Hinter dem Wort

AlbertRum

Mitglied
Ein Augenpaar hinter grauem Pelz blitzte hinter dem Dickicht der Baumgrenze hervor. Dieser Augenblick veränderte mein Leben. Im Grunde verändert jeder Moment jedes Leben, doch meist ist die Veränderung so unscheinbar, dass sie sich in den Strom des Lebens einfügt, ohne das Wasser aufzuschrecken.


In meinem Fall jedoch floss der Weg ab diesem Augenblick entgegen dem vorgezeichneten Abgrund. Ich war bis zu jenem Zeitpunkt ein Hirte gewesen. Meine Herde stets vollzählig. Nie hatte ich eines meiner mir Anvertrauten verloren. Immer satt, nie durstig, so lebten wir von einer Weide zur nächsten.


Und jetzt sollte die Herde ihr erstes Mitglied verlieren. Mich, der sich entschied, ohne nachzudenken dem Blick des Wolfes zu folgen.


Ich rannte einfach drauflos. Ja, einfach sind die Dinge, die sich richtig anfühlen. Der Wind um mich. Der Boden unter mir. Und dann der Wald.


Ich war allein.


Den Wolf, natürlich seinerseits davongestoben, hatte ich nicht angetroffen.


Als ich begriff, dass der Augenblick verflogen war, schaltete sich mein Kopf wieder ein, und all die Konzepte, jahrelang konstruiert, stürzten auf mich nieder und brachten mich dazu, erneut loszulaufen. Aber dieses Mal trieb mich nicht Lust, sondern pure Panik.


Ich rannte ruhelos. Wenn ich stürzte, krabbelte ich hastig weiter, bis mir ein Ast oder Stein, den meine blinde Hand fand, zufällig aufhalf. Brombeeren und andere Übel säumten meinen Weg, doch ich lief, getrieben durch mich selbst, einfach weiter.


Zeitlos strandete ich schließlich hart. Es war ein Ast in Kopfhöhe, der meinem Wahn schlussendlich ein Ende bereitete.


Was ich wahrnahm, waren Schmerzen. Doch der Schmerz fühlte sich warm an, viel wärmer als die Gedanken, die mich zuvor gefangen nehmen wollten. Ich war frei. Frei von meiner Verantwortung, frei von jedem Überfluss im Denken. Da war nichts mehr. Wahrhaftig nichts.


Ich öffnete meine Augen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich jedoch nicht, dass das, was mich von dem allumfassenden Licht trennte, Augenlider hieß. Geschweige denn wusste ich, was überhaupt Augen waren.


Licht ist so viel schöner, wenn man dafür keinen Namen hat.


Instinktiv richtete ich mich langsam auf und ließ das Licht zwischen meinen Fingern und den Blättern der Bäume tanzen. Ich folgte den Strahlen, die immer neue Wege durch den vom Wind bewegten Wald zu meinen Füßen fanden.


Als Zeitloser wanderte ich durch den wundervollen Raum, bis ich zu einem Teich kam. Ich lief natürlich in ihn hinein, denn das Licht spielte anders an diesem Ort.


Der Teich lehrte mich deutlich, was nicht zu mir gehörte. Wieder auf festem Untergrund entledigte ich mich meiner zerfetzten, schweren Kleidung und des Verschluckten. Als alles wieder aus mir entwichen war, merkte ich, dass da noch mehr in mir ist. Und dieses war nicht störend. Ganz im Gegenteil, es fühlte sich dort richtig an.


Hinein und heraus.


Ja, ich konnte es mit dem Licht draußen verbinden und wieder in mich zurückholen. Es fühlte sich wunderbar an, mit dem Außenlicht auf diese Weise verbunden zu sein.


Doch je mehr ich diese neue Fähigkeit praktizierte, umso mehr wurde es unangenehm an der Stelle, wo ich anfing und das äußere Licht endete. So sehnte ich mich nach dem, was zuvor so achtlos ausgehustet worden war.


Den Rest des Lichtes verbrachte ich mit Atmen und Trinken. Irgendwann überkam mich ein Gefühl der Schwere, und ich folgte diesem, ließ mich nieder, bis das Unten letztlich mit mir verbunden war.


Das Gefühl der Schwere jedoch verschwand nicht, so wie der Durst, den ich zuvor mit dem Teich stillen konnte, und so musste ich noch tiefer versinken.


Warm umsponnen von Licht, und wo Schatten sein sollte, war nur ich – ein Wesen aus festerem Licht.


Es war kein Schmerz mehr da, bis ich schließlich wieder erwachte.


Das Licht hatte sich verändert. Nun war es dichter, und auch der Teich hatte sich gewandelt. Dieser löste sich teilweise auf und spielte das gleiche Spiel mit dem Licht, wie ich zuvor gespielt hatte. Nur viel langsamer.


Den aufgelösten Teich zu fangen gelang mir nicht. Er verschwand, wenn ich ihm näher kommen wollte. Wie das Licht, welches mich an diesen Ort brachte.


Schönheit sucht Verbindung, will aber nie gefunden werden.


Da ereilte mich ein Gedanke, mit dem ich nichts anfangen konnte. Er kam zusammenhangslos in meinen Kopf, und doch, oder gerade deswegen, schien er mir so besonders.


„Schafe kann ich nicht besitzen, ich kann ihnen nur den Weg weisen.“


Was waren Schafe?


Und wie ich so mit der Frage gemeinsam atmete, wurde das Licht immer weniger. Furcht überkam mich, bald nicht mehr genug in mich aufnehmen zu können, wenn es noch dunkler werden würde.


Doch diese Furcht wurde von Folgendem überblendet:


Ein Wesen schob sich in meinen Augenblick. Es war das erste Mal, dass eines wie ich, das sich frei durch den Raum bewegen konnte, mir begegnete.


Mehr verbunden mit dem Boden schien es und kleiner als ich, jedoch auch gespannter, als würde es in sich pulsieren.


Es war unbeschreiblich schön.


Während ich dem Reh dabei zusah, wie es einen Wildrosenstrauch seiner Blütenblätter beraubte, vernahm ich in mir ein ansteigendes Pochen. Dieses wurde immer drängender, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und aus meiner ruhenden Haltung entfliehen musste, um auf das Wesen, welches mir so glich, zuzustürmen.


Dieses schreckte auf und verschwand mit wenigen wohlplatzierten Sprüngen aus meiner Wahrnehmung.


Ich war wieder allein, doch hatte ich ein Geschenk zurückbehalten.


Das Bewusstsein darüber, dass ich ein Herz hatte, welches sich nach Verbindung sehnte.


Wie das Reh, so versuchte auch ich mich an den restlichen Blütenblättern. Sie waren viel fester als der Teich und erzeugten in meinem Kopf ein Gefühl des Schwebens.


Aus diesem wurde ich jedoch prompt herausgerissen, weil meine Finger sich um den dornenbesetzten Teil der Köstlichkeit schließen wollten.


Roter Teich floss aus mir heraus, und ich nutzte diesen fasziniert, um mich zu schmücken, so wie es die Rose bei sich getan hatte.


Ich betrachtete mein Kunstwerk schließlich und kam zu dem Gedanken:


Ich bin Schmerz, Teich, Reh und Rose, Licht und Herz.


Und je mehr ich wahrnehme, umso mehr werde ich.


Ich bin Gedanke. Ich bin Gedanken, die ich nicht verstehe. Ich bin so viel mehr als ich es jetzt bin.


Doch war ich davor schon alles.


Ich war Herz, bevor ich es erkannte.


Ich brauche nichts, um zu wachsen. Ich bin schon alles, was ich werde.


Benommen von dieser Erkenntnis taumelte ich durch die nun schon hereingesunkene Nacht. Das Licht war verflogen, aber der Atem blieb bei mir.


Ich dachte, es sei das Licht, welches ich atmete. Offensichtlich hatte ich mich getäuscht.


Wenn dieses nicht wahr ist, wie kann überhaupt etwas mit Gewissheit feststehen?


Ich bewege mich, also bewegt sich alles.


Nichts ist. Alles muss immer neu in Verbindung gesetzt werden.


Tage und Nächte wurden durchlebt. Vieles mehr durfte ich von Neuem lernen oder gar gänzlich neu erfahren.


Doch letztlich war alles eins.


Ich nahm vom Teich. Ich gab ihn zurück.


Ich nahm von der Rose. Und ich gab ihr zurück.


Dabei nutzte ich teilweise Wörter im Denken. Sie waren neu entstanden oder kamen von irgendwo auf mich zu, wie das Wort Schaf.


Mit Letzteren konnte ich jedoch noch weniger anfangen, da sie keinen Halt in mir fanden. Es waren nur Laute aneinandergereiht, tote Gerippe, zu nichts zu gebrauchen.


Reh, Rose, Licht, Teich und Schmerz waren Worte, die aus mir selbst entstanden waren. Anker in einem instinkthaften, intuitiven Gedankensturm, der Worte als Ballast abgeworfen hatte, um leichter in sich selbst zu navigieren.


Mein Körper wurde immer weniger, da Rosenblüten nur begrenzt im Wald vorhanden waren, und so suchte ich nach ihnen auch an ferneren Orten.


Der Raum um mich veränderte sich mannigfaltig. Nichts glich dem Vorigen.


Auch ich veränderte mich mit ihm.


Meine Anker begegneten mir in unzähligen Facetten.


Es gab Rehe in allen Größen und Formen. Einige nutzten den Raum so wie ich, andere durchquerten das Licht allumschlungen.


Schmerz gab es ebenfalls in vielen Gestalten, in mir und um mich.


Alles war immer anders, aber dennoch vertraut.


Es fand Anklang in mir, bis zu jenem Augenblick, als ich etwas gänzlich Neues sah.


Beim Erblicken kam mir direkt einer jener Gedankenblitze von totem Gerippe.


Umspannwerk.


Ich erwachte, aber kein Licht konnte mich finden.


Nur Laute, aneinandergereiht, die keinen Sinn für mich ergaben:


„Sieht übel aus.“


„Katastrophale Verfassung.“


„Mir ist noch niemand untergekommen, der so etwas überleben konnte. Es gleicht einem Wunder.“


„Noch ist hier niemand gerettet. Mag sein, unser Wunder schläft von nun an ewig und erwacht nie mehr.“


„Da fragt man sich, was mehr Kosten verursacht: die Stromversorgung der lebenserhaltenden Maßnahmen oder die Wiederinstandsetzung des Umspannwerks.“


„Das darf gerne die Versicherung ausrechnen, wenn unser Junkie hier überhaupt so etwas hat.“


„Am Ende zahlen wir alle sowieso drauf für solche Versager. Wenn die sich schon umbringen wollen, weil ihr Leben der letzte Rotz ist, dann bitte fernab, wo kein normaler Bürger davon belästigt wird.“


„Ekelhaft.“


Dann kehrte wieder Ruhe ein.


Nichts musste getan werden. Alles wurde gemacht.


Zeitweise gab es ähnliche Lautfolgen, aber alles, wie auch das erzählte Gerippe, war nicht von Bedeutung.


Dennoch brannten sich die Laute in mein Bewusstsein ein, wie die der Schafe.


Der Schmerz wurde mit jedem Lichtwechsel weniger. Nur die Schläuche, welche mit meinem Innern verbunden waren, störten mit jedem Morgen mehr, und somit entschloss ich mich, mir selbst den Weg zu weisen und aus der Versunkenheit aufzutauchen.


Es war kein Licht anwesend, als ich mich der Dinge entledigte, die nicht zu mir gehörten.


Ich verließ den Raum, doch dieser steckte in einem weiteren und der wiederum in einem neuen, bis ich schließlich in denselben Raum kam, wo auch Teich und Rose verortet waren.


Diese konnte ich zwar nicht wahrnehmen, dennoch fühlte ich das dunkle Licht auf meiner Haut, welches dasselbe wie im Wald war, von unzähligen Punkten ausgesandt.


An diesem Ort war es jedoch deutlich schwerer zu erkennen, da ein anderes Licht, so wie im Raum mit den Schläuchen und den vielen Lauten, von überall auf mich einstürzte.


Dieses Licht raubte den Glanz der Punkte am Oben.


Ich irrte durch die helle Nacht, und Rehe starrten mich verschreckt von allen Seiten an.


Da löste sich ein Reh aus den Massen und blieb vor mir stehen.


Es war anders als die anderen. Vielleicht, weil es keine Gerippe um sich warf. Jedenfalls blickte es mir direkt ins Herz.


Es legte mir seine lederne Haut, welche geschmückt mit glitzernden Dornen war, über, und ich ließ es geschehen.


Dies war ein Geschenk, wie es die Rose dem Reh machte.


Wir berührten uns, und das Reh führte mich an einen Ort ohne Gerippe und voll von gepunktetem Licht.


Es war ein Ort aus Räumen bestehend, die jedoch alle mit dem großen Raum verbunden waren.


Denn die Trennungen der Räume waren auf dem Weg nach unten, um sich auszuruhen und in einen tiefen Schlummer zu verfallen.


Die, die noch standhielten, waren geschmückt mit gefangenem Licht.


Das Reh, welches mir seine zweite Haut schenkte, gab mir Verbundenheit durch das gemeinsame Sein und eine Rosenblüte, in Teich verwandelt, mit einem Dorn in meinen Leib injiziert.


Die Gerippe verschwanden gänzlich.


Licht in Licht.


Worte weit mehr als Oberfläche.


Wir sind alle gewachsen ab dem Moment der Geburt. Haben uns entfernt von ihm.


Räume haben wir durchschritten auf der Suche nach dem Anfang, den es nie zu erreichen gilt.


Ich bin angekommen.


Den es nie zu erreichen gilt.


Licht kam und ging.


Rehe kamen und gingen.


Manche hatten zu viel Teich in sich, manche zu viel Schmerz, die meisten von beidem zu viel.


Es gab jedoch auch Wesen, welche noch nicht voll waren.


Sie nutzten den Ort der fallenden Trennungen, um zu erleben, was möglich war. Um sich anzureichern mit Herz.


Sie kletterten, sprangen und lachten.


Von ihnen lernte ich Wörter, die gefüllt waren mit Sinn.


Doch das Sinnvollste, welches ich von ihnen lernen durfte, war das Lachen.


Denn wer lachen konnte, brauchte keine Wörter.


Rosenblüten, wie ich sie kannte, gab es an diesem Ort nicht.


Jene, die es gab, vermochten mich zwar an Orte der Geborgenheit zu führen, doch letztlich wachte ich durch diese nur noch suchender auf.


Und so musste ich die Trümmerhaufen immer öfter verlassen, um nach Nahrung zu suchen.


Die Wesen, welche mir das Lachen lehrten, zeigten mir, wo ich diese finden konnte.


Mcdonalds-Tabletrückgabestation war schließlich mein bevorzugter Ort der Befriedigung meiner Suche.


Durch die nun zur Gewohnheit gewordene Sättigung kam in mir ein neues Wort auf.


Eines, welches nicht schloss, sondern öffnete.


Eines, welches weiter wollte.


Weiter als das Wesentliche.


Es war das Wort:


Warum.


Durch dieses gelang es mir, neue eigene Worte zu finden.


Manche fühlten sich vertraut an wie der Geschmack des Teichs.


Es gab aber auch jene, die kaum zu erfassen waren.


Diese waren mir lieber.


Durch sie blickte ich auf eine Welt, die hinter der Oberfläche lag.


Wie der Blick in meinen Teich, in dem das Licht bricht.


Ein Spiegel, in dem ich fast ertrunken wäre.


Ich verweilte immer öfter im Treiben der Rehe.


Um sie zu beobachten.


Um zu werden wie sie.


Ich wollte mich verbinden, um mehr zu sein als ich.


Ich setzte mich jeden Morgen zur selben Zeit an denselben Ort.


Denn ich bemerkte, dass die anderen auch immer das Gleiche Tag für Tag taten.


Es war ein belebter Platz, an dessen einer Trennung eine große kletternde Rose wuchs.


Sie suchte das Licht in all den Schatten der abgetrennten Räume, zu denen nur wenige Zugang hatten.

„Was machst du hier?“, sprach ein Reh.


Ein anderes, während anderen Lichtes, wollte wissen:


„Wie heißt du?“


Alles suchende Worte, deren Ziel ich nicht in mir finden konnte.


Es gab jedoch auch welche, die setzten sich zu mir unter den Rosenstrauch und erzählten mir von ihrem Weg und von möglichen Wegen, die noch nicht gewesen sind.


Wieder andere setzten sich nicht zu mir.


Diese Gruppe von Gesprächspartnern erzählte nie von ihrem Weg. Sie sprachen stets von dem der anderen, hielten kurz inne und, als sie merkten, dass ich sie nicht verstehen konnte, zogen sie weiter und suchten jene, über die sie mit mir sprechen wollten, um über mich zu reden.


Jene, die sich setzten, konnte ich verstehen.


Die, die vorbeigingen und Anschluss suchten, ohne sich preiszugeben, konnte ich nicht begreifen.


Ich wollte sie jedoch verstehen.


Warum taten sie das?


Viele Augenblicke wurden erlebt, und mit jedem neuen merkte ich ein stärkeres Bedürfnis, den vorigen festzuhalten, aus einer Angst heraus, zu wenig zu werden.


Geschürt von dem Lärm um mich herum.


Ich wollte auch Teil des Lärms sein.


Ich wollte ausbrechen aus einer Stille, die nur aus wenigen Wörtern bestand.


Die neuen Worte veränderten mich.


Ich lernte viele, um den Raum um mich und in mir aufzufüllen, aufzuteilen, in immer kleinere Einheiten.


Ich wollte wachsen.


Wollte mehr erleben, als ich bisher wahrgenommen hatte.


Ja, ich wollte etwas werden.


Denn je mehr ich lernte, umso mehr vergaß ich, was ich war.


Ich war Herz, Licht, Reh, Rose und Schmerz.


Ich war es in dieser reinen Unschuld nie wieder.


Die Menschen um mich herum brachten mich dazu, die Mcdonalds-Tabletrückgabestation als ungenügend anzusehen.


Ich wollte jemand werden, der ein Tablet reinschob, anstelle des Herausnehmens.


Ich versuchte mich also in diese Welt einzuordnen.


Eine Welt, deren Wörter mir so vertraut schienen.


Durch Beobachtung erkannte ich, dass diejenigen, die lachten, nie alleine unterwegs waren.


Lachen mochte ich, und so schloss ich mich an, um gemeinsam lachen zu dürfen.


Ich erfuhr Verschiedenstes:


Schmerz.


Angst.


Ausnüchterungszelle.


Belustigung.


Neugierde.


Krankenwagen.


Kieferfraktur.


Einsamkeit.


Um nur ein paar der gewonnenen Erkenntnisse aufzuzählen.


Ich versuchte auch das Reh, bei dem ich schlief, welches mir seine Haut einst schenkte und das mich jeden Abend mit einem Dorn in den Schlaf verführte, zum gemeinsamen Lachen zu bringen.


Doch es war viel zu tief in sich versunken.


Dornen stechen weiter, als ein Teich reichen kann.


Und so kam eines Morgens ein Sonnenstrahl, der mich ein für alle Mal von den fallenden Trennungen wegbegleitete.


Es war heftig.


Ich dachte, ich wäre wieder zurück im Wald bei meinem Teich.


Nein.


In meinem Teich.


Würde in diesem ertrinken.


Nur konnte ich nicht ans rettende Ufer zurück.


Schwierig sind die Dinge, die sich richtig anfühlen.


Ich war wieder allein.


Ohne Reh und Rose.


Auch ging ich nicht mehr zu meinem Platz der Beobachtungen zurück.


Ich hatte dort alles gesehen.


Wusste, wenn ich blieb, würden die Dornen wiederkommen.


Ich musste weiter.


Musste Raum zwischen Vergangenem schaffen.


So lief ich bis ins Dunkel der andauernden Nacht.


Durch sie hindurch und in einen neuen Tag.


Ich bin dem Reh dankbar für den gemeinsamen Weg. Ohne es und seine Medizin hätte ich zu jener Zeit wohl nicht weitergehen können.


Das erste Licht des neuen Tages – oder waren Wochen vergangen, seit ich wieder Raum durchquerte? Jedenfalls das erste Licht, welches ich als das eines wahrhaftig neuen Tages wahrnahm, war wie jenes, welches ich ohne Worthülle einst im Wald erlebte.


Es durchdrang mich.


Machte mich wieder sichtbar.


Ich schrie einen aus meinem tiefsten Innern stammenden Laut in den Nebel, der durchdrungen war von feinstem Licht.


Ich.


Ich bin.


Ich bin ein Mensch.


Ich besitze Worte, die mich verstummen ließen.


Ich hatte Angst zu sprechen, weil ich nichts Falsches sagen wollte.


Ich habe noch nie gesprochen.


Warum?


Und so versuchte ich zu sprechen.


Zu mir selbst.


Zu dem Licht.


Doch es gelang mir nicht.


Ich konnte die Worte, welche ich angehäuft hatte, nicht binden.


Sie waren Gefangene in mir.


Wollten entfleuchen, doch ohne meine Hilfe fanden sie sich nur selbst.


Sie stürzten sich übereinander.


Ich fiel gemeinsam mit ihnen in einen neuen Abgrund.


Oder war es derselbe, aus welchem ich mich gerade erst entzügig herausgewunden hatte?


Der Grund.


Die Tatsache, dass ich den Wald betreten und meine Schafe dem Wolf überlassen hatte.


Meine Schafe.


In diesem tiefen Fall erkannte ich wieder, wer ich war.


Ich bin ein Mensch, der nicht sprechen kann.


Den Abgrund in mir tragend, ging ich weiter, bis ich an eine asphaltierte Straße brandete.


Der Weg führte hier in zwei Richtungen.


Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte.


Es gab kein Zeichen, welches mir den Weg in meine Zukunft wies.


So setzte ich mich, der Schwere folgend, nieder und verweilte.


Autos in allen Farben wirbelten den Straßenstaub mir entgegen.


Ich blieb sitzen.


Die Nacht kam, doch der Straßenrand blieb bei mir.


Ich kann wandeln durch Raum, und letztlich werde ich nichts Neues entdecken da draußen. Ob rechts oder links, mein Weg führte mich bisher immer zu mir.


So schloss ich die Augen und ließ geschehen.


Ich werde verfolgt.


Eindeutig.


Da ist etwas, das nicht ablassen will.


Ein Wolfsauge starrt mich an.


Angst.


Ich renne los.


Nach rechts oder links vielleicht.


Egal.


Weg.


Ich muss weg.


Doch nichts hilft.


Ich will fliegen, aber der Wind steht ungünstig, und so kämpfe ich um einen Hauch des rettenden Odems, der mich forttragen soll.


Da plötzlich taucht ein Mann aus den Tiefen auf.


Ein Kahlgeschorener mit Wolfsauge.


Er grinst mich an.


Ich spüre es.


Ja, ich weiß es.


Er will mich.


Es gibt kein Entrinnen.


Doch aufwachen.


Loslassen.


Ich muss loslassen, um zu entkommen.


Ich lasse mich tiefer fallen, um zu entfliehen.


Ich öffne meine Augen, aber da ist keine rettende Straße.


Kein Staub, der zu mir sagt:


Du bist hier sicher.


Wolfsauge und ein Skalpell.


Chirurgisch präzise.


Niemand da, der mich errettet.


Ich bin in mir allein.


Am Ende bin ich gestorben.


Und so wachte ich auf, erhob mich und überquerte geradewegs die Straße.


Ich ließ es geschehen.


Mehr konnte ich vom Leben nicht erwarten.
 



 
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