Hokuspokus

5,00 Stern(e) 1 Stimme

Klaus K.

Mitglied
Mrs. Pembruck öffnete die Tür.

“Sie sind sicher Dr.Morris, nicht wahr? Treten Sie ein, bitte, ich freue mich, dass Sie gekommen sind!”

“Danke, Mrs. Pembruck!”

George Morris stieg die wenigen Stufen zur Eingangstür hinauf und reichte ihr die Hand.

“Guten Tag - es freut mich, Sie kennen zu lernen.”

Er griff in seine Jackettasche und reichte ihr eine Visitenkarte mit dem Aufdruck:

“Dr.George Morris, Parapsychologe”.

“Kommen Sie bitte…”, sagte sie und warf einen kurzen Blick auf die Karte, “meine Freundin Lilian - ich meine Mrs. Redding -, Sie kennen sie ja, hat mir viel von Ihnen erzählt. Gehen wir ins Wohnzimmer….”

“Gern, Mrs. Pembruck!” Er folgte ihr in einen behaglichen großen Raum mit Kamin.

“Wollen Sie nicht ablegen? Ach so, Sie haben ja gar keinen Mantel - bitte nehmen Sie Platz!”

“Ich habe den Mantel draußen im Wagen gelassen.”

Den Wagen hatte er in einer Seitenstraße geparkt, denn damit konnte er nicht unbedingt Eindruck machen. Aber das würde sich bald ändern. Die Sache mit der Visitenkarte hatte auf jeden Fall geklappt. Kaum zu glauben, was so ein lächerlicher Titel alles ausmachte….

Er knöpfte sein schwarzes Jackett auf und setzte sich in einen bequemen Plüschsessel. Den Anzug trug er fast immer - ein schwarzer Anzug mit einer schreiend gelben Krawatte - sein Markenzeichen. Er stellte seinen Bastkoffer neben den Sessel.

“Sie trinken sicher einen Tee?”

“Gern, vielen Dank,”

“Also, Dr. Morris”, sie goss den Tee ein, “Lilian hat mir viel von Ihnen erzählt. Es ist ja wirklich phantastisch, wie Sie das geschafft haben - und dabei ist Andrew schon seit zwölf Jahren tot…!”

“Sein Körper, Mrs. Pembruck”, warf Dr. Morris ein, “sein Körper. Die Seele lebt, das konnten wir nachweisen.”

“Seien Sie doch nicht so bescheiden, Dr. Morris. “Wir” - Sie konnten es nachweisen. Lilian sagt, Sie sind ein Genie! Sie ist überglücklich, dass Sie den Kontakt mit ihrem Mann herstellen konnten! Wo haben Sie das nur gelernt? Oder haben Sie übernatürliche Fähigkeiten?”

“Meine Studien in Budapest und Wien, bei Professor Wondracek. Ja, manchmal feiert die Wissenschaft auch Erfolge!”

“Professor Wondracek? Wir haben einige Jahre in Wien gelebt, mein Mann war dort Professor für Ethnologie. Wir kannten alle seine Kollegen. Professor Wondracek? Diesen Namen habe ich aber noch nie gehört.”

“Wann waren Sie und ihr Mann denn in Wien?”

“Bis vor fast zwanzig Jahren...warum?”

“Na sehen Sie, er kam erst vor 16 Jahren dorthin! Somit konnten Sie ihn gar nicht kennen gelernt haben!” Gott sei Dank, die Klippe war umschifft.

“Und außerdem ist die Parapsychologie ja auch eine sehr junge Wissenschaft!”

Das saß. Jetzt gab sie Ruhe.

“Natürlich. Noch einen Tee, Dr. Morris?”

Donnerwetter, sie hatte Haare auf den Zähnen. Da musste er vorsichtig sein. War sie misstrauisch? Das würde sich geben, wenn er erst einmal ihren Mann herbeigezaubert hatte.

“Danke.- Aber nun, Mrs. Pembruck, erzählen Sie mir etwas über Ihren lieben Mann?”

“Also, wie schon gesagt, Gerald - mein Mann - war Professor für Ethnologie in London - und Wien.” Sie betonte das letzte Wort stärker. War sie noch immer nicht zufrieden?

“Dann sind wir nach seiner Pensionierung hierhin gezogen, und er hat sich nur noch um sein Hobby gekümmert. Bücher und Blumen, die liebte er über alles. Er begann, Rosen zu züchten, seine Rosen bedeuteten ihm fast noch mehr als seine Bücher. Immer stand ein frischer Strauß in seinem Arbeitszimmer, und dazu alle drei Tage einen frischen Strauß für unser Wohnzimmer, bis er.…”

Jetzt langte es aber. Er wollte ja keinen Blumenladen aufmachen, hatte genug gehört und unterbrach sie jetzt:

“Wirklich ein schönes Hobby, Mrs. Pembruck. Aber ich glaube, das genügt. Sie wissen, ich muss mich als Medium vollständig in Ihren Mann versetzen, muss mich mit seinen Dingen befassen.”

“Und Sie glauben, Sie können Kontakt mit ihm aufnehmen? Wie geht das?”

“Das ist sehr kompliziert. Selbstverständlich kann ich nicht mit ihm persönlich, sondern nur mit seiner - nennen wir es Aura - Kontakt aufnehmen….Sie müssen zudem wissen, dass ich nicht in allen Fällen Erfolg haben kann. Jeder Versuch kostet mich ungeheure Energien, und ich weiß nicht, wie lange ich noch ausreichend Kräfte haben werde…”

“Aber Dr. Morris.. Sie müssen es versuchen, egal, was es kostet! Verzeihung, damit meinte ich natürlich nicht Sie.”

“Nun, ich bin ja gekommen, weil Sie mich angerufen haben. Wir werden es also versuchen, obwohl ich in letzter Zeit etwas überlastet bin. Vortragsreisen, Termine, Sie verstehen schon. Wir werden es also versuchen, aber erst müssen noch einige Vorbereitungen getroffen werden!”

“Welcher Art?”

“Zum Beispiel der Raum. Wir benötigen ein kleines Zimmer ohne schmückendes Beiwerk. Haben Sie so etwas?”

“Das Gästezimmer! Gleich hier unten! Kommen Sie bitte.”

Sie war jetzt ganz Feuer und Flamme. Das Zimmer war ideal und hatte einen Parkettfußboden. Sehr gut. Und ein Tisch mit drei Stühlen stand auch parat.

“Wenn nur Sie und ich anwesend sind, benötigen wir auch nur zwei Stühle. Es geht darum, jegliche Irritationen bei einer möglichen Kontaktaufnahme zu vermeiden, verstehen Sie?”

“Ach ja, das wollte ich Sie noch fragen. Ich…. ich habe da noch ein befreundetes Ehepaar, das vielleicht auch gerne an diesem Experiment teilnehmen würde. Geht das? Oder stört Sie das? Wissen Sie, bei so einer spiritistischen Sitzung…”

Aha, daher wehte der Wind. Jetzt hatte sie Angst. Aber es lief wunderbar, sie hatte genau so reagiert, wie er es erwartet hatte. Noch ein Ehepaar! Das waren dann die nächsten Kunden….

“Spiritistische Sitzungen? Experimente? Mrs. Pembruck, ich muss doch sehr bitten! Wenn Sie meine Arbeit, meine Forschung als Spiritismus bezeichnen…”

“Entschuldigen Sie, es ist mir nur so rausgerutscht.”

“Nun gut…” er lenkte ein “. Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Versuch, Mrs. Pembruck, und Sie können Ihre Freunde mitbringen. Aber bitte nur diese beiden, noch mehr Personen würden mich zu sehr ablenken. Ein Stuhl fehlt dann ja noch, wenn wir zu viert sind!”

“Kein Problem, Dr. Morris. Ach so, Lilian hat mir nichts über Ihr Honorar erzählt…”

“Ich nehme keine Honorare, nur Spenden, die der Forschung zugute kommen. Im Falle des Misserfolgs weniger, aber für eine Sitzung sind einhundert Pfund in der Regel eine untere Grenze.”

“Einhundert Pfund?”

“Sie können es ja mit Ihren Freunden besprechen, wenn Ihnen dieser Betrag zu viel ist. Wenn Sie auf den Versuch verzichten wollen - kein Problem, denn ich sagte ja bereits, dass ich extrem ausgelastet bin.”

“ Nein, aber nein…das geht schon, Dr. Morris! Und wann verabreden wir uns?”

“Morgen Abend würde gerade noch in meinen Terminplan passen - um halb acht?”

“Sehr gerne - ich gebe meinen Freunden entsprechend Bescheid. Ist sonst noch etwas zu beachten?”

“Aber ja - bitte seien Sie alle absolut nüchtern - also keine Nahrungsaufnahme und keine Flüssigkeit ab morgen Mittag - Sie müssen diese Auflage bitte alle befolgen!”

“Selbstverständlich, ich werde es ausrichten, und wir werden uns alle daran halten. Gibt es noch weitere Instruktionen Ihrerseits?”

“Nein, das wäre alles. Liebe Mrs. Pembruck, ich stelle gerade fest, dass es schon sehr spät ist, und ich bin etwas in Eile. Wir sehen uns also morgen Abend!”

“Ja, Dr. Morris, und erst einmal vielen Dank für Ihren Besuch. Warten Sie, ich bringe Sie hinaus. Auf Wiedersehen, und bis morgen Abend!”

Es war eigentlich alles ganz einfach. Wie beim Angeln. Man musste nur den richtigen Köder für den richtigen Fisch auslegen, dann bissen sie auch an. Sein Geschäft entwickelte sich, er fuhr nach Hause.

Pünktlich um halb acht abends war er am nächsten Tag wieder da. Mrs.Pembruck war sichtlich aufgeregt und bat ihn in ihr Wohnzimmer.

“Darf ich bekannt machen? Hier ist er…Dr. Morris!” Und zu ihm gewandt:

“Dr. Morris - meine Freunde, Dr. Bagard und seine Frau!”

Hoppla! Noch ein Doktor! Vorsicht, war das eine Falle?

George Morris begrüßte beide Gäste, der Ehemann sagte aber sofort:

“Guten Abend, Herr Kollege!”

Herr Kollege? Was sollte das?

“Ach, Sie sind auch Psychologe?”

“Nein, Mediziner….ich habe mich aber zeitlebens für diese Seite der Wissenschaft interessiert und brenne darauf, endlich von einem jungen Experten mehr davon zu hören…”

Um Gottes Willen! Das musste sofort aufhören!

“Sehr gerne, Dr. Bagard! Nur haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich mich für den heutigen Versuch disponiert habe, ich habe mich sozusagen als Medium eingestimmt und möchte - nein, ich muss - jetzt auch sofort beginnen. Selbstverständlich bin ich jederzeit danach zu einem vertiefenden Gespräch bereit. Mrs. Pembruck - kann ich das Zimmer schon betreten, ich muss noch einige Vorbereitungen treffen, aber Sie können alle natürlich gerne schon mitkommen.”

Gerade noch abgebogen, mit einer einleuchtenden Begründung.

“Ja, Dr. Morris, ich habe alles vorbereitet, vier Stühle, und nüchtern sind wir auch, nicht wahr?”

“Ach ja, Dr. Morris, das interessiert mich besonders - warum müssen wir, die Zeugen Ihres Versuchs, eigentlich nüchtern sein, um teilnehmen zu können?”

Der fing schon wieder an! Jetzt nur keine Schlappe!

“Sie wissen doch - voller Bauch studiert nicht gern! Die medizinische Begründung dafür kennen Sie sicher besser als ich - wenn Sie mir bitte folgen wollen, wir sollten jetzt wirklich beginnen!”

Der Medicus sagte jetzt nichts mehr, und man begab sich in das Gästezimmer. Das Ehepaar und Mrs. Pembruck nahmen Platz, und George Morris stellte seinen mitgebrachten Bastkoffer auf die Kommode. Diesem entnahm er eine langstielige rote Rose, die er auf den Tisch legte - er hatte gestern gut zugehört und bemerkte die erstaunte Reaktion der Gastgeberin. Mit einem alten Armee-Kompass stellte er dann auf dem Tisch die exakte Nord-Süd-Achse fest und richtete die Rose danach aus. Die Blüte zeigte nach Norden und er bat Mrs. Pembruck, mit ihren Stuhl direkt davor Platz zu nehmen. Keiner sagte ein Wort, alle verfolgten gespannt seine Aktivitäten.

Dann kam ein schwarzer Kasten mit einer kleinen grünen Birne und einem Schalter auf den Tisch. Er schaltete das Gerät ein, und das Lämpchen begann regelmäßig grün zu blinken - alle zwei Sekunden einmal.

“Ein wesentliches Forschungsergebnis meiner Arbeit….” erklärte er “dieses vermeintlich simple Gerät dient der multilateralen Konzentration - Ihrer Konzentration.” Alle Anwesenden hüllten sich in ehrfurchtsvolles Schweigen.

Danach kamen vier Kerzen auf den Tisch, in kleinen Messingständern. Kerzen waren immer gut, sie sorgten für den leicht religiösen Touch. Er zündete alle vier mit einem Streichholz an.

“Diese vier Kerzen dienen nicht allein der Beleuchtung. Jede von ihnen repräsentiert eine der in diesem Raum befindlichen Personen und jeder von Ihnen, verehrte Teilnehmer, wird sich gleich auf eine Kerze seiner Wahl konzentrieren müssen. Sie sind außerdem ein Indikator dafür, wenn sich etwas bewegt.”

Dann holte er einen Strick aus seinem Koffer, den er vor sich auf den Tisch legte.

“Nun, alle elementaren Vorbereitungen sind getroffen, der Rest, das Wichtigste, liegt jetzt bei mir. Bitte erwarten Sie keine vorzeitigen Erklärungen, sondern richten Sie sich ausschließlich nach meinen Anweisungen. Ich werde gleich noch ein Metronom auf den Tisch stellen, eingestellt auf einen Takt pro Sekunde. Dann wird das Deckenlicht ausgeschaltet, wir haben nur noch die Beleuchtung durch die Kerzen. Während der ersten drei Minuten - also einhundertachtzig Takte - werden Sie auf Ihren Stühlen sitzen bleiben und nur den Zeigefinger Ihrer linken Hand auf die Tischplatte legen. Bitte konzentrieren Sie sich dabei nur auf Ihre Kerze. Nach diesen einhundertachtzig Takten konzentrieren Sie sich auf mich, sechzig Sekunden lang, nur auf mich und stehen dabei bitte auf. Und während dieser sechzig Sekunden werde ich versuchen, mit Professor Pembruck Kontakt aufzunehmen. Dafür werde ich ihn laut rufen. Bitte bedenken Sie, ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt bereits in Trance, und was auch immer geschieht, bitte bewahren Sie absolute Ruhe! Ruhe! Sollte ich Kontakt zur Aura des Gerufenen bekommen, so kann dieser natürlich nicht mit seiner menschlichen Stimme antworten, das werden Sie verstehen. Entweder gehen eine oder mehrere Kerzen von selbst aus, oder die grüne Lampe hört plötzlich auf zu blinken, die Rose auf dem Tisch verändert ihre Lage, oder der Tisch bewegt sich. Sobald Kontakt hergestellt ist - und das werden wir alle ja merken - stelle ich dann ganz einfache Fragen. Im Fall der Bejahung werden wir erneut eines der erwähnten Zeichen erleben, bei einer Verneinung geschieht nichts. So die bisherigen Erfahrungen aus der Forschung, aber man weiß ja nie… Übrigens kann ich in der Regel auch nur maximal vier Fragen formulieren, dann ist der Energie-Transfer meistens beendet. Aber das genügt ja auch.

Entscheidend ist, dass wir überhaupt Erfolg haben. So, und ich werde während der ganzen Zeit über hier in einem gewissen Abstand vom Tisch stehen, meinen Stuhl benötige ich also nicht mehr. Ich werde meine Arme nach vorne ausstrecken und meine Finger spreizen. Bitte beobachten Sie mich dann nach einem möglichen Kontakt ganz genau. Sie werden dann auch sofort bemerken, wenn ich aus der Trance erwache, der Versuch ist dann beendet.

Ich hoffe, Sie haben alles aufnehmen können, und dass ich mich präzise ausgedrückt habe.

Jetzt möchte ich Sie, Dr. Bagard, bitten, meine Beine an den Füssen mit diesem Seil fest zusammen zu binden - ich muss mich, wie die Erfahrung gezeigt hat, sicherheitshalber während des Versuchs fixieren, um während meiner medialen Abwesenheit nicht plötzliche Bewegungen ausführen zu können.”

Das war genug. Sie saßen da wie die Ölgötzen, keiner von Ihnen brachte vor Staunen ein Wort heraus.

“Dr, Bagard, bitte…” Er hielt ihm den Strick entgegen. George Morris schob seinen Stuhl zur Seite und stellte sich ein Stück neben den Tisch. Der Arzt kam jetzt und band seine Beine zusammen, dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl. Das erwähnte Metronom wurde auf den Tisch gestellt, aber noch nicht eingeschaltet.

“So, und jetzt bitte die Deckenbeleuchtung ausschalten!”

Einen Moment lang musste sich jeder an die geänderten Lichtverhältnisse gewöhnen, aber die Atmosphäre war jetzt gut. Das beständige grüne Blinken der kleinen Lampe wirkte richtig bizarr in Kombination mit den vier brennenden Kerzen.

Alles war vorbereitet, die Szenerie stimmte bis ins letzte Detail. Los!

“Legen Sie Ihren linken Zeigefinger auf die Tischplatte! Ich werde jetzt das Metronom anstellen. Der Versuch beginnt, bleiben Sie auf jeden Fall ruhig, ich wiederhole: bitte bleiben Sie auf jeden Fall ruhig!“

Er schaltete das Metronom an. Ja, sie zählten die Takte. Jetzt kam sein Auftritt.

Sein magischer Schuh. Eingearbeitet in das rechte Exemplar einer sehr stabilen aber noch eleganten Ausführung mit einer extra dicken Sohle hatte er einen kleinen Schieber aus Kunststoff. Dafür hatte er erst das Oberleder vorne entfernen müssen, dann mit einem scharfen Messer eine saubere Vertiefung von der Spitze beginnend aus der oberen Sohle ausgeschnitten, ungefähr einen Zentimeter tief in das Leder hinein. Dort hatte er dann eine U-förmige Metallschiene fest eingeklebt, Und in diese U-Schiene wurde dann der sauber passende Kunststoffbalken - farblos, versteht sich - eingesetzt. Es war, als ob man einen Rechenschieber in einen Schuh eingebaut hatte, bei dem lediglich die Markierungen fehlten. Aber an kleine Vertiefungen auf der Oberseite des Kunststoffbalkens hatte er gedacht. Und so ließ sich dieser Balken jetzt beliebig durch entsprechende Bewegungen mit seinem großen Zeh vorne aus dem Schuh ausfahren und genauso leicht wieder zurückholen. Er hatte seine Schuhe extra eine Nummer größer gekauft, um genug Spielraum im Innern zu haben. Im eingefahrenen Zustand war der Schieber nicht sichtbar und klemmte auch fest genug in seiner Führungsschiene, so dass er sich nicht selbständig machen konnte. Im ausgefahrenen Zustand ragte er dann über zwanzig Zentimeter aus der Schuhspitze heraus, und man konnte mit einer leichten Drehung des Fußes dann auf herrliche Art und Weise ein Tisch- oder Stuhlbein in Bewegung versetzen, ein einfaches Rucken genügte ja in den meisten Fällen. Und durch geschicktes Operieren mit dem Schieber ließ sich ein Möbelstück dann wahlweise nach links oder rechts bewegen. Eine geniale Idee, die ihm bereits beeindruckende Erfolge beschert hatte. Leider konnte er sich das kleine technische Wunder nicht patentieren lassen, obwohl er jahrelang an der Realisation getüftelt hatte. So, gleich ging es los, er hatte mitgezählt. Seinen Standpunkt hatte er gut gewählt, er stand direkt vor dem vorderen Tischbein, das nur wenige Zentimeter von seiner Schuhspitze entfernt war. Er schob den Schieber vor, Stück für Stück…jetzt hatte er das Tischbein erreicht, jetzt noch ganz leicht nach rechts, ein kleines Stück weiter ausfahren, dann noch ein kleines Stück zurück nach links…gut, der Schieber lag seitlich am Tischbein. Einhundertachtzig, seine Zuschauer standen auf. Bravo, gut aufgepasst. Die Hände von sich gestreckt, die Finger gespreizt, stellte er jetzt die erste Frage. Er schloss dabei die Augen, sie beobachteten ihn genau, das wusste er.

“Professor Pembruck, hören Sie mich?”

Er wartete, das steigerte die Spannung. Ein weiterer Versuch.

“Professor Pembruck - hören Sie mich?”

Noch ein paar Sekunden….jetzt! Ein leichter Ruck mit dem Fuß, der Tisch schrappte ein Stück über das Parkett - geschafft! Schnell den Schieber zurück auf die andere Seite.

Totenstille. Seine Opfer waren wahrscheinlich mit ihren Nerven am Ende.

“Professor Pembruck - ist Ihre Frau hier?”

Diesmal rutschte der Tisch von der anderen Seite zurück. Die Kerzen hatten bedrohlich gewackelt. Mrs. Pembruck holte tief Luft, er konnte es deutlich hören.

“Professor Pembruck - sehen Sie fünf Personen hier?”

Sehr wirkungsvoll. Natürlich meldete er sich jetzt nicht. Das verschaffte Zeit für einen erneuten Seitenwechsel. Er wartete noch ein paar Sekunden bis zur letzten Frage, die immer besonders gut ankam.

“Professor Pembruck - lieben Sie Ihre Frau noch?”

Bevor er den Schieber in Bewegung setzen konnte, ertönte hinter der Tür eine Stimme:

“Was dachten Sie denn? Los, macht das Licht wieder an und schmeißt den Kerl sofort raus - wir haben genug gehört! Die Rose bleibt da!”
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Klaus K.,

es hat Spaß gemacht, diese Geschichte zu lesen! Wenn der Verlauf auch ein bisschen vorhersehbar war, so hast du doch einen Spannungsbogen aufgebaut.

Die vielen Sätze mit wörtlicher Rede sind schwer einzuordnen und man muss höllisch aufpassen, wer spricht. Hier würde ich mehr zusammenfassen und den Sprecher einbauen, so dass größere Abschnitte entstehen, wie du es im späteren Verlauf des Textes gemacht hast.

Ein paar Flüchtigkeitsfehler sind auch noch vorhanden, z.B. hier

“Guten Tag - es freut mich, Sie kennen zu lernen.”

... Sie kennzulernen.

Gruß DS
 
Hallo Klaus K. tolle Geschichte. Ich hab zwar gedacht das der Betrüger entlarvt wird, aber dieses Ende hatte ich nicht erwartet. Fesselnd geschrieben, unerwartetes Ende. Schöne Grüsse, Geschichtenerzähler
 

Klaus K.

Mitglied
@DocSchneider
Dann schauen Sie mal in eine aktuelle Version des Dudens - Stichwort "Infinitivkonstruktionen". Es lohnte sich auch für mich, das mal online " kennen zu lernen",
vor allem, da exakt dieses Beispiel explizit genannt wird. "Kennen zu lernen" ist in genau dieser Schreibweise absolut korrekt. Soviel dazu. -

Ein einfacher Dialog zwischen zwei Personen? Wechselweise Frage und Antwort, man muß" höllisch aufpassen", wer jeweils spricht?
Das hat Sie irritiert? Bei erheblich mehr Personen - die alle durcheinander reden - bin ich ganz bei Ihnen, aber bei nur jeweils zwei?


Also, merci, und mit bestem Gruß, Klaus K.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Klaus K.

Mitglied
@Geschichtenerzähler

Vielen Dank für den Kommentar - diese Geschichte ist schon ein paar Jährchen alt und wurde schon mehrfach "live" von mir in größerer Runde erzählt.
Das kommt bei weitem aber nie so rüber, wie die gedruckte Version. Ich habe dazu auch privat einige sehr "pingelige" Rezensenten, die selber natürlich nichts verfassen, aber eine fundierte Meinung garantieren. Und diese Leute meinten, dass ich "Hokuspokus" einstellen sollte. Es freut mich, wenn es gefallen konnte,
und jetzt nochmals vielen Dank! Klaus K.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
"Kennenzulernen" wird allerdings so von der Dudenredaktion empfohlen, auch wenn die andere Schreibweise möglich ist.

Ja, ich finde es schwierig, diesem Dialog zu folgen, außerdem irritieren die vielen einzelnen Sätze.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich würde einen Fließtext aus den Dialogen machen, das meinte ich.

Jetzt ist aber von meiner Seite aus alles gesagt.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Klaus K.
Eine lustige Geschichte...:) Mit dem Ende hatte ich nicht gerechnet. Ich könnte mir die Story ein wenig abgekürzt vorstellen, ohne all diese vielen Details. Ist aber nur meine persönliche Vorstellung.
Gruß, Ji
 

Oben Unten