Hauptschule

anemone

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Diese Geschichte sollte in die Schreibwerkstatt, lese gerade
dass sich dort etwas geändert hat, als kommt sie zuerst mal hier hinein, um später überarbeit zu werden:


Die Sonne schien, der Himmel war blau und die Klassenlehrerin entschloss sich dazu mit den Schülern einen Ausflug ins Grüne zu veranstalten. Nach diesem langen Winter hielt die Jugendlichen ohnehin nichts mehr auf den Stühlen und ein wenig frische Luft konnte diesen blassen Gesichtern nicht schaden.

Der neuer Referendar Andreas sollte ihr dabei helfen, diese unlustige Bande im Zaum zu halten und er war mit Begeisterung bei der Sache, denn nach seinem Studium sollte nun endlich die Praxis erfolgen und schon bald würde Andreas eine Klasse allein übernehmen.

Frau Tesch gefiel die Gesellschaft von Andreas sehr, brauchte sie doch diesmal nicht ihre ganze Aufmerksamkeit den Schülern zu widmen, die sie ohnehin inzwischen immer häufiger nervten.

Sie zeigte ihrem Referendar die Strecke, die sie zu wandern ausgewählt hatte. Diesmal sollte das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden werden, will heißen: Die Jugendlichen sollten so kurz vor ihrer Schulentlassung das Berufsleben kennenlernen. Ein Abstecher in eine Firma war also ebenfalls eingeplant.

Den jungen Leuten schien die Aussicht auf einen Ausflug zwar zu gefallen, jedoch gab es andere Gründe für sie, so ein Programm zu befürworten.

Etwas unbeholfen stiefelte die Klassengemeinschaft los, fühlten sie sich doch schon reichlich alt, um noch in Zweierreihen durch die Felder zu ziehen. Was hatte ihre Lehrerin sich nur dabei gedacht? Locker und leger liefen sie als Gruppe wie ein wilder Haufen, wobei sich die Jungs um die Mädchen herumdrückten.

Fortsetzung
 

anemone

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2. Folge

Der große Verteiler in der Klasse hieß Mehmet, es war der Bursche, der mit Geld nur so um sich warf und es röllchenweise in seiner Jacke mit einem Gummi zusammengebunden aufbewahrte. Diesmal versuchte er sein Geschäft mit Carsten abzuschließen, der unbedingt etwas Gras brauchte. Seine Augen rollten in alle Richtungen und ließen Andreas nicht los, der sich gerade mit Frau Tesch über die bevorstehende Betriebsbesichtigung unterhielt.


Argwöhnisch betrachtete Andreas das Treiben der ehemals türkischen Mitbürger. Immer wieder steckten sie zusammen und redeten in ihrer Landessprache miteinander. Sie gaben sich keine Mühe in gedämpftem Ton zu reden, denn sie wussten, dass sie doch keiner versteht.

Auch darüber musste er sich mit Frau Tesch unterhalten. „Kann man sie denn nicht dazu zwingen hier an der Schule deutsch zu reden?“ Frau Tesch reagierte mit einem Lachen auf seine ernst gemeinte Frage. „Nenne mich Viola,“ gab sie ihm zu verstehen, „Meine Studienkollegin in Duisburg befindet sich an ihrer Hauptschule unter 80 % dieser Landsleute und das Interessante ist, sie sind hier aufgewachsen, haben deutsche Kindergärten und Grundschulen besucht, besitzen zum größten Teil die Deutsche Staatsbürgerschaft und sprechen, wenn sie wollen sehr gut deutsch, aber nur wenn sie wollen.“ „Wie meinst du das?“ wollte Andreas von ihr wissen. „Na, du siehst es doch!“ Ja er sah es, dass sie untereinander weiterhin ihre türkische Sprache benutzten. „Meine Kollegin in Duisburg lernt jetzt zur Zeit türkisch, sie will wissen, was da an ihrer Schule abgeht!“
Sie unterhielten sich weiter über die Gruppenbildung an den Schulen. „Da sind dann noch die Deutsch-Russen mit ihren oft recht altdeutschen Namen, wie Walter oder Richard. Auch bei ihnen kommt es vor, dass sie sich russisch unterhalten. Dann die Jugendlichen, die sich zu den Neonazis zählen, welche mit Springer-Stiefeln und Bomber-Jacken oft sogar Schlagringen und Messern ausgestattet eine Gruppe auf dem Schulhof bilden. Zum Glück scheint diese Gruppe in ihrer Klasse in der Minderheit zu sein, sonst gäbe es sicher öfter Ärger zwischen ihnen und den Türken.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass durch den regen Handel, der getrieben wird der Drogenkonsum an der Schule zunimmt, auch das lässt sich ihrer Meinung nach nicht verhindern.

Jetzt standen sie vor dem Gebäude in dem die Betriebsbesichtigung stattfinden sollte.

Für Anja schien eine Betriebsbesichtigung uninteressant, sie wusste ohnehin – für mich kommt nur Friseuse infrage -. Das war auch der Beruf ihrer Mutter und als Frau gäbe es keinen besseren Job. An den Geruch, der zu Hause ständig die Wohnung schwängerte hatte Anja sich so gewöhnt, dass dieser Duft nach Fixierer und Tönung zu ihrem Leben dazugehörte wie die morgendliche Zeitung.

Doch nun rief Frau Tesch ihre Klasse zunächst einmal zur Ordnung. Mit den Händen in der Tasche, ihre Zigarette an der Hauswand ausdrückend, kaugummikauend betraten sie das Gebäude und wurden vom Betriebsmeister empfangen.
 

anemone

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letzte Folge

Der Meister führte sie durch die Räume der Firma, ob es viel brachte, sei dahingestellt, denn es war eine Hauptschulklasse. Diese Gruppen interessierten sich in erster Linie für die Arbeit am Reißbrett, im Büro oder überhaupt nicht.
Seinen Erklärungen hörte kaum ein Drittel der Klasse zu, der Rest alberte im Hintergrund herum und trat nicht näher heran. Ja, sie suchten schon Lehrlinge und stellten dafür auch Hauptschüler ein. Es waren in jedem Jahr 3 oder 4 Lehrlinge die im Betrieb ausgebildet wurden und hier eine Mechanikerlehre absolvieren konnten.

Heute produzierten sie überwiegend Massenware, was zur Folge hatte, dass die Gesellen oft tagelang immer die gleichen Teile herstellten, welches zur Unlust bei der Arbeit führen konnte.

Andreas sorgte inzwischen dafür, dass der Rest der Truppe sich den Ausführungen des Meisters anschloss und sich interessiert zeigte, doch er bemerke auch, dass ihr vorgeschobenes Interesse eher einem Provozieren glich, und ihre zwar ernst gestellten Fragen darauf hinauszielten, den Meister auf die Palme zu bringen. Es hatte keinen Sinn, selbst wenn einer der Jugendlichen hier wirklich Arbeit fände, vergebene Mühe war dieser Ausflug allemal.

Es hatte sich viel verändert in den letzten Jahren. Um noch konkurrenzfähig sein zu können, denn sie mussten sich heute europaweit messen, musste der Zeitstundenlohn inzwischen dem Akkordlohn weichen und auch für den Betrieb war die Stempeluhr nicht mehr wegzudenken.

„Wer von euch hätte denn Interesse daran, hier eine Lehre zu beginnen?“ fragte der Meister die Jugendlichen. Es erhoben sich zwei Arme, Thorsten und Jens zeigten Interesse.

Nachdem Frau Tesch mit Andreas und der Truppe mit Dank den Betrieb verlassen hatte, fehlten dem Betrieb zwei Schieblehren.

Der Betriebsmeister beschloss, dass in diesem Jahr die letzte Besichtigung stattgefunden hatte.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
hm,

liest sich wie der beginn eines guten romans. ich jedenfalls würde gern mehr über all diese leute erfahren. ganz lieb grüßt
 

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