Herbsinfarkt

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sufnus

Mitglied
Herbsinfarkt

Jetzt also Herbstzeit. Trübe Bilder.
Und kalt ists. Find ich. Binnenfrieren.
Ob da Gedichtelesen milder
und bunter stimmt den Sinn? Lektüren

sind doch ganz nützlich beim Verdummen.
Dank Herbstgereime voll bekloppt:
Das bringt die Sorgen zum Verstummen.
Tja, bis der Dödeldudler stoppt,

taugt Blödheit halt als Witzersatz
und hebt die Jahresendmoral.
Der Dichter bläst das Laub, um Platz
für nichts zu schaffen. Autumnal-

besinnlichkeiten sinnentstellt -
bald siehst dus (wenn der Schleier fällt).
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Sufnus,

der Herbst kann nichts dafür :) er ist einfach da ...
Deine Verse sind für einen Blues zu wenig emotional und für irgendwas Gesellschaftskritisches nicht scharf genug.
Ich habe den Eindruck gewonnen: Da hat ein Schlauer was geschrieben, worauf er keine Lust hatte.
Ist das jetzt arg bös von mir?

Liebe Grüße
Petra
 

Aniella

Mitglied
Hallo @sufnus,

ist es ein Tippfehler im Titel, oder spieltest Du mit dem Gedanken, dass Dich die Jahreszeit "herb" erwischt hat?
Der Beginn mit "Jetzt also" suggeriert, wie Petra schon anmerkte, ein lautloses, begleitendes Seufzen.
Ich finde ja, wenn die Sorgen zeitweise verstummen können, ist es schon gelungen.

LG Aniella
 

James Blond

Mitglied
Hm, merkwürdig ...
... ein lyrisches Ich, das offensichtlich und ausgiebig Herbstgedichte schmäht und dazu selbst in eines verfällt?

Das erinnert mich - auch von der Form her - an Robert Gernhardts "Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs".
So weit (nicht) so gut. :)

Dem Vergleich hält dieses Gedicht natürlich nicht stand. Denn wo es Gernhardt gelingt, aus nahezu wörtlichen Zitaten der APO-Generation ein schlüssiges Sonett zu zaubern, zagt und zaudert unser Kritiker bei der Verwendung einer natürlichen, bzw. geläufigen oder saftigen Missfallenssprache und fällt wieder zurück in seine bereits allseits bekannten sufnus-Kunstbasteleien: "Geniale" Wortkreationen in strophenübergreifendem Enjambement zu Wortsinnspielereien gruppiert. Na, wenn das keine Wucht ist! ;)

Ne, ist es nicht. "Da hat ein Schlauer was geschrieben, worauf er keine Lust hatte" schreibt Petra zutreffend. – "Da hat einer schlau beschrieben, wie er sich lustig macht" würde ich hinzufügen. Dabei sind ein paar gute Ansätze nicht zu übersehen: Der herbstliche Dichter als Laubbläser – das hat was. :)

Gern kommentiert
JB
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Sufnus,
könnte ja einer meinen, es handele sich um einen herbs-infarkt, so weedy.
Dann gäbe es noch den Herbs(t) als Zurschauersteller oder gewiss einen verniedlichten, gekürzten Herbert im Trittmoment. Ich suche mir jetzt mal aus dem Sorbet den taufrischen Herbst heraus;-), in seiner übertragenen Rolle. Denn Herbst ists, wo er ist! Besser noch, würde uns einer zu richtigen Zeit leise Herbs ins Ohr flüstern, wie deutungsfrei wären wir, um nicht Herz zu hören? Während die Dödeldudler lästig um selbiges schwirren, sind wir autumnal die gleichen?

besinnlichkeiten sinnentstellt -
bald siehst dus (wenn der Schleier fällt).
Da sehe ich den Laubbläser in sonderbarem Licht, wie er leise, ganz ohne Ton in sein "herbstliches Bild" folgende Worte schweigt:
Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen.
Siehst dus?
Sieht ers?
Siehst du wäre die richtige Antwort:)
Ja hoffentlich!!!
Liebe Grüße, ubertas
 

sufnus

Mitglied
Hey Petra,

tatsächlich kann ich im Normalfall weder mit Blues-gewordener Lyrik noch mit gesellschaftskritischen Versen viel anfangen (Ausnahmen bestätigen immer die Regel).

Blues-Lyrik ist mir in der Regel zu humorlos und bei gesellschaftskritischen Gedichten kommt zur (üblichen) Humorlosigkeit noch hinzu, dass ein Gedicht fast nie ein geegnetes Vehikel zur Darstellung analytisch tiefgängiger Gedanken ist. Bei Gesellschaftskritik bevorzuge ich daher Essays und Sachtexte und lasse ab und zu auch mal narrative Prosa und Dramatk gelten. Die Lyrik ist - wie ich finde - zu verspielt für dergleichen.
Und Verspieltheit triffts auch bei diesen Zeilen - ich hatte tatsächlich großen Spaß beim Schreiben und das lyrische Ich hat nichts, aber auch gar nichts, mit mir als hemmungslosem Herbstenthusiasten (je kühler und nieseliger - desto besser!) zu tun. Es ist nur eine Maskerade. :)

Und hey Ani!
Ich erklär mir die Schreibweise so: Bei einem kardialen Infarktgeschehen kommt es typischerweise zu ST-Veränderungen, ggf. auch zu T-Negativierungen; vermutlich ist das bei infarziellen Herbst-Prozessen ganz ähnlich und am Ende ist das Resultat ein Herbs. :)

Und und und mein lieber James!
Da wir ja ästhetisch tendenziell mit unterschiedlichen Ambitionen unterwegs sind, nehme ich Dein Missfallen ganz gerne zur Kenntnis - und nebenbei darf ich Dir ein Komplimentektänzlein flechten, dass Du ein kluger und genauer Leser bist. Was will man mehr? :)

Ach und die Beste zum Schluss: Hab Dank für die Entmörikifizierung und sowieso für alles, liebe Ubi! :) :) :)

LG!

S.
 

Ubertas

Mitglied
Ich erklär mir die Schreibweise so: Bei einem kardialen Infarktgeschehen kommt es typischerweise zu ST-Veränderungen, ggf. auch zu T-Negativierungen; vermutlich ist das bei infarziellen Herbst-Prozessen ganz ähnlich und am Ende ist das Resultat ein Herbs. :)
So manche Auskultation der Arrhythmien fördert doch ein Herz zutage:) praeautumnal;-) oder sub.
Lieben Gruß, ubersubertas
 

James Blond

Mitglied
Im Gegensatz zu James Blond freue ich mich wie ein Kaspar Hauser an Neologismen, auch an diesem hier
Autumnal-

besinnlichkeiten
Es ist ja keineswegs so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Neologismen hätte. Ich denke, es gibt ausgezeichnete, gute und auch weniger gute Wortschöpfungen, insbesondere bei den Komposita. Die oben zitierte (und bereits erwähnte) Kreation halte ich jedoch für weniger geglückt. Das liegt vor allem daran, dass "autumnal" ein mehrsilbiges Adjektiv ist, im Englischen ein übliches, im Deutschen eher ein gehobenes Fremdwort. Ein Problem ergibt sich bei der Kombination mit einem nachfolgenden Substantiv: "Autumnalbesinnlichkeiten". Ich sehe hier keinen Bedeutungsgewinn gegenüber "autumnale Besinnlichkeiten", eher schon eine Hinwendung zum Beamten- und Juristendeutsch, die durch den übrigen Text allerdings nicht gerechtfertigt erscheint.

Der Autor hat es hier ganz offensichtlich auf Komposita abgesehen (Herbstzeit, Binnenfrieren, Gedichtelesen, Herbstgereime, Dödeldudler, Witzersatz, Jahresendmoral, Autumnalbesinnlichkeiten) und zum Schluss (absichtlich?) ein wenig übertrieben. :)
Aber natürlich kann sich jeder Kasper darüber auf seine Weise freuen, auch der Hauser Kaspar. ;)

Grüße
JB
 

sufnus

Mitglied
Hey James,
Danke fürs Nachfassen! Die Zusammengesetztwortreihe hast Du nochmal sehr schön herausgearbeitet :) und ich bin mit beinahe allen Gliedern dieser Kompositakomposition beim abständlichen Wiederlesen zufrieden - nur mit dem Binnenfrieren hadere ich noch etwas (da hatte ich beim Hinschreiben schon so meine Zweifel) - dieses Neuwort ist offensichtlich der lyrizistische Sreber in der bunten Doppel- bzw. Tripelworttruppe. Die Autumnalbesinnlichkeit hingegen mag ich irgendwie. Bin aber halt auch mehr so der besinnliche Typ. :)
LG!
S.
 

James Blond

Mitglied
Ja, das Binnenfrieren hat mich auch wenig begeistern können. Aber das wollte ich hier nicht auch noch thematisieren. Insgesamt liest sich dein Text für mich als ein akuter Fall von Kompositis: Ein wenig zu gewollt, zu gekünstelt. Nun ja, die Geschmäcker sind halt verschieden ...

Liebe Grüße
JB
 

Ubertas

Mitglied
Autumnal-

besinnlichkeiten sinnentstellt -
Interessant ist und bleibt das Schicksal beim abendständlichen Wiederlesen, meiner Kalkmuschelvergilbung zugewandt, die Snnentstellung. Oh - das i vergessen?
Mir gefällt die Komposition, nur beim Binnenfrieren wünschte ich mehr Gleichgesinnte:
Wärmflaschennächte sind lang - aber dann!
Tröge Beiträge nach 23:10 Uhr löschen sich selbstständig. Da brauche ich nicht auf Vorschau klicken:)))
Also raus damit.
3-2-1 - 23:10 schwupp weg is...!?!
Lieben Gruß, ubertas
 

James Blond

Mitglied
das Vorderglied eines Nominalkompositums steht im Deutschen, wie auch in anderen "nominalkomponierenden" Sprachen, im bloßen Wortstamm, nicht in der Pluralform
Wie bei "Gefahrenzulage"?
Oder gar "Sternenbanner"?
Nein, vielleicht bei "Suppengrün", "Milliardenloch","Häuserreihe", "Städtebau", "Menschenhandel" ...
;)
 

mondnein

Mitglied
das Vorderglied eines Nominalkompositums steht im Deutschen im bloßen Wortstamm, nicht in der Pluralform
total falsch.

Im Deutschen sind Pluralia als Vorderglied eines Nominalkompositums häufig, üblich und problemlos bildbar.

(Ich wollte nur dieses Gedicht auf der Seite 1 des "Gereimten" wieder nach oben puschen.)
 

sufnus

Mitglied
Hey!
Längere Anderweitigschwerbeschäftigtpause meiner Wenigkeit - jetzt spring ich wieder aus der Torte
- und bedanke mich ganz freudig bei Ubertas für den Hinweis auf die textliche Sinn-Entstellung der A-Besinnlichkeit.
Wie ich gerade beim Michwiedereinlesen feststelle sind Sinn-Fragen ja in der Lyrik auch an anderen Stelle und mit weitaus mehr philosophischem Gewicht am Start, da reiht sich dann mein lädierter Herbs eher als schrullige Schnurre (schnurrige Schrulle?) ohne allzu hohen Ernstnehmungsanspruch ein. :)
Dito ein sehr erfreutes Dankeschön an James für die Hinweise zum offensichtlich reichlich buntgefügten Reigen deutscher Nominalkomposita. Da gehts ja wirklich kreuz und quer durch die Numerusse und Numerussinen das es nur so eine Freude ist!
Merci in die Runde und
LG!
S.
 



 
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