Herr Pilz

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JulYana

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Herr Pilz
Es war recht windig heute und der leuchtend rote Hut von Herrn Pilz schwankte leicht hin und her. Herr Pilz gab sich große Mühe, nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen, doch gerade wurde er wieder ein Stückchen nach vorne gedrückt und stöhnte dann vor Entsetzen auf: er spürte, wie ihm einer seiner Punkte vom Hut glitt und wegrutschte.
"Aua!" schrie ein kleiner Pilz empört. Der Punkt hatte ihn beim Herunterfallen gestreift. "Bestimmt bekomme ich jetzt einen blauen Fleck!" jammerte er und schaute leicht ärgerlich zu Herrn Pilz. Der aber sah so verzweifelt aus, daß der kleine Pilz sofort Mitleid bekam. "Mein Punkt! Einer von meinen Punkten ist heruntergefallen!" rief Herr Pilz, als ob der Kleine das nicht wüßte. "Bitte...! Kannst du ihn mir zurück geben?" Nein, der Kleine konnte das nicht.
"Aber ich brauchte doch meinen schönen weißen Punkt! Wie sehe ich bloß ohne ihn aus! Was soll ich nur machen...?" Die anderen Pilze, die in der Nähe standen und die Situation mitbekommen hatten, wußten das auch nicht. Ratlos schüttelten sie den Kopf. Sie schüttelten ganz vorsichtig, damit ihnen nicht auch so ein Malheur geschieht.
Herr Pilz wurde immer aufgeregter: "Mein Punkt kann doch nicht dort liegen bleiben!" "Nein", dachte sich auch Herr Amsel, der auf einem Baum saß und zusah, "es sieht recht unordentlich aus, wenn dort etwas rumliegt." Dafür ist die Ordnungspolizei zuständig, wußte der Vogel und beschloß, dorthin zu fliegen, um Meldung zu machen. "Aha", stellte Herr Oberodnungspolizist Ameise fest, nachdem er sich alles angehört hatte. "Das ist doch nicht sooo schrecklich". Er deutete auf seine Mitarbeiter: "Paulchen! Fredy! Ihr beide marschiert los und transportiert den Punkt dann erstmal hierher!" Paulchen und Fredy marschierten los.
Herr Pilz stand inzwischen völlig starr und hilflos rum und versuchte nachzudenken. So bemerkte er die Ameisen erst, als er Fredys feines Stimmchen hörte: "Wenn wir beide gemeinsam den Punkt wegtragen, treten wir uns auf die Füße. Trag du ihn allein, ich passe auf!" "Nein!!!" schrie Herr Pilz. Vor lauter Schreck über den unerwarteten Schrei ließ Paulchen den Punkt fallen. Der Punkt zerbrach in zwei Teile und Herr Pilz brach in Tränen aus.
"Vielleicht kann man ihn zusammennähen?" überlegte Fredy, der sich ein bißchen schuldig fühlte. Hoffnungsvoll erkundigte sich Herr Pilz: "Kannst du nähen?" Nein. Das konnte Fredy nicht. Er konnte sich erinnern, daß man dafür eine Nadel und einen Faden benötigt. Einen Faden! Ihm kam sogleich eine neue Idee. "Ich weiß, ich weiß! Frau Spinne hat Fäden! Sicherlich kann sie auch nähen! Ich frage sie sofort!" Fredy eilte los.
"Nein, nähen kann auch ich nicht" gab Frau Spinne zu, als Herr Pilz sie neugierig anstarrte. "Aber ich könnte die beiden Hälften miteinander verspinnen." Herr Pilz stellte sich vor, daß sein schöner weißer Punkt danach wie ein kleiner verwebter Teppich aussehen würde und lehnte dankend ab. "Vielleicht, liebe Frau Spinne, können Sie aber einen Faden um eine Hälfte schlingen und diese damit zurück auf meinen Hut ziehen? Und die zweite Hälfte auch..?" setzte er mutig hinterher. Efrig boten Fredy und Paulchen ihre Hilfe an.
Gesagt, getan, Frau Spinne verknotete einen ihrer Fäden um das Stückchen Punkt und kletterte auf den Hut von Herrn Pilz, wo die zwei Ameisen schon ungeduldig warteten. Herr Pilz kicherte. "Ich dachte, dies sei eine ernste Sache!" wunderte sich Herr Amsel, der wieder gespannt zusah. "Was gibt es dabei zu kichern?" "Es kitzelt!" prustete Herr Pilz heraus, "die vielen Füßchen auf meinem Hut kitzeln mich!" Aber er riß sich nun zusammen, als er das Gestöhne und Geächze der ziehenden Helfer vernahm. "Wie gut, daß er in zwei Teile zerbrach. Sonst wäre er zum Hochziehen viel zu schwer gewesen", verriet Fredy.
"Und wenn nun ein Windstoß kommt?" 'Was will der kleine Pilz denn nun?' wunderte sich Herr Pilz, der gerade merkte, wie die erste Hälfte vom Punkt über seine Hutkrampe gezogen wurde. "Es klappt!" freute er sich und "was meintest du?" fragte er den Kleinen. Aber sogleich fiel es ihm selber siedendheiß ein. Zwar würde sein schöner weißer Punkt gleich wieder auf seinem Platz liegen..., aber wie lange? "Er muß angeklebt werden!"
Paulchen wußte, was klebt. Aber er dachte auch sofort an die schlimme Erfahrung, die er gemacht hatte, als er einmal ein Stückchen Harz transportieren wollte. Harz klebt wirklich und Paulchen saß tagelang in der Badewanne, bis sich auch die letzten klebrigen Reste von seinen Händchen gelöst hatten. Nein, soetwas würde er nie wieder anfassen und so sagte Paulchen lieber nichts. Außerdem fühlte er sich sehr müde und wollte endlich nach Hause gehen. 'Ich werde einen Becher Milch mit Honig trinken, ich werde genüßlich den restlichen klebrigen Honig vom Löffel lutschen, das beruhigt und dann kann ich auch gut schlafen', nahm er sich vor, er sah es schon in seinen Gedanken.... "Honig! Das ist die Lösung! Honig klebt!"
"Juhuuh!" klatschte Fräulein Fliege Beifall. Niemand hatte sie bisher bemerkt, weil sie sich- vorsichtshalber, unter einem Blatt vor Herrn Amsel versteckt hatte. "Ich suche sofort meine Freundin, Elsa Biene, und frage sie, ob sie uns ein Eimerchen voll herbringt!" Vor Aufregung bekam Fräulen Fliege rote Wangen und sauste los, als sie die freudigen Gesichter der anderen sah. "Elsaaaa..!" summte sie, so laut sie konnte. "Hieeeer..." hörte sie ein leisen Sümmseln aus den Tiefen einer gelben Blume. Aber Elsa Biene hatte keine Zeit. Leider! "Ich muß heute noch sieben gelbe Blumen besuchen, bevor sie ihre Kelche schließen. Ich bin wirklich in Eile. Aber selbstverständlich helfe ich dir. Roll ein kleines Blatt auf..." Else deutete auf den Boden, "....ich fülle dir diese Tüte mit Honig.!" Überglücklich hielt Fräulein Fliege die Hülle mit der Klebemasse in ihren Ärmchen, nahm Schwung und flatterte, so schnell es mit der Last eben ging, zu Herrn Pilz zurück.
Herr Pilz atmete vor Erleichterung auf. Dankbar spürte er, wie der Honig auf seinen Hut tropfte und der Punkt nun an seinen rechten Platz geschoben wurde. Herr Pilz richtete sich ganz grade auf und schaute fröhlich in die Runde. 'Jetzt fühle ich mich wieder gut. Ich fühle mich fast wie ein neuer Pilz. Ich sollte nach einer Frau Ausschau halten', überlegte er sich. "Und unser Kind", sagte er und dachte schon weiter in die Zukunft, "wird dir zu Ehren, liebes Fräulein, -Fliege- heißen!"
Alle jubelten. "Ja, schön", fand auch Paulchen. "Und du bist dann Papa 'Fliegenpilz'!"

©JulYana
 

Josef

Mitglied
Ein sprechender Pilz!

Hallo JulYana!
Eine wirklich nette und lustige Geschichte. Es gefällt mir, wenn Tiere und Pflanzen oder auch Dinge in "Kindergeschichten" sprechen können. Dazu ein Pilz, der eine Frau sucht - köstlich.
Viele Grüße
Josef
 

JulYana

Mitglied
Hallo Josef,
schön, daß dir mein 'Herr Pilz' gefallen hat. Ja, vielleicht sollte ich ihn tatsächlich verheiraten und eine Geschichte über das, hoffentlich erscheinende, Pilzkind schreiben.(Ich weiß noch nicht genau, ob es so kleine Klapperstörche gibt!) Wir werden sehen....
Lieben Gruß von JulYana
 

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