hellhörig

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ENachtigall

Mitglied
Lieber Karl,

mich interessiert Dein Gedicht thematisch sehr, weil es diesen Raum zwischen Hören, Einfühlen, Sehen, Empfinden und Dasein ausleuchtet mit sprachlichen Mitteln.

erst als ich begann
lautlose schreie zu hören
war ich nicht mehr taub
verstand ohne
Die Formulierung "lautlose schreie zu hören" finde ich dabei unglücklich. Ich denke, dass wir Schreie, die in Menschen feststecken, also stille oder lautlose Schreie, eher sehen - oder ob ihrer beklemmenden Wirkung auch nach Außen - einfach wahrnehmen, kraft der uns gegebenen Fähigkeit zur Empathie.
Ich denk, es ist Dein Anliegen, in diesem Gedicht die zwischenmenschliche Wahrnehmung zurückzuführen auf einen Gesammtkomplex von Zugewandtheit; die Trennung von Hören-Sagen-Sehen aufzuheben, die Wege des Verstehens durch Neubegehnungen tragbarer zu machen.

Vielleicht: als ich den lautlosen schreien begegnete ...

Lieben Gruß,

Elke
 
Liebe Elke,
von der tatsächlichen sinnlichen Wahrnehmung gebe ich dir gern recht. Dennoch ist es so, dass ich diese Schreie inzwischen "höre", da es mir oft gelingt, den lautlos Schreienden dazuz zu bewegen, seinem Schrei Worte zu geben.
Manchmal "höre" ich auch Schreie in mir, die zu dem jeweiligen Menschen passen, da ich sie bereits von anderen Menschen gehört habe....
Sowie es eine inneres Auge gibt, gibt es auch ein inneres Gehör...
Liebe Grüße
Karl
 
erst als ich begann
lautlose schreie zu hören
war ich nicht mehr taub
verstand ohne
antworten zu müssen
blinde flecken sah ich
ließ sie unsichtbar und
fand verleugnetes

jetzt liebe ich
mein schweigen
 

ENachtigall

Mitglied
Dann ist es richtig so, lieber Karl, und sollte auch so bleiben. Danke für die einleuchtende Erklärung. Und den Titel finde ich sehr passend!
Mit der Änderung hat es noch gewonnen.

Grüße von Elke
 

Label

Mitglied
Lieber Karl

Hellhörigkeit kann sowohl Fluch als auch Segen sein und man muss herausfinden wann man antworten, handeln oder untätig sein sollte.
Das ist der schwere Teil :)

ein anregendes Gedicht, das sich angenehm liest und sich mir ohne Widerstände erschloss.

lieber Gruß
Label
 
G

gitano

Gast
Lieber Karl!
Für mich bringt der Text inhaltlich einen Zwiespalt auf den Punkt.
Denn neben den Wahrnehmungen bleiben auch zwei andere Aspekte:
wie Du weist: kann man nicht NICHTkommunizieren
aber viel stärker lese ich oben einige voyeuristische Anklänge heraus, die sicher kaum zu trennen sind, z.B. von therapeutischer Praxis.
Diese Anklänge/ Motive danach zu schauen, erachte ich nicht nur als positiv. Denn hinter all dem Erfahren / lassen / lassen können, stehen nebenden den Abgrenzungsfähigkeiten oft auch "Machtfantasien"...manchmal als Kompetenz getarnt.
In diesem Text werden beide Seiten aufgerufen, die eine vordergründig - die andere etwas subtiler...denn das "schweigen" bleibt zweideutig....und es wäre sogar bestürzend, sollte das Gegenüber "Objekt" der eigenen Schaulust sein,...und nicht Subjekt in einer Beziehung.
...menschlich ist beides. ... auch wenn wir nicht gern auf solche "Lustmotive" schauen. Leute beobachten ist bei Caf´besuchern eine beliebte Tätigkeit.
Gerade auch dieser Grad des vermeintlich "negativen" rückt den Text für mich näher - aus dem Tempel der Tugenhaftigkeit - wieder mehr auf die Straße.

Ein Text der anhand von "Selbstbeschau" soviel Selbstoffenbahrung bewirkt ist "bewegend"...und m.M.n. gelungen! Die einfache, klare Sprache trägt dazu viel bei.

voyeristisch...nachdenklich
gitano
 
Lieber gitano,
danke für deine ausführliche und interessante Deutung, die mir noch einmal zusätzlich viel Erkenntnis bringt.
Herzliche Grüße
Karl
 

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