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Herbstverführung - Sonett

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Walther

Mitglied
Herbstverführung

Der Nebel hing. Mit ihm hing die Laterne.
Die Kinder zogen durch die Wassertröpfchen,
Ein Käppchen auf den kleinen Wuschelköpfchen,
Und sangen, was nicht war: Nicht Mond, nicht Sterne,

Und Sonne nicht, die war weit in der Ferne.
Die Kerzen schimmerten an dünnen Stöckchen,
An manchem Mützchen klingelte ein Glöckchen,
Die Kinder gingen, und sie gingen gerne.

Die Lichter tanzten in der langen Kette,
Und Blätter tanzten fallend um die Wette,
Wer denn zuerst vor warme Stiefel fiele.

Der Schwarze Mann zog an der Zigarette.
Sein Schatten fiel so grausig auf die Stätte.
Die Ernte war so leicht. Es waren viele.
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Walther,

die letzte Strophe erinnert mich an das Märchen "Der Rattenfänger von Hameln". Aber diesen wirst Du ja nicht gemeint haben. Ich bin etwas ratlos.

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

Walther

Mitglied
Liebe Vera-Lena,
das hat du richtig erkannt. angekündigt ist das ende im enjambement zwischen s1 und s2. und der titel hat es absichtsvoll in sich.
lg W.
 

Vera-Lena

Mitglied
Na, das freut mich, dass ich doch noch die von Dir beabsichtigte Lösung gefunden habe. Man denkt natürlich zuerst an die St.Martins-Züge, aber der Schluss ließ eine solche Deutung nicht zu.

Ein schön gestaltetes Sonett mit einem traurigen Schluss.

Angeblich ist ja der Kinderauszug aus der Stadt Hameln historisch belegt, aber man ist sich darüber nicht einig.

Sei es , wie es sei, Du hast ihm eine Gestalt verliehen schlicht und einprägsam.

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

Mondnein

Mitglied
Nicht gleich an den Rattenfänger von Hameln, Walther,

aber an den Tod selbst habe ich bei der letzten Strophe schon gedacht. Jetztzeitlich, nicht mittelalterlich.

Natürlich mußte ich es mindestens zweimal lesen, denn nach dem scheinbar kindgemäßen Martinsgang der Tod, das wendet Perspektive und Spannungsaufbau ins Komplementäre. Es mutet erst ein wenig naiv-betulich an, und dann "der Hammer"!

"so grausig" ist vielleicht etwas zu wertend, vorurteilend. "so leicht" paßt um so besser.

Ein starkes Stück!

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
liebe Vera-Lena, lieber Hansz, lieber Zirkon

ich danke euch sehr, daß ihr euch so intensiv mit meinem kleinen, zugegebenermaßen hinterhältigen, sonett beschäftigt hat. das ehrt euch - und adelt damit auch ein bißchen das werk selbst.

die verführung ist allgegenwärtig - heute mehr denn je. es wird dabei gelogen, daß sich die balken biegen. es wird beleidigt, bedroht, es wird mit der angst ein böses geschäft betrieben.
man muß nicht alles mit dem platten wort an die kirchentür nageln - man kann auch bilder sprechen lassen.

lg W.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
man kann auch bilder sprechen lassen.
Wenn dem so ist, Walther, was tut man mit den der Bildgewalt ausgesetzten Zurückgebliebenen? Löschen geht nicht mehr, das Wasser ginge nur ins Gesicht, aber nicht hinein in den Kopf, wo alles so fürchterlich brennt!

Ich habe Schändung im Kopf, nicht Rattenfang! Das finale Terzett ist von ungeheurer Düsternis, Gemeinheit und böser Androhung. Es sieht so angerichtet aus für das Verbrechen, ganz nah an den Kindern, die das Licht heruntergeholt haben, weil oben keines mehr ist. Der Schwarze Mann - ist's Martin selbst?

Ich bleibe im Zwiespalt zurück ...


Dyrk
 

Walther

Mitglied
Hi Dyrk,

danke fürs reinlesen und bedenken.

es ist für die aussage irrelevant, welche der alternativen, die du aufzeigst, gemeint ist. es geht um die verführung und das wiegen in sicherheit als solches.

Halle hat wieder den vorhang beiseite gerissen. die verführung findet ihre täter. und die täter ihre opfer.

lg W.
 

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