Gedanken dir in so einem Moment durch den Schädel rasen. Beim zweiten und dritten Feuerstoß zuckte mein Körper, stets in Erwartung getroffen zu werden. Jetzt ratterten die Maschinenpistolen fast pausenlos. Ich glaube, ich habe mich vor Angst sogar eingepisst.

„Los – weiter!“, drängte Peter. „Auf diese Entfernung müssen die Schweine erst mal treffen!“
Das brachte mich etwas zur Besinnung, und ich schnippelte wieder hektisch an den Drähten herum.

Das Schießen hatte aufgehört.
Beim letzten Draht verzichtete ich auf den Schnitt. Ich hob ihn einfach soweit an, dass mein Kumpel durchkriechen konnte. Das hatte er gerade geschafft, als es plötzlich laut hinter uns raschelte. Ich schaute instinktiv über die Schulter, konnte aber nichts erkennen. Das Geräusch kam aus der Richtung, wo wir vorhin aus dem Gebüsch gekrochen waren. Und dort krachte es jetzt im Unterholz, als würde eine Horde Wildschweine durchbrechen.

„Heb den Draht an!“, rief ich, alle Vorsicht vergessend. Doch da vernahm ich ein deutliches Plätschern. Der Hundesohn hatte sich in den See geworfen und mich in der Falle zurück gelassen. Ich wollte zur Schere greifen, fand sie aber nicht. Verzweifelt tastete ich nach ihr und…“
Hinter mir ein lauter Schrei! Ich sah eine Gestalt aus dem Gebüsch kugeln, die auf dem Sandstreifen liegen blieb. Ein Grenzer!

Wieder diese lähmende Scheißangst! Der Kerl, der mir ans Leder wollte, richtete sich auf und tat noch aus der Hocke heraus einen Satz in meine Richtung. Doch noch im Sprung, schrie er erneut auf, landete reichlich fünf Meter von mir auf dem Bauch. Schon fischte er nach seiner Waffe, die halb unter ihm lag. Das linke Bein nachziehend, versuchte er, noch näher an mich heran zu robben. Doch vor Schmerzen stöhnend, gab er das Kriechen gleich wieder auf.
Ich war zu nichts anderem fähig, als ihn anzustarren. Und er starrte zurück. Seine Augen flackerten im grellen Licht der Grenzbeleuchtung, als sich unsere Blicke trafen. Für zwei, drei zwei Sekunden gab es nur uns Beide, die sich mit den Augen gegenseitig fest hielten. Dann gewahrte ich, wie er langsam seine Mpi auf mich richtete. Die Mündung erschien mir wie ein drittes Auge von ihm. Ein Auge dessen Blick mich unweigerlich durchbohren würde. Gleich musste es aufblitzen, und ich wusste es würde das Letzte sein, was ich… Wie würde es sein, wenn…
Ich begann diesem Moment regelrecht entgegen zu fiebern – es sollte endlich Schluss sein.
„Schieß doch, Du Scheißkerl“, hörte ich mich krächzen.
Doch da vernahm ich seine Stimme. Es klang merkwürdig gepresst, als er zischte: „Hau ab, du Arschloch!“
Und in diese Worte mischten sich bereits die Rufe, des zweiten Grenzers, der nun ebenfalls die Böschung herunter zu kommen schien.
„Heh Diddi - was ist los!?“ Das war schon ziemlich nahe.
„Hau endlich ab!“
Der Klang seiner Stimme gab den Worten etwas – ich habe später lange versucht, zu ergründen, was es war – und glaube, „verächtlich“ ist wohl die treffendste Umschreibung. Wie konnte er mich aber verachten und trotzdem laufen lassen? Ich habe das bis heute nicht kapiert.
Aber in dem Moment war mir das egal. Ich wusste nicht, ob er nur die Katze mimte, die mit der Maus spielen wollte, oder ob er mir wirklich eine Chance gab.
Das ließ mich vielleicht einen Wimpernschlag lang zögern, aber dann warf ich mich mit dem Mut der Verzweiflung nach vorn und versuchte unter dem einen noch verbliebenen Draht durchzukommen. Ich drückte, zerrte, und robbte verzweifelt. Ich spürte kaum, wie die rostigen Stahlstacheln meine Klamotten zerrissen, im Rücken und an den Beinen bis tief in die Haut drangen und mir vor allem das Gesicht zerfetzten. Es gab keine Schmerzen – es gab nur den Willen weg zu kommen. Raus aus diesem Alptraum.

Irgendwann spürte ich kaltes Wasser meinen Körper umspülen, und ich schwamm los, als müsste ich einen Weltrekord aufstellen. Ich war wie von Sinnen.
Erst, als mich die Amis in ihr Boot zogen, kam ich zu mir. Und nun spürte ich auch, welche Wunden dieser verdammte Drahtverhau gerissen hatte. Mein Gesicht brannte höllisch und um mich war das Deck voll von meinem Blut.

Ich weiß nicht, wieviel Mühe sich die Ärzte im Krankenhaus gegeben haben. Als ich das Hospital verlassen durfte, war ich mir vor allem zweier Tatsachen bewusst: Ich war entkommen, lebte fortan in Freiheit, würde aber von nun an und für immer die „Hackfresse“ sein, vor dem man sich schaudernd abwendet.“


Der Mann, der nichts dagegen hatte, dass man ihn Hackfresse nannte, brach ab. Mit dem Handrücken wischte er sich über die Augen. In den entstellten Zügen zuckte es.
„Nicht jeder wendet sich ab. Schon gar nicht, wenn er deine Geschichte kennt“, sagte Kallenbach leise. Er hätte gern noch mehr Tröstliches gesagt, aber er fühlte sich gehemmt.

So saßen sie einige Zeit schweigend nebeneiander. Kallenbach suchte nach Worten, doch sein Mund schien auf einmal wie ausgedörrt und die Kehle wie zugeschnürt.
Er war richtig dankbar, als er den Klingelton seines Handys vernahm. Fröschke war dran und fragte, wo er denn bliebe. Man wolle sich verabschieden.
„Ich komme!“, sagte Kallenbach. Und an seinen neuen Bekannten gewandt: „Tut mir leid. Ich muss los.“
Der Narbige schien aus seiner Versunkenheit aufzutauchen und schaute auf.
„Schade“, sagte er. „Bist ein guter Zuhörer. Hast mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Sonst muss ich immer so viele Details erklären.“
Kallenbach nickte und erhob sich. Er wollte dem Mann schon die Hand reichen. Da fiel ihm etwas ein. Er griff in seine Brusttasche und zog seine Visitenkarte hervor.
„Da – nimm. Kannst mich ja mal anrufen – wenn Du möchtest.
Der Narbige nahm das Kärtchen und drehte es einen Moment lang ratlos zwischen den Fingern, bevor er einen Blick darauf riskierte. Und dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, fragte er hastig: „Hast du etwa einen Job für mich? Ich kann arbeiten… ich bin zwar schon…“
„Kann sein“, unterbrach Kallenbach und zeigte ein Lächeln, das der Andere garantiert nicht zu deuten wusste. „Das wird deine Entscheidung sein.“
„Da gibt es nichts zu entscheiden“, kam es hastig zurück.
„Abwarten“, sagte Kallenbach und reichte dem Mann die Hand. Der wollte sie festhalten, doch sie wurde ihm abrupt entzogen.
„Ich kann wirklich arbeiten!“, hörte er es hinter sich rufen. Aber da stand er bereits auf der Treppe, die er nun, ohne sich umzuschauen, hinauf stieg.

Wieder diese stechenden Schmerzen im Knie. Diesmal schaffte er nicht einmal die Hälfte der Stufen. Er stützte sich auf das Geländer und wartete, bis der Schmerz abflaute. Sein Blick glitt dabei über den still in der Abendsonne liegenden See, dann hinüber zur Bank, wo der Narbige zu einem jeansfarbenen Bündel geschrumpft schien.

Weiter wanderten seine Augen den Steilhang hinauf, bis sie nur wenige Meter von seinem Standort entfernt verharrten. Genau dort musste es gewesen sein, wo ihm dieser verdammte Ast zwischen die Beine geriet und er, sich mehrfach überschlagend, den Abhang hinunter gestürzt war.
„Tja, Hackfresse“, murmelte er. „Ob du immer noch bereit bist, bei mir zu arbeiten, wird sich wohl erst zeigen, wenn du erst meine Geschichte gehört hast.
 
K

KaGeb

Gast
Lieber Ralph,

sehr gern gelesen. Eine tolle Wendung zum Schluss. Dennoch hätte ich ein paar Vorschläge und eine Idee.
Zuerst zur Idee: Der Umkehrschluss ist in vorliegender Form erkennbar - und auch dementsprechend verblüffend gut. Doch genau hier würde ich weiteres Input geben, einen kurzen Handlungsstrang womöglich, die Kallenbachs Erinnerungen betreffen. Es würde m.M.n. hervorragend passen, Kallenbachs damaliges Gedankengut hier reinzupacken, weil (auch für mich als Leser) dessen Motivation nicht erkennbar ist. Warum hat er Hackfresse davonkommen gelassen? Schließlich hat er ja "verächtlich gekuckt".
DAS reicht m.M.n. als Begründung schlichtweg nicht aus, ich kaufe ihm somit die ermöglichte Flucht nicht ab. War er einfach zu verletzt? Nein, passt nicht, weil er ja immer noch einfach die MPi hätte durchziehen können.
Also fehlt eine plausible Begründung. Vielleicht wollte Kallenbach ja damals selber fliehen und hat nur auf einen "Flüchtigen" gewartet, der die technische Vorarbeit leistet. Einer wie "Hackfresse", der den Fluchtweg erarbeitet - und im letzten Moment ruft der "Grenzer Kallenbach" plötzlich "Halt!" - um schlussendlich selbst auf perfide Art die Republik zu verlassen (nur so eine Idee)

Anbei ein paar Rethorik-Vorschläge:

Für Dieter Kallenbach, einem [strike]recht[/strike] erfolgreich[red]en[/red] [strike]agierenden[/strike] Bauunternehmer, hatte sich überraschend die Gelegenheit ergeben, eine insolvenzgefährdete Tiefbaufirma in Süd-Brandenburg zu übernehmen.
An [strike]diesem[/strike] [red]einem[/red] wunderschönen Frühlingstag war er daher vom heimatlichen Dresden nach Potsdam gereist, um erste Kontakte mit dem Vorstand des hiesigen Bauindustrie-Verbands zu knüpfen.

Die Unterredung fand im gediegenen Ambiente einer Babelsberger Villa statt und verlief, obwohl Kallenbach einige Konzentrationsschwächen an sich bemerkte, ausgesprochen erfreulich. Das war nicht zuletzt dem Engagement seines Mitarbeiters Gert Frötsche zu [red]ver[/red]danken. Der legte sich mächtig ins Zeug, wusste er doch, dass er gute Chancen besaß, mit der Leitung der neuen Firma betraut zu werden.

Von dem kalten Buffet, zu dem man im Anschluss gebeten hatte, machte Kallenbach [strike]nur wenig[/strike] [red]gern[/red] Gebrauch. Mit einigen Schnittchen auf dem Teller begab er sich [strike]an eines[/strike] [red]zu einem[/red] der hohen Fenster und ließ sich von der wundervollen Aussicht auf den langgestreckten See[strike], der sich von hier aus in seiner ganzen Schönheit vor ihm ausbreitete,[/strike] [strike]be[/strike][red]ver[/red]zaubern.

Dabei spürte er, wie der Drang, hinunter ans Ufer zu gehen, in ihm unwiderstehlich wurde.
[red]Plötzlich verspürte er einen unwiderstehlichen Drang, hinunter ans Ufer zu gehen.[/red]

Mit den Worten: „Ich muss mal ein wenig an die Luft“, übertrug er Frötsche die weitere Führung des obligatorischen Smalltalks und begab sich schnurstracks zum Hinterausgang.
[blue]
Kallenbach hat doch bisher noch keinen "obligatorischen" Smalltalk geführt. Nur gefressen hat er bis jetzt ;)[/blue]

Er betrat den winzigen Park, der die Villa umgab.

Unwillkürlich reckte die Nase in die nach für ihn nicht zu definierenden Blüten duftende Spätfrühlingsluft und atmete tief durch. Seine Aufgeregtheit vermochte er damit allerdings nicht zu vertreiben.
[blue]
DAS nenne ich verbal verhaspelt ;)
Vielleicht lieber sowas wie: Unwillkürlich sog er den Blütenduft des Spätfrühlings ein und atmete tief durch. Dennoch blieb er aufgeregt. [/blue]

Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes begann eine schmale stählerne Treppe, die den zum Seeufer führenden Steilhang begehbar machte. Es mochten knapp ungefähr Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise überwinden konnte, ohne über den [strike]extrem[/strike] steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu müssen.


So, hier stoppe ich erst mal. Passen meine Ideen?

LG schon mal, von KaGeb
 
S

suzah

Gast
hallo ralph,
eine spannend geschriebene erzählung. im übrigen stimme ich kagebs kommentar zu. das waren auch die formulierungen über die ich stolperte. es würde sich lohnen, hier noch etwas nachzuarbeiten.
"Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes [blue]begann [/blue]eine schmale stählerne Treppe....
vielleicht solltest du hier sagen [red]entdeckte[/red], denn die treppe war damals wohl nicht vorhanden und das würde dann etwas auf den schluß hinweisen.
"fast obligatorische [blue]Plaste[/blue]-Tüte,..."
ist wohl nicht mehr "plaste" sondern besser [red]plastik[/red] oder kunststoff.
"Aber zunächst reichte es wohl, so zu tun, als sei [blue]man [/blue]völlig damit beschäftigt..."
besser als sei [red]er[/red] völlig ...
"Einen Tag und [blue](eine) [/blue]eineinhalb Nächte verbrachten wir dort.."
"...wir den dicht mit Sträuche[red]r[/red]n ..."

so weit erst mal, keine zeit mehr, guck mal selbst,
liebe grüße suzah
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lieber KaGeb,

erst mal herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Man freut sich ja immer, wenn man Reaktionen auf seine Machwerke bekommt. Als ganz besonders hilfreich empfinde ich es, wenn der Leser/ Kritiker/ Kommentator genau auf die Schwachstellen hinweist, die man als Autor zwar bereits vermutet, aber dann mit dem Gedanken „Merkt vielleicht keiner“ geliebäugelt hat.

Ich fange mal mit deinen „Rhetorik-Vorschlägen" an.

Hin und wieder verfalle ich dem Irrtum, dass ein Autor eigentlich gar keinen Lektor braucht, wenn er nur sorgfältig genug arbeitet. Jegliche Änderungsvorschläge werden dann oft als reine „Verschlimmbesserungen“ abgetan.

Irrtum! Denn dann schaut man auf solche Hinweise, wie sie von doir vorgetragen werden und kann nur noch verärgert brummen: „Verdammt, darauf hätte ich auch selbst kommen müssen.“

Kurzum – ich muss deine Anmerkungen zähneknirschend akzeptieren. Und zwar alle! (Der verbale Verhaspler mit dem Frühlingsduft ist allerdings einfach nur peinlich)

Doch nun zu deiner Idee, die den Handlungsablauf betrifft. Dazu will ich erklärend vorausschicken, wie diese Geschichte entstanden ist.
In meiner Schublade liegt nämlich ein zu zwei Dritteln fertig gestelltes Manuskript (wahrscheinlich wird eine Novelle draus), in dem es um das gleiche Thema geht. Dort gibt es zwei parallel verlaufende Handlungsstränge – allerdings nicht als Rückblenden (Erinnerungen) sondern als unmittelbares Handeln.
Auf der einen Seite stehen die beiden Flüchtlinge, auf der anderen ein Grenzsoldat mit seinem Postenführer. Es werden sowohl die Beweggründe für die Flucht (bei Beiden sehr unterschiedlich) als auch die voneinander abweichende Haltung der Grenzer beleuchtet.

Diese Manuskript habe ich aus „der Not heraus“ (ich brauchte eine Kurzgeschichte für eine Lesung und hatte nur begrenzte Zeit zum Vortragen) hervor gekramt und eines der Kernstücke (nämlich den Fluchtverlauf) genommen, mir die Begegnung der beiden älteren Herren ausgedacht und aus diesem Gemenge die „Hackfresse“ zusammen gezimmert.

Vielleicht wäre es wirklich die bessere Variante, den Grenzer ebenfalls fliehen zu lassen. Auch das wäre durchaus realistisch.
In dem vorliegenden Text stellt sich der Leser natürlich die Frage, was denn den Grenzer dazu veranlasst, den Flüchtling laufen zu lassen. Und… welche Konsequenzen nimmt er damit für sich und sein weiteres Leben in Kauf.
Möchte er aber selbst „rüber“, bin ich dieses Problem los. Das hier vorgestellte Verhalten des Soldaten ist nur nachvollziehbar, wenn man mehr über ihn weiß. Da gebe ich dir völlig Recht.Ich hatt nur gehofft, es fällt bei der Lesung nicht weiter auf.
In meiner geplanten Novelle gibt es die Hintergründe bzw. eine Vorgeschichte. Das alles hätte aber mein Dreißig-Minuten-Vortrags-Korsett völlig gesprengt.
Kurzum – ich werde heftig nachdenken müssen.

LG von Ralph
 

MarenS

Mitglied
In einem Rutsch gelesen! Mittendrin kurz so ein kleiner Anfall von "Ohnein, nicht schon wieder eine IchbineinarmerFlüchtlingundniemandgibtmireineChanceGeschichte" der sich aber schnell legte und einer schieren Lesewut wich.

Ein sehr feiner Schluss!

Kleine Unebenheit:

Es mochten knapp ungefähr Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise überwinden konnte, ohne über den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu müssen.
Es grüßt die Maren
 

knychen

Mitglied
hallo ralph,
ist zwar schon ne ältere geschichte, aber da sie nun mal oben steht in der liste...
ich bin oft sehr pingelig, was das ganze drumherum einer story angeht und aus genau diesem grunde sind mir zwei sachen aufgefallen.
erstens passte es irgendwie nicht, dass man von einer leerstehenden villa in direkter grenznähe so guten einblick bekommt - postenwechsel, zusatzposten, etc.
denn irgendwie waren da ja auch büsche und bäume. die hätten dort gar nicht sein dürfen. und schon gar nicht, wenn man den signalzaun bereits überwunden hat. denn nach dem signalzaun kam generell überschaubares gelände (sonst hätte ja ein vom baum fallender trockener ast bereits alarm auslösen können) andererseits spielt das ja 1967 und es ist durchaus möglich, dass in dem entsprechenden bereich so kurz nach errichten von zaun und grenzstreifen alles noch provisorisch war.
die andere sache, die mir aufstiess, war die lapidar hingeworfene bemerkung über die typische ddr-karriere.
schule, zwei jahre lehre, 18 monate nva, studium - so stand es wohl in der geschichte.
auch hier gestehe ich aufgrund des jahres 1967 dieser vita eine gewisse berechtigung zu, aber eigentlich war der werdegang folgender: 10. klasse, dreijährige berufsausbildung mit abi, 18 oder 36 monate armee und dann studium bzw. 12.klasse, also abi, 36 monate armee und dann studium, bzw. 10.klasse, 18 oder 36 monate armee, arbeiten und nebenher abi auf der volkshochschule und dann studium.
aber so adhoc locker flockig schule, einfacher grundwehrdienst und gleich danach studium - ich weiß nicht.
zumindest ne unteroffizierslaufbahn mit drei jahren fahne hätte dabei sein müssen.
aber vielleicht war 67 sowas alles noch möglich.
die story an sich gefällt mir gut, weil ich schon von berufswegen weiß, dass man sich mindestens zweimal im leben begegnet.
p.s. sind frötsche und fröschke eigentlich identisch?
beste grüße aus berlin.
knychen
 
S

suzah

Gast
hallo knychen,
aufgrund deines kommentars habe ich die geschichte noch mal gelesen und fand natürlich deine bemerkungen sehr interessant. eine solche geschichte sollte wirklich - auch wenn sie vielleicht phantasie ist und nicht auf tatsachen beruht - realitätsnah sein.

hallo ralph,
im übrigen fiel mir auch noch auf: "Harz-Vierer und Verlierer“, es heißt bekanntermaßen [blue]hartz[/blue] und "Es mochten knapp ungefähr Meter" wieviel meter wird nicht gesagt.

lg suzah
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hackfresse

Für Dieter Kallenbach, einen erfolgreichen Bauunternehmer, hatte sich überraschend die Gelegenheit ergeben, eine insolvenzgefährdete Tiefbaufirma in Süd-Brandenburg zu übernehmen.
An einem wunderschönen Frühlingstag war er daher vom heimatlichen Dresden nach Potsdam gereist, um erste Kontakte mit dem Vorstand des hiesigen Bauindustrie-Verbands zu knüpfen.
Die Unterredung fand im gediegenen Ambiente einer Babelsberger Villa statt und verlief, obwohl Kallenbach einige Konzentrationsschwächen an sich bemerkte, ausgesprochen erfreulich. Das war nicht zuletzt dem Engagement seines Mitarbeiters Gert Frötsche zu verdanken. Der legte sich mächtig ins Zeug, wusste er doch, dass er gute Chancen besaß, mit der Leitung der neuen Firma betraut zu werden.
Von dem kalten Buffet, zu dem man im Anschluss gebeten hatte, machte Kallenbach nur wenig Gebrauch. Mit einigen Schnittchen auf dem Teller begab er sich zu einem der hohen Fenster und ließ sich von der wundervollen Aussicht auf den langgestreckten See verzaubern. Plötzlich verspürte er einen unwiderstehlichen Drang, hinunter ans Ufer zu gehen.
Mit den Worten: „Ich muss mal ein wenig an die Luft“, übertrug er Frötsche die weitere Führung des obligatorischen Smalltalks und begab sich schnurstracks zum Hinterausgang. Er betrat den winzigen Park, der die Villa umgab. Unwillkürlich reckte die Nase in die nach undefinierbaren Blüten duftende Spätfrühlingsluft und atmete tief durch. Seine Aufgeregtheit vermochte er damit allerdings nicht zu vertreiben.
Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes entdeckte er eine schmale stählerne Treppe, die den zum Seeufer führenden Steilhang begehbar machte. Es mochten knapp zehn Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise überwinden konnte, ohne über den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu müssen.
Kallenbach nahm also diese Treppe und ärgerte sich über die Schmerzen im linken Knie, die sich bald bemerkbar machten, sich von Stufe zu Stufe stärker ausbreiteten und ihn schließlich zu einer kleinen Pause zwangen. Er nutzte die Gelegenheit, um von hier aus ein paar Fotos zu schießen.
„Vielleicht sollte ich doch demnächst die fällige Knieoperation ins Auge fassen‘, dachte er, während er die letzten Stufen in Angriff nahm.
Unten verlief parallel zum Ufer ein sorgfältig asphaltierter Weg. Kallenbachs Blick fiel auf eine Parkbank, die in unmittelbarer Nähe, im Schatten einer verzwieselten Akazie stand. Dorthin humpelte er jetzt, und als er sich setzte, vermochte er ein Ächzen nicht zu unterdrücken. In solchen Momenten wurde er deutlich daran erinnert, dass er allmählich auf die Sechzig zu ging.
Er zog sein Jackett aus und lockerte den Schlips. Obwohl die Sonne schon sehr tief in seinem Rücken stand und die Villa hinter ihm bereits lange Schatten warf, war es noch angenehm warm.
Von hier unten war die Perspektive eine ganz andere. Der lang gezogene See erschien viel breiter als von oben. Der Wald, der das gegenüberliegende Ufer säumte, schien weiter weg gerückt.
Gleich einem riesigen Schwan näherte sich von rechts ein Fahrgastschiff. Hier an der schmalsten Stelle des Sees, kam es dem Ufer sehr nahe. Musik und Stimmengewirr drangen von Bord zu ihm herüber.
Kallenbach zückte erneut den Fotoapparat.
„Darf ich?“
Überrascht hob er den Blick. Ein Mann war drei Schritte vor der Bank stehen geblieben. Kallenbach nahm nur eine magere Gestalt war, die in einem uralten Jeansanzug steckte; die Hose verbeult, die abgeschabte Jacke um einiges zu groß. Die nackten Füße steckten in ausgelatschten Sandalen.
„Ein Penner!“, dachte Kallenbach und fühlte Ärger in sich aufkommen.
Er hatte in Ruhe hier sitzen und seine Gedanken in diese für ihn so faszinierende Landschaft einbetten wollen.
Doch noch ehe er sich ein zögerndes Nicken abringen konnte, hatte der Jeansbefrackte sich bereits nieder gelassen. Wenn Kallenbach jetzt erwartet hatte, von einer mittelschweren Alkoholfahne gestreift zu werden, sah er sich getäuscht. Auch die sonst fast obligatorische Plaste-Tüte, deren Inhalt stets verdächtig zu klimpern pflegte, gehörte nicht zur Ausrüstung des Fremden. Trotzdem begann Kallenbach innerlich jene Spannung aufzubauen, die er brauchen würde, um mit unfreundlichem Knurren alle Versuche einer drohenden Kontaktaufnahme im Keim zu ersticken. Aber zunächst reichte es wohl, so zu tun, als sei man völlig damit beschäftigt, sich auf dem Display der Kamera die gerade geschossenen Bilder zu betrachten.
Es reichte nicht.
„Schöne Aussicht, stimmt’s? Da lohnt es sich, Fotos zu machen“, hörte er prompt den ungebetenen Gast sagen.
Kallenbach nickte, knurrte ein „Hm“ und hielt den Blick stur auf den Apparat gerichtet.
„Jetzt ist die Sicht ja nicht mehr versperrt. Früher, da…“
Der Mann brach ab, als wolle er abwarten, ob seine Andeutungen so etwas wie Interesse entfachen könnten. Als er merkte, dass das offensichtlich nicht der Fall zu sein schien, fuhr er fort: „Hier, wo wir sitzen, war früher nur Sand, sauber geharkter Sand – und dahinter – bis zum Wasser: Stacheldraht. Rostiger, aber solider Stacheldraht, in drei Reihen zwischen zweieinhalb Meter hohe Betonpfähle gespannt. Und zwischen den Reihen lagen zusätzlich etliche aufgedröselte Stacheldrahtrollen. Können Sie sich das vorstellen?“
„Kann ich“, brummte Kallenbach ohne aufzuschauen.
„Die dachten damals, da kommt keiner durch. Und falls es doch jemand versuchen sollte… Tja… dort oben am Steilhang, da hamse gestanden… und gewartet… mit ihren Schießeisen.“
„Ich weiß“, sagte Kallenbach, noch immer nicht bereit, sich ein Gespräch aufdrängeln zu lassen.
„Ach so. Sie sind wohl von hier?“, fragte der Mann, und man konnte seine Enttäuschung heraus hören. Wer weiß - vielleicht benutzte er die Beschreibung der ehemaligen Grusel-Grenze gewöhnlich als Aufhänger für ein Gespräch
„Nein – bin geschäftlich hier.“
Kallenbach wies mit dem Daumen über die Schulter. Dabei schaute er dem Unbekannten zum ersten Mal ins Gesicht… und erschrak.
Dieses Antlitz war fürchterlich entstellt. Von der Stirn verlief eine breite, zickzackförmige Narbe dicht am linken Auge vorbei, über den Wangenknochen und verlor sich im dichten Filz eines grauen Vollbartes. Eine zweite, nicht weniger auffällige Narbe hatte in die rechte Augenbraue eine breite Schneise geschlagen, die Nasenflügel demoliert und sogar die Oberlippe verunstaltet. Zeugen schlimmer, offenbar schlecht verheilter Wunden.
Kallenbach senkte verwirrt den Kopf, und er fürchtete, der Andere könnte sein Zurückschaudern bemerken.
„Bin ich gewöhnt. So glotzen alle, die mich zum ersten Mal sehen.“
Kallenbach fühlte sich ertappt und rang sich ein „Tut mir leid“ ab.
Der Narbengesichtige schien davon unberührt. Er lehnte sich auf der Bank zurück, durchwühlte seine Jackentaschen und förderte schließlich ein Päckchen Tabak zu Tage. Routiniert drehte er sich eine Zigarette.
Kallenbach taxierte ihn von der Seite und versuchte das Alter zu schätzen.
‚Ende fünfzig ist der auch schon‘, dachte er. ‚Und in dem Alter, wo es überall zu zwicken anfängt, so leben zu müssen…“
„So einer wie Sie raucht natürlich ein besseres Kraut“, murmelte der vermeintliche Penner, ehe er das Papier anleckte.
„Aber ich bin eben nur ein Hartz-Vierer und Verlierer“, glaubte er wohl noch hinzu fügen zu müssen. Vielleicht fand er das sogar lustig, denn er lachte meckernd.
Kallenbach war peinlich berührt, wollte schon wieder eine grobe Antwort geben, besann sich aber. Was wusste er denn von diesem Mann?
„Als ich noch jung war – ganz jung – da habe ich auch von einem zufriedenen Leben geträumt. Gut bezahlter Job, hübsche Wohnung, erlebnisreiche Urlaubsreisen und jede Menge tolle Weiber.“
„Davon haben wir alle geträumt“, sagte Kallenbach und versuchte einen gelangweilten Klang in seine Stimme zu projizieren.
„Na, Sie scheinen es ja geschafft zu haben“, schniefte der Narbige und schnippte seine Kippe auf den Asphalt. Dann starrte er eine Weile schweigend hinüber zum anderen Ufer.
„Als ich dort drüben ankam, glaubte ich noch: Alles wird gut. Eine Zeitlang gab es eine Menge Rummel um meine Person. Meine zerhackte Visage taugte für etliche Titelseiten und flimmerte sogar über den Bildschirm. Da habe ich gedacht: Jetzt biste berühmt und alles Weitere kommt von allein.
Aber ein halbes Jahr später hockte ich schon wieder auf der Rüstung und durfte im Accord die Kelle schwingen. Und mit Weibern war och nischt. Früher, bevor das passiert ist…“ Er strich sich mit zwei Fingern über die Narben. „…da hatte ich eine Freundin. Allerdings… wenn ich sie streicheln wollte, dann hat sie sich immer über meine rissigen Hände beschwert. Aber wenn man ständig im Kalk rührt, iss nischt mit Beamtenpfötchen.“
Er lachte unfroh und setzte hinzu: „Aber davon verstehen Sie ja nichts.“
„Ich bin gelernter Betonbauer“, sagte Kallenbach mit ein wenig Trotz in der Stimme.
„Echt?“ Überraschung malte sich in dem entstellten Gesicht. „Du bist vom Bau? Und wie… ich meine…“
Er brach ab, aber Kallenbach meinte zu spüren, dass der Mann sich nicht vorzustellen vermochte, dass sich ein Betonbauer in so feinem Zwirn auf eine Parkbank setzt.
„Ist doch nichts Besonderes“, murmelte er. Und etwas lauter. „Typische DDR-Karriere eben. Zwei Jahre Lehre, Achtzehn Monate NVA, drei Jahre Studium…“
„Studieren sollte ich auch. Meine Alten wollten es so. Doch ich… nee keen Bock. Und zur Fahne schon gar nicht. Als ich wusste, dass die mich im Herbst einziehen wollten, habe ich das Kasernentor mit dem Seiteneingang dieser Villa da vertauscht.“
Diesmal zeigte er mit dem Daumen hinter sich.
„Verstehe ich nicht“, meinte Kallenbach, drehte sich um und schaute hinauf zu dem Gebäude, wo die dort versammelten Herren wohl gerade dabei waren, die letzten Schnittchen von den Platten zu picken.
Als er sich wieder zurück wandte, sah er auf dem Narbengesicht ein breites Grinsen.
„Das ist ein Ding, was?“ Das Grinsen verbreiterte sich. „Wir sind damals dort eingebrochen – mein Kumpel und ich. Ein stinknormales Schloss und für uns kein Problem.“
„Aha“, sagte Kallenbach und spürte, wie seine innere Distanz wieder zu wachsen begann. Er raffte sein Jackett zusammen und machte Anstalten, aufzustehen.
„Nee, nee – nicht was du denkst. Wir haben nischt geklaut. Wir haben uns nur im Keller verkrochen – zum Beobachten – verstehste?“
Kallenbach verstand. Sein Hintern plumpste zurück auf die Bank.
„Ach so – ihr wolltet rüber?“
„Na klar!“ Das Narbengesicht nickte lebhaft. Dann holte er wieder seine Rauchutensilien hervor.
„Soll ich die Geschichte erzählen?“
Kallenbach spürte, das war keine Frage, sondern eine Bitte. Okey – er würde sie ihm erfüllen. Oder ob Frötsche schon wartete? Egal. Sollte er.
„Krieg ich auch eine? Ich habe meine im Auto liegen lassen“. sagte er statt einer Antwort.
Der Narbige guckte erst ungläubig, aber das ging ein Leuchten über sein hässliches Gesicht.
„Ich heiße übrigens Jürgen. Kannst mich aber ruhig Hackfresse nennen – das machen alle Anderen auch.“
Damit reichte er Kallenbach die Selbstgedrehte. Der nahm sie und ließ sich Feuer geben. In das Husten, das dem ersten Zug folgte, mischte sich bereits wieder die Stimme des Narbigen.
„Weißt du, seit der Wende komme ich jedes Jahr hierher – immer am 13. Mai. An dem Tag bin ich zum zweiten Mal geboren und wahrscheinlich auch das erste Mal gestorben. Das ist auf den Tag genau 35 Jahre her.“
Jürgen, die Hackfresse, tat einen tiefen Zug, und während er den Rauch ausstieß, schaute er mit leicht tränenden Augen hinüber zum anderen Ufer. Kallenbach folgte dem Blick und rechnete.
„1967 also“, sagte er rau. „Wie alt warst du damals?“
„Gerade zwanzig geworden, und Peter, mein Kumpel, nur wenig älter. Von ihm stammte der Plan zur Flucht. Er wollte rüber zu seinem Alten, der angeblich vor Kohle gestunken haben soll. Als er mich fragte, ob ich mitmachen wollte, habe ich ganz spontan „Ja“ gesagt. Schiss habe ich erst später gekriegt, aber da wollte ich keinen Rückzieher mehr machen. Und außerdem… viele vor uns hatten es schon geschafft. Warum sollte es bei uns nicht auch klappen?
Also machten wir uns an einem Freitag-Abend los. Unser Plan war gut, und die so leicht zu öffnende Tür der Villa deuteten wir als ein positives Zeichen. Wir beschlossen, vom Keller aus die Lage aufzuklären. Einen Tag und eine eineinhalb Nächte verbrachten wir dort. Wir fanden heraus, dass ein Grenzpostenpaar ungefähr 100 Meter links von uns am Rande des Abhangs seinen Standort hatte. Wir notierten uns die Zeiten der Ablösungen, registrierten wann zusätzliche Streifen vorbei kamen und ermittelten, wie lange ein Grenzboot braucht, um unserer Gesichtsfeld zu passieren.
In der Nacht von Samstag auf Sonntag verließen wir unser Versteck. Dass wir ohne große Probleme mit unserer, im Keller notdürftig zusammengebastelten, Leiter den Signalzaun überwinden konnten, machte uns Mut. Aber nun mussten wir den dicht mit Sträuchen und Bäumen bewachsenen Steilhang hinab kriechen. – geräuschlos, versteht sich. Mit Händen und Füßen versuchten wir uns in den Boden zu krallen, um nicht unkontrolliert ins Rutschen zu kommen. Überall lagen abgebrochene Äste und altes Laub. Buchstäblich Zentimeter für Zentimeter arbeiteten wir uns abwärts. Ich musste dabei höllisch aufpassen, dass ich die Drahtschere nicht verlor.
Als wir endlich unten ankamen, waren wir fix und fertig.
Um kurz zu verschnaufen, verkrochen wir uns in einem Gebüsch. Es war zwar eine kühle Nacht, aber mein Hemd klitschte wie ein nasser Lappen am Körper. Den Hang hatten wir geschafft, aber das Schwierigste und vor allem Gefährlichste stand uns noch bevor. Nur knapp zwanzig Meter trennten uns vom Wasser. Zwanzig Meter, die aber auf einmal unüberwindlich erschienen.
Direkt vor uns lag der vielleicht sechs bis acht Meter breite Sandstreifen. Er wurde von starken Peitschenlampen grell beleuchtet. Auch der dahinter liegende Wall aus Stacheldraht bekam noch jede Menge von diesem Licht ab. Nur ein Schritt und wir würden uns direkt auf einem Präsentierteller befinden. Besaßen wir überhaupt eine Chance?
Wir wagten nicht einmal zu flüstern – wir spürten nur, wie die Angst immer hastiger zwischen uns hin und her sprang. Rein mechanisch zog ich die Arbeitshandschuhe aus dem Gürtel und streifte sie über.
„Wollen wir wirklich? Wenn die nun gleich schießen?“, wagte ich schließlich zu hauchen
Keine Antwort. Wozu auch? Wir lagen zitternd in unserem Schweiß und dachten wohl Beide das Gleiche.
„Was ist das?“
Wir schauten nach links und entdeckten mitten auf dem See drei sich nähernde Lichter. Das konnten nur die Positionslampen eines amerikanischen Schnellbootes sein, das sich mit stark gedrosselten Motoren gemächlich näherte. Die DDR-Grenzboote erzeugten viel mehr Lärm.
„Das lenkt vielleicht die Grenzer ab“, flüsterte Peter. „Wir warten noch, bis es näher gekommen ist und dann …!“
Würde das Boot die Aufmerksamkeit der Posten lange genug auf sich ziehen? Die Nerven lagen blank.
Egal! Jetzt oder nie!
„Los!“, zischte Peter.
Es dauerte keine drei Sekunden, um aus dem Gebüsch heraus zu huschen und mit langen Sätzen den Sandstreifen zu überqueren. Schon lagen wir wieder auf dem Bauch – unmittelbar an der Drahtsperre. Kein Laut - außer dem leisen Brummen des Bootsmotores.
Ich packte die Schere und schnitt die ersten Drähte durch. Mein Kumpel versuchte, so gut es ging, die losen Enden beiseite zu biegen. Die Dinger waren verdammt widerspenstig. Doch wir wühlten uns Stück für Stück durch die Sperre, und je weiter wir voran kamen, umso mehr wuchs die Hoffnung, es schaffen zu könnten. Aber noch diktierte die Angst den Rhythmus der Herzen.
Endlich hatten wir die letzte Rolle beim Wickel, durchtrennen auch hier so viele Drähte, wie wir brauchten, um durchschlüpfen zu können. Und da – die letzte Zaunreihe.
„Gleich geschafft!“, wollte ich flüstern – doch plötzlich – eine laut bellende Stimme: „Halt Grenzposten – stehen bleiben!“
Wir zuckten zusammen. Nein – das durfte nicht wahr sein. In letzter Sekunde noch…
„Halt – oder wir schießen!“
Dann kam der erste Feuerstoß. Ich wurde erneut starr vor Angst, ließ die Drahtschere sinken und dachte nur: Aus!“
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Gedanken dir in so einem Moment durch den Schädel rasen. Beim zweiten und dritten Feuerstoß zuckte mein Körper, stets in Erwartung getroffen zu werden. Jetzt ratterten die Maschinenpistolen fast pausenlos. Ich glaube, ich habe mich vor Angst sogar eingepisst.
„Los – weiter!“, drängte Peter. „Auf diese Entfernung müssen die Schweine erst mal treffen!“
Das brachte mich etwas zur Besinnung, und ich schnippelte wieder hektisch an den Drähten herum.
Das Schießen hatte aufgehört. Beim letzten Draht verzichtete ich auf den Schnitt. Ich hob ihn einfach soweit an, dass mein Kumpel durchkriechen konnte. Das hatte er gerade geschafft, als es plötzlich laut hinter uns raschelte. Ich schaute instinktiv über die Schulter, konnte aber nichts erkennen. Das Geräusch kam aus der Richtung, wo wir vorhin aus dem Gebüsch gekrochen waren. Und dort krachte es jetzt im Unterholz, als würde eine Horde Wildschweine durchbrechen.
„Heb den Draht an!“, rief ich, alle Vorsicht vergessend.
Doch da vernahm ich ein deutliches Plätschern. Der Hundesohn hatte sich in den See geworfen und mich in der Falle zurück gelassen. Ich wollte zur Schere greifen, fand sie aber nicht. Verzweifelt tastete ich nach ihr und…“
Hinter mir ein lauter Schrei! Ich sah eine Gestalt aus dem Gebüsch kugeln, die auf dem Sandstreifen liegen blieb. Ein Grenzer!
Wieder diese lähmende Scheißangst! Der Kerl, der mir ans Leder wollte, richtete sich auf und tat noch aus der Hocke heraus einen Satz in meine Richtung. Doch noch im Sprung, schrie er erneut auf, landete reichlich fünf Meter von mir auf dem Bauch. Schon fischte er nach seiner Waffe, die halb unter ihm lag. Das linke Bein nachziehend, versuchte er, noch näher an mich heran zu robben. Doch vor Schmerzen stöhnend, gab er das Kriechen gleich wieder auf.
Ich war zu nichts anderem fähig, als ihn anzustarren. Und er starrte zurück. Seine Augen flackerten im grellen Licht der Grenzbeleuchtung, als sich unsere Blicke trafen. Für zwei, drei zwei Sekunden gab es nur uns Beide, die sich mit den Augen gegenseitig fest hielten.
Dann gewahrte ich, wie er langsam seine Mpi auf mich richtete. Die Mündung erschien mir wie ein drittes Auge von ihm. Ein Auge dessen Blick mich unweigerlich durchbohren würde. Gleich musste es aufblitzen, und ich wusste es würde das Letzte sein, was ich… Wie würde es sein, wenn…
Ich begann diesem Moment regelrecht entgegen zu fiebern – es sollte endlich Schluss sein.
„Schieß doch, du Scheißkerl“, hörte ich mich krächzen.
Doch da vernahm ich seine Stimme. Es klang merkwürdig gepresst, als er zischte: „Hau ab, du Arschloch!“
Und in diese Worte mischten sich bereits die Rufe, des zweiten Grenzers, der nun ebenfalls die Böschung herunter zu kommen schien.
„Heh Diddi - was ist los!?“ Das war schon ziemlich nahe.
„Hau endlich ab!“
Der Klang seiner Stimme gab den Worten etwas – ich habe später lange versucht, zu ergründen, was es war – und glaube, „verächtlich“ ist wohl die treffendste Umschreibung. Wie konnte er mich aber verachten und trotzdem laufen lassen? Ich habe das bis heute nicht kapiert.
Aber in dem Moment war mir das egal. Ich wusste nicht, ob er nur die Katze mimte, die mit der Maus spielen wollte, oder ob er mir wirklich eine Chance gab.
Das ließ mich vielleicht einen Wimpernschlag lang zögern, aber dann warf ich mich mit dem Mut der Verzweiflung nach vorn und versuchte unter dem einen noch verbliebenen Draht durchzukommen. Ich drückte, zerrte, und robbte verzweifelt. Ich spürte kaum, wie die rostigen Stahlstacheln meine Klamotten zerrissen, im Rücken und an den Beinen bis tief in die Haut drangen und mir vor allem das Gesicht zerfetzten. Es gab keine Schmerzen – es gab nur den Willen weg zu kommen. Raus aus diesem Alptraum.
Irgendwann spürte ich kaltes Wasser meinen Körper umspülen, und ich schwamm los, als müsste ich einen Weltrekord aufstellen. Ich war wie von Sinnen.
Erst, als mich die Amis in ihr Boot zogen, kam ich zu mir. Und nun spürte ich auch, welche Wunden dieser verdammte Drahtverhau gerissen hatte. Mein Gesicht brannte höllisch und um mich war das Deck voll von meinem Blut.
Ich weiß nicht, wieviel Mühe sich die Ärzte im Krankenhaus gegeben haben. Als ich das Hospital verlassen durfte, war ich mir vor allem zweier Tatsachen bewusst: Ich war entkommen, lebte fortan in Freiheit, würde aber von nun an und für immer die „Hackfresse“ sein, vor dem man sich schaudernd abwendet.“

Der Mann, der nichts dagegen hatte, dass man ihn Hackfresse nannte, brach ab. Mit dem Handrücken wischte er sich über die Augen. In den entstellten Zügen zuckte es.
„Nicht jeder wendet sich ab. Schon gar nicht, wenn er deine Geschichte kennt“, sagte Kallenbach leise. Er hätte gern noch mehr Tröstliches gesagt, aber er fühlte sich gehemmt.
So saßen sie einige Zeit schweigend nebeneiander. Kallenbach suchte nach Worten, doch sein Mund schien auf einmal wie ausgedörrt und die Kehle wie zugeschnürt.
Er war richtig dankbar, als er den Klingelton seines Handys vernahm. Frötsche war dran und fragte, wo er denn bliebe. Man wolle sich verabschieden.
„Ich komme!“, sagte Kallenbach. Und an seinen neuen Bekannten gewandt: „Tut mir leid. Ich muss los.“
Der Narbige schien aus seiner Versunkenheit aufzutauchen und schaute auf.
„Schade“, sagte er. „Bist ein guter Zuhörer. Hast mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Sonst muss ich immer so viele Details erklären.“
Kallenbach nickte und erhob sich. Er wollte dem Mann schon die Hand reichen. Da fiel ihm etwas ein. Er griff in seine Brusttasche und zog seine Visitenkarte hervor.
„Da – nimm. Kannst mich ja mal anrufen – wenn du möchtest.
Der Narbige nahm das Kärtchen und drehte es einen Moment lang ratlos zwischen den Fingern, bevor er einen Blick darauf riskierte. Und dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, fragte er hastig: „Hast du etwa einen Job für mich? Ich kann arbeiten… ich bin zwar schon…“
„Kann sein“, unterbrach Kallenbach und zeigte ein Lächeln, das der Andere garantiert nicht zu deuten wusste. „Das wird deine Entscheidung sein.“
„Da gibt es nichts zu entscheiden“, kam es hastig zurück.
„Abwarten“, sagte Kallenbach und reichte dem Mann die Hand. Der wollte sie festhalten, doch sie wurde ihm abrupt entzogen.
„Ich kann wirklich arbeiten!“, hörte er es hinter sich rufen.
Aber da stand er bereits auf der Treppe, die er nun, ohne sich umzuschauen, hinauf stieg.
Wieder diese stechenden Schmerzen im Knie. Diesmal schaffte er nicht einmal die Hälfte der Stufen. Er stützte sich auf das Geländer und wartete, bis der Schmerz abflaute. Sein Blick glitt dabei über den still in der Abendsonne liegenden See, dann hinüber zur Bank, wo der Narbige zu einem jeansfarbenen Bündel geschrumpft schien.
Weiter wanderten seine Augen den Steilhang hinauf, bis sie nur wenige Meter von seinem Standort entfernt verharrten. Genau dort musste es gewesen sein, wo ihm dieser verdammte Ast zwischen die Beine geriet und er, sich mehrfach überschlagend, den Abhang hinunter gestürzt war.
„Tja, Hackfresse“, murmelte er. „Ob du immer noch bereit bist, bei mir zu arbeiten, wird sich wohl erst zeigen, wenn du erst meine Geschichte gehört hast.
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Für Dieter Kallenbach, einen erfolgreichen Bauunternehmer, hatte sich überraschend die Gelegenheit ergeben, eine insolvenzgefährdete Tiefbaufirma in Süd-Brandenburg zu übernehmen.
An einem wunderschönen Frühlingstag war er daher vom heimatlichen Dresden nach Potsdam gereist, um erste Kontakte mit dem Vorstand des hiesigen Bauindustrie-Verbands zu knüpfen.

Die Unterredung fand im gediegenen Ambiente einer Babelsberger Villa statt und verlief, obwohl Kallenbach einige Konzentrationsschwächen an sich bemerkte, ausgesprochen erfreulich. Das war nicht zuletzt dem Engagement seines Mitarbeiters Gert Frötsche zu verdanken. Der legte sich mächtig ins Zeug, wusste er doch, dass er gute Chancen besaß, mit der Leitung der neuen Firma betraut zu werden.

Von dem kalten Buffet, zu dem man im Anschluss gebeten hatte, machte Kallenbach nur wenig Gebrauch. Mit einigen Schnittchen auf dem Teller begab er sich zu einem der hohen Fenster und ließ sich von der wundervollen Aussicht auf den langgestreckten See verzaubern. Plötzlich verspürte er einen unwiderstehlichen Drang, hinunter ans Ufer zu gehen.
Mit den Worten: „Ich muss mal ein wenig an die Luft“, übertrug er Frötsche die weitere Führung des obligatorischen Smalltalks und begab sich schnurstracks zum Hinterausgang. Er betrat den winzigen Park, der die Villa umgab. Unwillkürlich reckte die Nase in die nach undefinierbaren Blüten duftende Spätfrühlingsluft und atmete tief durch. Seine Aufgeregtheit vermochte er damit allerdings nicht zu vertreiben.

Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes entdeckte er eine schmale stählerne Treppe, die den zum Seeufer führenden Steilhang begehbar machte. Es mochten knapp zehn Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise überwinden konnte, ohne über den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu müssen.

Kallenbach nahm also diese Treppe und ärgerte sich über die Schmerzen im linken Knie, die sich bald bemerkbar machten, sich von Stufe zu Stufe stärker ausbreiteten und ihn schließlich zu einer kleinen Pause zwangen. Er nutzte die Gelegenheit, um von hier aus ein paar Fotos zu schießen.
„Vielleicht sollte ich doch demnächst die fällige Knieoperation ins Auge fassen‘, dachte er, während er die letzten Stufen in Angriff nahm.

Unten verlief parallel zum Ufer ein sorgfältig asphaltierter Weg. Kallenbachs Blick fiel auf eine Parkbank, die in unmittelbarer Nähe, im Schatten einer verzwieselten Akazie stand. Dorthin humpelte er jetzt, und als er sich setzte, vermochte er ein Ächzen nicht zu unterdrücken. In solchen Momenten wurde er deutlich daran erinnert, dass er allmählich auf die Sechzig zu ging.

Er zog sein Jackett aus und lockerte den Schlips. Obwohl die Sonne schon sehr tief in seinem Rücken stand und die Villa hinter ihm bereits lange Schatten warf, war es noch angenehm warm.
Von hier unten war die Perspektive eine ganz andere. Der lang gezogene See erschien viel breiter als von oben. Der Wald, der das gegenüberliegende Ufer säumte, schien weiter weg gerückt.
Gleich einem riesigen Schwan näherte sich von rechts ein Fahrgastschiff. Hier an der schmalsten Stelle des Sees, kam es dem Ufer sehr nahe. Musik und Stimmengewirr drangen von Bord zu ihm herüber.
Kallenbach zückte erneut den Fotoapparat.

„Darf ich?“
Überrascht hob er den Blick. Ein Mann war drei Schritte vor der Bank stehen geblieben. Kallenbach nahm nur eine magere Gestalt war, die in einem uralten Jeansanzug steckte; die Hose verbeult, die abgeschabte Jacke um einiges zu groß. Die nackten Füße steckten in ausgelatschten Sandalen.

„Ein Penner!“, dachte Kallenbach und fühlte Ärger in sich aufkommen.
Er hatte in Ruhe hier sitzen und seine Gedanken in diese für ihn so faszinierende Landschaft einbetten wollen.
Doch noch ehe er sich ein zögerndes Nicken abringen konnte, hatte der Jeansbefrackte sich bereits nieder gelassen. Wenn Kallenbach jetzt erwartet hatte, von einer mittelschweren Alkoholfahne gestreift zu werden, sah er sich getäuscht. Auch die sonst fast obligatorische Plaste-Tüte, deren Inhalt stets verdächtig zu klimpern pflegte, gehörte nicht zur Ausrüstung des Fremden. Trotzdem begann Kallenbach innerlich jene Spannung aufzubauen, die er brauchen würde, um mit unfreundlichem Knurren alle Versuche einer drohenden Kontaktaufnahme im Keim zu ersticken. Aber zunächst reichte es wohl, so zu tun, als sei man völlig damit beschäftigt, sich auf dem Display der Kamera die gerade geschossenen Bilder zu betrachten.

Es reichte nicht.
„Schöne Aussicht, stimmt’s? Da lohnt es sich, Fotos zu machen“, hörte er prompt den ungebetenen Gast sagen.
Kallenbach nickte, knurrte ein „Hm“ und hielt den Blick stur auf den Apparat gerichtet.
„Jetzt ist die Sicht ja nicht mehr versperrt. Früher, da…“
Der Mann brach ab, als wolle er abwarten, ob seine Andeutungen so etwas wie Interesse entfachen könnten. Als er merkte, dass das offensichtlich nicht der Fall zu sein schien, fuhr er fort: „Hier, wo wir sitzen, war früher nur Sand, sauber geharkter Sand – und dahinter – bis zum Wasser: Stacheldraht. Rostiger, aber solider Stacheldraht, in drei Reihen zwischen zweieinhalb Meter hohe Betonpfähle gespannt. Und zwischen den Reihen lagen zusätzlich etliche aufgedröselte Stacheldrahtrollen. Können Sie sich das vorstellen?“
„Kann ich“, brummte Kallenbach ohne aufzuschauen.
„Die dachten damals, da kommt keiner durch. Und falls es doch jemand versuchen sollte… Tja… dort oben am Steilhang, da hamse gestanden… und gewartet… mit ihren Schießeisen.“
„Ich weiß“, sagte Kallenbach, noch immer nicht bereit, sich ein Gespräch aufdrängeln zu lassen.
„Ach so. Sie sind wohl von hier?“, fragte der Mann, und man konnte seine Enttäuschung heraus hören. Wer weiß - vielleicht benutzte er die Beschreibung der ehemaligen Grusel-Grenze gewöhnlich als Aufhänger für ein Gespräch.

„Nein – bin geschäftlich hier.“
Kallenbach wies mit dem Daumen über die Schulter. Dabei schaute er dem Unbekannten zum ersten Mal ins Gesicht… und erschrak.
Dieses Antlitz war fürchterlich entstellt. Von der Stirn verlief eine breite, zickzackförmige Narbe dicht am linken Auge vorbei, über den Wangenknochen und verlor sich im dichten Filz eines grauen Vollbartes. Eine zweite, nicht weniger auffällige Narbe hatte in die rechte Augenbraue eine breite Schneise geschlagen, die Nasenflügel demoliert und sogar die Oberlippe verunstaltet. Zeugen schlimmer, offenbar schlecht verheilter Wunden.

Kallenbach senkte verwirrt den Kopf, und er fürchtete, der Andere könnte sein Zurückschaudern bemerken.
„Bin ich gewöhnt. So glotzen alle, die mich zum ersten Mal sehen.“
Kallenbach fühlte sich ertappt und rang sich ein „Tut mir leid“ ab.

Der Narbengesichtige schien davon unberührt. Er lehnte sich auf der Bank zurück, durchwühlte seine Jackentaschen und förderte schließlich ein Päckchen Tabak zu Tage. Routiniert drehte er sich eine Zigarette.
Kallenbach taxierte ihn von der Seite und versuchte das Alter zu schätzen.
‚Ende fünfzig ist der auch schon‘, dachte er. ‚Und in dem Alter, wo es überall zu zwicken anfängt, so leben zu müssen…“

„So einer wie Sie raucht natürlich ein besseres Kraut“, murmelte der vermeintliche Penner, ehe er das Papier anleckte.
„Aber ich bin eben nur ein Hartz-Vierer und Verlierer“, glaubte er wohl noch hinzu fügen zu müssen. Vielleicht fand er das sogar lustig, denn er lachte meckernd.

Kallenbach war peinlich berührt, wollte schon wieder eine grobe Antwort geben, besann sich aber. Was wusste er denn von diesem Mann?

„Als ich noch jung war – ganz jung – da habe ich auch von einem zufriedenen Leben geträumt. Gut bezahlter Job, hübsche Wohnung, erlebnisreiche Urlaubsreisen und jede Menge tolle Weiber.“

„Davon haben wir alle geträumt“, sagte Kallenbach und versuchte einen gelangweilten Klang in seine Stimme zu projizieren.
„Na, Sie scheinen es ja geschafft zu haben“, schniefte der Narbige und schnippte seine Kippe auf den Asphalt. Dann starrte er eine Weile schweigend hinüber zum anderen Ufer.
„Als ich dort drüben ankam, glaubte ich noch: Alles wird gut. Eine Zeitlang gab es eine Menge Rummel um meine Person. Meine zerhackte Visage taugte für etliche Titelseiten und flimmerte sogar über den Bildschirm. Da habe ich gedacht: Jetzt biste berühmt und alles Weitere kommt von allein.
Aber ein halbes Jahr später hockte ich schon wieder auf der Rüstung und durfte im Accord die Kelle schwingen. Und mit Weibern war och nischt. Früher, bevor das passiert ist…“ Er strich sich mit zwei Fingern über die Narben. „…da hatte ich eine Freundin. Allerdings… wenn ich sie streicheln wollte, dann hat sie sich immer über meine rissigen Hände beschwert. Aber wenn man ständig im Kalk rührt, iss nischt mit Beamtenpfötchen.“
Er lachte unfroh und setzte hinzu: „Aber davon verstehen Sie ja nichts.“
„Ich bin gelernter Betonbauer“, sagte Kallenbach mit ein wenig Trotz in der Stimme.
„Echt?“ Überraschung malte sich in dem entstellten Gesicht. „Du bist vom Bau? Und wie… ich meine…“
Er brach ab, aber Kallenbach meinte zu spüren, dass der Mann sich nicht vorzustellen vermochte, dass sich ein Betonbauer in so feinem Zwirn auf eine Parkbank setzt.
„Ist doch nichts Besonderes“, murmelte er. Und etwas lauter. „Typische DDR-Karriere eben. Zwei Jahre Lehre, Achtzehn Monate NVA, drei Jahre Studium…“
„Studieren sollte ich auch. Meine Alten wollten es so. Doch ich… nee keen Bock. Und zur Fahne schon gar nicht. Als ich wusste, dass die mich im Herbst einziehen wollten, habe ich das Kasernentor mit dem Seiteneingang dieser Villa da vertauscht.“
Diesmal zeigte er mit dem Daumen hinter sich.
„Verstehe ich nicht“, meinte Kallenbach, drehte sich um und schaute hinauf zu dem Gebäude, wo die dort versammelten Herren wohl gerade dabei waren, die letzten Schnittchen von den Platten zu picken.

Als er sich wieder zurück wandte, sah er auf dem Narbengesicht ein breites Grinsen.
„Das ist ein Ding, was?“ Das Grinsen verbreiterte sich. „Wir sind damals dort eingebrochen – mein Kumpel und ich. Ein stinknormales Schloss und für uns kein Problem.“
„Aha“, sagte Kallenbach und spürte, wie seine innere Distanz wieder zu wachsen begann. Er raffte sein Jackett zusammen und machte Anstalten, aufzustehen.
„Nee, nee – nicht was du denkst. Wir haben nischt geklaut. Wir haben uns nur im Keller verkrochen – zum Beobachten – verstehste?“

Kallenbach verstand. Sein Hintern plumpste zurück auf die Bank.
„Ach so – ihr wolltet rüber?“
„Na klar!“ Das Narbengesicht nickte lebhaft. Dann holte er wieder seine Rauchutensilien hervor.
„Soll ich die Geschichte erzählen?“
Kallenbach spürte, das war keine Frage, sondern eine Bitte. Okey – er würde sie ihm erfüllen. Oder ob Frötsche schon wartete? Egal. Sollte er.
„Krieg ich auch eine? Ich habe meine im Auto liegen lassen“. sagte er statt einer Antwort.
Der Narbige guckte erst ungläubig, aber das ging ein Leuchten über sein hässliches Gesicht.
„Ich heiße übrigens Jürgen. Kannst mich aber ruhig Hackfresse nennen – das machen alle Anderen auch.“
Damit reichte er Kallenbach die Selbstgedrehte. Der nahm sie und ließ sich Feuer geben. In das Husten, das dem ersten Zug folgte, mischte sich bereits wieder die Stimme des Narbigen.
„Weißt du, seit der Wende komme ich jedes Jahr hierher – immer am 13. Mai. An dem Tag bin ich zum zweiten Mal geboren und wahrscheinlich auch das erste Mal gestorben. Das ist auf den Tag genau 35 Jahre her.“

Jürgen, die Hackfresse, tat einen tiefen Zug, und während er den Rauch ausstieß, schaute er mit leicht tränenden Augen hinüber zum anderen Ufer. Kallenbach folgte dem Blick und rechnete.
„1967 also“, sagte er rau. „Wie alt warst du damals?“
„Gerade zwanzig geworden, und Peter, mein Kumpel, nur wenig älter. Von ihm stammte der Plan zur Flucht. Er wollte rüber zu seinem Alten, der angeblich vor Kohle gestunken haben soll. Als er mich fragte, ob ich mitmachen wollte, habe ich ganz spontan „Ja“ gesagt. Schiss habe ich erst später gekriegt, aber da wollte ich keinen Rückzieher mehr machen. Und außerdem… viele vor uns hatten es schon geschafft. Warum sollte es bei uns nicht auch klappen?

Also machten wir uns an einem Freitag-Abend los. Unser Plan war gut, und die so leicht zu öffnende Tür der Villa deuteten wir als ein positives Zeichen. Wir beschlossen, vom Keller aus die Lage aufzuklären. Einen Tag und eine eineinhalb Nächte verbrachten wir dort. Wir fanden heraus, dass ein Grenzpostenpaar ungefähr 100 Meter links von uns am Rande des Abhangs seinen Standort hatte. Wir notierten uns die Zeiten der Ablösungen, registrierten wann zusätzliche Streifen vorbei kamen und ermittelten, wie lange ein Grenzboot braucht, um unserer Gesichtsfeld zu passieren.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag verließen wir unser Versteck. Dass wir ohne große Probleme mit unserer, im Keller notdürftig zusammengebastelten, Leiter den Signalzaun überwinden konnten, machte uns Mut. Aber nun mussten wir den dicht mit Sträuchen und Bäumen bewachsenen Steilhang hinab kriechen. – geräuschlos, versteht sich. Mit Händen und Füßen versuchten wir uns in den Boden zu krallen, um nicht unkontrolliert ins Rutschen zu kommen. Überall lagen abgebrochene Äste und altes Laub. Buchstäblich Zentimeter für Zentimeter arbeiteten wir uns abwärts. Ich musste dabei höllisch aufpassen, dass ich die Drahtschere nicht verlor.
Als wir endlich unten ankamen, waren wir fix und fertig.

Um kurz zu verschnaufen, verkrochen wir uns in einem Gebüsch. Es war zwar eine kühle Nacht, aber mein Hemd klitschte wie ein nasser Lappen am Körper. Den Hang hatten wir geschafft, aber das Schwierigste und vor allem Gefährlichste stand uns noch bevor. Nur knapp zwanzig Meter trennten uns vom Wasser. Zwanzig Meter, die aber auf einmal unüberwindlich erschienen.
Direkt vor uns lag der vielleicht sechs bis acht Meter breite Sandstreifen. Er wurde von starken Peitschenlampen grell beleuchtet. Auch der dahinter liegende Wall aus Stacheldraht bekam noch jede Menge von diesem Licht ab. Nur ein Schritt und wir würden uns direkt auf einem Präsentierteller befinden. Besaßen wir überhaupt eine Chance?

Wir wagten nicht einmal zu flüstern – wir spürten nur, wie die Angst immer hastiger zwischen uns hin und her sprang. Rein mechanisch zog ich die Arbeitshandschuhe aus dem Gürtel und streifte sie über.
„Wollen wir wirklich? Wenn die nun gleich schießen?“, wagte ich schließlich zu hauchen
Keine Antwort. Wozu auch? Wir lagen zitternd in unserem Schweiß und dachten wohl Beide das Gleiche.

„Was ist das?“
Wir schauten nach links und entdeckten mitten auf dem See drei sich nähernde Lichter. Das konnten nur die Positionslampen eines amerikanischen Schnellbootes sein, das sich mit stark gedrosselten Motoren gemächlich näherte. Die DDR-Grenzboote erzeugten viel mehr Lärm.
„Das lenkt vielleicht die Grenzer ab“, flüsterte Peter. „Wir warten noch, bis es näher gekommen ist und dann …!“
Würde das Boot die Aufmerksamkeit der Posten lange genug auf sich ziehen? Die Nerven lagen blank.
Egal! Jetzt oder nie!
„Los!“, zischte Peter.

Es dauerte keine drei Sekunden, um aus dem Gebüsch heraus zu huschen und mit langen Sätzen den Sandstreifen zu überqueren. Schon lagen wir wieder auf dem Bauch – unmittelbar an der Drahtsperre. Kein Laut - außer dem leisen Brummen des Bootsmotores.
Ich packte die Schere und schnitt die ersten Drähte durch. Mein Kumpel versuchte, so gut es ging, die losen Enden beiseite zu biegen. Die Dinger waren verdammt widerspenstig. Doch wir wühlten uns Stück für Stück durch die Sperre, und je weiter wir voran kamen, umso mehr wuchs die Hoffnung, es schaffen zu könnten. Aber noch diktierte die Angst den Rhythmus der Herzen.

Endlich hatten wir die letzte Rolle beim Wickel, durchtrennen auch hier so viele Drähte, wie wir brauchten, um durchschlüpfen zu können. Und da – die letzte Zaunreihe.
„Gleich geschafft!“, wollte ich flüstern – doch plötzlich – eine laut bellende Stimme: „Halt Grenzposten – stehen bleiben!“
Wir zuckten zusammen. Nein – das durfte nicht wahr sein. In letzter Sekunde noch…
„Halt – oder wir schießen!“
Dann kam der erste Feuerstoß. Ich wurde erneut starr vor Angst, ließ die Drahtschere sinken und dachte nur: Aus!“
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Gedanken dir in so einem Moment durch den Schädel rasen. Beim zweiten und dritten Feuerstoß zuckte mein Körper, stets in Erwartung getroffen zu werden. Jetzt ratterten die Maschinenpistolen fast pausenlos. Ich glaube, ich habe mich vor Angst sogar eingepisst.

„Los – weiter!“, drängte Peter. „Auf diese Entfernung müssen die Schweine erst mal treffen!“
Das brachte mich etwas zur Besinnung, und ich schnippelte wieder hektisch an den Drähten herum.

Das Schießen hatte aufgehört. Beim letzten Draht verzichtete ich auf den Schnitt. Ich hob ihn einfach soweit an, dass mein Kumpel durchkriechen konnte. Das hatte er gerade geschafft, als es plötzlich laut hinter uns raschelte. Ich schaute instinktiv über die Schulter, konnte aber nichts erkennen. Das Geräusch kam aus der Richtung, wo wir vorhin aus dem Gebüsch gekrochen waren. Und dort krachte es jetzt im Unterholz, als würde eine Horde Wildschweine durchbrechen.

„Heb den Draht an!“, rief ich, alle Vorsicht vergessend.
Doch da vernahm ich ein deutliches Plätschern. Der Hundesohn hatte sich in den See geworfen und mich in der Falle zurück gelassen. Ich wollte zur Schere greifen, fand sie aber nicht. Verzweifelt tastete ich nach ihr und…“
Hinter mir ein lauter Schrei! Ich sah eine Gestalt aus dem Gebüsch kugeln, die auf dem Sandstreifen liegen blieb.
Ein Grenzer!

Wieder diese lähmende Scheißangst! Der Kerl, der mir ans Leder wollte, richtete sich auf und tat noch aus der Hocke heraus einen Satz in meine Richtung. Doch noch im Sprung, schrie er erneut auf, landete reichlich fünf Meter von mir auf dem Bauch. Schon fischte er nach seiner Waffe, die halb unter ihm lag. Das linke Bein nachziehend, versuchte er, noch näher an mich heran zu robben. Doch vor Schmerzen stöhnend, gab er das Kriechen gleich wieder auf.
Ich war zu nichts anderem fähig, als ihn anzustarren. Und er starrte zurück. Seine Augen flackerten im grellen Licht der Grenzbeleuchtung, als sich unsere Blicke trafen. Für zwei, drei zwei Sekunden gab es nur uns Beide, die sich mit den Augen gegenseitig fest hielten.
Dann gewahrte ich, wie er langsam seine Mpi auf mich richtete. Die Mündung erschien mir wie ein drittes Auge von ihm. Ein Auge dessen Blick mich unweigerlich durchbohren würde. Gleich musste es aufblitzen, und ich wusste es würde das Letzte sein, was ich… Wie würde es sein, wenn…
Ich begann diesem Moment regelrecht entgegen zu fiebern – es sollte endlich Schluss sein.
„Schieß doch, du Scheißkerl“, hörte ich mich krächzen.
Doch da vernahm ich seine Stimme. Es klang merkwürdig gepresst, als er zischte: „Hau ab, du Arschloch!“
Und in diese Worte mischten sich bereits die Rufe, des zweiten Grenzers, der nun ebenfalls die Böschung herunter zu kommen schien.
„Heh Diddi - was ist los!?“ Das war schon ziemlich nahe.
„Hau endlich ab!“
Der Klang seiner Stimme gab den Worten etwas – ich habe später lange versucht, zu ergründen, was es war – und glaube, „verächtlich“ ist wohl die treffendste Umschreibung. Wie konnte er mich aber verachten und trotzdem laufen lassen? Ich habe das bis heute nicht kapiert.
Aber in dem Moment war mir das egal. Ich wusste nicht, ob er nur die Katze mimte, die mit der Maus spielen wollte, oder ob er mir wirklich eine Chance gab.
Das ließ mich vielleicht einen Wimpernschlag lang zögern, aber dann warf ich mich mit dem Mut der Verzweiflung nach vorn und versuchte unter dem einen noch verbliebenen Draht durchzukommen. Ich drückte, zerrte, und robbte verzweifelt. Ich spürte kaum, wie die rostigen Stahlstacheln meine Klamotten zerrissen, im Rücken und an den Beinen bis tief in die Haut drangen und mir vor allem das Gesicht zerfetzten. Es gab keine Schmerzen – es gab nur den Willen weg zu kommen. Raus aus diesem Alptraum.

Irgendwann spürte ich kaltes Wasser meinen Körper umspülen, und ich schwamm los, als müsste ich einen Weltrekord aufstellen. Ich war wie von Sinnen.
Erst, als mich die Amis in ihr Boot zogen, kam ich zu mir. Und nun spürte ich auch, welche Wunden dieser verdammte Drahtverhau gerissen hatte. Mein Gesicht brannte höllisch und um mich war das Deck voll von meinem Blut.

Ich weiß nicht, wieviel Mühe sich die Ärzte im Krankenhaus gegeben haben. Als ich das Hospital verlassen durfte, war ich mir vor allem zweier Tatsachen bewusst: Ich war entkommen, lebte fortan in Freiheit, würde aber von nun an und für immer die „Hackfresse“ sein, vor dem man sich schaudernd abwendet.“

Der Mann, der nichts dagegen hatte, dass man ihn Hackfresse nannte, brach ab. Mit dem Handrücken wischte er sich über die Augen. In den entstellten Zügen zuckte es.
„Nicht jeder wendet sich ab. Schon gar nicht, wenn er deine Geschichte kennt“, sagte Kallenbach leise. Er hätte gern noch mehr Tröstliches gesagt, aber er fühlte sich gehemmt.

So saßen sie einige Zeit schweigend nebeneiander. Kallenbach suchte nach Worten, doch sein Mund schien auf einmal wie ausgedörrt und die Kehle wie zugeschnürt.
Er war richtig dankbar, als er den Klingelton seines Handys vernahm. Frötsche war dran und fragte, wo er denn bliebe. Man wolle sich verabschieden.
„Ich komme!“, sagte Kallenbach. Und an seinen neuen Bekannten gewandt: „Tut mir leid. Ich muss los.“
Der Narbige schien aus seiner Versunkenheit aufzutauchen und schaute auf.
„Schade“, sagte er. „Bist ein guter Zuhörer. Hast mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Sonst muss ich immer so viele Details erklären.“
Kallenbach nickte und erhob sich. Er wollte dem Mann schon die Hand reichen. Da fiel ihm etwas ein. Er griff in seine Brusttasche und zog seine Visitenkarte hervor.
„Da – nimm. Kannst mich ja mal anrufen – wenn du möchtest.
Der Narbige nahm das Kärtchen und drehte es einen Moment lang ratlos zwischen den Fingern, bevor er einen Blick darauf riskierte. Und dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, fragte er hastig: „Hast du etwa einen Job für mich? Ich kann arbeiten… ich bin zwar schon…“
„Kann sein“, unterbrach Kallenbach und zeigte ein Lächeln, das der Andere garantiert nicht zu deuten wusste. „Das wird deine Entscheidung sein.“
„Da gibt es nichts zu entscheiden“, kam es hastig zurück.
„Abwarten“, sagte Kallenbach und reichte dem Mann die Hand. Der wollte sie festhalten, doch sie wurde ihm abrupt entzogen.
„Ich kann wirklich arbeiten!“, hörte er es hinter sich rufen.
Aber da stand er bereits auf der Treppe, die er nun, ohne sich umzuschauen, hinauf stieg.

Wieder diese stechenden Schmerzen im Knie. Diesmal schaffte er nicht einmal die Hälfte der Stufen. Er stützte sich auf das Geländer und wartete, bis der Schmerz abflaute. Sein Blick glitt dabei über den still in der Abendsonne liegenden See, dann hinüber zur Bank, wo der Narbige zu einem jeansfarbenen Bündel geschrumpft schien.
Weiter wanderten seine Augen den Steilhang hinauf, bis sie nur wenige Meter von seinem Standort entfernt verharrten. Genau dort musste es gewesen sein, wo ihm dieser verdammte Ast zwischen die Beine geriet und er, sich mehrfach überschlagend, den Abhang hinunter gestürzt war.
„Tja, Hackfresse“, murmelte er. „Ob du immer noch bereit bist, bei mir zu arbeiten, wird sich wohl erst zeigen, wenn du erst meine Geschichte gehört hast.
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo, alle zusammen,

da dieser Text schon ziemlich weit durchgerutscht war und ich ein fauler Hund bin, habe ich zwar in meiner eigenen Fassung die vorgeschlagenen Veränderungen eingearbeitet und die angesprochenen Schnitzer (hoffentlich komplett) beseitigt, mich aber um die LL-Version nicht mehr gekümmert.
Das habe ich jetzt nachgeholt. Danke für die Anregungen und Hinweise. Einen, von suzah entdeckten Hinweis habe ich aber wissentlich ignoriert – nämlich die „Plaste-Tüte“. Da habe ich meinen Stolz. Wenn ich durch den Park von Sanssouci schreite, erfreue ich mich hin und wieder an einer Plastik, aber meine Einkäufe werde ich stets in eine Plastik-Tüte stopfen. :D
Suzah mahnt außerdem angesichts von knychens Einwendungen an:

„… eine solche geschichte sollte wirklich - auch wenn sie vielleicht phantasie ist und nicht auf tatsachen beruht - realitätsnah sein…“

Dem stimme ich zu und versichere: die Geschichte ist zwar frei erfunden, aber die Kulisse stimmt!

Vor drei Monaten bin ich mit meiner Lebensgefährtin am Ufer des Griebnitzsees (Potsdam-Babelsberg) spazieren gegangen. Es handelt sich dabei um den Weg, wo ein öffentlicher Streit zwischen Stadtverwaltung und Grundstückseigentümern tobt. Er ist auf Grund von Einfriedungen nur noch zum Teil begehbar. An einer ganz bestimmten Stelle bin ich stehen geblieben, habe nach oben zu einer Villa gezeigt und meine Begleiterin gefragt, ob ihr das Haus und die Stelle an der wir standen, bekannt vor käme. Sie guckte ratlos, denn sie war noch nie hier gewesen, und dann kam es ganz spontan: „Hackfresse?“

In meiner ersten Antwort habe ich schon darauf hingewiesen, dass ich eigentlich den Stoff für eine Novelle benutzen möchte. Die Idee, eine Geschichte über das Geschehen an der Berliner Grenze zu schreiben, ohne dabei nur „Gute“ und „Böse“ auftreten zu lassen, trage ich schon lange mit mir herum. Das liegt nahe, weil ich selbst meinen 18-monatigen Grundwehrdienst (Herbst 1966 – Frühj. 1968) am „Draht“ gestanden habe.
Als ich im vergangenem Jahr eine Einladung des Bauindustrieverbandes annahm und ich mich ausgerechnet in eine aufpolierte Villa verschlagen sah, vor der ich etliche Male mit dem Gesicht zum See gestanden hatte, kam alles wieder hoch. Ich bin zwar kein Bauunternehmer, aber ich trage viel von diesem Kallenbach in mir.

Knychen schreibt:

"erstens passte es irgendwie nicht, dass man von einer leerstehenden villa in direkter grenznähe so guten einblick bekommt - postenwechsel, zusatzposten, etc.
denn irgendwie waren da ja auch büsche und bäume. die hätten dort gar nicht sein dürfen. und schon gar nicht, wenn man den signalzaun bereits überwunden hat. denn nach dem signalzaun kam generell überschaubares gelände (sonst hätte ja ein vom baum fallender trockener ast bereits alarm auslösen können) andererseits spielt das ja 1967 und es ist durchaus möglich, dass in dem entsprechenden bereich so kurz nach errichten von zaun und grenzstreifen alles noch provisorisch war."


Ja, es war alles noch reichlich provisorisch damals. Bäume und Sträucher standen zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch auf dem Abhang. Die Posten standen an der Nähe der Böschungsoberkante. Von der Villa aus waren sie nur zu sehen, wenn sie während der Ablösung unmittelbar vorbei kamen. Aber man konnte sie hören. Vor allem nachts. Sie redeten miteinander, lachten, telefonierten, husteten oder klapperten mit Ausrüstungsgegenständen.
Eine Streife war noch leichter auszumachen. Die Soldaten mussten die Stahlhelme mitschleppen, und das gab bei jedem Schritt scheppernde Geräusche, wenn die Ösen des Tragegestelles an den Stahlhelm stießen.

Während meiner Zeit als Wehrpflichtiger gab es einen Fall, wo sich tatsächlich ein junger Mann zwei Tage und Nächte in einer der alten Villen (in dem Fall als Kindergarten genutzt) versteckt hatte, um zunächst aufzuklären. Dass er dann dennoch (ohne Schießerei) festgenommen wurde, verdankte er einem blöden Zufall.

Mit dem Signalzaun gebe ich knychen Recht. Die Dinger mussten damals allerdings noch ganz schön strapaziert werden, ehe sie auslösten. Aber bei herabfallenden Ästen konnte das (wenn auch selten) schon mal passieren. Viel öfter lösten Signalgeräte aus, von denen in der Geschichte keine Rede ist. Ihr Knall ließ uns aber nur die Köpfe heben, so sehr waren wir daran gewöhnt. Wir hatten uns vor allem auf den beleuchteten Kontrollstreifen und den breiten Stacheldrahtverhau zu konzentrieren.

Wie der Grenzabschnitt nach meiner Zeit sich gewandelt hat, weiß ich nicht. Das hat mich auch nicht interessiert. Ich war einfach nur froh, mit dem Mist nichts mehr zu tun haben zu müssen.

Bei Lesungen werde ich gefragt, ob denn der Grenzer, wenn er den Flüchtling laufen ließ, nicht selbst Angst vor empfindlicher Strafe haben musste. Ja – das musste er.
Ich selbst habe weder einen Flüchtling festnehmen oder gar die Schusswaffe gebrauchen müssen. Das ist nicht unbedingt mein Verdienst, sondern ich hatte nur Glück – genauso wie bei vielleicht 95% aller Grenzsoldaten.
Aber wir haben uns natürlich ständig mit der Frage konfrontiert gesehen: Was wäre wenn…?
Absichtlich daneben schießen? Bei einer Entfernung von 80 bis 100 Metern durchaus möglich, ohne dass es auffiel. War man aber bereits sehr nahe am der fliehenden Person, hätte es (zumindest nach meinen Überlegungen) nur einen Trick gegeben. Man musste sehen, hinter dem Flüchtling in dessen Fluchtlinie zu stehen. Jeder abgegebene Schuss bzw Feuerstoß wäre dann automatisch in Richtung Westberlin abgegeben worden – und das war streng verboten.
Ob mir eine solche Argumentation vor dem Militär-Staatsanwalt ausgereicht hätte…? Wie gesagt: Ich hatte Glück und bin nie in eine solche Situation geraten. Mein Protoganist ist in dieser Situation und nutzt sie. Und um Hackfresse ohne Schusswaffeneinsatz aufzuhalten, war er wegen der Knieverletzung nicht mehr in der Lage.

"die andere sache, die mir aufstiess, war die lapidar hingeworfene bemerkung über die typische ddr-karriere….aber vielleicht war 67 sowas alles noch möglich."

Alles, was knychen über den DDR-typischen Werdegang hinsichtlich Schule, Lehre, Armeedienst und Studium anführt ,ist richtig. Leute, die nur wenig jünger sind als ich, haben einen der von knychen geschilderten Wege gehen müssen. Dagegen sind mein eigener Werdegang und der von Kallenbach identisch. Allerdings habe ich auf knychens Einwendungen hin eine Korrektur machen müssen. Aus fünf Jahren Studienzeit wurden korrekte drei Jahre. Innerhalb von drei Jahren konnte man auch ohne Abitur eine Ingenieurschule besuchen und erlangte erst dort die Hochschulreife. Ingenieure, die diese Ausbildung haben, durften nach der Wende den Titel Dipl. Ing. (FH) annehmen.

Uff – so viel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Habe ich eigentlich schon gesagt, wie dankbar ich für euer Interesse an dem Text bin? Nein? Dann sei das an dieser Stelle schleunigst nachgeholt.


Gruß Ralph
 
S

suzah

Gast
hallo ralph,

danke für deine ausführlichen hintergrund-erklärungen. das ist ja alles sehr interessant und jetzt ist die geschichte rund, die du nun auch dank knychens kommentar noch geringfügig berichtigt hast.

ich hatte die plaste-tüte nur angemerkt, weil ich annahm, dass dein prot für eine west-firma tätig wäre und sich das plaste verkneift und plastik sagt. (dass du persönlich bei plaste bleiben willst, kann ich verstehen.)

liebe grüße und schönen sonntagnachmittag trotz des miesen wetters,
suzah
 

MarenS

Mitglied
Lieben Dank für die vielen ausführlichen Erklärungen. Da ich im Westen aufwuchs, ist mir vieles unbekannt und die Dinge, die knychen aufführte, wären mir nie in den Sinn gekommen.

Es grüßt die Maren
 

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