Herr es ist Zeit

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Herr: es ist Zeit.
Die großen Winde gehn
durch leere Länder,
wo keiner mehr die Pfade weiß;
die Himmel, tief und schwer,
regnen verwaist,
und wir, verweint,
die deine Tränen nicht
verstehn.

Du aber öffnest,
was wir nicht mehr sehen –
erhabne Dome, die entstehen
aus deinem Klang, aus deinem Schein.
Durch Regentäler treten die hinein,
die wie ein Neugeborenes,
das durch die Wehen
gehen muss,
alleine
zu dir gehen.

Nur wir, die Übrigen,
wir gehn
an hohen, leeren Mauern hin,
das Antlitz ein verzweifeltes Gebet –
das heimatlos in diesen leeren Ländern bebt,
die Blicke in den Wind gesät
aus Augen, die uns
nicht mehr sehn.

Herr: laß uns klein sein,
laß uns reifen
im Dunkeln dieser Abendzeit;
laß unsre müden Hände greifen
nicht nach Gestalt — nach Helligkeit.
Und wenn wir einmal heimwärts gehn,
wo keine Stimme mehr uns nennt,
so sei du, was uns bleibt zu sehn:
das Licht, das keinen Abend kennt.

Text Dve
Musik ki

Herr es ist Zeit
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Dionysos,
diese Anspielung auf Rilke sagt alles, was ich seit Tagen allen mitteilen möchte, die sich vor dem Ende fürchten. Die Geburt ist der Eintritt aus dem Licht ins Leben und der Ausgang führt ins Licht zurück. Das habe ich jetzt sehr vereinfacht ausgedrückt, aber es ist meine Gewissheit.
Dein Gedicht hat noch mehr Ebenen und Aspekte. Man kann es immer wieder lesen und etwas entdecken.
Anders
 



 
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