Haltestelle

Kyra

Mitglied
Haltestelle

Luise stand im schmalen Schattenstreifen eines Baumes neben der Haltestelle. Sie hätte sich gerne auf die Bank gesetzt, aber dort hatte sich bereits ein dickes Paar niedergelassen und seine Einkaufstaschen ausladend neben sich verteilt. Sie wollten offensichtlich nicht gestört werden. So versuchte Luise ihr Stückchen Schatten gegen die Kinder zu verteidigen, die, wenn sie die Rucksäcke mit den herausquellenden Handtüchern richtig deutete, auf dem Weg ins Schwimmbad waren. Luise versuchte die Schmerzen in den Füssen und Knien nicht zu beachten, schrecklich, wie schwer ihr das Stehen in den letzten Jahren fiel – aber was sollte sie sich beklagen mit ihren fünfundachtzig Jahren. Sie stützte sich noch schwerer auf ihren Schirm, den sie selbst jetzt im Hochsommer einem Gehstock vorzog, und beobachtete die beiden Dicken auf der Bank. Die beiden waren nicht mehr jung, so um die sechzig schätzte Luise, aber offensichtlich sehr verliebt ineinander. Neben sich die Tüten mit den Einkäufen wie Wälle aufgebaut, saßen sie in ihrem Nest und befingerten sich zärtlich. Der Mann strich der Frau die feuchten Haarstränen aus dem Gesicht und küsste hingebungsvoll ihr knorpeliges rotes Ohr. Sie hielten sich die ganze Zeit an den Händen, bis die Frau den Griff schließlich löste und beide lachend ihre schweißnassen Handflächen verglichen. Luise konnte ihren Blick kaum abwenden, sie war zugleich gerührt und angeekelt, als würde sie zwei Nachtschnecken bei der Paarung beobachten. Sofort verdrängte sie diesen Gedanken beschämt und wandte den Blick einer jungen Mutter zu, die mit verklärtem Lächeln in den Kinderwagen blickte. Luise hatte ihre eigenen Kinder großgezogen, dann aber alles Interesse an Babys verloren. So betrachtete sie die weiche, nahrhafte Liebe in dem Gesicht der jungen Frau; ein Ausdruck, der sie in seiner Sanftheit, an den einer zufriedenen Stute erinnerte. Dieser Blick änderte sich ungehend, als eines der umhertobenden Kinder dem Säugling zu nahe kam. Die Bereitschaft, ihre Brut zu verteidigen, ließ das Gesicht der Mutter schlagartig gefährlich und angriffsbereit aussehen. Luise versuchte sich dieser Gefühle zu erinnern, aber die schienen, wie so vieles Andere, unter dem Geröll der Jahren begraben worden zu sein. Als eine Straßenbahn sich näherte, beschattete Luise ihre Augen um rechtzeitig zu erkennen, um welche Tram es sich handelte. Hier hielten mehrere Bahnen, sie wartete auf die Eins, nur hielt hier auch die Sieben und bereits mehrmals hatte sie sich in die falsche Bahn gesetzt. Wie gerne hätte sie jetzt jemanden gefragt, aber eine ihr selber unerklärliche Schüchternheit hielt sie davon ab. Es war durchaus nicht so, dass sie sich ihrer schwachen Augen schämte, eher eine Scheu, sich mit anderen Menschen durch Worte zu verbinden. Obwohl Luise natürlich klar war, dass durch solch eine einfache Frage keine Verflechtungen entstehen würden, konnte sie sich einfach nicht überwinden. So blieb sie mit zusammengekniffenen Augen stehen, bis sie sich sicher war, dass dies weder die Eins noch die Sieben war. Die Kinder stiegen alle ein, so wurde es plötzlich fast unangenehm ruhig. Luise hörte die Mutter ihr Kind angurren, die beiden Dicken kicherten bis die Frau einen Hustenanfall bekam und mit rotem Gesicht nach Luft rang. Traurig bemerkte Luise, wie sie die Menschen immer mehr hasste, oder vielleicht eher Abscheu vor ihnen empfand. Luise versuchte immer wieder, dieser Aversion auf die Spur zu kommen, war es möglich, dass sie sich vor dem Leben an sich ekelte? Ein junger Mann stellte sich hinter sie in den Baumschatten. Sie meinte seinen Blick im Rücken zu fühlen und hätte sich nur zu gerne umgedreht, um ihn genauer anzusehen. Aber hier war es wieder - was wäre, wenn der Mann lächeln oder, noch schlimmer, eine Bemerkung über das Wetter machen würde? Sie müsste antworten, würde möglicherweise in ein Gespräch verwickelt, alles Dinge die Luise auf keinen Fall wollte. Am liebsten hätte sie eine Glaswand zwischen sich und der Welt errichtet, dann hätte sie ruhig alles beobachten können, ohne die Gefahr mit einbezogen zu werden.
Luise sah, wie der jungen Mutter ein Päckchen Präservative aus dem Rucksack rutschte, jetzt müsste sie eigentlich etwas sagen, so etwas wie… ihnen fällt da was raus… aber das klang furchtbar, eher…gleich verlieren sie da etwas…, nur das würde klingen, als wüsste sie nicht, dass es sich um eine Packung Präservative handelt, also eine blöde Alte war… richtig wäre die Bemerkung …junge Frau sie verlieren ihre Präservative, das scheint ihnen ja schon einmal passiert zu sein… den letzten Teil des Satzes würde Luise in Wirklichkeit natürlich nie sagen. Schließlich beobachtete sie einfach nur, wie die flache Schachtel leise auf den Boden fiel. In diesem Augenblick sprang der junge Mann hinzu, hob das Päckchen auf und gab es der Besitzerin mit unbefangenem Lachen zurück. Wenig später waren die beiden in ein Gespräch über Kinder, Wohnungen und Geld vertieft. Als sich die nächste Tram näherte, überlegte Luise krampfhaft, wie sie die Mutter oder den jungen Mann nach der Nummer der Bahn fragen könnte, ohne mehr als eine kurze Antwort zu erhalten; die Chancen standen jetzt sehr gut, so intensiv wie deren Unterhaltung verlief. Luise trat einen Schritt nach vorne, aber als die fragenden Blicke sie trafen, senkte sie die Augen und vertiefte sich in den Anblick ihres Schirmes. Nein, es war nicht Abscheu vor den Menschen die sie zurückhielt, eher das Gefühl der Sinnlosigkeit. Wie ein altes Tier wollte sie nur noch alleine sein, ihren Weg zu Ende gehen und mit der Lebendigkeit der Jugend ebenso wenig zusammenzutreffen, wie mit der urinsauren Zittrigkeit der Alten.
Die Bahn die jetzt hielt war entweder die Eins oder die Sieben, Luise konnte es nicht erkennen, alle anderen stiegen ein, der junge Mann half der Frau mit dem Kinderwagen, die beiden Dicken schafften es grade noch rechtzeitig, sich selber und ihre Einkäufe hineinzuhieven. Luise blieb alleine zurück und setzte sich zufrieden auf die freie Bank. Sie spannte ihren Regenschirm auf, um sich vor der Sonne zu schützen und streckte behaglich die Beine aus. Einen Augenblick wurde ihr schwindelig, das kam sicher vom langen stehen – dies war ihr letzter Gedanke.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
immer

wieder schön, wie du ins detail gehst. die geschichte gefällt mir. allerdings hätte ich die alte nicht so schnell sterben lassen und dann auch noch in aller öffentlichkeit. aber vielleicht ist das je gerade der knackpunkt - sie wollte sich nicht nicht mit menschen befassen, jetzt müssen sich menschen mit ihr befassen. ganz lieb grüßt
 

Breimann

Mitglied
Traurig

ist die Vereinsamung; sie führt zwangsläufig zur Menschenscheu, hin zur völligen Sprachlosigkeit.
Du hast es in dieser Geschichte treffend beschrieben. Selten schreibt jemand über dieses Thema; vieeleicht, weil es so schwer ist, so bedrückend; es gibt kaum Dialoge - zwangsläufig - und nur wenig Aktion. Abgesehen von Nebensächlichkeiten, die aber für die handelnde (oder besser, nicht handelnde Person) zum Hauptthema werden. Und der Vergleich mit den alten (sterbenden) Tieren stimmt durchaus, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.
Eine vorbahaltlos schöne Geschichte; passend inclusive dem Tod der alten Dame. Und wie immer in einem guten Stil geschrieben!
Liebe Grüße
eduard
 
F

Flothemil

Gast
Mir gefällt die Geschichte auch sehr gut, und ich kann mir darin sehr gut vorstellen wie sich die alte Dame fühlt, wie einsam sie ist. Wie sie beobachtet wie andere noch glücklich sind, und sie einfach nur da steht, ohne Sinn.

Obwohl ich die alte Frau auch nicht hätte in der Tram sterben lassen. Wollte sie dort sterben? Ein ziemlich unpassender Ort. Letztendlich gefällt mir die Geschichte aber einfach!

Flothemil
 

Breimann

Mitglied
Man stirbt immer unpassend

Leider hat man auf den Zeitpunkt seines Todes (im Regelfall) keinen Einfluss. Es ist immer der falsche Ort, die falsche Zeit. Die alte Dame wollte sicher weder hier noch anderswo sterben - wer will das schon! Aber als Autor muss man sterben lassen; es ist dann nur ein Effekt!
Liebe Grüße
eduard
 

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