Vasco
Mitglied
Honold setzte gemächlich einen Fuß vor den anderen. Schneller ging es nicht. Er musste eine dieser langen Steintreppen, welche in dieser Gegend Staffeln genannt werden, erklimmen. Die abfallenden Hänge entlang des Flussufers und die geschwungenen Hügel, auf denen vor Jahrhunderten die zur Stadt gewachsene Siedlung begründet wurde, machten wohl lange Treppen erforderlich. Die Menschen hier sind die Anstiege gewohnt, dachte Honold. Aber für ihn waren sie eine herausfordernde neue Erfahrung.
Als er nach unzähligen Stufen endlich eine Plattform erreicht hatte, hielt er an. Langsam drehte er sich um und sah in das Flusstal hinab, das noch den Nebel atmete, den er unter sich gelassen hatte. Eine Glockenuhr schlug viermal. Seine Hand griff nach dem Schlüssel, den er in der Tasche trug. Er besah sich nun den hübschen kleinen Platz. Zwei Bänke, ein kleiner Brunnen. Sogar ein paar gepflegte Rosenstöcke und eine Statue in griechischem Stil. Zwei weitere Staffeln in entgegengesetzte Richtungen aufsteigend.
Es sind Entscheidungen zu treffen, dachte er. Dann bemerkte er die Frau. Und so wartete eine weitere Entscheidung auf sein Votum. Bedächtig ging er ein Stück auf den Brunnen zu und prüfte im Stillen, ob er schon sprechen könnte, ohne hastig oder gar unhöflich zu wirken. Er fühlte, dass er zu schwitzen begann, wie eben der Körper nach einer Anstrengung oft erst dann mit dem Schwitzen beginnt, wenn die Bewegung bereits beendet ist.
„Guten Morgen“, brachte er fehlerfrei heraus, was ihm gefiel. Seine Gesichtsmuskeln lockerten sich auch zugleich und er lächelte verbindlich, als er der dunkelhaarigen Frau zunickte, die auf einer der beiden Bänke saß, und nun von ihrem kleinen Romanbüchlein aufsah.
„Neuer Weinbergweg, da muss ich …?“
„Hier, links hinauf“, antwortete eine helle Stimme.
„Danke“, sagte er und setzte sich auf die andere Bank. Trotz der Staffeln gefiel es ihm hier. Hier leben freundliche Menschen, dachte er. Menschen die mitfühlend sind. Welche die Qual eines Aufstiegs mit einer Bank und einem kleinen Brunnen mildern. Menschen, die sogar an unwichtigen Plätzen, wie diesem, Rosenstöcke pflegen. Menschen, die sich dort niederlassen, um sich im tiefen Frieden dieses Ortes auf das Abenteuer eines Liebesromans einzulassen.
„Wenn nur alles so friedlich wäre“, sagte er vor sich hin und ließ seinen Blick über die Dächer der Vorstadt schweifen. Die Frau schlug einen Moment die Augen auf und sah zu ihm herüber, sagte aber nichts. Der Schlüssel in seiner Tasche lag quer, so dass er dessen Ende im Oberschenkel spürte, was ihn wiederum daran erinnerte, dass er eine Entscheidung treffen musste. Er beschloss, dass er diese Frau, sollte sie noch immer auf ihrer Bank sitzen, wenn er die Stufen wieder herabkäme, ansprechen würde. Sie zum Geplauder verführen und dann auf ein Gläschen Sekt einladen würde. Langsam erhob er sich und fühlte sich schon ein wenig besser, als er noch einmal zum vorübergehenden Abschied in ihre Richtung nickte und seine Schritte zur linken Staffel lenkte.
Als er das Haus erreichte hatte, sah er sich um. Die Straße war menschenleer.
„Ich bin gekommen, um in dieses Haus zu gehen. Gekommen, ihr zu sagen, dass sie verschwinden soll. Nein, verschwinden muss. Mir ihren Schlüssel zurückgeben, und dann verschwinden muss“, beschwor er sich. Er kniff die Augen zusammen und musterte die Fenster. Es gibt unzählige Menschen, die den ganzen Tag zuhause verbringen, um auf ein Paket zu warten. Wie viele Menschen gibt es, die einen ganzen Tag lang zuhause auf einen anderen Menschen warten?“, überlegte er. Niemand hatte ihn bemerkt. Oder seine Gedanken gehört. Vielleicht gab es sogar Menschen, die ein ganzes Leben lang hinter dem Vorhang stehend auf die Straße spähen, weil sie auf einen Menschen warteten. Honold wurde nicht erwartet.
Er legte den Schlüssel in die andere Hand und spürte, wie warm das Metall geworden war. Ich bin Honold, und das ist mein Haus, vergewisserte er sich und machte einen Schritt auf die Tür zu. Doch als er im Inneren ein Geräusch hörte, trat er rasch zur Seite. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Schnarren und ein junger Mann trat heraus, richtete kurz seinen Hemdkragen und stieg dann in eines der Fahrzeuge. Ein Duft von Parfüm streifte Honold, der zusah, wie die Tür langsam ins Schloss zu fallen drohte. Als er versuchte, es zu verhindern, war es zu spät. Was soll‘s, dachte er, ich habe ja den Schlüssel. Ich kann jederzeit da reingehen. Und das sollte ich auch. Entfernt schlug eine Turmuhr, es musste wohl fünf sein.
Er war ein paar Schritte an der Hauswand entlang gegangen, so dass er die Fenster der gegenüber liegenden Wand einsehen konnte. An einem der Fenster war ein Licht. Nur für einen Moment. Sofort war er wieder der Honold, der er sein wollte. Der Jäger, der seine Beute überrascht. Da war ein Licht. Also war jemand da. Er lauerte. Und da war es wieder, das Licht. Nur kurz. Genauso wie zuvor. Das war zumindest seltsam, befand er. Einbrecher? Eigentlich war es noch zu hell, obwohl im Hof schon seit dem frühen Nachmittag kein Licht mehr hereinfiel. Er griff nach seinem Mobiltelefon. Ich rufe sie an, dachte er. Dann ist die Überraschung zwar weg, aber man muss ja. Nur zur Sicherheit. Er rief nicht an.
Das Licht wiederholte sich im Takt von zwei Minuten. Ein Anrufbeantworter oder eine andere technische Spielerei. Vielleicht ist sie gar nicht da, dachte er und wartete ein wenig. Ob es wohl viele Menschen gibt, die vor der Haustür auf einen anderen Menschen warten, der davon nichts weiß? Hand und Schlüssel hatten mittlerweile genau dieselbe Temperatur, so dass er ihn nicht mehr spürte. Sein Blick fiel auf die Briefkästen neben der Tür. Ihr Name war noch hinter dem durchsichtigen Schutzstreifen angebracht. Darunter ein Klebestreifen mit einem Namen, den er nicht kannte.
Bald würden die Glocken den Abend einläuten, und ihm fiel wieder ein, dass er den Zug bekommen sollte. Ich geh jetzt rein, dachte er und steckte den Schlüssel in das Türschloss. Doch er drehte den Bart nicht herum, sondern zog die Hand weg und sah sich um. In den Fenstern war keine Bewegung, nur auf der gegenüberliegenden Seite fuhr ein Mädchen auf einem Roller vorbei. Niemand hatte ihn bemerkt. Gut so, dachte er.
Als er den Platz wieder erreicht hatte, lag dieser bereits im Dunkel der hohen Bäume. Jedoch spendeten die zahllosen Lichter des Tals eine warme Patina, so dass er anhielt. Er setzte sich auf ihre Bank. Schade, dachte er. Ein Windzug ergriff ihn und er begann zu frieren. Noch mühsamer als das Heraufklettern ist das Niedersteigen, sagte er sich, als er gemächlich einen Fuß vor den anderen setzte. Hier wohnen schlechte Menschen. Menschen, die Plätze an unerreichbaren Stellen errichten. Menschen, auf die man vergeblich wartete. Und Menschen, die nicht warten konnten. Obwohl sie an die Liebe glaubten. Sie bauten unendlich lange Staffeln, bei denen man erst ganz am Ende wusste, ob man sein Ziel erreicht hatte. Honold wusste es nicht. Dennoch traf er, als er die letzte Stufe erreicht hatte, eine Entscheidung. Das nächste Mal würde er nicht einfach weitergehen. Sondern gleich fragen, ob sie seine Frau werden wolle.
Als er nach unzähligen Stufen endlich eine Plattform erreicht hatte, hielt er an. Langsam drehte er sich um und sah in das Flusstal hinab, das noch den Nebel atmete, den er unter sich gelassen hatte. Eine Glockenuhr schlug viermal. Seine Hand griff nach dem Schlüssel, den er in der Tasche trug. Er besah sich nun den hübschen kleinen Platz. Zwei Bänke, ein kleiner Brunnen. Sogar ein paar gepflegte Rosenstöcke und eine Statue in griechischem Stil. Zwei weitere Staffeln in entgegengesetzte Richtungen aufsteigend.
Es sind Entscheidungen zu treffen, dachte er. Dann bemerkte er die Frau. Und so wartete eine weitere Entscheidung auf sein Votum. Bedächtig ging er ein Stück auf den Brunnen zu und prüfte im Stillen, ob er schon sprechen könnte, ohne hastig oder gar unhöflich zu wirken. Er fühlte, dass er zu schwitzen begann, wie eben der Körper nach einer Anstrengung oft erst dann mit dem Schwitzen beginnt, wenn die Bewegung bereits beendet ist.
„Guten Morgen“, brachte er fehlerfrei heraus, was ihm gefiel. Seine Gesichtsmuskeln lockerten sich auch zugleich und er lächelte verbindlich, als er der dunkelhaarigen Frau zunickte, die auf einer der beiden Bänke saß, und nun von ihrem kleinen Romanbüchlein aufsah.
„Neuer Weinbergweg, da muss ich …?“
„Hier, links hinauf“, antwortete eine helle Stimme.
„Danke“, sagte er und setzte sich auf die andere Bank. Trotz der Staffeln gefiel es ihm hier. Hier leben freundliche Menschen, dachte er. Menschen die mitfühlend sind. Welche die Qual eines Aufstiegs mit einer Bank und einem kleinen Brunnen mildern. Menschen, die sogar an unwichtigen Plätzen, wie diesem, Rosenstöcke pflegen. Menschen, die sich dort niederlassen, um sich im tiefen Frieden dieses Ortes auf das Abenteuer eines Liebesromans einzulassen.
„Wenn nur alles so friedlich wäre“, sagte er vor sich hin und ließ seinen Blick über die Dächer der Vorstadt schweifen. Die Frau schlug einen Moment die Augen auf und sah zu ihm herüber, sagte aber nichts. Der Schlüssel in seiner Tasche lag quer, so dass er dessen Ende im Oberschenkel spürte, was ihn wiederum daran erinnerte, dass er eine Entscheidung treffen musste. Er beschloss, dass er diese Frau, sollte sie noch immer auf ihrer Bank sitzen, wenn er die Stufen wieder herabkäme, ansprechen würde. Sie zum Geplauder verführen und dann auf ein Gläschen Sekt einladen würde. Langsam erhob er sich und fühlte sich schon ein wenig besser, als er noch einmal zum vorübergehenden Abschied in ihre Richtung nickte und seine Schritte zur linken Staffel lenkte.
Als er das Haus erreichte hatte, sah er sich um. Die Straße war menschenleer.
„Ich bin gekommen, um in dieses Haus zu gehen. Gekommen, ihr zu sagen, dass sie verschwinden soll. Nein, verschwinden muss. Mir ihren Schlüssel zurückgeben, und dann verschwinden muss“, beschwor er sich. Er kniff die Augen zusammen und musterte die Fenster. Es gibt unzählige Menschen, die den ganzen Tag zuhause verbringen, um auf ein Paket zu warten. Wie viele Menschen gibt es, die einen ganzen Tag lang zuhause auf einen anderen Menschen warten?“, überlegte er. Niemand hatte ihn bemerkt. Oder seine Gedanken gehört. Vielleicht gab es sogar Menschen, die ein ganzes Leben lang hinter dem Vorhang stehend auf die Straße spähen, weil sie auf einen Menschen warteten. Honold wurde nicht erwartet.
Er legte den Schlüssel in die andere Hand und spürte, wie warm das Metall geworden war. Ich bin Honold, und das ist mein Haus, vergewisserte er sich und machte einen Schritt auf die Tür zu. Doch als er im Inneren ein Geräusch hörte, trat er rasch zur Seite. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Schnarren und ein junger Mann trat heraus, richtete kurz seinen Hemdkragen und stieg dann in eines der Fahrzeuge. Ein Duft von Parfüm streifte Honold, der zusah, wie die Tür langsam ins Schloss zu fallen drohte. Als er versuchte, es zu verhindern, war es zu spät. Was soll‘s, dachte er, ich habe ja den Schlüssel. Ich kann jederzeit da reingehen. Und das sollte ich auch. Entfernt schlug eine Turmuhr, es musste wohl fünf sein.
Er war ein paar Schritte an der Hauswand entlang gegangen, so dass er die Fenster der gegenüber liegenden Wand einsehen konnte. An einem der Fenster war ein Licht. Nur für einen Moment. Sofort war er wieder der Honold, der er sein wollte. Der Jäger, der seine Beute überrascht. Da war ein Licht. Also war jemand da. Er lauerte. Und da war es wieder, das Licht. Nur kurz. Genauso wie zuvor. Das war zumindest seltsam, befand er. Einbrecher? Eigentlich war es noch zu hell, obwohl im Hof schon seit dem frühen Nachmittag kein Licht mehr hereinfiel. Er griff nach seinem Mobiltelefon. Ich rufe sie an, dachte er. Dann ist die Überraschung zwar weg, aber man muss ja. Nur zur Sicherheit. Er rief nicht an.
Das Licht wiederholte sich im Takt von zwei Minuten. Ein Anrufbeantworter oder eine andere technische Spielerei. Vielleicht ist sie gar nicht da, dachte er und wartete ein wenig. Ob es wohl viele Menschen gibt, die vor der Haustür auf einen anderen Menschen warten, der davon nichts weiß? Hand und Schlüssel hatten mittlerweile genau dieselbe Temperatur, so dass er ihn nicht mehr spürte. Sein Blick fiel auf die Briefkästen neben der Tür. Ihr Name war noch hinter dem durchsichtigen Schutzstreifen angebracht. Darunter ein Klebestreifen mit einem Namen, den er nicht kannte.
Bald würden die Glocken den Abend einläuten, und ihm fiel wieder ein, dass er den Zug bekommen sollte. Ich geh jetzt rein, dachte er und steckte den Schlüssel in das Türschloss. Doch er drehte den Bart nicht herum, sondern zog die Hand weg und sah sich um. In den Fenstern war keine Bewegung, nur auf der gegenüberliegenden Seite fuhr ein Mädchen auf einem Roller vorbei. Niemand hatte ihn bemerkt. Gut so, dachte er.
Als er den Platz wieder erreicht hatte, lag dieser bereits im Dunkel der hohen Bäume. Jedoch spendeten die zahllosen Lichter des Tals eine warme Patina, so dass er anhielt. Er setzte sich auf ihre Bank. Schade, dachte er. Ein Windzug ergriff ihn und er begann zu frieren. Noch mühsamer als das Heraufklettern ist das Niedersteigen, sagte er sich, als er gemächlich einen Fuß vor den anderen setzte. Hier wohnen schlechte Menschen. Menschen, die Plätze an unerreichbaren Stellen errichten. Menschen, auf die man vergeblich wartete. Und Menschen, die nicht warten konnten. Obwohl sie an die Liebe glaubten. Sie bauten unendlich lange Staffeln, bei denen man erst ganz am Ende wusste, ob man sein Ziel erreicht hatte. Honold wusste es nicht. Dennoch traf er, als er die letzte Stufe erreicht hatte, eine Entscheidung. Das nächste Mal würde er nicht einfach weitergehen. Sondern gleich fragen, ob sie seine Frau werden wolle.