Harzreise zurück

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Er hatte als junger Mensch dies und das angefangen und wieder abgebrochen und hatte dann doch einmal durchgehalten. Vor der Abschlussprüfung besuchte er ein halbes Jahr lang eine Akademie im Harzvorland. Wie sehr er Berlin dort vermisste … Von seinem Zimmer im siebten Stock sah er in der Ferne ein großes Stahlwerk, dahinter die Harzhöhen.

Es dauerte beinahe vierzig Jahre, bis er wieder in die Gegend kam. Sie hatten ihn vor kurzem gehen lassen, dafür musste er dankbar sein. Wie seinerzeit in den Ernst des Lebens hineingestolpert, so auch aus ihm herausgefallen … Jetzt war er Herr über die restliche Zeit, konnte gehen, wohin er wollte; war allerdings ein wenig fußkrank – er versuchte es zu überspielen.

Er reiste in den Harz, nicht auf Goethes oder Heines Spuren, nur auf den eigenen. Was für eine schlimme Zeit damals auf der Akademie - er war doppelt unglücklich verliebt gewesen. Es hätte ihn glücklich gemacht, einfach nur unter Zurückweisung zu leiden. Doch es zeigte sich, dass man ihm offen und neugierig entgegenkam. Das war zu viel Glück und die innere Versagung wurde wirksam.

Die Akademie organisierte für alle einen Ausflug in den Harz. Einer von den drei Bussen war ein Veteran und kam bergwärts kaum noch voran. So schlich ihr kleiner Konvoi mit fünfzehn Stundenkilometern zum Torfhaus hinauf. Das erste Ziel war ein Bergdorf dicht an der Grenze gewesen. Gleich am Tag nach seiner Wiederkehr ging er in einem großen Bogen durch die Wälder dorthin.

Er erkannte zunächst nichts wieder und ging Kaffee trinken. Dabei kam die Erinnerung an seine Lieblingskollegin von früher. Immer ist sie zum Jahreswechsel hierhergefahren, dachte er, hat mit ihrem Mann eine Ferienwohnung in einem der Hochhäuser gehabt. Keine Kinder – und in der Mittagspause ist sie oft in ein kleines, feines Puppengeschäft gegangen, hat sich Püppchen gekauft und sie nachher herumgezeigt. Sie ist Halbwaise gewesen, der Vater noch in den letzten Kriegstagen gerade hier im Bergdorf gefallen, vor ihrer Geburt. Und sie hat Jahr für Jahr das Grab an der Grenze besucht - bis sie auf einmal in die Psychiatrie gekommen ist und sich, kaum entlassen, umgebracht hat; ist auch schon Jahrzehnte her.

Nachher fand er den Parkplatz wieder, auf dem sie aus den Bussen gestiegen waren. Damals hatte man von dort Stacheldraht, Wachtürme und Todesstreifen aus großer Nähe betrachten können. Die Ausflügler und die Urlauber waren hingekommen, um ein wenig zu staunen und dann kopfschüttelnd weiterzufahren. Jetzt waren die Grenzanlagen längst abgebaut, ihre letzten Spuren von einer sich selbst überlassenen Natur überwachsen. Nur der Parkplatz war unverändert, als seltsames Museum mit altem Kiosk und leerer Schauvitrine. Er zählte die Jahre zurück.

Und wie war es damals privat weitergegangen? Ganz am Schluss des Lehrgangs war nur noch Verachtung für ihn zu spüren gewesen. Recht so. Dann die Prüfung bestanden im Bewusstsein, umfassend versagt zu haben. Im Rückblick erschien ihm auf einmal das verflossene Leben wie die Reaktion von Tintenfischtentakeln. Wenn sie verstümmelt werden, zucken sie noch eine Weile.

Es war ein Fehlstart ins erwachsene Leben gewesen. Immerhin, er lebt noch, ist wieder da. Am Abend stellt er fest, er ist heute dreißig Kilometer gegangen. Das wenigstens kann er noch, das bleibt ihm noch. Er wird heute Nacht gut schlafen und morgen besser eine andere Richtung einschlagen.
 
Danke, Ciconia, für die freundliche Wortmeldung. Die Nachfrage beantworte ich so: "Er" litt damals seit einiger Zeit schon unter einer beim Gehen schmerzhaften einseitigen Großzehengrundgelenksarthrose - bei älteren Menschen nicht selten. Mit Spezialschuhen war es "ihm" trotz dieser Einschränkung noch möglich, sehr weite Strecken zurückzulegen.

Ich gebe gern zu, dass die beiden Details im Text in Kombination und ohne Erläuterung Erstaunen auslösen können. Andererseits scheint mir eine so kurze Reiseskizze nicht der rechte Ort für eine Erörterung orthopädischer Probleme zu sein.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke für die Aufklärung, Arno.
eine Erörterung orthopädischer Probleme
Nein, das ist sicher nicht nötig. Nur wird nicht jeder, der sich als "fußkrank" bezeichnet, auch dreißig Kilometer gehen können.
Mein Respekt gilt daher dem Protagonisten! ;)

Gruß Ciconia
 

Willibald

Mitglied
Erzähltechnisch mit dem Präsens am Schluss, dem summativen Beginn, den Leerstellen, dem Übergang von der auktorialen übersichtspostion in unangestrengt personale Innensicht eine feine Textur.
Emotional empathiestimulierend gerade wegen der leisen Tonart.
Greetse
ww
 
Danke, Willibald, für die gute Meinung. Als musikalische Untermalung würde sich eignen: Janá?ek, Auf verwachsenem Pfade.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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