Halt dich gerade!

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Blumenberg

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Der Benz frisst sich Kilometer für Kilometer durch eine Allee aus v-förmig stehenden Apfelbäumen. Jan ist auf dem Weg zu einem Café in K. Dort will er sich mit einem gewissen Leftien treffen. Er kennt den Mann nicht, weiß nur, dass er vor Kurzem mit einem kleinen Speditionsgeschäft pleitegegangen ist und nun ein Grundstück mit guter Anbindung verkaufen muss. Eigentlich nicht sein Geschäftsfeld, er ist auf Wohnimmobilien im gehobenen Preissegment spezialisiert. Aber Jan hat leicht verdientes Geld gewittert und sich ins Auto gesetzt. Wenn er es vernünftig anstellt, sind bei der Sache zwanzigtausend für ihn drin. Außerdem ist er neugierig, was aus dem Kaff geworden ist. Er ist in K. aufgewachsen, aber seit Jahren nicht mehr dort gewesen.

Jan stellt sein Cabrio auf einen verlassenen Parkplatz am Rad der Altstadt und geht die letzten Meter zu Fuß. Hier ist wirklich der Hund begraben. Im Ortskern das historische Rathaus, dessen zu DDR-Zeiten bereits anberaumte Sprengung Gründe verhindert haben, die heute im Dunkeln liegen. Davor der weitläufige Platz, die gotische Kirche mit den markanten Spitzbogenfenstern, zwei Cafés, ein Italiener und ein paar Geschäfte rundherum. Alles adretter als damals, in den Blumenkästen blühen die Farben des Stadtwappens. Aber je weiter man sich vom Zentrum entfernt, desto schäbiger werden die Häuser.

Zu dieser Uhrzeit hat sich nur eine kleine Gruppe Touristen auf den Platz verirrt. Die Sonne brennt und die Gruppe drängt sich schwitzend im Schatten des Kirchenportals um einen als Nachtwächter verkleideten Fremdenführer. Warum man in seiner Freizeit ausgerechnet hierherfährt? Jan setzt sich auf einen der Plastikstühle und bestellt Kaffee. Er hat K.´s kurze Boomphase erlebt, ein paar Jahre nach der Wende, als infrastrukturelle Anbindung das Zauberwort war und jede Gemeinde in der Nähe der Autobahn das große Geld witterte. K gönnte sich ein Gewerbegebiet und lukrativen Zugang zur pulsierenden Blutbahn des deutschen Industriewunders. Das wiedervereinigte Berlin war hungrig nach Konsumgütern und die Stadtverwaltung kam kaum mit der Auslobung von gewerblichem Bauland hinterher. Wie ein altes Judenviertel lag es abseits der Gemeinde, war der Ort, an dem das Geld verdient wurde, über den aber alle die Nase rümpften. Auch weil die entstehenden Betriebe meist einem Wessi gehörten. Trotzdem hatten die Leute das Gefühl, es ginge nach den Erdbeben des Mauerfalls und der Treuhand bergauf. Nach ein paar Jahren war der Markt gesättigt und in Bezug auf die Zukunft machte sich eine gewisse Ratlosigkeit breit. Von der zaghaften Hoffnung, den Lebensstandard von denen da drüben einzuholen, war bald nicht mehr viel übrig. Zum Glück war er dann zum BWL-Studium nach Mannheim gezogen.

Der aufgerufene Preis ist fair. Jan will das Ganze schnell hinter sich bringen. Für die zubetonierte Fläche und die beiden Hallen in der Nähe der Autobahn hat er bereits heute Morgen einen Vorvertrag mit einem Käufer aus Übersee geschlossen, aber das braucht der bankrotte Speditionsunternehmer nicht zu wissen. Ein schlechtes Gewissen hat Jan nicht. Er nutzt seinen Informationsvorteil, so funktioniert der Markt nun mal. Jan sieht auf die Uhr, schon kurz vor halb. Von Leftien ist noch nichts zu sehen, stattdessen steuert die Touristengruppe auf die Außenterrasse des Cafés zu und lässt sich schnatternd an einem Nachbartisch nieder. Das hat ihm gerade noch gefehlt.

„Halt dich gerade, Junge!“ herrscht ein Touri-Vater seinen Sohn an. Der Satz klingt vertraut, dringt durch den Gehörgang direkt in die Seele und bohrt sich wie eine kleine heiße Nadel hinein. Er hat ihn in seiner Kindheit oft gehört. Am Esstisch, vor und nach Schularbeiten, bei der Arbeit im Laden, sonntags wurde er bei Fußballspielen der SVK über den Platz geschrien. Am Grab seiner Mutter war er das Einzige, was dem zerbrochenen Vater über die Lippen kam. Der Satz ist immer mehr gewesen als der Hinweis auf eine anatomisch korrekte Position im Raum. In ihm kommt die Geisteshaltung zum Ausdruck, die, seit er denken kann, sein Elternhaus geprägt hat. Egal, was dir die Welt an den Kopf wirft, halt dich gerade und steh zu deinen Überzeugungen. Wehr dich! Gib Kontra!

Jan versucht vergeblich, Leftien zu erreichen. Dessen Handy ist abgeschaltet. Was treibt der Kerl? Er hat nur noch fünf Prozent Akku, muss vergessen haben, es aufzuladen. Er winkt dem Kellner und zahlt. Ausgerechnet jetzt ruft auch noch sein Vater an. Wie üblich mitten in seinem Arbeitstag. Ob er wittert, dass Jan in der Stadt ist? Er lässt es klingeln. Als der Alte endlich aufgibt, telefoniert er mit seiner Assistentin und trägt ihr auf, so lange bei Leftien anzurufen, bis der rangeht.

Jan schlendert die Ladengeschäfte entlang und biegt an der Schlegelstraße unvermittelt ab. Zwei Gehminuten später steht er vor dem Gebäude, in dessen Erdgeschoss bis vor ein paar Jahren der Modellbauladen seines Vaters lag. Heute ist dort eine Physiotherapiepraxis. Die mitgenommene Fassade, für deren Renovierung immer nichts über war, ist neu verputzt und gestrichen. Das Schaufenster ist einer Milchglasscheibe gewichen und die neue Pächterin hat einen Hortensienbusch im Kübel neben die Treppe gestellt. Wenigstens sind die ausgetretenen Stufen noch da. Das hat etwas Beruhigendes.
Es hatte seinen alten Herrn getroffen, dass er nach dem Studium nicht in den Laden einsteigen wollte. Das war immer sein Plan für Jan gewesen, seit ihm ein Onkel, der rübergemacht hat, nach der Wiedervereinigung das Startkapital geliehen hatte. Endlich was Eigenes aufbauen und was hinterlassen, das der Junge fortführen kann. Sein Vater hatte nach dem Mauerfall eine dicke Akte in der Unterlagenbehörde vorgefunden, die als häufigste Ausdrücke die Begriffe ideologisch verbohrt und unbelehrbar enthielt. Immer gerade! Das bekam einem nicht. Kein Wunder, dass er, obwohl Bauingenieur und Parteimitglied, im Sozialismus nie vorangekommen war. Man lobte seine Arbeit, befördert wurde aber immer einer mit ideologisch gefestigterer Persönlichkeit. Der Witz ist, er hatte brav seinen Marx gelesen und glaubt bis heute an den Kommunismus. Im Studium hatte Jan schnell festgestellt, dass der Laden nicht seine Zukunft sein würde. Einzelhandel in Zeiten von Amazon und Ebay. Deren Preise kannst du nie mitgehen wegen der steigenden Skalenerträge. Außerdem war der Modellbau tot. „Schau nur auf die Messen, du hast doch Augen im Kopf“, hatte Jan um Verständnis geworben. „Lauter alte Männer. Das macht niemand mehr unter Fünfzig.“ Sein Vater kannte seine Bücher. Der sah doch, was jeden Monat reinkam, und wusste selbst, dass er aufs falsche Pferd gesetzt hatte, nur zugeben konnte er es nicht. Und selbst wenn: Jan war das ohnehin zu klein gewesen. Nach oben ist das Leben offen. Eisern in ihrer Überzeugung waren nur Heilige und die waren in der Regel tot. Was lebt, muss flexibel sein, sich an veränderte Bedingungen anpassen können, sonst stirbt es. Seit dem Zerwürfnis war Jan nicht mehr hier gewesen, immerhin telefonierten sie seit einem Jahr wieder.

Schon eine Stunde Verzögerung. Wenn das noch lange dauert, kommt er erst morgen wieder nach Hause. Eine Nacht in der Provinz, noch dazu in einer Stadt, die voll ist mit beiseitegeschobenen Erinnerungen, hat ihm gerade noch gefehlt. Jan kramt sein Handy hervor. Zwei Prozent. Er wählt noch einmal Leftiens Nummer. Wieder nichts. „Leftien, ich komme bei Ihnen vorbei“, bellt Jan auf die Mailbox. Anschließend sagt er seiner Sekretärin, für den Fall, dass sich der Spediteur bei ihr meldet, Bescheid, wo er hinwill. „Der Akku ist leer. Versuchen Sie´s weiter …“ Dann ist der Bildschirm schwarz und das kleine Wunderding nur noch ein hübsch geformter Klumpen aus Metall, Glas und Plastik.

Der Weg ist nicht weit. Obwohl Jan langsam geht, kommt er in der Sonne ins Schwitzen und muss sich immer wieder mit einem Taschentuch den Schweiß von Stirn und Nacken wischen. Seit er auf die Vierzig zugeht, ist er aus der Form geraten. Letztes Jahr hat er sich deshalb eine Rudermaschine in den Keller gestellt. Die sollte er häufiger benutzen. Ein Rettungswagen mit Blaulicht scheucht ihn auf, dicht gefolgt von einem Löschzug und zwei Polizeiautos. Schmerzhaft hämmert das Stakkato der Sirenen gegen seine Trommelfelle, während die Kolonne über die Kreuzung donnert. Sonst ist kein Auto zu sehen. Die hätten auch einfach durchfahren können. Während er der Kolonne nachsieht, die grob in Richtung Autobahn davonrast, fällt ihm wieder einmal auf, wie sehr er das pulsierende Leben Münchens schätzt.

Zehn Minuten später steht Jan vor der Tür eines beige verputzten Reihenhauses aus den Sechzigern und läutet. Es dauert ein wenig, bis eine Bewegung hinter dem Fenster der Eingangstür verrät, dass jemand zu Hause ist. Der hat doch nicht etwa kalte Füße bekommen oder das Grundstück anderweitig weggegeben? Jan ist verärgert. Als eine blonde Frau in den Vierzigern öffnet, sieht er sie ebenso fragend an wie sie ihn.
„Ja, bidde?“

„Entschuldigung, ich war mit Herrn Leftien verabredet ...“ Jan tritt von einem Bein auf das andere. Das unerwartete Gegenüber hat ihn aus dem Konzept gebracht. „Vielleicht habe ich mich auch im Haus geirrt“, murmelt er entschuldigend und will schon kehrtmachen.

„Des is meen Vader. Um was geht´s denn?“ Sie sieht Jan an, zieht dann eine Augenbraue hoch und verschränkt die Arme vor der Brust. Jan kennt die abwehrende Körperhaltung nur zu gut. Die hier hat in der Spannung des Körpers, dem vorgereckten Kinn außerdem etwas Aufmüpfiges. „Sie sind der Immobilienfritze, ne?“

„Stimmt, mein Name ist Forster. Es geht um das Grundstück, das ihr Vater verkaufen möchte. Wir waren verabredet, um die Details zu besprechen und den Kaufvertrag aufzusetzen. Leider ist er nicht gekommen und ich erreiche ihn telefonisch nicht.“
„Komm´se rein, isch ruf ihn an. Aber zieh´n se de Schuhe aus.“
Ein schmaler Flur führt gerade auf das Wohnzimmer zu, rechts geht die Küche ab, links die Treppe ins erste Geschoss. Jan blickt an sich hinab, auf die grauen Socken. Zu allem Überfluss wird er nach einem Schuhlöffel fragen müssen, um hier wieder wegzukommen. An der Wand hängt eine stattliche Geweihsammlung. Schon im Angesicht des Jägerzauns hat er den Kleinbürgermief gerochen, den er nur zu gut kennt.

„Die hat er geschossen“, erklärt die Blonde, als sie seinen Blick bemerkt.

„Was auch sonst“, entgegnet Jan und geht an ihr vorbei ins Wohnzimmer durch. Er setzt sich auf die Couch und sieht der Frau dabei zu, wie sie mit dem Handy herumhantiert. In der Ecke tickt eine Zapfenstanduhr aus dem Erzgebirge. Jan langweilt sich. Sein Blick schweift umher, bis er auf die rosa lackierten Zehen fällt. Die Farbe passt gut zu den schlanken, gebräunten Füßen und so gar nicht in diese biedere Umgebung. Solche Zehen gehören ans Ufer der Isar oder auf eine Wiese im Englischen Garten, aber nicht in eine sächsische Piefstadt.
„Nur de Mailbox. Tut mir leid, des passt so gar nischt zu ihm. Wissen se, des Ganze hat ihn ziemlisch mitgenommen.“

Jan blickt schnell wieder nach oben. Die Frau sieht besorgt aus und er hat nichts Besseres zu tun als unverhohlen ihre bloßen Füße anzustarren. Er schämt sich ein wenig und sagt erst einmal nichts.

„Solang der Preis stimmt, kümmert Se des wahrscheinlisch nischt sonderlisch, nehm isch an.“ Sie winkt ab, als er antworten will. „Lassen Se, isch versuch´s in der Firma.“
Bevor Jan etwas sagen kann, ist sie in der Küche verschwunden. Vielleicht hat sie sogar Recht. Ihm war die persönliche Seite seiner Klienten nur insoweit wichtig, wie sie für eine professionelle Abwicklung seiner beruflichen Tätigkeit notwendig war. Er hält sich trotzdem nicht für einen schlechten Menschen. Wie ein Arzt, der einen naturwissenschaftlichen Blick auf den Körper haben muss und deshalb persönliche Anteilname ausblendet, hatte er einen ökonomischen auf Scheidungen, Todesfälle und Insolvenzen. Letztlich geht es um Zahlen und in diesem Segment ließen sich häufig gute Geschäfte machen.

Als sie zurückkommt, entschuldigt er sich und versichert ihr, dass es ihm immer auch darum ginge, dass der Verkäufer einen guten Preis bekommt.

„Geht doch eh alles an de Gläubiger. Oleg, seen Vorarbeider, sagt, er is vor über ner Stunde weg. Hat getobt und des ganze Büro verwüstet, bevor er mit´m Auto los is. Heut früh war er noch ganz ruhisch. Isch versteh des einfach nischt. Und immer geht sofort de Mailbox ran.“

Die Frau steckt ihn an mit ihrer Nervosität. Irgendwas stimmt hier nicht. Sie starrt immer wieder auf ihr Handy, wählt, versucht es nochmal und nochmal. Als ob das irgendetwas ändern würde. Dazu das nervtötende Ticken. Ihm wird das Ganze zu viel. „Wissen Sie was, ich lasse Ihnen einfach meine Karte da und Sie sagen Ihrem Vater, er soll sich melden.“ Er hat sich schon halb von der Couch erhoben, als die Türglocke geht.

„Des is er bestimmt“, versichert ihm die blonde Frau und hastet Richtung Tür. Jan steht auf, um einen Blick auf den Spediteur zu werfen, der ihn schon so viele Nerven gekostet hat. Er sieht, wie eine Hand die Polizeimütze vom Kopf zieht und eine kurz rasierte Halbglatze zum Vorschein kommt, deren polierte Kopfhaut das Blaulicht im Hintergrund spiegelt. Jan fällt die Kolonne wieder ein und er hat plötzlich ein ganz mieses Gefühl. Nicht wieder so was wie nach der Zwangsversteigerung in Brandenburg.

Damals war es auch ein Jäger. Ein alter Gutshof. Traumhafte Lage, natürlich renovierungsbedürftig, ein Liebhaberstück. Der Vorbesitzer hatte ihm, als er mit dem Räumkommando in den Hof fuhr, noch freundlich zugewunken und sich dann mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Das ging so schnell, Jan hatte es nicht einmal geschafft, wegzusehen. Darauf hatte ihn niemand vorbereitet. Lauter grauenerregende Einzelbilder, die sich, wie er sie auch zu arrangieren versuchte, einfach nicht zu etwas zusammensetzen ließen, das einen Sinn ergab. Danach hatte er die Zwangsversteigerungen aufgegeben, hatte sich selbst eingeredet, dass die für einen aufstrebenden Makler zu halbseiden sind.

Leftiens Tochter kommt mit zwei Polizisten ins Wohnzimmer. Im Augenblick wünscht er sich nichts sehnlicher, als wieder in seinem Benz zu sitzen. Unschlüssig steht er da, blickt auf seine lächerlichen Socken. Keine Chance, ihm bleibt nichts, als sich ins Unvermeidliche zu fügen. Er setzt eine ernste Miene auf, von der er hofft, dass sie angemessener ist als sein Aussetzer vorhin.

Sie glotzt ihn an. „Isch…Isch weß gar nischt, was isch sagen soll, Herr Forster.“ Dabei wirkt sie erstaunlich gefasst. Nur die Oberlippe zittert ein bisschen. Vielleicht hat Leftien ja Glück gehabt. Eher nein, dafür schauen die zwei Uniformierten zu betreten auf den Boden. Was sagt man in so einer Situation? Wenn das Undenkbare durch bloßes Aussprechen endgültig in der Welt ist, sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Ob sie ihm Vorwürfe machen wird? Wenn sie nur endlich weiterreden würde. Er will ihr sein Beileid aussprechen, ihr sagen, dass jetzt überhaupt kein angemessener Zeitpunkt für das Geschäft ist. Dass bei so einer Tragödie alles andere seine Bedeutung verliert. Dann …, ab nach draußen, ab in den Benz, ab nach Hause. Was brachte es schon, ein paar tausend mit so einem Elend zu realisieren, die, kaum waren sie verdient, wieder bei der Miete für sein Geschäft, drei Zimmer in einem Münchner Büroturm, seine Angestellte und die Steuer draufgingen?

„Herr Forster … Ihr Vader is tot.“

„Bitte?“ Jan muss sich verhört haben.

„Sie waren nisch erreeschbar, also hat Ihre Assistendin die zwee hergeschickt. Es gab een Unfall auf der Landstraße. Ihr Vader is mit seenem Wagen von der Straße abgekommen und gegen een Baum geprallt. Man konnte leeder gar nischt mehr tun. Des tut mir furschtbar leid.“
 

molly

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Hallo Blumenberg,

"Halt dich gerade", ein Satz, der Jan durch seine Kindheit begleitet, so, als gäbe es nichts wichtigeres. Obwohl er gerade in seiner Heimatstadt weilt, zieht es Jan nicht zu seinem Vater. Kein Wunder, dass ich Jan als gefühllos empfinde. Eigentlich eine traurige Geschichte.

Den Schluss finde ich sehr gelungen, eine Überraschung!

Liebe Grüße

molly
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo molly,

vielen Dank fürs Lesen und deinen Eindruck zur Geschichte.
Ich hatte mir Jan nicht unbedingt als gefühllos gedacht. Einerseits gab es im Verhältnis zu seinem Vater Schwierigkeiten, die zwischenzeitlich zu einem Bruch in der Beziehung geführt haben (ich habe auch den Satz halt dich gerade, der Jans Kindheit prägt nicht unbedingt als etwas Positives verstanden), andererseits entwickelt sich mit dem Verkauf eine Situation die für Jan rein beruflicher Natur ist, während sie für Leftien und seine Tochter eine persönliche Ausnahmesituation darstellt. Jan ist aber bestimmt kein großer Sympathieträger. Ich finde solche Protagonisten eigentlich ganz spannend und wollte mich mal daran versuchen.

Liebe Grüße und danke, dass du das Ende nicht gespoilert hast.

Blumenberg
 

molly

Mitglied
Hallo Blumenberg,

""Jan ist aber bestimmt kein großer Sympathieträger. Ich finde solche Protagonisten eigentlich ganz spannend und wollte mich mal daran versuchen.""

Das ist Dir richtig gut gelungen. Doch eine positive Gestalt ist auch dabei: die Tochter des Geschäftspartners, auch wenn Jan die Schuhe auziehen muss. Dass sie sich nicht verstellt und auch mit Jan im Dialek spricht, gefällt mir.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo molly,

vielen Dank! Warum nicht mal eine eher unsympathische und ambivalente Hauptfigur, wichtig ist ja dass man es ihr abnimmt. Deinem Feddback entnehme ich, dass du es tust und darüber freue ich mich.
Du hast recht, Leftiens Tochter ist bestimmt die geradlinigste Gestalt in der Geschichte. Deswegen schien mir in ihrem Fall die direkte Rede im Dialekt passend. Ich habe mich bemüht, bin aber kein gebürtiger Sachse. Vielleicht findet sich hier ja jemand, der weiß, ob mir ein Fehler unterlaufen ist.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

MicM

Mitglied
Hallo Blumenberg,

ein interessanter Text mit Stärken, aber aus meiner Sicht auch ein paar Schwächen. Zum Beispiel der erste Satz: Die erste Hälfte („Der Benz frisst sich Kilometer für Kilometer durch eine Allee“) finde ich einen sehr gelungenen Einstieg in die Kurzgeschichte. Gefräßiger Kapitalismus. Ich frage mich unwillkürlich: Wer oder was wird in der Geschichten noch „gefressen“? Das ist gut. Dann kommt die – wie ich finde störende – zweite Hälfte („aus v-förmig stehenden Apfelbäumen“). Wie können Apfelbäume „v-förmig“ stehen? Kommt es überhaupt darauf an? Kommt es darauf an, dass es Apfelbäume sind?

Dieses Sezieren eines einzelnen Satzes ist vielleicht etwas kleinkariert, aber es ist nunmal der erste Satz, der ja ins Thema führen soll.

Apropos Thema – worum geht es eigentlich in der Geschichte? Es werden aus meiner Sicht – teilweise in sehr gelungener Weise – mindestens vier Konflikte eröffnet: (1.) Vater und Sohn, (2.) Ossi und Wessi, (3.) Arm und Reich, (4.) kalter Kapitalismus und Mitmenschlichkeit. Das ist alles schön und spannend, aber irgendwie auch zu viel und leider wird kein Thema so richtig weitergeführt, was ich unbefriedigend finde.

Aus demselben Grund gefällt mir auch das Ende nicht. Dir ist es zwar gelungen, den Leser zu überraschen. Die Tatsache, dass Jans Vater gestorben ist, betrifft aber den Vater-Sohn-Konflikt, der bereits ab etwa Mitte der Geschichte „versandet“ ist. Ab dem Aufeinandertreffen mit Leftiens Tochter geht es eigentlich nur noch um die Konflikte 2. bis. 4., weshalb das Ende für mich etwas zusammenhangslos erscheint. Auch wenn man den Bogen zum ersten Teil der Geschichte spannt, ist das Ende doch unbefriedigend: der Leser hat Jan und das Verhältnis zu seinem Vater etwas kennengelernt und nun stirbt der Vater überraschend. Wie geht Jan damit um? Lässt es ihn kalt? Hat er ein schlechtes Gewissen? Analysiert er die Fakten in seiner gewohnten BWL-Manier? Ist es ein Wendepunkt in seinem Leben? Hält er sich – wiedermal – gerade? Hier wird aus meiner Sicht eine Chance verpasst – das Feld wurde bereitet, aber nicht bestellt...

Es gibt Autoren, die mir jetzt entgegnen würden: ist doch toll, wenn eine Geschichte solche Fragen im Leser hervorruft! Das ist aber nicht der Fall. Die vorgenannten Fragen stelle ich mir nicht als „echter“ Leser, sondern weil ich als Hobby-Autor-Leser darüber nachgedacht habe, warum mir das Ende nicht gefällt.

Nun gut, genug der Kritik, die konstruktiv gemeint ist und dir vielleicht hilft. Die Geschichte hat wie gesagt auch einige Stärken, u.a. sind die Figuren gut ausgearbeitet, die von dir so angelegte Ambivalenz von Jan finde ich interessant, sprachlich gefällt es mir mit einigen sehr schönen Formulierungen.

Freue mich, wieder von dir zu lesen.

Auf bald,
MicM
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Mic,

vielen Dank für deine ausführliche Rückmeldung auf die ich gerne ein wenig eingehen möchte. Du benennst einige interessante Aspekte, was mir die Möglichkeit gibt ein wenig über den Text zu plaudern. Und welcher Autor tut das nicht gerne.

Du fragst, damit will ich mal anfangen, danach, wovon die Geschichte genau handelt. Nun, sie handelt ganz grob von einem Mann, der geschäftlich in die Stadt zurückkehrt in der er aufgewachsen ist und in der sein Vater immer noch lebt.
Bei den vier Konflikten die du ausmachst, würde ich dir bei zweien zustimmen. Die zentralen Konflikte (die auch recht ausführlich auftauchen) sind der zwischen Vater und Sohn und das Aufeinandertreffen von beruflicher Professionalität und ganz persönlichem Schicksal in der Rahmenhandlung. Die beiden anderen von dir genannten Konflikte sehe ich, um ehrlich zu sein, nicht so recht. Auf das Verhältnis Ost-West wird zwar Bezug genommen, aber doch eher am Rande. Ganz ohne Bezug geht es in meinen Augen nicht, da der Westen egal, ob positiv oder negativ konnotiert, in jeder Nachwendegeschichte, die im Osten spielt, zumindest untergründig eine Rolle spielt. Ich habe mich eigentlich bemüht den Ost/West Konflikt dadurch zu umschiffen, dass Jan eben kein Geier aus dem Westen ist, sondern aus der Oststadt stammt, in der die Geschichte spielt. Wo du den Konflikt arm/reich ausmachst, ist mir ebenfalls nicht ganz klar. Sicher, die Leftiens stehen vor der Insolvenz, aber arm im Wortsinn sind sie bis dahin nicht gewesen (der alte Leftien lebt immerhin in einem Haus, hatte eine Firma und ist Jäger).

Dass im zweiten Teil der Geschichte der Vater-Sohn Konflikt, wie du es nennst, „versandet“ ist absolut richtig beobachtet. Das ist aber kein Versehen, sondern durch die Konstruktion des Endes notwendig. Bliebe er weiter vorhanden würde das Überraschungsmoment am Ende der Geschichte nicht mehr funktionieren.

Du schreibst, dass du das Ende als unbefriedigend empfunden hast. Das kann ich nachvollziehen und ich habe mit diesem Einwand eigentlich auch gerechnet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass offene Enden in Geschichten etwa pari gefallen oder nicht gefallen. Für beides gibt es nachvollziehbare Gründe, ich kann dir nur meine Ansicht dazu sagen. Würde ich die Geschichte (was denke ich auch möglich wäre) als Teil einer längeren Erzählung konzipieren, wären die von dir gestellten Fragen genau die, auf die ich im dann folgenden Text Bezug genommen hätte. Du bennenst, gerade mit dem Vater-Sohn Konflikt, genau die "lose Enden" in der Erzählung. Ich habe den Text aber als Kurzgeschichte angelegt und eine Kurzgeschichte zeigt, meine Interpretation, immer nur einen flüchtigen Wirklichkeitsausschnitt der abrupt einsetzt und wieder endet. Du schreibst: „Die vorgenannten Fragen stelle ich mir nicht als „echter“ Leser“. Ich glaube, dass jeder Leser, sich angesichts eines offenen Endes, Fragen danach stellt, wie es denn weitergehen könnte. Genau deswegen, weil dabei immer unbefriedigend viel unbeantwortet bleibt. Das tut er aber nur, wenn es gelingt ihn in die Handlung zu verstricken und er einen Zugang zu den Figuren bekommt. Ob das hier gelungen ist, ist dann eine ganz andere Frage und zwar eine, die ich als Autor nicht beantworten kann.

Noch einmal vielen Dank für die intensive Auseinandersetzung mit dem Text!

Liebe Grüße

Blumenberg
 

MicM

Mitglied
Hallo Blumenberg,

das sind sehr nachvollziehbare Erläuterungen zu deinem Text bzw. zu deinen Intentionen. Aus meiner subjektiven Lesersicht würde ich allerdings einige Aspekte (weiterhin) anders bewerten.

Das Ost-West-Thema wird aus meiner Sicht nicht nur beiläufig behandelt. Jan hat u.a. folgende Gedanken:

Von der zaghaften Hoffnung, den Lebensstandard von denen da drüben einzuholen, war bald nicht mehr viel übrig. Zum Glück war er dann zum BWL-Studium nach Mannheim gezogen.
oder

Solche Zehen gehören ans Ufer der Isar oder auf eine Wiese im Englischen Garten, aber nicht in eine sächsische Piefstadt.
Diese wertenden Aussagen zeigen, dass sich der Prot mit dem Ost-West-Vergleich auseinandersetzt. Also tut es auch der Leser (jedenfalls ich).

Beim Themenkomplex Geld verdienen, Kapitalismus, Benz fahren, berufliche Professionalität und Insolvenz, Anteilnahme, Armut, berufliches Schicksal muss man vielleicht nicht zusätzlich differenzieren.

Es bleiben aber insgesamt drei „große“ Themenkomplexe, was viel ist für eine Kurzgeschichte.

Das mit dem „offenen Ende“ überzeugt mich nicht. Natürlich können gerade Kurzgeschichten offene Enden haben. Auch Romane mit 1200 Seiten haben manchmal offene Enden. Wichtig ist aus meiner Sicht aber, dass bis zum offenen Ende schon eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat. In deinem Fall lautet die Kurzfassung des Vater-Sohn-Themas wie folgt: >Jans Vater, zu dem er ein schwieriges Verhältnis hat, stirbt plötzlich.< Das ist (noch) keine Geschichte.

Du beleuchtest das Vater-Sohn-Thema ausschließlich als Blick in die Vergangenheit. In der Gegenwart (deiner Geschichte) passiert nichts Neues. Selbst als Jan den Anruf seines Vaters ignoriert, erfahren wir nicht, ob Jan später dort vorbei fahren oder zurückrufen möchte. Auch das „Halt-dich-gerade“-Motto (immerhin die Überschrift der Geschichte) wird im spannenden Zeitpunkt am Ende nicht wieder aufgegriffen.

Dass du das Vater-Sohn-Thema bewusst hast versanden lassen, um die „Überraschung“ zu erhöhen, hat für mich einen faden Beigeschmack. Das hat eher was von - entschuldige - einer mittelmäßigen Tatort-Überraschung.

Um es mal etwas zuzuspitzen (ist wirklich nicht böse gemeint): auch über eine persönlich gestalte Todesanzeige oder ein in der Zeitung etwas ausführlicher beschriebenen Verkehrsunfall, denke ich manchmal nach. Dennoch ist diese Form der „Momentaufnahme“ keine Geschichte.

Eine Erzählung muss man aus deinem Text deswegen noch nicht machen. Es genügt, wenn man etwas anders fokussiert.

Wie schon in meinem ersten Kommentar gesagt, finde ich den Text interessant und habe ihn auch gern gelesen (und kommentiert). Nur ist es für mich eben keine bewegende Geschichte, sondern eher eine gute Skizze.

Auf bald,
MicM
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Mic,

du schreibst: „Aus meiner subjektiven Lesersicht würde ich allerdings einige Aspekte (weiterhin) anders bewerten.“ Das ist auch gut so und ich habe auch gar keine Intention daran etwas zu ändern. Das ist doch gerade das Spannende an so einem Forum und den Kommentaren, dass man als Autor immer wieder mit Perspektiven konfrontiert wird, mit denen man selbst nicht gerechnet, geschweige denn sie gesehen hätte.

Mir geht das mit dem Ost-West Konflikt/Vergleich so. Dass der hier vorkommt ist richtig, ganz ohne geht’s nicht, da gerade in der Nachwendezeit der Westen nun mal der Bezugspunkt schlechthin ist. Spannend ist, wie du die beiden von dir zitierten Sätze gelesen hast, denn bei beiden hatte ich beim Schreiben nicht den Vergleich Ost-West vor Augen, sondern das Provinzielle. Jan ist im ersten Satz froh aus der engen und perspektivlosen Kleinstadt weggekommen zu sein. Im zweiten Satz drückt sich diese Verachtung gegenüber der Kleinstadt K. noch einmal aus. Es ging mir um die Piefstadt, nicht darum, dass sie im Osten liegt. Ich denke mal drüber nach das sächsisch zu streichen.

Meine Gedanken zum Thema und zum Ende der Geschichte führe ich gerne noch etwas aus.

Jan möchte ein Grundstück kaufen und sich deswegen mit dem alten Leftien treffen. Als der nicht auftaucht, driftet er gedanklich ab und erinnert sich an seine Zeit in der Stadt zurück, zunächst auf einer eher abstrakten Ebene. Durch den im Café gehörten Satz, ändert sich das und es tritt eine persönlichere Reflexionsebene – das Vater-Sohn-Verhältnis und Jans gescheiterte Rückkehr hinzu. (Deswegen ist der Satz auch der Titel, weil er eine Entwicklung anstößt). Er läuft erinnert sich an den Konflikt und läuft zum Beispiel ohne darüber nachzudenken den kurzen Weg zum ehemaligen Laden seines Vaters und sucht nach Vertrautem. Jan schiebt es wieder zur Seite und macht sich auf den Weg zum Haus. Hier ist glaube ich ein Punkt an dem ich noch etwas nacharbeiten sollte. Wenn ich mir den Text anschaue, denke ich daran mit dem Anruf des Vaters zu schließen. Wichtig dabei ist, dass der Vater sich mitten in Jans Arbeitstag drängt, ein Motiv, das zugespitzt am Ende durch den Tod in radikaler Weise noch einmal aufgenommen wird.

Bei der Konzeption des Endes ging mir wesentlich darum beim Leser für die Haupthandlung die Erwartung zu wecken, der alte Leftien habe sich etwas angetan und das deswegen Jans Geschäft auf traumatische Weise scheitert. Aber eben auf eine Weise, die er in seiner Extremform bereits erlebt hat und auf die er sich einstellt als er sie wittert. Das Überraschungsmoment soll darin liegen, dass sich hier plötzlich das Private wieder radikal hineindrängt und sie zum Schluss die berufliche Ebene völlig überlagert. Deswegen ist es auch Leftiens Tochter, die ihm die Nachricht überbringt und nicht einer der Polizisten. Jans Reaktion darauf wolle ich gerade nicht mehr zeigen. Eine stilistische Entscheidung, die man aber, wie du es tust, durchaus kritisieren kann.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

G. R. Asool

Mitglied
Hey Blumberg,

dein Stil gefällt mir. Deine Geschichte habe ich gerne gelesen, zwischendurch ist sie etwas langatmig. Wenn du sie noch etwas straffst, denke ich, wird sie noch besser.

Gruß
GR
 

Aina

Mitglied
Hallo Blumenberg,
eine bemerkenswerte Geschichte, finde ich.
Für mich hat dieses "halt dich gerade" eine andere Bedeutung gehabt (aushalten, standhaft verharren, angepasst funktionieren - irgendwie militärisch, steif und passiv), daher ist für mich dieser Absatz wichtig gewesen:
„Halt dich gerade, Junge!“ herrscht ein Touri-Vater seinen Sohn an. Der Satz klingt vertraut, dringt durch den Gehörgang direkt in die Seele und bohrt sich wie eine kleine heiße Nadel hinein. Er hat ihn in seiner Kindheit oft gehört. Am Esstisch, vor und nach Schularbeiten, bei der Arbeit im Laden, sonntags wurde er bei Fußballspielen der SVK über den Platz geschrien. Am Grab seiner Mutter war er das Einzige, was dem zerbrochenen Vater über die Lippen kam. Der Satz ist immer mehr gewesen als der Hinweis auf eine anatomisch korrekte Position im Raum. In ihm kommt die Geisteshaltung zum Ausdruck, die, seit er denken kann, sein Elternhaus geprägt hat. Egal, was dir die Welt an den Kopf wirft, halt dich gerade und steh zu deinen Überzeugungen. Wehr dich! Gib Kontra!
Gefallen hat mir das Bild von der kleinen heißen Nadel in der Seele, gestutzt habe ich bei dem "zerbrochenen Vater", den ich eher als "gebrochen" beschrieben hätte.
Zum Schluß: ich war froh, dass es so endete, sonst hätte ich das Gefühl gehabt, dass die längere Vorgeschichte nicht dazugehören würde. Aber: sächsisch lesen, finde ich anstrengend ;-)
Viele Grüße,
Aina
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo ihr Beiden,

bitte entschuldigt die verzögerte Antwort. Zunächst einmal vielen Dank für die hilfreichen Eindrücke zu meinem Text und das Lob.

@G.R.Asool

"Wenn du sie noch etwas straffst, denke ich, wird sie noch besser. "

Ich möchte mir nach Mics Einwand die Geschichte ohnehin nochmal vornehmen, weil mir noch eine Idee im Ablauf gekommen ist.. Dann werde ich mir auch anschauen, ob ich den Text an derein oder anderen Stelle noch etwas entschlacke. Dass der Mittelteil etwas langatmiger geworden ist, hat aber durchaus seinen Grund. Jan wartet und mit ihm der Leser, das muss sich für meinen Geschmack auch im Text spiegeln, wenn auch nicht so sehr, dass er langweilig wird.

@Aina

"Für mich hat dieses "halt dich gerade" eine andere Bedeutung gehabt (aushalten, standhaft verharren, angepasst funktionieren - irgendwie militärisch, steif und passiv) "

Ich habe den Satz gewählt weil er etwas ambivalentes hat, wenn er, wie hier, mehr ist, als nur die Aufforderung gerade zu sitzen. Du hast da ganz recht, das es um eine andere Bedeutung des Wortes geht, auch wenn ich das angepasste Funktionieren nicht vor Augen gehabt habe, eher das Gegenteil. Für mich meint der Satz vielmehr die Aufforderung immer in seinen Überzeugungen standhaft zu bleiben. Innerhalb von Jans Familie verkörpert der Vater diese Haltung und Jan macht die Erfahrung, dass es genau dieses standhaft bleiben ist, dass a) den Vater am Weiterkommen hindert und b) letztlich eine hohle Phrase ist, die vorgeschoben wird, statt über Traumatisches zu reden (siehe die Beerdigung der Mutter). In dem Satz bündelt sich gewissermaßen das problematische Verhältnis zwischen Jan und seinem Vater.

"Zum Schluß: ich war froh, dass es so endete, sonst hätte ich das Gefühl gehabt, dass die längere Vorgeschichte nicht dazugehören würde. "

Da gebe ich dir absolut Recht, bei einem anderen Ende wären es zwei isolierte Geschichte gewesen, denen der Bezug zueinander gefehlt hätte. Ich glaube aber so wird Jans persönliche Geschichte ganz ordentlich in die Rahmenhandlung eingebunden. Was das Sächsisch angeht, liest es sich auch für mich ein wenig sonderbar. Ich wollte mal versuchen, nicht alle Sprecher hochdeutsch reden zu lassen und es schien mir zum Charakter zu passen. Ich hoffe es stimmt so, bin aber dankbar, wenn mich jemand der des Sächsischen mächtig ist mich korrigiert.

Liebe Grüße und euch beiden eine gute Woche

Blumenberg
 

 
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