Henrik und das Wünsche-Chaos
----Kapitel 1: Langeweile----
Henrik kniete auf Omas Couch und blickte über die Lehne aus dem Fenster.
Von oben aus Omas neuer Wohnung im vierten Stock hatte er einen guten Überblick.
Aber es gab nichts Interessantes zu sehen.
„Laaaaangweilig“, dachte er sich, während er in den trüben Herbsttag hinaus starrte.
Unten auf der Straße sah er kleine Pfützen.
Bis gerade eben hatte es geregnet. Kaum jemand war unterwegs.
Und wenn, dann sah man die Menschen nicht, denn die meisten hatten ihre Regenschirme noch geöffnet.
Henrik drehte sich auf der Couch um und setzte sich hin.
Sein Blick wanderte durch Omas Wohnzimmer.
Es sah eigentlich genauso gemütlich aus, wie Omas altes Wohnzimmer.
Mit dem plüschigen großen Sessel, der eine Fernbedienung hatte.
Er konnte rauf und runter fahren und auch lustig ruckeln. In ihm konnte man prima Raumschiff spielen.
Auch alle Kuschelkissen waren da.
Eigentlich waren sie immer fein säuberlich drapiert auf der Couch.
Aber Henrik hatte vorhin eine Kissenschlacht gegen sich selber gemacht. Daher lagen sie nun wild auf der Sitzfläche herum.
Durch die Wohnzimmertür konnte er im Flur Umzugskisten sehen.
Oma war letzte Woche in die Nachbarstadt gezogen, um näher bei Henrik und seinen Eltern zu sein.
„Juhu, dann kann ich Oma jetzt jeden Tag sehen!“, hatte Henrik sich gefreut.
Denn bislang hatte Oma weit weg gewohnt. Eine sehr lange Autofahrt. So lang, dass man zwei komplette Zeichentrickfilme auf dem Tablet gucken konnte, bis man da war.
Aber nun wohnte Oma nur noch fünf Stationen mit dem Bus entfernt.
„Das ist richtig toll!“, fand Henrik.
Und heute übernachtete er das erste Mal in Omas neuer Wohnung.
Eigentlich wollten Oma und er jetzt Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, aber Omas olles Hörgerät hatte wieder so gepiept.
Es war ganz schrecklich. Manchmal machte Omas Hörgerät ganz fiese laute Geräusche.
So, als ob ein Mikrofon schrill quietscht. Oma konnte dann nichts hören, sich nicht konzentrieren und schon gar nicht spielen.
„So wird das nichts, Henrik“, hatte Oma gesagt.
„Ich gehe mal schnell runter in den Hörgeräteladen. Die können mir bestimmt helfen.“
Glücklicherweise war unten in Omas neuem Haus ein Laden, der das Hörgerät reparieren konnte.
Zumindest vorrübergehend.
In den letzten drei Tagen war Oma schon zweimal dort gewesen und hatte das Gerät einstellen lassen.
Geholfen hatte es aber meistens nur für kurze Zeit. Dann war das „Fiiieeeeep!“ wieder da.
„Was mache ich denn jetzt bis Oma kommt?“, fragte sich Henrik selbst.
Irgendwas musste er doch gegen die Langeweile tun können.
----Kapitel 2: Die kleine Truhe----
Henrik stellte sich auf die Couch und hüpfte wie auf einem Trampolin vier oder fünf Mal auf und ab. Dann ging er in den Flur.
„Ich könnte Oma doch helfen noch ein paar weitere Kisten auszupacken.“, überlegte er.
„Da freut sich Oma bestimmt!“, war er sich sicher.
Und so ging er schnurstracks auf die erste Kiste zu.
Henrik schaute sie sich genau an. Es war etwas mit großen Buchstaben darauf geschrieben. Seit dem Sommer ging er in die zweite Klasse und konnte schon recht gut lesen.
„Keller“, entzifferte er und wunderte sich.
Das hatte er gar nicht gewusst, dass Oma in der alten Wohnung einen Keller hatte.
„Spannend“, freute er sich daher und begann sofort, die Kiste zu öffnen.
Zuerst sah er ein paar alte Bücher. So komplett weiche, nicht die mit einem dicken, festen Deckel.
Er räumte sie beiseite.
Darunter waren große bunte, ganz flache Bilder. Henrik nahm eines raus.
Als er es sich genauer ansah, rutschte auf einmal eine schwarze, runde, ganz flache Platte mit einem Aufkleber und einem Loch in der Mitte heraus.
„Ach ja“, erinnerte sich Henrik.
Die hatte er damals schonmal gesehen.
„Das sind Schallplatten“, hatte Oma erklärt, „damit haben wir früher Musik gehört, bevor es Spotify gab.“
Als Henrik noch eine dieser Platten herausgenommen hatte, sah er auf einmal eine kleine Truhe.
Sie war aus Holz und in etwa so groß wie seine Pausenbrotbox.
„Wie ein Mini-Piratenschatz“, verglich Henrik die Truhe mit Bildern aus seinen Abenteuerbüchern.
Mit beiden Händen hielt er die Truhe auf Augenhöhe und betrachtete sie von allen Seiten ganz genau.
Sie war komplett aus Holz, unten viereckig und oben ein gewölbter Deckel.
Wie eine richtige Truhe halt.
„Komisch, sie hat gar keine Scharniere, um sie aufzuklappen“, wunderte sich Henrik.
„Aber irgendwo muss doch ein Knopf oder ein Schloss sein!“, war sich Henrik sicher.
Doch er fand nichts.
Er drehte die kleine Truhe immer wieder in seinen Händen.
Nichts, rein gar nichts war zu sehen.
Als Henrik bestimmt schon zum zehnten Mal die Truhe drehte und wendete, rutschte sie ihm aus der Hand und fiel auf den alten Dielenboden.
Und plötzlich staubte es ganz heftig im ganzen Flur.
Henrik konnte für ein paar Sekunden nichts mehr sehen.
So als hätte er auf dem Spielplatz Sand ins Gesicht bekommen, nur dass es nicht brannte oder juckte.
Als seine Augen wieder klarsehen konnten, sah Henrik bestürzt zu Boden.
Dort lag die Truhe – zerbrochen in zwei Teile.
„Oh Mist!“, rief Henrik laut. „Jetzt wird Oma bestimmt sauer.“
„So ein Quatsch. Doch nicht wegen der ollen Truhe.“
Henrik erschrak. Was war das für eine Stimme?
Er drehte sich um und traute seinen Augen nicht.
----Kapitel 3: Eggi----
Henrik blinzelte und rieb sich die Augen.
Doch es änderte nichts an dem, was er sah: Vor ihm im Flur, direkt über dem langhaarigen Teppich, der aussah wie ein Eisbärenfell, schwebte eine kleine Frau.
Sie war etwa halb so groß wie Henrik.
Mit weit aufgerissenen Augen schaute Henrik sie sich von oben bis unten an.
Auf grauen, langen Haaren saß ein Haarreif, der mit vielen Edelsteinen besetzt war.
Darunter erkannte Henrik ein faltiges Gesicht.
Der restliche Körper steckte in einem grünen, wallenden Kleid, das bis zu den Knöcheln reichte.
Umgeben war diese sonderbare Frau von einem hellen Schimmer, der aussah als würden eintausend Mini-Sterne um sie herumkreisen.
„W-wer b-bist denn du?“, stammelte Henrik.
„Was sagst Du? Rennkuh?“, fragte die Dame verwundert und hielt sich die Hand ans Ohr, als wollte Sie einen kleinen Tunnel formen.
„Nein, ich bin doch keine Kuh. Ich habe doch gar keine Flecken und auch keinen Euter!“, erklärte sie kopfschüttelnd und recht laut.
„Ich bin eine Fee“, fuhr sie fort.
Dann sagte sie mit alter, zittriger aber auch sehr feierlicher Stimme: „Und mein Name ist Egminna Freifee von Püttgenstein! Ich war die Schlossfee eines berühmten Barons. Aber vor vierhundert Jahren sperrte mich ein böser Magier in diese Zaubertruhe“.
Henrik hörte gebannt zu und staunte die Fee mit offenem Mund an.
Um sicherzustellen, dass er nicht träumte, rieb er sich zuerst nochmal die Augen und dann kniff er sich in den Arm.
„Aua“ – nein, er träumte nicht.
„Nun aber“, fuhr die Fee mit dankbarem Ton fort, „hast du mich befreit. Und deswegen möchte ich dir vier Wünsche erfüllen und du darfst mich sogar ‚Eggi‘ nennen.“
„Oh!“, staunte Henrik und fragte zur Sicherheit: „Vier Wünsche?“
„Hä? - Was fragst du?“, hakte Eggi nach und formte wieder den Tunnel mit der Hand am Ohr.
„Ich fragte: vier Wünsche?“, wiederholte Henrik seine Frage.
„Nein, nein – keine Strümpfe! Wünsche!“, erwiderte Eggi mit verwundertem Blick.
Dann fuhr sie fort: „So sind die Regeln: Du sagst mir deinen Wunsch und ich erfülle ihn. Es gibt aber kein Umtauschrecht. Einmal erfüllt, bleibt der Wunsch erfüllt. Willst du ihn nicht mehr haben, musst du einen weiteren Wunsch einsetzen, um ihn rückgängig zu machen.“
Henrik konnte noch immer nicht so recht glauben, was dort bei Oma im Flur soeben geschah, nickte aber dennoch mit dem Kopf.
Eggi sah ihn an und fragte dann nach einer kurzen Weile: „Und? Sag schon, was wünscht du dir?“
----Kapitel 4: Wunschchaos----
Henrik fühlte sich überrumpelt.
So, als ob er in der Schule gerade vor sich hingeträumt hatte und plötzlich stellt ihm seine Lehrerin, Frau Bindedraht, eine Frage.
„Ohje! Was wünsche ich mir nur?“, dachte er nervös und tippelte mit den Füßen auf dem Flurboden herum.
„Ich habe so viele Ideen. Wie kann ich die in nur vier Wünsche packen?“, verzweifelte Henrik, dem seine ganze Weihnachtswunschliste durch den Kopf ging. „Weihnachten!“, hatte er urplötzlich einen Geistesblitz.
„Das ist es! Ich brauche gar keine vier Wünsche – ich brauche nur einen!“
Henrik hatte eine geniale Idee!
Mit ihr könnte er jeden Tag all seine Wünsche nach neuem Spielzeug, einem neuen Fahrrad oder sogar nach der riesigen Raumstation aus Legosteinen erfüllt bekommen.
Er stellte sich vor Eggi hin, schaute ihr tief in die Augen und sagte stolz mit fester Stimme: „Ich wünsche mir, dass auf der Erde immer Heiligabend ist!“
Eggi legte ihren Kopf schief, blinzelte und schaute verwundert zu Henrik zurück.
„Ein seltsamer Wunsch, aber es ist deiner und deshalb sei es so!“, sagte sie.
Und kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, klatschte sie mit beiden Händen über ihrem Kopf zusammen.
Als diese sich berührten, gab es aber keinen Klatsch, sondern ein leises Klingeln.
Und direkt danach einen hellen Blitz. So als würde Papa ein Foto mit seinem Handy im dunklen Raum machen.
Henrik sah zuerst nur kleine, flimmernde Punkte, die vor seinen Augen tanzten. Dann, ganz allmählich, verschwanden diese wieder. Henrik schaute sich um.
Als er an Eggi vorbei ins Wohnzimmer sah, traute er seinen Augen schon wieder nicht.
„Das gibt’s doch nicht!“, rief er verstört aus. „Was soll denn das?“
Im Wohnzimmer standen zwei Laufbänder.
Solche, die es in dem Fitnessstudio gab, in das Mama immer Dienstag und Donnerstag ging.
Nur waren die in Omas Wohnzimmer größer.
Aber es war nicht ihre Größe, die Henrik nochmal „Das gibt’s doch nicht!“, wiederholen ließ.
Was Henrik wirklich zum Staunen brachte: auf jedem Laufband lief je ein Pferd ziemlich zügig vor sich hin.
Rechts ein schwarzes, links ein weißes.
Henrik sah Eggi ungläubig an, brachte kein Wort heraus und zeigte nur ins Wohnzimmer.
„Bitte sehr!“, sagte Eggi stolz. „Im Zimmer zwei Pferde, eilig trabend.“
„Bitte was?“, dachte sich Henrik, der vor Staunen immer noch nicht sprechen konnte.
„Das wollte ich nicht. Ich wollte ‚immer auf der Erde Heiligabend‘!“
Er schüttelte sich.
„Wenn Oma das sieht, dann gibt es bestimmt Ärger.“, befürchtete er.
„Und überhaupt, wer füttert denn die Pferde und womit? Und wo sollen sie nachts schlafen?“, gingen ihm die Gedanken wie schnelle, zuckende Blitze im Kopf herum.
Und als in diesem Moment das schwarze Pferd seinen Schweif hob, drei Pferdeäpfel fallen ließ und das Laufband diese auf Omas Teppich beförderte, war Henrik sofort klar, dass er irgendwas tun musste.
„Ich werde Eggi berichtigen!“, nahm sich Henrik vor.
Er wusste, dass ihm dies einen weiteren Wunsch kosten würde, aber so konnte es nicht bleiben!
Er räusperte sich. Und damit kam auch seine Stimme zurück.
Etwas leiser als gewollt sagte er: „Eggi, ich wünschte doch: für alle Weihnachten!“
„Du bist witzig!“, lachte Eggi mit ihrer alten, heiseren Stimme.
Dann gab es wieder ein Klingelklatschen und den Blitz.
Wieder tanzten kleine Flimmerlichter vor seinen Augen.
Und wieder brauchte Henrik etwas, bis er richtig sehen konnte.
Zum dritten Mal an diesem Tage, traute er seinen Augen nicht:
Die Pferde hatten jetzt so besondere Kleidung an.
Henrik hatte solche mal im Urlaub in den Bergen gesehen:
Das schwarze Pferd trug eine enge dunkle Lederhose und das weiße Pferd hatte ein blaues Kleid mit breiter Binde und Schleife um den Bauch an.
„Ein Dirndl“, erinnerte sich Henrik.
So hatten die Frauen das im Urlaub damals genannt.
Er schaute an sich herab und sah, dass auch er in original bayerischer Kleidung angezogen war:
Kariertes Hemd, braune Lederhose, weiße Socken über den Waden und braune Schuhe aus grobem Leder.
„Eggi! Was machst du denn?“, schrie er nun richtig laut.
„Wie, warum?“, fragte Eggi erstaunt.
„Ist doch wie gewünscht: Alle in Leih-Trachten. Original aus Bayern. Rückgabe nächsten Montag, vierzehn Uhr“, erklärte sie stolz.
„Nein, nein, nein! Das ist doch alles nicht richtig! Weihnachten, nicht Leih-Trachten!“, rief er weiterhin sehr laut der Fee entgegen.
„Nicht richtig?“, wunderte sich Eggi.
„Dann musst du halt etwas deutlicher sprechen. Du bist ja auch immer so leise!“, sagte sie etwas geknickt.
Henrik schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf.
„Natürlich!“, sagte er zu sich selbst.
„Eggi ist doch schon über vierhundert Jahre alt. Klaro – sie hört schlecht. So wie Oma“, wurde es ihm plötzlich klar.
----Kapitel 5: Die Rettung----
Henrik hatte eine super Idee.
Sofort stürmte er in Omas Schlafzimmer. Und dort direkt zu ihrem Nachttischschränkchen.
Er öffnete die Schublade und kramte kurz darin herum.
„Da bist du ja!“, freute sich Henrik und rannte in den Flur zurück, wo Eggi verwundert auf ihn wartete.
„Hier!“, sagte Henrik stolz.
„Nimm doch bitte das und stecke es dir in dein Ohr. Das ist Omas Ersatzhörgerät.“, erklärte er langsam, laut und deutlich.
„Früher, als Oma noch keinen Hörgeräteladen im Haus hatte, nahm sie immer ihr altes Hörgerät, wenn das neue fiepte. Jetzt braucht sie es aber nicht mehr. Sie geht ja immer zur Reparatur runter.“
„Danke!“, erwiderte Eggi gerührt und besah sich das Gerät von allen Seiten.
„Aber was macht es?“, fragte sie unsicher.
Henrik antwortete: „Das hilft beim Hören. Warte!“
Er griff nach dem kleinen Kasten, klemmte ihn hinter Eggis Ohr und steckte den kleinen Lautsprecher in ihre Hörmuschel.
Dann schaltete er das Gerät ein.
„Und, wie ist es?“, fragte Henrik in normaler Lautstärke.
Eggis Augen fingen an zu Glänzen und sie strahlte über das ganze Gesicht.
„Toll!“, sagte sie gerührt und flog zum Fenster.
Sie öffnete es und horchte mit dem Hörgeräteohr hinaus.
„Ich höre den Wind und die Blätter in den Bäumen. Wunderschön!“, freute sie sich, während eine kleine Träne ihre Wange herunterkullerte.
Henrik war stolz, dass er helfen konnte.
Er ging kurz ins Wohnzimmer und kam nach einer kleinen Weile zurück.
In seinen Händen hielt er eine Packung kleiner, runder Batterien.
„Hier, für dein Hörgerät. Die sollten erstmal eine ganze Weile reichen“, stellte er fest, während er Eggi die Packung übergab.
Eggi bedankte sich nochmals höflich und horchte weiter aus dem Fenster.
„Jetzt ist es an der Zeit, mir das richtige zu wünschen“, dachte sich Henrik.
Doch da hörte er Schritte auf der Treppe.
„Oh nein, vielleicht ist das Oma!“, rief er laut.
„Wir müssen das Chaos hier aufräumen! Schnell, Eggi, ich wünsche es wäre alles so wie vorher!“
„Gerne, wie du wünschst“, sagte Eggi und nach dem Blitz war die Wohnung wieder wie vorher: keine Pferde mehr und Henrik trug auch keine Lederhose.
„Einen Wunsch hast du noch, Henrik. Beeile dich, bevor deine Oma hereinkommt“, drängte ihn Eggi.
Der Wohnungstürschlüssel glitt in die Tür.
Henrik hörte, wie Oma ihn drehte.
Er schaute sich die Fee an.
Sie sah wirklich verändert aus, seitdem sie mit dem Hörgerät wieder richtig hören konnte. Henrik fand, Eggi wirkte mindestens zweihundert Jahre jünger und viel fröhlicher.
Da wurde ihm klar, was er sich wünschen wollte.
Schnell sagte er Eggi seinen letzten Wunsch:
„Ich wünsche, dass Oma wieder hören kann, wie früher als sie jung war!“
„Oh, das ist ein besonderer Wunsch“, stellte Eggi mit einem Lächeln fest.
Dann klatschte sie wieder in die Hände.
Als Henrik wieder sehen konnte, war sie verschwunden und Oma betrat den Flur.
----Kapitel 6: Weihnachten----
Mittlerweile war es Heiligabend.
Es war richtiger Winter und Henriks erster Besuch bei der Oma war schon einige Wochen her.
Henrik hatte gerade das Geschenk ausgepackt, das Oma mitgebracht hatte.
Es war die riesige Raumstation, die er sich so gewünscht hatte.
„Mega toll!“, hatte er sich bei Oma bedankt.
Oma hatte lächelnd zu ihm zurückgeblickt und ihn sofort verstanden.
Und das obwohl Weihnachtsmusik lief und Mama und Papa sich unterhielten.
Es war ein Wunder.
Aber seit Henriks erstem Besuch in der neuen Wohnung konnte Oma auf einmal ohne Hörgerät hören.
Seitdem wirkte auch sie wieder viel jünger.
„Ich kann mir das alles nicht erklären“, sagte Oma noch oft ungläubig, wenn sie über den Tag redete.
„Ja, komisch“, sagte Henrik dann und lächelte dabei.
Er dachte an Eggi und sah sich seine fröhliche Oma an.
Und dann freute er sich, dass ihm damals ein so toller letzter Wunsch eingefallen war.
----Kapitel 1: Langeweile----
Henrik kniete auf Omas Couch und blickte über die Lehne aus dem Fenster.
Von oben aus Omas neuer Wohnung im vierten Stock hatte er einen guten Überblick.
Aber es gab nichts Interessantes zu sehen.
„Laaaaangweilig“, dachte er sich, während er in den trüben Herbsttag hinaus starrte.
Unten auf der Straße sah er kleine Pfützen.
Bis gerade eben hatte es geregnet. Kaum jemand war unterwegs.
Und wenn, dann sah man die Menschen nicht, denn die meisten hatten ihre Regenschirme noch geöffnet.
Henrik drehte sich auf der Couch um und setzte sich hin.
Sein Blick wanderte durch Omas Wohnzimmer.
Es sah eigentlich genauso gemütlich aus, wie Omas altes Wohnzimmer.
Mit dem plüschigen großen Sessel, der eine Fernbedienung hatte.
Er konnte rauf und runter fahren und auch lustig ruckeln. In ihm konnte man prima Raumschiff spielen.
Auch alle Kuschelkissen waren da.
Eigentlich waren sie immer fein säuberlich drapiert auf der Couch.
Aber Henrik hatte vorhin eine Kissenschlacht gegen sich selber gemacht. Daher lagen sie nun wild auf der Sitzfläche herum.
Durch die Wohnzimmertür konnte er im Flur Umzugskisten sehen.
Oma war letzte Woche in die Nachbarstadt gezogen, um näher bei Henrik und seinen Eltern zu sein.
„Juhu, dann kann ich Oma jetzt jeden Tag sehen!“, hatte Henrik sich gefreut.
Denn bislang hatte Oma weit weg gewohnt. Eine sehr lange Autofahrt. So lang, dass man zwei komplette Zeichentrickfilme auf dem Tablet gucken konnte, bis man da war.
Aber nun wohnte Oma nur noch fünf Stationen mit dem Bus entfernt.
„Das ist richtig toll!“, fand Henrik.
Und heute übernachtete er das erste Mal in Omas neuer Wohnung.
Eigentlich wollten Oma und er jetzt Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, aber Omas olles Hörgerät hatte wieder so gepiept.
Es war ganz schrecklich. Manchmal machte Omas Hörgerät ganz fiese laute Geräusche.
So, als ob ein Mikrofon schrill quietscht. Oma konnte dann nichts hören, sich nicht konzentrieren und schon gar nicht spielen.
„So wird das nichts, Henrik“, hatte Oma gesagt.
„Ich gehe mal schnell runter in den Hörgeräteladen. Die können mir bestimmt helfen.“
Glücklicherweise war unten in Omas neuem Haus ein Laden, der das Hörgerät reparieren konnte.
Zumindest vorrübergehend.
In den letzten drei Tagen war Oma schon zweimal dort gewesen und hatte das Gerät einstellen lassen.
Geholfen hatte es aber meistens nur für kurze Zeit. Dann war das „Fiiieeeeep!“ wieder da.
„Was mache ich denn jetzt bis Oma kommt?“, fragte sich Henrik selbst.
Irgendwas musste er doch gegen die Langeweile tun können.
----Kapitel 2: Die kleine Truhe----
Henrik stellte sich auf die Couch und hüpfte wie auf einem Trampolin vier oder fünf Mal auf und ab. Dann ging er in den Flur.
„Ich könnte Oma doch helfen noch ein paar weitere Kisten auszupacken.“, überlegte er.
„Da freut sich Oma bestimmt!“, war er sich sicher.
Und so ging er schnurstracks auf die erste Kiste zu.
Henrik schaute sie sich genau an. Es war etwas mit großen Buchstaben darauf geschrieben. Seit dem Sommer ging er in die zweite Klasse und konnte schon recht gut lesen.
„Keller“, entzifferte er und wunderte sich.
Das hatte er gar nicht gewusst, dass Oma in der alten Wohnung einen Keller hatte.
„Spannend“, freute er sich daher und begann sofort, die Kiste zu öffnen.
Zuerst sah er ein paar alte Bücher. So komplett weiche, nicht die mit einem dicken, festen Deckel.
Er räumte sie beiseite.
Darunter waren große bunte, ganz flache Bilder. Henrik nahm eines raus.
Als er es sich genauer ansah, rutschte auf einmal eine schwarze, runde, ganz flache Platte mit einem Aufkleber und einem Loch in der Mitte heraus.
„Ach ja“, erinnerte sich Henrik.
Die hatte er damals schonmal gesehen.
„Das sind Schallplatten“, hatte Oma erklärt, „damit haben wir früher Musik gehört, bevor es Spotify gab.“
Als Henrik noch eine dieser Platten herausgenommen hatte, sah er auf einmal eine kleine Truhe.
Sie war aus Holz und in etwa so groß wie seine Pausenbrotbox.
„Wie ein Mini-Piratenschatz“, verglich Henrik die Truhe mit Bildern aus seinen Abenteuerbüchern.
Mit beiden Händen hielt er die Truhe auf Augenhöhe und betrachtete sie von allen Seiten ganz genau.
Sie war komplett aus Holz, unten viereckig und oben ein gewölbter Deckel.
Wie eine richtige Truhe halt.
„Komisch, sie hat gar keine Scharniere, um sie aufzuklappen“, wunderte sich Henrik.
„Aber irgendwo muss doch ein Knopf oder ein Schloss sein!“, war sich Henrik sicher.
Doch er fand nichts.
Er drehte die kleine Truhe immer wieder in seinen Händen.
Nichts, rein gar nichts war zu sehen.
Als Henrik bestimmt schon zum zehnten Mal die Truhe drehte und wendete, rutschte sie ihm aus der Hand und fiel auf den alten Dielenboden.
Und plötzlich staubte es ganz heftig im ganzen Flur.
Henrik konnte für ein paar Sekunden nichts mehr sehen.
So als hätte er auf dem Spielplatz Sand ins Gesicht bekommen, nur dass es nicht brannte oder juckte.
Als seine Augen wieder klarsehen konnten, sah Henrik bestürzt zu Boden.
Dort lag die Truhe – zerbrochen in zwei Teile.
„Oh Mist!“, rief Henrik laut. „Jetzt wird Oma bestimmt sauer.“
„So ein Quatsch. Doch nicht wegen der ollen Truhe.“
Henrik erschrak. Was war das für eine Stimme?
Er drehte sich um und traute seinen Augen nicht.
----Kapitel 3: Eggi----
Henrik blinzelte und rieb sich die Augen.
Doch es änderte nichts an dem, was er sah: Vor ihm im Flur, direkt über dem langhaarigen Teppich, der aussah wie ein Eisbärenfell, schwebte eine kleine Frau.
Sie war etwa halb so groß wie Henrik.
Mit weit aufgerissenen Augen schaute Henrik sie sich von oben bis unten an.
Auf grauen, langen Haaren saß ein Haarreif, der mit vielen Edelsteinen besetzt war.
Darunter erkannte Henrik ein faltiges Gesicht.
Der restliche Körper steckte in einem grünen, wallenden Kleid, das bis zu den Knöcheln reichte.
Umgeben war diese sonderbare Frau von einem hellen Schimmer, der aussah als würden eintausend Mini-Sterne um sie herumkreisen.
„W-wer b-bist denn du?“, stammelte Henrik.
„Was sagst Du? Rennkuh?“, fragte die Dame verwundert und hielt sich die Hand ans Ohr, als wollte Sie einen kleinen Tunnel formen.
„Nein, ich bin doch keine Kuh. Ich habe doch gar keine Flecken und auch keinen Euter!“, erklärte sie kopfschüttelnd und recht laut.
„Ich bin eine Fee“, fuhr sie fort.
Dann sagte sie mit alter, zittriger aber auch sehr feierlicher Stimme: „Und mein Name ist Egminna Freifee von Püttgenstein! Ich war die Schlossfee eines berühmten Barons. Aber vor vierhundert Jahren sperrte mich ein böser Magier in diese Zaubertruhe“.
Henrik hörte gebannt zu und staunte die Fee mit offenem Mund an.
Um sicherzustellen, dass er nicht träumte, rieb er sich zuerst nochmal die Augen und dann kniff er sich in den Arm.
„Aua“ – nein, er träumte nicht.
„Nun aber“, fuhr die Fee mit dankbarem Ton fort, „hast du mich befreit. Und deswegen möchte ich dir vier Wünsche erfüllen und du darfst mich sogar ‚Eggi‘ nennen.“
„Oh!“, staunte Henrik und fragte zur Sicherheit: „Vier Wünsche?“
„Hä? - Was fragst du?“, hakte Eggi nach und formte wieder den Tunnel mit der Hand am Ohr.
„Ich fragte: vier Wünsche?“, wiederholte Henrik seine Frage.
„Nein, nein – keine Strümpfe! Wünsche!“, erwiderte Eggi mit verwundertem Blick.
Dann fuhr sie fort: „So sind die Regeln: Du sagst mir deinen Wunsch und ich erfülle ihn. Es gibt aber kein Umtauschrecht. Einmal erfüllt, bleibt der Wunsch erfüllt. Willst du ihn nicht mehr haben, musst du einen weiteren Wunsch einsetzen, um ihn rückgängig zu machen.“
Henrik konnte noch immer nicht so recht glauben, was dort bei Oma im Flur soeben geschah, nickte aber dennoch mit dem Kopf.
Eggi sah ihn an und fragte dann nach einer kurzen Weile: „Und? Sag schon, was wünscht du dir?“
----Kapitel 4: Wunschchaos----
Henrik fühlte sich überrumpelt.
So, als ob er in der Schule gerade vor sich hingeträumt hatte und plötzlich stellt ihm seine Lehrerin, Frau Bindedraht, eine Frage.
„Ohje! Was wünsche ich mir nur?“, dachte er nervös und tippelte mit den Füßen auf dem Flurboden herum.
„Ich habe so viele Ideen. Wie kann ich die in nur vier Wünsche packen?“, verzweifelte Henrik, dem seine ganze Weihnachtswunschliste durch den Kopf ging. „Weihnachten!“, hatte er urplötzlich einen Geistesblitz.
„Das ist es! Ich brauche gar keine vier Wünsche – ich brauche nur einen!“
Henrik hatte eine geniale Idee!
Mit ihr könnte er jeden Tag all seine Wünsche nach neuem Spielzeug, einem neuen Fahrrad oder sogar nach der riesigen Raumstation aus Legosteinen erfüllt bekommen.
Er stellte sich vor Eggi hin, schaute ihr tief in die Augen und sagte stolz mit fester Stimme: „Ich wünsche mir, dass auf der Erde immer Heiligabend ist!“
Eggi legte ihren Kopf schief, blinzelte und schaute verwundert zu Henrik zurück.
„Ein seltsamer Wunsch, aber es ist deiner und deshalb sei es so!“, sagte sie.
Und kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, klatschte sie mit beiden Händen über ihrem Kopf zusammen.
Als diese sich berührten, gab es aber keinen Klatsch, sondern ein leises Klingeln.
Und direkt danach einen hellen Blitz. So als würde Papa ein Foto mit seinem Handy im dunklen Raum machen.
Henrik sah zuerst nur kleine, flimmernde Punkte, die vor seinen Augen tanzten. Dann, ganz allmählich, verschwanden diese wieder. Henrik schaute sich um.
Als er an Eggi vorbei ins Wohnzimmer sah, traute er seinen Augen schon wieder nicht.
„Das gibt’s doch nicht!“, rief er verstört aus. „Was soll denn das?“
Im Wohnzimmer standen zwei Laufbänder.
Solche, die es in dem Fitnessstudio gab, in das Mama immer Dienstag und Donnerstag ging.
Nur waren die in Omas Wohnzimmer größer.
Aber es war nicht ihre Größe, die Henrik nochmal „Das gibt’s doch nicht!“, wiederholen ließ.
Was Henrik wirklich zum Staunen brachte: auf jedem Laufband lief je ein Pferd ziemlich zügig vor sich hin.
Rechts ein schwarzes, links ein weißes.
Henrik sah Eggi ungläubig an, brachte kein Wort heraus und zeigte nur ins Wohnzimmer.
„Bitte sehr!“, sagte Eggi stolz. „Im Zimmer zwei Pferde, eilig trabend.“
„Bitte was?“, dachte sich Henrik, der vor Staunen immer noch nicht sprechen konnte.
„Das wollte ich nicht. Ich wollte ‚immer auf der Erde Heiligabend‘!“
Er schüttelte sich.
„Wenn Oma das sieht, dann gibt es bestimmt Ärger.“, befürchtete er.
„Und überhaupt, wer füttert denn die Pferde und womit? Und wo sollen sie nachts schlafen?“, gingen ihm die Gedanken wie schnelle, zuckende Blitze im Kopf herum.
Und als in diesem Moment das schwarze Pferd seinen Schweif hob, drei Pferdeäpfel fallen ließ und das Laufband diese auf Omas Teppich beförderte, war Henrik sofort klar, dass er irgendwas tun musste.
„Ich werde Eggi berichtigen!“, nahm sich Henrik vor.
Er wusste, dass ihm dies einen weiteren Wunsch kosten würde, aber so konnte es nicht bleiben!
Er räusperte sich. Und damit kam auch seine Stimme zurück.
Etwas leiser als gewollt sagte er: „Eggi, ich wünschte doch: für alle Weihnachten!“
„Du bist witzig!“, lachte Eggi mit ihrer alten, heiseren Stimme.
Dann gab es wieder ein Klingelklatschen und den Blitz.
Wieder tanzten kleine Flimmerlichter vor seinen Augen.
Und wieder brauchte Henrik etwas, bis er richtig sehen konnte.
Zum dritten Mal an diesem Tage, traute er seinen Augen nicht:
Die Pferde hatten jetzt so besondere Kleidung an.
Henrik hatte solche mal im Urlaub in den Bergen gesehen:
Das schwarze Pferd trug eine enge dunkle Lederhose und das weiße Pferd hatte ein blaues Kleid mit breiter Binde und Schleife um den Bauch an.
„Ein Dirndl“, erinnerte sich Henrik.
So hatten die Frauen das im Urlaub damals genannt.
Er schaute an sich herab und sah, dass auch er in original bayerischer Kleidung angezogen war:
Kariertes Hemd, braune Lederhose, weiße Socken über den Waden und braune Schuhe aus grobem Leder.
„Eggi! Was machst du denn?“, schrie er nun richtig laut.
„Wie, warum?“, fragte Eggi erstaunt.
„Ist doch wie gewünscht: Alle in Leih-Trachten. Original aus Bayern. Rückgabe nächsten Montag, vierzehn Uhr“, erklärte sie stolz.
„Nein, nein, nein! Das ist doch alles nicht richtig! Weihnachten, nicht Leih-Trachten!“, rief er weiterhin sehr laut der Fee entgegen.
„Nicht richtig?“, wunderte sich Eggi.
„Dann musst du halt etwas deutlicher sprechen. Du bist ja auch immer so leise!“, sagte sie etwas geknickt.
Henrik schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf.
„Natürlich!“, sagte er zu sich selbst.
„Eggi ist doch schon über vierhundert Jahre alt. Klaro – sie hört schlecht. So wie Oma“, wurde es ihm plötzlich klar.
----Kapitel 5: Die Rettung----
Henrik hatte eine super Idee.
Sofort stürmte er in Omas Schlafzimmer. Und dort direkt zu ihrem Nachttischschränkchen.
Er öffnete die Schublade und kramte kurz darin herum.
„Da bist du ja!“, freute sich Henrik und rannte in den Flur zurück, wo Eggi verwundert auf ihn wartete.
„Hier!“, sagte Henrik stolz.
„Nimm doch bitte das und stecke es dir in dein Ohr. Das ist Omas Ersatzhörgerät.“, erklärte er langsam, laut und deutlich.
„Früher, als Oma noch keinen Hörgeräteladen im Haus hatte, nahm sie immer ihr altes Hörgerät, wenn das neue fiepte. Jetzt braucht sie es aber nicht mehr. Sie geht ja immer zur Reparatur runter.“
„Danke!“, erwiderte Eggi gerührt und besah sich das Gerät von allen Seiten.
„Aber was macht es?“, fragte sie unsicher.
Henrik antwortete: „Das hilft beim Hören. Warte!“
Er griff nach dem kleinen Kasten, klemmte ihn hinter Eggis Ohr und steckte den kleinen Lautsprecher in ihre Hörmuschel.
Dann schaltete er das Gerät ein.
„Und, wie ist es?“, fragte Henrik in normaler Lautstärke.
Eggis Augen fingen an zu Glänzen und sie strahlte über das ganze Gesicht.
„Toll!“, sagte sie gerührt und flog zum Fenster.
Sie öffnete es und horchte mit dem Hörgeräteohr hinaus.
„Ich höre den Wind und die Blätter in den Bäumen. Wunderschön!“, freute sie sich, während eine kleine Träne ihre Wange herunterkullerte.
Henrik war stolz, dass er helfen konnte.
Er ging kurz ins Wohnzimmer und kam nach einer kleinen Weile zurück.
In seinen Händen hielt er eine Packung kleiner, runder Batterien.
„Hier, für dein Hörgerät. Die sollten erstmal eine ganze Weile reichen“, stellte er fest, während er Eggi die Packung übergab.
Eggi bedankte sich nochmals höflich und horchte weiter aus dem Fenster.
„Jetzt ist es an der Zeit, mir das richtige zu wünschen“, dachte sich Henrik.
Doch da hörte er Schritte auf der Treppe.
„Oh nein, vielleicht ist das Oma!“, rief er laut.
„Wir müssen das Chaos hier aufräumen! Schnell, Eggi, ich wünsche es wäre alles so wie vorher!“
„Gerne, wie du wünschst“, sagte Eggi und nach dem Blitz war die Wohnung wieder wie vorher: keine Pferde mehr und Henrik trug auch keine Lederhose.
„Einen Wunsch hast du noch, Henrik. Beeile dich, bevor deine Oma hereinkommt“, drängte ihn Eggi.
Der Wohnungstürschlüssel glitt in die Tür.
Henrik hörte, wie Oma ihn drehte.
Er schaute sich die Fee an.
Sie sah wirklich verändert aus, seitdem sie mit dem Hörgerät wieder richtig hören konnte. Henrik fand, Eggi wirkte mindestens zweihundert Jahre jünger und viel fröhlicher.
Da wurde ihm klar, was er sich wünschen wollte.
Schnell sagte er Eggi seinen letzten Wunsch:
„Ich wünsche, dass Oma wieder hören kann, wie früher als sie jung war!“
„Oh, das ist ein besonderer Wunsch“, stellte Eggi mit einem Lächeln fest.
Dann klatschte sie wieder in die Hände.
Als Henrik wieder sehen konnte, war sie verschwunden und Oma betrat den Flur.
----Kapitel 6: Weihnachten----
Mittlerweile war es Heiligabend.
Es war richtiger Winter und Henriks erster Besuch bei der Oma war schon einige Wochen her.
Henrik hatte gerade das Geschenk ausgepackt, das Oma mitgebracht hatte.
Es war die riesige Raumstation, die er sich so gewünscht hatte.
„Mega toll!“, hatte er sich bei Oma bedankt.
Oma hatte lächelnd zu ihm zurückgeblickt und ihn sofort verstanden.
Und das obwohl Weihnachtsmusik lief und Mama und Papa sich unterhielten.
Es war ein Wunder.
Aber seit Henriks erstem Besuch in der neuen Wohnung konnte Oma auf einmal ohne Hörgerät hören.
Seitdem wirkte auch sie wieder viel jünger.
„Ich kann mir das alles nicht erklären“, sagte Oma noch oft ungläubig, wenn sie über den Tag redete.
„Ja, komisch“, sagte Henrik dann und lächelte dabei.
Er dachte an Eggi und sah sich seine fröhliche Oma an.
Und dann freute er sich, dass ihm damals ein so toller letzter Wunsch eingefallen war.