Hermaphrodite oder die Angst vor den Os Teil 2:

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Hera Klit

Mitglied
Das Sistergirl

„Es liegt eine Kunst darin, sich so zu geben, dass der Mann glaubt, er siege, während er in Wahrheit erobert wird.“ – [Honoré de Balzac]



Als Andrea sich im Bett herumdreht, um den sie bedrängenden Stiefvater in Augenschein zu nehmen, schaut sie direkt auf das aufgepflanzte Bajonett des ruhelosen, ruchlosen Jägers.

Wird er jemals von ihr ablassen? Sie muss der Aufwallung ihrer Gefühle Herr werden, die sie in die Falle gehen lassen wollen. Sie darf der Mutter, die nichtsahnend einen Stock tiefer ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit als Verlegerin nachgeht, nicht in den Rücken fallen. Natürlich ist Andrea verführbar, besonders, wenn ein gestandener, erfahrener Mann wie ihr Stiefvater Terenz der Anwärter ist. Wie könnte man ihr das verdenken? Kein Mensch aus Fleisch und Blut kann sich hier zum Ankläger aufspielen, der nicht selbst so eine Situation durchlebt hat.

Wie leicht ist es, die moralische Keule zu schwingen, wenn keine Gefahr droht, aber hier steht ein Mann vor ihr, der ihr nicht nur als Mann besonders gut gefällt, nein, sie hat auch Informationen über seine Qualitäten als Liebhaber, die die Mutter einmal in einer Art Sektlaune hat verlauten lassen. Das sollten Mütter niemals tun. Töchter, auch Transtöchter, fühlen sich dann herausgefordert, die Erfahrungen der Mutter überprüfend nachzuvollziehen.

Andrea schaut nicht in die Augen des Anwärters, die vielleicht eine gewisse Heimtücke verraten könnten, sie schaut auf die feuchte Spitze des Bajonettes, die die Bereitschaft und die Leichtigkeit des guten Gelingens signalisiert, und schon möchte sie die Decke anheben, um ihre blanke, wohlgeformte Rückseite zu präsentieren und alles Weitere in die Hände des Kundigen legen, aber, ach. Die Mutter geht ihr nicht aus dem Kopf. Die würde nicht verzeihen können. Und wo sollte sie hin, wenn man sie verstieße, denn die Schuld würde die Mutter einzig bei ihr suchen, denn Männer im Allgemeinen und besonders Terenz kann man nicht verantwortlich machen. Er ist, wie er ist, meint sie sicher. Man hat ihm schon einige Fehltritte verziehen, aber keinen, der so tief ins eigene Fleisch schneiden könnte.

Dies alles mehr fühlend als denkend, wendet sich Andrea, sorgfältig unter der Decke bleibend, um, um keine Blöße zu bieten, und sagt mit einer etwas schwachen Stimme, als fehle es an der letzten Überzeugung:

„Willst du, dass das alles in meinem Roman vorkommt?“

„Was für ein Roman?“, fragt der Verdutzte.

„Den ich momentan schreibe und den Selma bald herausbringen wird.““ entgegnet Andrea.

Selma Hegwein ist die Konkurrentin der Mutter und frühere engste Mitarbeiterin, die natürlich alles daransetzen wird, einen autobiografischen Debütroman der Tochter ihrer früheren besten Freundin und jetzigen, nicht direkt gehassten, aber immerhin oft mit Verachtung, Wut und Ablehnung bedachten Konkurrentin, der erfolgreichen Verlegerin Vera Bachmann, herauszubringen.

Vera zerrisse es schier, wenn so ein Roman das Licht der Welt erblicken sollte und Interna ihres Familienlebens enthüllt würden; so viel ahnt sogar Terenz, dessen Bajonett langsam die Luft ausgeht wie einem kindischen Luftballon, der in einer Überdruckkammer seine Form zu halten versucht, aber kontinuierlich an Volumen verliert.

Andrea beobachtet diesen Machtverlust genau, und mit jedem Zentimeter weniger wird ihre eigene Macht und Handlungsfähigkeit gesteigert. Schon will sie, nackt wie sie ist, aus dem Bett springen und ihren Stiefvater höchstpersönlich aus ihrem Zimmer werfen.

Da klopft es an der Tür und die Stimme der Mutter erklingt: „Dr. Wombat kommt nachher und er will später auch mal nach dir schauen, halte dich bitte bereit.“

Warum die Mutter ausgerechnet jetzt klopft und nicht einfach hereinstürmt, obwohl sie das sonst doch immer zu tun pflegt und dabei ihren treulosen Gatten auf frischer Tat ertappt, bleibt so weit ein Geheimnis. Jedenfalls schlittern alle Beteiligten so an einer Katastrophe vorbei. Vera geht sogleich wieder die Treppe hinunter und kurz darauf schleicht sich der Stiefvater, einsehend, dass das Jagdglück ihm heute nicht hold sein wird, leise hinunter.

Dr. Wombat ist Aborigine und seines Zeichens Arzt, spezialisiert auf Frauenkrankheiten, denen er mit den Mitteln der traditionellen Medizin als spiritueller Heiler – als sogenannter Ngangkari – entgegenzuwirken versucht. Gewöhnlich mit eher bescheidenem Erfolg.

Leider starb seine erste Frau, die er als eine Urlauberin in Australien kennenlernte, schon zwei Jahre nach seiner Ankunft und Heirat in Deutschland an einer mysteriösen Art von hysterischem Wahn. So erzählt man sich jedenfalls in Veras Bekanntenkreis. Trotzdem vertraut ihm Vera blind, und sie empfiehlt ihn, der ihr angeblich so gut tut, allen ihren Freundinnen und Bekannten.

Bekanntermaßen stehen die Ureinwohner Australiens der Transsexualität sehr aufgeschlossen gegenüber, so auch Dr. Wombat, was ihn in den Augen Veras besonders qualifiziert, ihre Transtochter auf ihrem Weg der Transition zu begleiten und zu betreuen.

In der Kultur der Aborigines wird Transsexualität gewöhnlich nicht über westliche medizinische oder psychologische Begriffe definiert, sondern über spirituelle und soziale Rollen.

Ein Girl wie Andrea sieht man dort als ein sogenanntes Sistergirl; das sind Personen, die mit einem männlichen Körper geboren wurden, aber einen weiblichen Geist besitzen und traditionelle Frauenrollen übernehmen. Deswegen möchte Dr. Wombat Andrea auch zu mehr Hausarbeit anhalten, was verständlicherweise bei dieser überhaupt nicht gut ankommt.

Man hat eine Haushälterin und mehrere Putzfrauen, und selbst Andreas Mutter hat ihr Lebtag noch keinen Staublappen in der Hand gehalten; wie soll da Andrea eine Affinität dazu entwickelt haben?

Also, die ganze Sache mit Dr. Wombat ist irgendwie unausgegoren, aber Andrea, die sich nun ein hübsches, offenherziges Kleidchen anzieht und High-Heel-Overkneestiefel dazu, um Dr. Wombat gebührend zu empfangen, der für weibliche Reize keineswegs unempfänglich ist, spielt das Spiel eben mit, um ihre Mutter nicht zu kränken. Ihr Busen, den sie sich vor zwei Jahren hatte machen lassen, drängt sich wohlansehnlich und prall in seiner balkonesk stützenden Hülle. Sicher werden die Augen von Dr. Wombat länger auf ihm ruhen, als es einem Arzt geziemt. Wie lange musste Andrea ihre Mutter beknien, bis diese zu dieser Waffe einer Frau ihre Zustimmung gab und auch die Kosten dafür übernahm? Eine Frau ohne einen hübschen Busen ist ja wie ein Nashorn ohne Horn, hatte Andrea argumentiert, was ja einleuchtend ist.

Leider wurden mit dem Einzug dieses neuen aufreizenden Busens in dieses Haus, auch die Avancen des Stiefvaters immer häufiger.

Aber deswegen kann man sich ja nicht verhüllen. Das ist kein Grund. Männer müssen lernen, zu schauen, zu genießen und dann den Anstand zu wahren. Das ist nicht jedermanns Sache, mancher wird seiner Natur dann eben nicht mehr Herr.

Overkneestiefel sprechen schon eine deutliche Sprache, aber ein Kleid, das so kurz ist, dass es nicht einmal den Slip bei jeder Bewegung verdeckt, ist fast zu viel, möchte man meinen.

Dr. Wombat wird gute Nerven brauchen.

Andrea bringt die künstlichen Wimpern an, die aus ihre schönen Augen Tempel des Lichts machen, in denen sich mancher Blick eines Herrn verfängt und verliert und verstrickt, wie eine unachtsame Fliege in einem klebrigen Spinnennetz.

Ihre schönen Hände zieren squoval geformte, recht lange Nägel, die heute in klassischem Kirschrot erstrahlen und dadurch ihr durchaus nicht geringes Selbstbewusstsein als Frau verraten. Wieso sie als Junge auf die Welt kam, wo doch nahezu alles an ihr, das Seelische, das Geistige und in weiten Teilen schon immer das Körperliche, eindeutig auf eine Frau hinweisen, kann nicht beantwortet werden. Dr. Wambot ist überzeugt, dass hier eine spirituelle Kraft treibend am Wirken war, die nicht geleugnet oder gar bekämpft werden darf.

Einzig Akzeptanz darf ihr entgegengebracht werden. Veras Hoffnung, mithilfe von Dr. Wombat eventuell die Transsexualität von Andrea heilen zu können, hat sich als trügerisch herausgestellt. Dennoch will sie diese, trotz ganz anders lautender Aussagen und Diagnosen von Dr. Wombat, nicht ganz aufgeben. Auch dies, paradox.

Jetzt klopft es an Andreas Tür und nach einer fast gehauchten Aufforderung tritt Dr. Wombat ein. Man spürt sofort, dass der großgewachsene Mann mit dem braunen vom Leben gegerbten Gesicht durch die Erscheinung der ihm entgegen eilenden Andrea sofort in den Bann gezogen wird. Es ist bisher sein Geheimnis, dass er sich sogar ein Sistergirl, als seine nächste Ehefrau vorstellen kann. Vielleicht, so glaubt er, wäre gerade so eine die Richtigste für ihn. Noch ist der Zeitpunkt zu früh, diesen gewagten Gedanken aller Welt kundzutun.

Er ist überzeugt, dass sich zum gegebenen Zeitpunkt weder die Tochter selbst, noch ihre Mutter zu einer Zustimmung würden durchringen können. Dazu braucht es noch weitere vertrauensbildende Maßnahmen, für die Dr. Wombat die nötige Geduld und Einfühlsamkeit durchaus mitbringt.

Er will jetzt noch nicht zu dem letzten Mittel des Arztes greifen, der durch ein Diagnostizieren von mindestens chronischen, wenn nicht sogar unheilbaren Krankheiten den Zutritt zu Frauenseelen bereitwillig zu erhalten sich erhoffen darf. Noch arbeitet er mehr mit den Mitteln des charmanten Arztes, der durch Einflüsterungen und Handauflegen sein Ziel zu erreichen versucht.

Jetzt, da der Blick des, von Andrea offenherzig und freundlich lächend empfangenen Hereinkommenden, auf ihren saftigen, prächtigen Balkon fällt, wodurch es zu ersten Anspannungen in seinem zum Glück in eine recht weite Hose gehüllten Unterleib kommt, möchte er am liebsten eine andere Methode der Aborigines anwenden, die jene anwandten, wenn es darum ging, sich Frauen gefügig zu machen, die daraus bestand, einen Bummerang so geschickt zu werfen, dass er die Angebetete derart hart am Hinterkopf trifft, dass sie auf der Stelle in Ohnmacht sinkt und sich wehrlos darbietet.

Diese Gedanken kann Dr. Wombat zum Glück in seinem Innern unter Verschluss halten und weiter die Rolle des vor Geduld und Gleichmut strotzenden Frauenarztes spielen.

„Aber Dr. Wombat, ich kann ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, sie heute zu sehen.“ flötet nun Andrea dem Naturmediziner entgegen, was diesen zu einem breiten Lächeln verleitet und zu der Aussage:

„Ich hoffe doch, ich muss mich um ihre Gesundheit nicht sorgen? Aber nein, sie strahlen von Kopf bis Fuss, ihre Aura ist die gesündeste, die ich je erblicken durfte. Lassen sie sich umarmen, ich möchte sie fest an mich drücken, um von ihrer Lebenskraft selbst etwas zu profitieren.“

Andrea lässt sich bereitwillig umarmen, denn Dürstenden muss man etwas Wasser reichen, wenn auch nicht zu viel, damit sie sich nicht verschlucken.

Dr. Wombat kann sich kaum entschließen, Andrea wieder loszulassen, tut es aber dann endlich doch, bevor es zu peinlich wird. Am liebsten hätte er sich wie Graf Drakula in ihren süßen Hals verbissen. Aber auch Naturheiler können ihrer eigenen Natur freilich nicht nach Lust und Laune nachgeben. Nicht hier, in diesem fremden Land, in dieser westlichen Zivilisation. Vielleicht sollte er nach Australien zurückkehren und Andrea dann auf einen Besuch einladen? Das wäre eine Möglichkeit. So denkt er noch, während Andrea ihn bittet,
sich neben sie auf die Bettkante zu setzen, weil man dann viel vertrauter miteinander reden kann.


Natürlich stimmt Dr. Wombat zu, obwohl er als Arzt eigentlich angehalten ist, eine gewisse Distanz zu wahren und unter allen Umständen die Betten seiner Patientinnen zu meiden. Aber Andrea ist ja nicht krank und somit eigentlich gar nicht seine Patientin.

Jetzt wendet sich Andrea ihm zu, legt den Kopf leicht schief, um zutraulicher zu wirken und schürzt, bevor sie zu sprechen beginnt, ihre vollen kirchroten Lippen, die womöglich sogar etwas aufgespritzt sind, nicht ohne sie danach mit der vorsichtig herauskommenden Zunge langsam und dramatisch einen Kreis beschreibend, zu benetzen.

Dabei legt sie eine ihrer schöne Hände mit den aufregenden Nägeln, die jeden richtigen Mann mit dem Wunsch beseelen, damit sofort angefasst zu werden, vertrauensvoll auf das rechte Knie des inzwischen ziemlich erhitzen Arztes von Down Under. So hat sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit und dann flüstert sie dem fast schon Hypnotisierten, in sein Ohr, natürlich auch das Rechte:

„Ich mache mir große Sorgen um Mutter.“

Es dauert eine Weile, bis der Verzauberte registriert, dass es um die Mutter gehen soll. Wie unpassend findet er das, wo er doch gerne die Tochter im Zentrum seiner Aufmerksamkeit behalten würde.

„Wieso, was ist denn mit der werten Frau Mutter? fragt er endlich, dem Blick Andreas weiterhin nicht ausweichend.

„Ich glaube, ihre Nerven sind sehr überreizt momentan Das neue Buch überfordert sie. Ich sehe die Notwendigkeit einer Auszeit, einer Kur vielleicht. Am besten in den Schweizer Bergen, dort lebte sie immer auf.“,

erklärt nun Andrea dem fast schon ungläubig Staunenden, ist er sich doch bewusst, dass er der Verlegerin nichts Abwegigeres jetzt raten könnte, als ihre Arbeit liegen zu lassen und sich in den Schweizer Bergen herumzudrücken.

„Was erwarten sie von mir? Das ist doch ganz unmöglich, das würde sie umbringen. Wie oft hat sie mir beteuert, dass dieses neue Buch das Wichtigste und Richtigste ist, was sie jetzt auf die Beine stellen muss. Sie würde mich für verrückt erklären, wenn ich eine Kur jetzt vorschlüge.“,

beteuert Dr. Wombat jetzt sichtlich aufgewühlt, die Tragweite von Andreas Wunsch in aller Gänze erfassend. Nicht nur ideell, auch finanziell dürfte ein Scheitern dieses Buchprojektes verheerende Folgen für Vera und ihren Verlag haben, der schon länger keinen Knüller mehr präsentieren konnte. Das wissen alle, das weiß Dr. Wombat und selbstverständlich müsste das auch Andrea wissen, auch wenn sie vielleicht als Tochter geschont wurde und man ihr nicht alle Probleme im Detail aufgedeckt haben mochte, in denen der Verlag sich derzeit befindet.

„Nein, nein, ihre Mutter würde einer Einweisung in eine Kurklinik im Augenblick keinesfalls zustimmen. „Niemals“, beteuert der von seiner Meinung absolut überzeugte auf Frauenhysteriekrankheiten spezialisierte Facharzt und Naturmediziner kopfschüttelnd.

Jetzt lehnt sich Andrea ganz weit nach vorne und ihr Kussmund kommt Dr. Wombats Mund gefährlich nahe, während ihre Hand auf seinem Oberschenkel Zug um Zug weiter zu seinem Zentrum hinrutscht und dann flüstert sie dem Arzt, der sie eigentlich jetzt einfach nur küssen möchte, fast noch leiser, zu:

„Kann man Verrückte fragen, ob sie verrückt sind?“

Obwohl Dr. Wombat von dieser Aussage der neben ihm auf dem Bett sitzenden Schönen geradezu schockiert ist, lässt er sich bereitwillig, sanft geschoben, zusammen mit ihr nach hinten auf das Bett sinken, und dann empfängt er ihren Kuss, der tief und sinnlich und betörend ist, während ihre Hand sich mit geübten Griffen unten Zugang verschafft.

Dr. Wombat atmet tief ein, mit so einem Erfolg hatte er heute wirklich nicht gerechnet.

Die Karten der Mutter scheinen momentan stetig schlechter zu werden.

Fortsetzung folgt:



Diesen Text als Hörbuch findet man hier: https://youtu.be/MxFm-c4Ulis
 
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