Das Tolle an „Club Mate“ war, dass sie jedes Mal leicht anders schmeckte. Als Marcel sie im vorigen Winter in der Unibibliothek zum ersten Mal probiert hatte, schmeckte sie nach Holz, Rauch und Gemütlichkeit. Jetzt, in der Hitze des Augusts, war es eine klare, frische Herbe, etwa wie bei ungesüßtem Eistee.
Er saß, halb zurückgelehnt, auf der Wiese vor dem Kiosk, zusammen mit Pia und Julian.
Die Zigarette, die er aus der gerade eben erst gekauften Packung „Camel“ gezogen hatte, hielt er vorerst nur zwischen Zeige- und Mittelfinger und drehte sie spielerisch dazwischen herum.
„Ab Samstag ist für zwei Wochen Bahnstreik. Also wieder Schienenersatzverkehr. Der scheiß Bus ist immer total überfüllt und man braucht über ’ne halbe Stunde von der Uni zum Hauptbahnhof“, sagte Julian.
„Jeden August dasselbe. Scheint denen doch nichts zu bringen, wenn sie das jedes Jahr immer wieder machen müssen“, sagte Marcel gähnend. Sein Ärger war gespielt. Eigentlich hatte er es gern, mit dem Bus zu fahren. Man spürte das gleichmäßige Vibrieren des Motors, und in den Kurven und Abbiegungen wurde man leicht gegen die Wand gedrückt. Er fand das entspannend. Auch mit der langen Fahrtzeit war er im Grunde einverstanden. Währenddessen konnte man gar nichts tun, aber man kam trotzdem voran.
Jetzt redete Pia: „Was sagt ihr zu der Sache mit Robin Williams?“
„Echt schlimm“, antwortete Julian mit gleichgültiger Stimme.
„Also ich find das einfach unfassbar“, sagte Pia bewegt. „Wie verzweifelt muss einer sein, dass er das wirklich durchzieht. Ich mein, das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen, das kann ich ja irgendwie noch verstehen. Aber das dann wirklich auch durchziehen? Ich glaub, dass da psychisch was total aus dem Gleichgewicht sein muss, damit man sich so was traut. Ich glaub, normale Menschen hätten kurz davor ’ne Blockade, einfach weil es so unnatürlich ist.“
Marcel zündete sich jetzt doch die Zigarette an, tat einen tiefen Zug und sagte, ohne einen der beiden anzuschauen: „Also ich glaub nicht, dass man verrückt oder unnormal sein muss, um so was zu machen.“
Pia schaute ihn kritisch an, antwortete aber nichts darauf.
Julian legte sich flach aufs Gras und sagte lethargisch: „Warum reden wir eigentlich über so was? Über so was spricht man doch normal nur, wenn man betrunken ist. Habt ihr schon mit der neuen Staffel ‚Better Call Saul‘ angefangen?“
Marcel stand vor dem Badezimmerspiegel und untersuchte seinen Haaransatz. Er war 26, hatte aber schon Geheimratsecken.
Er strich sich die schwarzen Haare so zurecht, dass sie seine hohe Stirn optimal bedeckten, dann rasierte er sich. Das tat er jeden Tag, oft sogar zweimal. Er konnte es nicht ausstehen, wenn er sich ins Gesicht fasste und Bartstoppeln spürte. Dann kam er sich unfrisch vor, etwa so wie nach dem Aufstehen, bevor man sich das Gesicht mit kaltem Wasser wusch und sich diese widerlichen Krümel aus den Augenrändern spülte.
Er öffnete das Badezimmerschränkchen und holte die Packung „Escitalopram“ heraus. Obwohl die Depression schon fast fünf Jahre zurücklag, nahm er sie zur Vorsicht immer noch jeden Morgen. Nebenwirkungen spürte er schon lange keine mehr.
An die Zeit vor fünf Jahren konnte er nur mit Grauen zurückdenken. Wie er das damals ausgehalten hatte, die Leere, die unerträgliche Angst, konnte er heute nicht mehr nachvollziehen. Er wusste nur eines: So etwas würde er nicht noch einmal aushalten, so schlecht würde er sich nie mehr fühlen. Falls doch, würde er einfach Schluss machen. Im Darknet eine große Packung Barbiturate besorgen. Es wäre völlig schmerzlos, vielleicht sogar angenehm. Seit er diese Entscheidung getroffen hatte, ging es ihm viel besser. Er war ganz ungebunden, ein freiwilliger Gast auf dieser Welt, der sich das Ganze mal anschaute und mitspielte, nur genau so lange, wie er selbst das wollte. Natürlich hatte er niemandem von diesem Gedanken erzählt.
Nachdem er sich mit etwas Wasser die Reste des Rasierschaums aus dem Gesicht gewaschen hatte, putzte er sich die Zähne, sieben Minuten lang, bis auch der letzte Rest nächtlicher Fäulnis aus seinem Mund verschwunden war. Anschließend ging er in die Küche und machte sich einen Kaffee.
„Morgen“, begrüßte ihn seine Mutter Birgit. „Wie hast du geschlafen?“
„Ganz gut, und du?“
Er gab sich ordentlich Milch in den Kaffee, aber keinen Zucker.
„Fast gar nicht. Erst als es schon hell war, war ich kurz weg, für eine Stunde oder so“, sagte Birgit.
Als Marcel sieben oder acht gewesen war, hatte sie zum Glauben gefunden und sich irgendeiner Freikirche angeschlossen. Er war als Kind sehr beeindruckt, aber vor allem eingeschüchtert gewesen vom Jüngsten Gericht, der Entrückung vor der Apokalypse, von Himmel und Hölle. Dass er längst nicht mehr an all das glaubte, es wie ein schweres Gepäck einfach abgelegt hatte, hatte er seiner Mutter nie erzählt. Es hätte sie sicher tief getroffen, und er wollte sie unter keinen Umständen verletzen. Lieber log er ihr etwas vor. Er streichelte ihre Hand und sagte: „Nimm heute Nacht dann einfach mal gleich zwei von den ‚Zolpidem‘. Das bringt dich nicht um, und dann kannst du bestimmt einschlafen.“
Birgit küsste seine Haare. „Vielleicht mach ich das.“
Es war Oktober geworden, das Wintersemester hatte angefangen und heute war Vorlesungsbeginn. Der Morgen begann mit „Festkörperphysik 2“. Elastizitätsmodule oder Spannungs-Dehnungs-Kurven hatten Marcel immer gelangweilt, dennoch konzentrierte er sich sehr auf die Vorlesung und schrieb eifrig mit. Danach waren erst mal Pause und Mittagessen. Die nächste Vorlesung, „Theoretische Physik 3“, war erst um 14:30 Uhr.
In der Kantine wählte Marcel wie immer die vegetarische Alternative, auch wenn ihn das viele Gemüse längst anödete, aber es ging ihm um die Tiere. Zwar konnte er nicht behaupten, wirkliches Mitleid mit Schweinen oder Hühnern zu empfinden, aber rein aus Prinzip war er gegen vermeidbares Leid, sei es bei Menschen oder Tieren. Ohne große Lust aß er seinen Salat. Immerhin waren einige Stücke Mozzarella darin.
„Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“, sagte Julian, errötete aber gleich darauf und sagte: „Sorry. Ich weiß, ist voll der Boomer-Spruch.“
Marcel war gerade nicht in der Stimmung, Julians Verlegenheit durch ein Lachen zu erleichtern. Schon seit einigen Wochen fühlte er sich unruhig und schlief schlecht. Und er hatte heute Nacht so merkwürdig geträumt. In seinem Traum hatte es an der Haustür geklingelt. Er hatte geöffnet und einen Mann mit unbestimmten Gesichtszügen, aber tiefschwarzen Augen gesehen. Der Mann hatte gesagt: „Ich bin Herr ...“ An den Namen konnte er sich nicht erinnern, aber als er ihn im Traum gehört hatte, hatte ihn ein unbeschreibliches Entsetzen überfallen, weil er ganz plötzlich etwas Grauenhaftes begriffen hatte. Aber auch daran, was er begriffen hatte, konnte er sich nicht erinnern. Er war direkt danach aufgewacht, mit schnell klopfendem Herzen, und hatte Angst und eine tiefe Traurigkeit gefühlt. Er hatte dann eine Tavor genommen und Netflix geschaut, bis er sich wieder beruhigt hatte. Aber das beklemmende Gefühl hatte den ganzen Tag über angehalten. Immerhin konnte er sich auf die Vorlesung nachher freuen. Theoretische Physik war immer sein Lieblingsfach gewesen.
Zu Semesterbeginn war der Vorlesungssaal immer voll besetzt, einige mussten sogar auf den Treppen sitzen, weil alle Bänke belegt waren.
Marcel saß zusammen mit Pia und Julian in der ersten Reihe.
Der Professor stand bereits seit einigen Minuten vorne, ein ungefähr 55-jähriger, schlanker, dunkelhaariger Mann. Auch seinen Namen hatte er schon an die Tafel geschrieben: „Danneker“.
„Das ist der, der die Mädchen immer zum Weinen bringt“, flüsterte Julian.
Während im Saal noch Gemurmel herrschte, schrieb Danneker das Thema für heute an die Tafel: „Interpretationen der Quantenmechanik“.
Dann klopfte er aufs Mikrofon und bat um Ruhe.
„Ich hab mir überlegt, dass es im ersten Teil der Vorlesung mal nicht um Zahlen und Ergebnisse, sondern um Grundsätzliches geht. Heute gibt es erst mal einen Überblick, das wird dann in den nächsten Wochen vertieft.“
Aus der Stille hörte man ein lautes Rülpsen von irgendwoher. Der Saal brach in gedämpftes Gelächter aus.
„Ich hoffe, das hat Sie erleichtert“, meinte Danneker trocken.
„Und ich hoffe auch, dass mittlerweile jeder von Ihnen weiß, was eine Wellenfunktion und was die Kopenhagener Deutung ist.“
„Oh, fuck“, rief jemand aus den hinteren Reihen. Wieder gedämpftes Gelächter.
„Also das hab ich jetzt überhört“, sagte Danneker, verschmitzt lächelnd.
„Also laut der Kopenhagener Deutung kollabiert die Wellenfunktion bei der Messung und das System, das ja vorher in einem Zustand der Überlagerung war, entscheidet sich für einen bestimmten Zustand.“
Das musste Marcel nicht mitschreiben.
Danneker fuhr fort: „Aber die Erklärung ist schon ein bisschen unbefriedigend, weil es keinen Grund gibt, warum das System sich ausgerechnet für diesen Zustand und nicht für einen anderen entschieden hat. Jetzt wird eine andere Interpretation wichtig, die das Problem ziemlich elegant löst. Ich nehme nicht an, dass jemand von Ihnen mir sagen will, von welcher Interpretation ich rede?“
Ein Mädchen aus einer der vorderen Reihen rief: „Viele Welten.“
„Korrekt“, sagte Danneker nur.
„Die Viele-Welten-Interpretation behauptet jetzt, dass die Wellenfunktion bei der Messung gar nicht kollabiert und stattdessen alle möglichen Zustände tatsächlich auch eintreten. Wenn wir also ein Elektron beobachten und z. B. messen, ob es ‚Spin-up‘ oder ‚Spin-down‘ hat, dann treten grundsätzlich beide Möglichkeiten ein.“
Er machte ein kurzes, wirkungsvolles Schweigen.
„Warum sehen wir dann nur eine?“, rief irgendein Junge.
„Berechtigte Frage“, sagte Danneker. „Tatsächlich sieht der Beobachter beide Ergebnisse, aber in verschiedenen Universen. Sobald jemand eine Messung macht, spaltet sich das Universum auf, und mit ihm auch der Beobachter. Die Version von Ihnen in dem einen Universum sieht dann ‚Spin-up‘, die Version von Ihnen im anderen Universum sieht ‚Spin-down‘ und beide Versionen glauben, nur eines der beiden Ergebnisse gesehen zu haben. Raffiniert, oder?“
Marcel hatte die ganze Zeit mitgeschrieben. Den Kugelschreiber hielt er noch in der Hand, aber er schrieb nicht mehr.
Jetzt rief Pia neben ihm: „Bedeutet das dann nicht, dass es unendlich viele Versionen von uns gibt, in verschiedenen Universen, die aber alle glauben, sie wären die einzigen?“
Ein leises Gemurmel ging durch den Saal.
Marcel war auf einmal kalt.
„Ja, wenn man das Ganze zu Ende denkt, läuft es darauf hinaus. Ich weiß, das geht sehr gegen unsere Intuition. Aber die Viele-Welten-Interpretation ist die mathematisch konsequenteste Deutung und braucht keine zusätzlichen Annahmen. Und bisher hat es sich in der Physik dann doch meistens herausgestellt, dass die mathematisch konsequenten Theorien am Ende auch die richtigen waren, egal, wie unvorstellbar sie uns auch vorkommen. Also, wenn irgendwer an meiner bescheidenen Meinung interessiert ist: Ich halte die Vielen Welten für deutlich plausibler als die klassische Interpretation mit dem Kollaps bei Messung.“
Danneker schwieg jetzt und schrieb einiges an die Tafel.
„Marcel, was ist los?“, fragte Pia erschrocken.
Marcel hatte eilig seine Sachen in die Tasche gepackt und stand von seinem Platz auf.
„Mir ist schlecht“, murmelte er und verließ hastig über die Treppen den Saal.
Es war schon dunkel geworden. Pia und Julian hatten ihre Jacken anziehen müssen. Es war eben doch schon Oktober. Sie saßen im Schlosspark auf der Wiese, die am Nachmittag noch voller Menschen, jetzt aber beinahe verlassen war.
„Ich find's immer noch komisch, dass du rauchst. Passt irgendwie gar nicht zu dir“, sagte Pia.
Julian drückte die Zigarette aus und warf sie ins Gras. „Findest du es überhaupt nicht cool? Bei uns auf der Schule haben nur die Coolen geraucht.“
„Ja, echt voll cool. Krebs ist das Coolste“, sagte Pia trocken.
„Aber wenn Marcel raucht, findest du das schon ein bisschen cool, gib's zu.“
„Genau darüber wollt ich mit dir reden“, sagte Pia ernst. „Er ist so komisch geworden in letzter Zeit und seit zwei Wochen kommt er in keine Vorlesung mehr. Sonst hat er doch nie eine versäumt.“
Julian setzte sich auf und strich sich die Haare aus der Stirn. „Ich hab auch keine Ahnung, was mit ihm los ist. Hab ihn auch seit zwei Wochen nicht gesehen, und auf WhatsApp antwortet er nicht, der Haken wird auch nicht blau. Aber als ich ihn das letzte Mal gesehen hab, hatte er total fettige Haare und war bestimmt seit einer Woche nicht rasiert. Ich hab ihn noch nie unrasiert gesehen. Und er hat abgenommen, seine Hosen sind voll runtergehangen, man konnte seinen Arsch sehen, aber das hat ihn gar nicht gejuckt.“
„Darum geht's doch nicht“, sagte Pia gereizt. „Ich glaub, ihm geht's echt richtig schlecht. Und dabei hab ich ihn immer für unverwüstlich gehalten. Der hatte immer so eine coole Gelassenheit, egal, was war. Ich hab ihn immer dafür beneidet. Und jetzt plötzlich das. Wie kann so was sein?“
Julian zögerte kurz. „Na ja, also Marcel hat mir mal erzählt, dass er vor ein paar Jahren und auch als Kind immer wieder psychische Probleme hatte. Er hat gesagt, er hatte als Kind eigentlich immer Angst. Das hat mich echt gewundert, weil, wie du gesagt hast, er immer so gewirkt hat, als könnte ihn nichts umhauen.“
Beide schwiegen für eine Minute. Dann sagte Pia entschlossen: „Ich geh die nächsten Tage bei ihm vorbei. Du hast doch seine Adresse, oder?“
Julian nickte.
Ein dunkelhäutiger, fast zahnloser Mann trat auf sie zu und murmelte: „You have cigarette?“
Julian reichte ihm wortlos eine Zigarette. Der Mann nahm sie entgegen, ohne sich zu bedanken, und ging weiter, wobei er gestikulierte und mit sich selbst redete.
„Auch so 'ne verlorene Seele“, sagte Pia leise.
Darüber musste Julian lachen.
Marcel griff nach seinem Handy auf dem Nachttisch. Das Display warf ein schwaches Licht in die Dunkelheit seines Zimmers. Es war 3:37 Uhr. Er hatte noch nicht geschlafen. Um 22 Uhr hatte er zwei Tavor genommen und um halb zwölf noch mal drei Zolpidem mit einem halben Glas Wodka heruntergespült. Ihm war schwindlig geworden und er hatte trotz der Kühle im Zimmer zu schwitzen angefangen. Aber eingeschlafen war er nicht. Dafür tat sein Kopf jetzt weh. Er beschloss, es für diese Nacht aufzugeben und sich einen Kaffee zu machen. Er konnte die Stille und Schwärze seines Zimmers nicht länger ertragen. Ein paar Ritalin hatte er auch noch, die würden ihn wach machen und gleichzeitig etwas beruhigen.
In der Küche brannte Licht. Seine Mutter saß am Küchentisch.
„Hallo, Mama.“ Er gab sich Mühe, seinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bekommen. „Kannst du auch nicht schlafen?“
Sie begann leise zu weinen.
„Mama! Was ist denn los?“ Er streichelte unbeholfen ihren Unterarm.
Birgit wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Marcel, ich halte das nicht mehr aus. Du musst mir jetzt endlich sagen, was mit dir los ist, weil sonst ...“ Ihre Stimme brach und ging in ein ersticktes Schluchzen über.
„Oh Mama“, sagte Marcel verzweifelt. „Ich kann's nicht wirklich erklären. Aber ich komm schon damit klar, ich schwör's dir.“
Birgits Schultern bebten. „Ich hatte davor schon lange Angst, eigentlich jedes Mal, wenn du aus dem Haus gegangen bist, aber jetzt kann ich nicht mehr. Ich hab so eine Angst, so eine ... unerträgliche Angst, dass du dich irgendwann umbringst.“
Marcel lachte freudlos. „Also deswegen musst du dir keine Sorgen machen. Ich werd mir nichts antun. Weil das würde nichts ändern, das ist es ja gerade.“
Birgit hörte auf zu weinen. „Wie meinst du das?“
Marcel setzte sich einen Kaffee auf. „Ach Mama, das ist so schwer zu erklären. Du würdest das nicht verstehen.“
Zum ersten Mal, während sie gesprochen hatten, blickte seine Mutter ihm nun direkt in die Augen. „Ich versteh dich viel besser, als du glaubst.“
Er spürte eine Enge in seinem Hals. Aber da war auch ein Druck irgendwo unter der Brust und er spürte, dass er den keine Sekunde länger halten konnte.
„Es gibt da so eine Theorie. Dass es unendlich viele Versionen von uns gibt, in unendlich vielen Universen, die aber nichts voneinander wissen. Und manche glauben, das bedeutet, dass man unsterblich ist. Weil egal, was einem passiert, es gibt ja immer eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass man überlebt, auch bei so was wie einem Flugzeugabsturz oder einer Atombombe. Es gibt also immer irgendwelche Universen, in denen ich weiterlebe. Und mein Bewusstsein springt dann in dieses Universum.“
Birgit blickte ihn verwirrt an. „Und was ist daran so schlimm?“
„Ach, Mama“, sagte Marcel verzweifelt. „Das bedeutet, ich werde immer älter und immer kränker. Alle, die ich liebe, sterben, nur ich nicht. Irgendwann bin ich 500 Jahre alt, kann mich nicht mehr bewegen und habe unerträgliche Schmerzen.“ Kurz konnte er nicht weitersprechen, dann sagte er sehr leise: „Irgendwann bin ich dann der letzte Mensch auf der Welt.“
Birgit blickte ihn eine Weile mit geröteten Augen an und sagte dann: „Das ist der größte Schwachsinn, den ich je gehört hab.“
Marcel umarmte sie fest und sagte: „Ich hoff so arg, dass du recht hast.“
„Oh Marcel, was soll ich mit dir machen?“ Dann flüsterte sie ihm ins Ohr: „Du bist mein Licht.“ Dann weinten beide eine Weile gemeinsam, während sie sich noch immer in den Armen hielten. Danach ging es Marcel etwas besser und er schaute sich gemeinsam mit seiner Mutter „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ an, während sie beide Kaffee tranken und es draußen langsam hell wurde.
Am Dienstag erschien Marcel wieder in der Vorlesung. Er suchte in der Menge nach den Gesichtern von Pia und Julian und fand sie schließlich in einer der hinteren Reihen, ganz am Rand des Saals.
„Morgen“, sagte er knapp.
Pia öffnete den Mund. „Marcel!“
Er zwang sich zu einem Grinsen. „Hab gedacht, ich lass mich mal wieder blicken.“
Julian sagte kopfschüttelnd: „Du bist schon brutal, Marcel, echt jetzt.“
Pia sagte erregt: „Aber was war denn los die ganze Zeit?“
„Hatte ’ne Depriphase“, sagte Marcel verlegen.
Pia blickte auf ihr Pult. „Ich wollte dich längst mal besuchen kommen und nach dir schauen, aber ich hab dann halt irgendwie gedacht ...“
„Kein Stress, alles gut“, unterbrach Marcel sie rasch.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass zwischen Pia und Julian noch jemand saß.
„Das ist übrigens Milo. Sie ist aus Freiburg“, erklärte Pia.
Marcel reichte ihr die Hand. Milo ergriff sie ganz kurz und ohne Druck. Sie war klein, höchstens 1,60 m, hatte kurze, dunkelblonde Haare, die halb von einer Mütze bedeckt waren, und blau-graue Augen. Ihre Klamotten waren ihr mehrere Nummern zu groß. Die Vorlesung fing an. Marcel setzte sich neben Pia und holte Block und Kugelschreiber heraus. Das Thema war „Statistische Thermodynamik“. Marcel fiel es schwer, dem Professor zuzuhören. Ständig schweiften seine Gedanken ab. „Falls ich 100 werde, ist die Quantenunsterblichkeit sehr wahrscheinlich. Die Theorie an sich ist wahrscheinlicher, als dass gerade ich hundert werde. Es wird immer wahrscheinlicher, je älter ich werde, mit jedem Tag. Das ist das Schlimmste daran.“
Er zwang sich mit Gewalt, der Vorlesung zu folgen. „Die Anzahl der möglichen Anordnungen berechnen Sie wie immer über die Fakultät. Aber achten Sie darauf, dass ...“
Er hörte das Rascheln von Alufolie. Milo packte ein Brötchen aus. Sie entfernte die Folie sehr vorsichtig, fast zärtlich.
„In diesem Fall wird die Entropie zu null. Macht Sinn, oder?“
Marcel spürte, wie sein Puls sich beschleunigte. Er atmete vier Sekunden ein, hielt den Atem vier Sekunden lang an und atmete dann vier Sekunden aus. Blockatmung. Er blickte zu Milo hinüber. Sie hatte anscheinend einen großen Bissen im Mund, aber vergessen, ihn zu kauen. Unwillkürlich musste er lächeln.
Am Freitag saß er mit Pia, Julian und Milo in der Cafeteria und aß ein Putenschnitzel mit Kartoffelsalat.
„Ratet mal, was der Danneker zu Laura gesagt hat, ihr wisst schon, Laura Gebhardt.“
Da niemand reagierte, erzählte sie direkt weiter: „Er hat ihr gesagt, sie solle mal einen IQ-Test machen, weil er sich das Ganze mit ihr nicht mehr anders erklären kann.“
Julian lachte schallend. „Nicht dein Ernst?“
„Boah, das ist fies“, sagte Milo in einem merkwürdig nachdenklichen Tonfall. „Ich würd Danneker gerade so gerne einen Hurensohn nennen, aber ich mag halt das Wort nicht.“ Sie zuckte mit den Achseln.
Marcel hatte während der ganzen Mahlzeit noch nicht gesprochen und Pia hatte beobachtet, wie er immer mal wieder stumm die Lippen bewegt hatte.
Jetzt aber drehte er sich zu Milo hin und sagte: „Mach's doch einfach trotzdem.“
Aus irgendeinem Grund lief sie tiefrot an und sagte ganz leise: „Ja, mach ich vielleicht nachher.“
Wie auch sonst immer hatte sie ihr Essen kaum angerührt.
Kurz vor Weihnachten fand an der Universität eine groß angekündigte Party statt. Der Dezember hatte Rekordtemperaturen gezeigt, am späten Nachmittag waren es 18 °C, deshalb fand die Feier draußen statt. Vor dem Chemiegebäude hatte man Sand aufgekippt und Strandstühle aufgestellt. Die Flasche Bier kostete 1 €. Marcel saß allein mit Milo auf der Wiese vor dem Kiosk. Pia hatte ganz kurzfristig abgesagt. Musik, Stimmengewirr und Gelächter drangen gedämpft zu ihnen. Milo lag flach auf dem Rücken und streichelte mit ihrer rechten Hand über das Gras.
„Mit deiner Mütze siehst du irgendwie ein bisschen aus wie Jesus, ich weiß nicht, warum“, sagte Marcel.
„Fuck, ich will nicht aussehen wie Jesus.“ Sie riss sich die Mütze vom Kopf, legte sie dann aber behutsam neben sich auf den Boden. Zum ersten Mal sah Marcel so wirklich ihre Haare. Sie waren an den Seiten auf wenige Millimeter rasiert.
„Mir ist langweilig, aber ich will auch nicht irgendwas machen“, sagte sie ernst. Sie war heute ungewöhnlich gesprächig. Sonst redete sie fast gar nicht, wenn man sie nicht direkt ansprach.
Marcel überlegte eine Weile nach einer passenden Antwort und sagte dann:
„Wozu hast du eigentlich die Gitarre mitgenommen, wenn du nicht drauf spielen willst?“
„Ach, ich kann's eigentlich gar nicht. Ich kann nur vier Songs, und die nicht gut.“ Auf ihrem Gesicht war keine Spur eines Lächelns.
Sie schaute ihm ins Gesicht und sagte: „Findest du es ein bisschen unsympathisch, dass ich die Gitarre trotzdem mitgenommen hab?“
„Nein, kein bisschen“, antwortete er sofort. Irgendetwas hielt ihn davon ab, „Im Gegenteil“ hinzuzufügen.
„Spiel doch einfach einen von den vier“, sagte Marcel. Seine Stimme war auf einmal belegt.
Milo schaute ihn zweifelnd an.
„Bitte“, fügte er hinzu.
„Okay. Und was, wenn du lachst?“
Sie wartete die Antwort aber nicht ab, sondern hängte sich eilig die Gitarre um und fing sofort an zu spielen.
Marcel kannte die Melodie, konnte aber gerade nicht sagen, woher. Milo griff daneben, stöhnte und begann noch mal von vorn. Und jetzt erkannte Marcel den Song. Milo fing tatsächlich an zu singen, sehr leise und schief, aber in ihrer angenehm verschleierten, etwas heißeren Stimme.
„When I was just a little boy, I asked my mother, what will I be ...“ Marcels Herz klopfte schneller, und gleichzeitig spürte er eine Schwere auf der Brust. Wie lange hatte er dieses Lied nicht mehr gehört? Als er ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter es ihm oft vorgesungen, vor allem, wenn er Angst gehabt hatte. Es hatte ihn beruhigt, und gleichzeitig hatte er oft darüber weinen müssen. Aber es waren keine bitteren Tränen gewesen.
Er legte sich auf den Rücken und lauschte Milos Stimme. Als das Lied zu Ende war, spielte sie drei flotte Akkorde, die überhaupt nicht zu dem Song passten.
„Du hast es kaputtgemacht“, sagte Marcel lachend. Sie grinste und zeigte ihm den Mittelfinger. Die Sonne stand schon tief am Himmel und das Licht fiel auf ihre Haare.
Sie stand einfach da und war sich wohl unsicher, wohin sie gucken sollte. Marcel betrachtete sie schweigend. Jetzt blickte sie zu ihm auf und, vielleicht verwundert über seinen Gesichtsausdruck, fragte sie: „Woran denkst du?“
„Verrat ich nicht“, sagte Marcel und streckte ihr die Zunge raus.
Milo schien ernsthaft verärgert darüber. „Okay, aber dann spiel ich nie wieder was für dich.“
Marcel blieb eine Weile still und schaute einfach weiter ihr Gesicht an.
Dann sagte er: „Wenn du es unbedingt wissen willst. Ich hab gerade nur gedacht, dass es immer auch noch eine andere Wahrheit gibt.“
Sie blickte ihn einige Sekunden lang merkwürdig und ernst an und sagte dann: „Aha. Was auch immer das konkret bedeutet.“
Marcel lachte.
Nach einem kurzen Zögern sagte er, ziemlich laut: „Hör mal, Milo, hättest du vielleicht Bock, dich heute Abend ein bisschen mit mir zu besaufen?“
Er saß, halb zurückgelehnt, auf der Wiese vor dem Kiosk, zusammen mit Pia und Julian.
Die Zigarette, die er aus der gerade eben erst gekauften Packung „Camel“ gezogen hatte, hielt er vorerst nur zwischen Zeige- und Mittelfinger und drehte sie spielerisch dazwischen herum.
„Ab Samstag ist für zwei Wochen Bahnstreik. Also wieder Schienenersatzverkehr. Der scheiß Bus ist immer total überfüllt und man braucht über ’ne halbe Stunde von der Uni zum Hauptbahnhof“, sagte Julian.
„Jeden August dasselbe. Scheint denen doch nichts zu bringen, wenn sie das jedes Jahr immer wieder machen müssen“, sagte Marcel gähnend. Sein Ärger war gespielt. Eigentlich hatte er es gern, mit dem Bus zu fahren. Man spürte das gleichmäßige Vibrieren des Motors, und in den Kurven und Abbiegungen wurde man leicht gegen die Wand gedrückt. Er fand das entspannend. Auch mit der langen Fahrtzeit war er im Grunde einverstanden. Währenddessen konnte man gar nichts tun, aber man kam trotzdem voran.
Jetzt redete Pia: „Was sagt ihr zu der Sache mit Robin Williams?“
„Echt schlimm“, antwortete Julian mit gleichgültiger Stimme.
„Also ich find das einfach unfassbar“, sagte Pia bewegt. „Wie verzweifelt muss einer sein, dass er das wirklich durchzieht. Ich mein, das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen, das kann ich ja irgendwie noch verstehen. Aber das dann wirklich auch durchziehen? Ich glaub, dass da psychisch was total aus dem Gleichgewicht sein muss, damit man sich so was traut. Ich glaub, normale Menschen hätten kurz davor ’ne Blockade, einfach weil es so unnatürlich ist.“
Marcel zündete sich jetzt doch die Zigarette an, tat einen tiefen Zug und sagte, ohne einen der beiden anzuschauen: „Also ich glaub nicht, dass man verrückt oder unnormal sein muss, um so was zu machen.“
Pia schaute ihn kritisch an, antwortete aber nichts darauf.
Julian legte sich flach aufs Gras und sagte lethargisch: „Warum reden wir eigentlich über so was? Über so was spricht man doch normal nur, wenn man betrunken ist. Habt ihr schon mit der neuen Staffel ‚Better Call Saul‘ angefangen?“
Marcel stand vor dem Badezimmerspiegel und untersuchte seinen Haaransatz. Er war 26, hatte aber schon Geheimratsecken.
Er strich sich die schwarzen Haare so zurecht, dass sie seine hohe Stirn optimal bedeckten, dann rasierte er sich. Das tat er jeden Tag, oft sogar zweimal. Er konnte es nicht ausstehen, wenn er sich ins Gesicht fasste und Bartstoppeln spürte. Dann kam er sich unfrisch vor, etwa so wie nach dem Aufstehen, bevor man sich das Gesicht mit kaltem Wasser wusch und sich diese widerlichen Krümel aus den Augenrändern spülte.
Er öffnete das Badezimmerschränkchen und holte die Packung „Escitalopram“ heraus. Obwohl die Depression schon fast fünf Jahre zurücklag, nahm er sie zur Vorsicht immer noch jeden Morgen. Nebenwirkungen spürte er schon lange keine mehr.
An die Zeit vor fünf Jahren konnte er nur mit Grauen zurückdenken. Wie er das damals ausgehalten hatte, die Leere, die unerträgliche Angst, konnte er heute nicht mehr nachvollziehen. Er wusste nur eines: So etwas würde er nicht noch einmal aushalten, so schlecht würde er sich nie mehr fühlen. Falls doch, würde er einfach Schluss machen. Im Darknet eine große Packung Barbiturate besorgen. Es wäre völlig schmerzlos, vielleicht sogar angenehm. Seit er diese Entscheidung getroffen hatte, ging es ihm viel besser. Er war ganz ungebunden, ein freiwilliger Gast auf dieser Welt, der sich das Ganze mal anschaute und mitspielte, nur genau so lange, wie er selbst das wollte. Natürlich hatte er niemandem von diesem Gedanken erzählt.
Nachdem er sich mit etwas Wasser die Reste des Rasierschaums aus dem Gesicht gewaschen hatte, putzte er sich die Zähne, sieben Minuten lang, bis auch der letzte Rest nächtlicher Fäulnis aus seinem Mund verschwunden war. Anschließend ging er in die Küche und machte sich einen Kaffee.
„Morgen“, begrüßte ihn seine Mutter Birgit. „Wie hast du geschlafen?“
„Ganz gut, und du?“
Er gab sich ordentlich Milch in den Kaffee, aber keinen Zucker.
„Fast gar nicht. Erst als es schon hell war, war ich kurz weg, für eine Stunde oder so“, sagte Birgit.
Als Marcel sieben oder acht gewesen war, hatte sie zum Glauben gefunden und sich irgendeiner Freikirche angeschlossen. Er war als Kind sehr beeindruckt, aber vor allem eingeschüchtert gewesen vom Jüngsten Gericht, der Entrückung vor der Apokalypse, von Himmel und Hölle. Dass er längst nicht mehr an all das glaubte, es wie ein schweres Gepäck einfach abgelegt hatte, hatte er seiner Mutter nie erzählt. Es hätte sie sicher tief getroffen, und er wollte sie unter keinen Umständen verletzen. Lieber log er ihr etwas vor. Er streichelte ihre Hand und sagte: „Nimm heute Nacht dann einfach mal gleich zwei von den ‚Zolpidem‘. Das bringt dich nicht um, und dann kannst du bestimmt einschlafen.“
Birgit küsste seine Haare. „Vielleicht mach ich das.“
Es war Oktober geworden, das Wintersemester hatte angefangen und heute war Vorlesungsbeginn. Der Morgen begann mit „Festkörperphysik 2“. Elastizitätsmodule oder Spannungs-Dehnungs-Kurven hatten Marcel immer gelangweilt, dennoch konzentrierte er sich sehr auf die Vorlesung und schrieb eifrig mit. Danach waren erst mal Pause und Mittagessen. Die nächste Vorlesung, „Theoretische Physik 3“, war erst um 14:30 Uhr.
In der Kantine wählte Marcel wie immer die vegetarische Alternative, auch wenn ihn das viele Gemüse längst anödete, aber es ging ihm um die Tiere. Zwar konnte er nicht behaupten, wirkliches Mitleid mit Schweinen oder Hühnern zu empfinden, aber rein aus Prinzip war er gegen vermeidbares Leid, sei es bei Menschen oder Tieren. Ohne große Lust aß er seinen Salat. Immerhin waren einige Stücke Mozzarella darin.
„Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“, sagte Julian, errötete aber gleich darauf und sagte: „Sorry. Ich weiß, ist voll der Boomer-Spruch.“
Marcel war gerade nicht in der Stimmung, Julians Verlegenheit durch ein Lachen zu erleichtern. Schon seit einigen Wochen fühlte er sich unruhig und schlief schlecht. Und er hatte heute Nacht so merkwürdig geträumt. In seinem Traum hatte es an der Haustür geklingelt. Er hatte geöffnet und einen Mann mit unbestimmten Gesichtszügen, aber tiefschwarzen Augen gesehen. Der Mann hatte gesagt: „Ich bin Herr ...“ An den Namen konnte er sich nicht erinnern, aber als er ihn im Traum gehört hatte, hatte ihn ein unbeschreibliches Entsetzen überfallen, weil er ganz plötzlich etwas Grauenhaftes begriffen hatte. Aber auch daran, was er begriffen hatte, konnte er sich nicht erinnern. Er war direkt danach aufgewacht, mit schnell klopfendem Herzen, und hatte Angst und eine tiefe Traurigkeit gefühlt. Er hatte dann eine Tavor genommen und Netflix geschaut, bis er sich wieder beruhigt hatte. Aber das beklemmende Gefühl hatte den ganzen Tag über angehalten. Immerhin konnte er sich auf die Vorlesung nachher freuen. Theoretische Physik war immer sein Lieblingsfach gewesen.
Zu Semesterbeginn war der Vorlesungssaal immer voll besetzt, einige mussten sogar auf den Treppen sitzen, weil alle Bänke belegt waren.
Marcel saß zusammen mit Pia und Julian in der ersten Reihe.
Der Professor stand bereits seit einigen Minuten vorne, ein ungefähr 55-jähriger, schlanker, dunkelhaariger Mann. Auch seinen Namen hatte er schon an die Tafel geschrieben: „Danneker“.
„Das ist der, der die Mädchen immer zum Weinen bringt“, flüsterte Julian.
Während im Saal noch Gemurmel herrschte, schrieb Danneker das Thema für heute an die Tafel: „Interpretationen der Quantenmechanik“.
Dann klopfte er aufs Mikrofon und bat um Ruhe.
„Ich hab mir überlegt, dass es im ersten Teil der Vorlesung mal nicht um Zahlen und Ergebnisse, sondern um Grundsätzliches geht. Heute gibt es erst mal einen Überblick, das wird dann in den nächsten Wochen vertieft.“
Aus der Stille hörte man ein lautes Rülpsen von irgendwoher. Der Saal brach in gedämpftes Gelächter aus.
„Ich hoffe, das hat Sie erleichtert“, meinte Danneker trocken.
„Und ich hoffe auch, dass mittlerweile jeder von Ihnen weiß, was eine Wellenfunktion und was die Kopenhagener Deutung ist.“
„Oh, fuck“, rief jemand aus den hinteren Reihen. Wieder gedämpftes Gelächter.
„Also das hab ich jetzt überhört“, sagte Danneker, verschmitzt lächelnd.
„Also laut der Kopenhagener Deutung kollabiert die Wellenfunktion bei der Messung und das System, das ja vorher in einem Zustand der Überlagerung war, entscheidet sich für einen bestimmten Zustand.“
Das musste Marcel nicht mitschreiben.
Danneker fuhr fort: „Aber die Erklärung ist schon ein bisschen unbefriedigend, weil es keinen Grund gibt, warum das System sich ausgerechnet für diesen Zustand und nicht für einen anderen entschieden hat. Jetzt wird eine andere Interpretation wichtig, die das Problem ziemlich elegant löst. Ich nehme nicht an, dass jemand von Ihnen mir sagen will, von welcher Interpretation ich rede?“
Ein Mädchen aus einer der vorderen Reihen rief: „Viele Welten.“
„Korrekt“, sagte Danneker nur.
„Die Viele-Welten-Interpretation behauptet jetzt, dass die Wellenfunktion bei der Messung gar nicht kollabiert und stattdessen alle möglichen Zustände tatsächlich auch eintreten. Wenn wir also ein Elektron beobachten und z. B. messen, ob es ‚Spin-up‘ oder ‚Spin-down‘ hat, dann treten grundsätzlich beide Möglichkeiten ein.“
Er machte ein kurzes, wirkungsvolles Schweigen.
„Warum sehen wir dann nur eine?“, rief irgendein Junge.
„Berechtigte Frage“, sagte Danneker. „Tatsächlich sieht der Beobachter beide Ergebnisse, aber in verschiedenen Universen. Sobald jemand eine Messung macht, spaltet sich das Universum auf, und mit ihm auch der Beobachter. Die Version von Ihnen in dem einen Universum sieht dann ‚Spin-up‘, die Version von Ihnen im anderen Universum sieht ‚Spin-down‘ und beide Versionen glauben, nur eines der beiden Ergebnisse gesehen zu haben. Raffiniert, oder?“
Marcel hatte die ganze Zeit mitgeschrieben. Den Kugelschreiber hielt er noch in der Hand, aber er schrieb nicht mehr.
Jetzt rief Pia neben ihm: „Bedeutet das dann nicht, dass es unendlich viele Versionen von uns gibt, in verschiedenen Universen, die aber alle glauben, sie wären die einzigen?“
Ein leises Gemurmel ging durch den Saal.
Marcel war auf einmal kalt.
„Ja, wenn man das Ganze zu Ende denkt, läuft es darauf hinaus. Ich weiß, das geht sehr gegen unsere Intuition. Aber die Viele-Welten-Interpretation ist die mathematisch konsequenteste Deutung und braucht keine zusätzlichen Annahmen. Und bisher hat es sich in der Physik dann doch meistens herausgestellt, dass die mathematisch konsequenten Theorien am Ende auch die richtigen waren, egal, wie unvorstellbar sie uns auch vorkommen. Also, wenn irgendwer an meiner bescheidenen Meinung interessiert ist: Ich halte die Vielen Welten für deutlich plausibler als die klassische Interpretation mit dem Kollaps bei Messung.“
Danneker schwieg jetzt und schrieb einiges an die Tafel.
„Marcel, was ist los?“, fragte Pia erschrocken.
Marcel hatte eilig seine Sachen in die Tasche gepackt und stand von seinem Platz auf.
„Mir ist schlecht“, murmelte er und verließ hastig über die Treppen den Saal.
Es war schon dunkel geworden. Pia und Julian hatten ihre Jacken anziehen müssen. Es war eben doch schon Oktober. Sie saßen im Schlosspark auf der Wiese, die am Nachmittag noch voller Menschen, jetzt aber beinahe verlassen war.
„Ich find's immer noch komisch, dass du rauchst. Passt irgendwie gar nicht zu dir“, sagte Pia.
Julian drückte die Zigarette aus und warf sie ins Gras. „Findest du es überhaupt nicht cool? Bei uns auf der Schule haben nur die Coolen geraucht.“
„Ja, echt voll cool. Krebs ist das Coolste“, sagte Pia trocken.
„Aber wenn Marcel raucht, findest du das schon ein bisschen cool, gib's zu.“
„Genau darüber wollt ich mit dir reden“, sagte Pia ernst. „Er ist so komisch geworden in letzter Zeit und seit zwei Wochen kommt er in keine Vorlesung mehr. Sonst hat er doch nie eine versäumt.“
Julian setzte sich auf und strich sich die Haare aus der Stirn. „Ich hab auch keine Ahnung, was mit ihm los ist. Hab ihn auch seit zwei Wochen nicht gesehen, und auf WhatsApp antwortet er nicht, der Haken wird auch nicht blau. Aber als ich ihn das letzte Mal gesehen hab, hatte er total fettige Haare und war bestimmt seit einer Woche nicht rasiert. Ich hab ihn noch nie unrasiert gesehen. Und er hat abgenommen, seine Hosen sind voll runtergehangen, man konnte seinen Arsch sehen, aber das hat ihn gar nicht gejuckt.“
„Darum geht's doch nicht“, sagte Pia gereizt. „Ich glaub, ihm geht's echt richtig schlecht. Und dabei hab ich ihn immer für unverwüstlich gehalten. Der hatte immer so eine coole Gelassenheit, egal, was war. Ich hab ihn immer dafür beneidet. Und jetzt plötzlich das. Wie kann so was sein?“
Julian zögerte kurz. „Na ja, also Marcel hat mir mal erzählt, dass er vor ein paar Jahren und auch als Kind immer wieder psychische Probleme hatte. Er hat gesagt, er hatte als Kind eigentlich immer Angst. Das hat mich echt gewundert, weil, wie du gesagt hast, er immer so gewirkt hat, als könnte ihn nichts umhauen.“
Beide schwiegen für eine Minute. Dann sagte Pia entschlossen: „Ich geh die nächsten Tage bei ihm vorbei. Du hast doch seine Adresse, oder?“
Julian nickte.
Ein dunkelhäutiger, fast zahnloser Mann trat auf sie zu und murmelte: „You have cigarette?“
Julian reichte ihm wortlos eine Zigarette. Der Mann nahm sie entgegen, ohne sich zu bedanken, und ging weiter, wobei er gestikulierte und mit sich selbst redete.
„Auch so 'ne verlorene Seele“, sagte Pia leise.
Darüber musste Julian lachen.
Marcel griff nach seinem Handy auf dem Nachttisch. Das Display warf ein schwaches Licht in die Dunkelheit seines Zimmers. Es war 3:37 Uhr. Er hatte noch nicht geschlafen. Um 22 Uhr hatte er zwei Tavor genommen und um halb zwölf noch mal drei Zolpidem mit einem halben Glas Wodka heruntergespült. Ihm war schwindlig geworden und er hatte trotz der Kühle im Zimmer zu schwitzen angefangen. Aber eingeschlafen war er nicht. Dafür tat sein Kopf jetzt weh. Er beschloss, es für diese Nacht aufzugeben und sich einen Kaffee zu machen. Er konnte die Stille und Schwärze seines Zimmers nicht länger ertragen. Ein paar Ritalin hatte er auch noch, die würden ihn wach machen und gleichzeitig etwas beruhigen.
In der Küche brannte Licht. Seine Mutter saß am Küchentisch.
„Hallo, Mama.“ Er gab sich Mühe, seinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bekommen. „Kannst du auch nicht schlafen?“
Sie begann leise zu weinen.
„Mama! Was ist denn los?“ Er streichelte unbeholfen ihren Unterarm.
Birgit wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Marcel, ich halte das nicht mehr aus. Du musst mir jetzt endlich sagen, was mit dir los ist, weil sonst ...“ Ihre Stimme brach und ging in ein ersticktes Schluchzen über.
„Oh Mama“, sagte Marcel verzweifelt. „Ich kann's nicht wirklich erklären. Aber ich komm schon damit klar, ich schwör's dir.“
Birgits Schultern bebten. „Ich hatte davor schon lange Angst, eigentlich jedes Mal, wenn du aus dem Haus gegangen bist, aber jetzt kann ich nicht mehr. Ich hab so eine Angst, so eine ... unerträgliche Angst, dass du dich irgendwann umbringst.“
Marcel lachte freudlos. „Also deswegen musst du dir keine Sorgen machen. Ich werd mir nichts antun. Weil das würde nichts ändern, das ist es ja gerade.“
Birgit hörte auf zu weinen. „Wie meinst du das?“
Marcel setzte sich einen Kaffee auf. „Ach Mama, das ist so schwer zu erklären. Du würdest das nicht verstehen.“
Zum ersten Mal, während sie gesprochen hatten, blickte seine Mutter ihm nun direkt in die Augen. „Ich versteh dich viel besser, als du glaubst.“
Er spürte eine Enge in seinem Hals. Aber da war auch ein Druck irgendwo unter der Brust und er spürte, dass er den keine Sekunde länger halten konnte.
„Es gibt da so eine Theorie. Dass es unendlich viele Versionen von uns gibt, in unendlich vielen Universen, die aber nichts voneinander wissen. Und manche glauben, das bedeutet, dass man unsterblich ist. Weil egal, was einem passiert, es gibt ja immer eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass man überlebt, auch bei so was wie einem Flugzeugabsturz oder einer Atombombe. Es gibt also immer irgendwelche Universen, in denen ich weiterlebe. Und mein Bewusstsein springt dann in dieses Universum.“
Birgit blickte ihn verwirrt an. „Und was ist daran so schlimm?“
„Ach, Mama“, sagte Marcel verzweifelt. „Das bedeutet, ich werde immer älter und immer kränker. Alle, die ich liebe, sterben, nur ich nicht. Irgendwann bin ich 500 Jahre alt, kann mich nicht mehr bewegen und habe unerträgliche Schmerzen.“ Kurz konnte er nicht weitersprechen, dann sagte er sehr leise: „Irgendwann bin ich dann der letzte Mensch auf der Welt.“
Birgit blickte ihn eine Weile mit geröteten Augen an und sagte dann: „Das ist der größte Schwachsinn, den ich je gehört hab.“
Marcel umarmte sie fest und sagte: „Ich hoff so arg, dass du recht hast.“
„Oh Marcel, was soll ich mit dir machen?“ Dann flüsterte sie ihm ins Ohr: „Du bist mein Licht.“ Dann weinten beide eine Weile gemeinsam, während sie sich noch immer in den Armen hielten. Danach ging es Marcel etwas besser und er schaute sich gemeinsam mit seiner Mutter „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ an, während sie beide Kaffee tranken und es draußen langsam hell wurde.
Am Dienstag erschien Marcel wieder in der Vorlesung. Er suchte in der Menge nach den Gesichtern von Pia und Julian und fand sie schließlich in einer der hinteren Reihen, ganz am Rand des Saals.
„Morgen“, sagte er knapp.
Pia öffnete den Mund. „Marcel!“
Er zwang sich zu einem Grinsen. „Hab gedacht, ich lass mich mal wieder blicken.“
Julian sagte kopfschüttelnd: „Du bist schon brutal, Marcel, echt jetzt.“
Pia sagte erregt: „Aber was war denn los die ganze Zeit?“
„Hatte ’ne Depriphase“, sagte Marcel verlegen.
Pia blickte auf ihr Pult. „Ich wollte dich längst mal besuchen kommen und nach dir schauen, aber ich hab dann halt irgendwie gedacht ...“
„Kein Stress, alles gut“, unterbrach Marcel sie rasch.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass zwischen Pia und Julian noch jemand saß.
„Das ist übrigens Milo. Sie ist aus Freiburg“, erklärte Pia.
Marcel reichte ihr die Hand. Milo ergriff sie ganz kurz und ohne Druck. Sie war klein, höchstens 1,60 m, hatte kurze, dunkelblonde Haare, die halb von einer Mütze bedeckt waren, und blau-graue Augen. Ihre Klamotten waren ihr mehrere Nummern zu groß. Die Vorlesung fing an. Marcel setzte sich neben Pia und holte Block und Kugelschreiber heraus. Das Thema war „Statistische Thermodynamik“. Marcel fiel es schwer, dem Professor zuzuhören. Ständig schweiften seine Gedanken ab. „Falls ich 100 werde, ist die Quantenunsterblichkeit sehr wahrscheinlich. Die Theorie an sich ist wahrscheinlicher, als dass gerade ich hundert werde. Es wird immer wahrscheinlicher, je älter ich werde, mit jedem Tag. Das ist das Schlimmste daran.“
Er zwang sich mit Gewalt, der Vorlesung zu folgen. „Die Anzahl der möglichen Anordnungen berechnen Sie wie immer über die Fakultät. Aber achten Sie darauf, dass ...“
Er hörte das Rascheln von Alufolie. Milo packte ein Brötchen aus. Sie entfernte die Folie sehr vorsichtig, fast zärtlich.
„In diesem Fall wird die Entropie zu null. Macht Sinn, oder?“
Marcel spürte, wie sein Puls sich beschleunigte. Er atmete vier Sekunden ein, hielt den Atem vier Sekunden lang an und atmete dann vier Sekunden aus. Blockatmung. Er blickte zu Milo hinüber. Sie hatte anscheinend einen großen Bissen im Mund, aber vergessen, ihn zu kauen. Unwillkürlich musste er lächeln.
Am Freitag saß er mit Pia, Julian und Milo in der Cafeteria und aß ein Putenschnitzel mit Kartoffelsalat.
„Ratet mal, was der Danneker zu Laura gesagt hat, ihr wisst schon, Laura Gebhardt.“
Da niemand reagierte, erzählte sie direkt weiter: „Er hat ihr gesagt, sie solle mal einen IQ-Test machen, weil er sich das Ganze mit ihr nicht mehr anders erklären kann.“
Julian lachte schallend. „Nicht dein Ernst?“
„Boah, das ist fies“, sagte Milo in einem merkwürdig nachdenklichen Tonfall. „Ich würd Danneker gerade so gerne einen Hurensohn nennen, aber ich mag halt das Wort nicht.“ Sie zuckte mit den Achseln.
Marcel hatte während der ganzen Mahlzeit noch nicht gesprochen und Pia hatte beobachtet, wie er immer mal wieder stumm die Lippen bewegt hatte.
Jetzt aber drehte er sich zu Milo hin und sagte: „Mach's doch einfach trotzdem.“
Aus irgendeinem Grund lief sie tiefrot an und sagte ganz leise: „Ja, mach ich vielleicht nachher.“
Wie auch sonst immer hatte sie ihr Essen kaum angerührt.
Kurz vor Weihnachten fand an der Universität eine groß angekündigte Party statt. Der Dezember hatte Rekordtemperaturen gezeigt, am späten Nachmittag waren es 18 °C, deshalb fand die Feier draußen statt. Vor dem Chemiegebäude hatte man Sand aufgekippt und Strandstühle aufgestellt. Die Flasche Bier kostete 1 €. Marcel saß allein mit Milo auf der Wiese vor dem Kiosk. Pia hatte ganz kurzfristig abgesagt. Musik, Stimmengewirr und Gelächter drangen gedämpft zu ihnen. Milo lag flach auf dem Rücken und streichelte mit ihrer rechten Hand über das Gras.
„Mit deiner Mütze siehst du irgendwie ein bisschen aus wie Jesus, ich weiß nicht, warum“, sagte Marcel.
„Fuck, ich will nicht aussehen wie Jesus.“ Sie riss sich die Mütze vom Kopf, legte sie dann aber behutsam neben sich auf den Boden. Zum ersten Mal sah Marcel so wirklich ihre Haare. Sie waren an den Seiten auf wenige Millimeter rasiert.
„Mir ist langweilig, aber ich will auch nicht irgendwas machen“, sagte sie ernst. Sie war heute ungewöhnlich gesprächig. Sonst redete sie fast gar nicht, wenn man sie nicht direkt ansprach.
Marcel überlegte eine Weile nach einer passenden Antwort und sagte dann:
„Wozu hast du eigentlich die Gitarre mitgenommen, wenn du nicht drauf spielen willst?“
„Ach, ich kann's eigentlich gar nicht. Ich kann nur vier Songs, und die nicht gut.“ Auf ihrem Gesicht war keine Spur eines Lächelns.
Sie schaute ihm ins Gesicht und sagte: „Findest du es ein bisschen unsympathisch, dass ich die Gitarre trotzdem mitgenommen hab?“
„Nein, kein bisschen“, antwortete er sofort. Irgendetwas hielt ihn davon ab, „Im Gegenteil“ hinzuzufügen.
„Spiel doch einfach einen von den vier“, sagte Marcel. Seine Stimme war auf einmal belegt.
Milo schaute ihn zweifelnd an.
„Bitte“, fügte er hinzu.
„Okay. Und was, wenn du lachst?“
Sie wartete die Antwort aber nicht ab, sondern hängte sich eilig die Gitarre um und fing sofort an zu spielen.
Marcel kannte die Melodie, konnte aber gerade nicht sagen, woher. Milo griff daneben, stöhnte und begann noch mal von vorn. Und jetzt erkannte Marcel den Song. Milo fing tatsächlich an zu singen, sehr leise und schief, aber in ihrer angenehm verschleierten, etwas heißeren Stimme.
„When I was just a little boy, I asked my mother, what will I be ...“ Marcels Herz klopfte schneller, und gleichzeitig spürte er eine Schwere auf der Brust. Wie lange hatte er dieses Lied nicht mehr gehört? Als er ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter es ihm oft vorgesungen, vor allem, wenn er Angst gehabt hatte. Es hatte ihn beruhigt, und gleichzeitig hatte er oft darüber weinen müssen. Aber es waren keine bitteren Tränen gewesen.
Er legte sich auf den Rücken und lauschte Milos Stimme. Als das Lied zu Ende war, spielte sie drei flotte Akkorde, die überhaupt nicht zu dem Song passten.
„Du hast es kaputtgemacht“, sagte Marcel lachend. Sie grinste und zeigte ihm den Mittelfinger. Die Sonne stand schon tief am Himmel und das Licht fiel auf ihre Haare.
Sie stand einfach da und war sich wohl unsicher, wohin sie gucken sollte. Marcel betrachtete sie schweigend. Jetzt blickte sie zu ihm auf und, vielleicht verwundert über seinen Gesichtsausdruck, fragte sie: „Woran denkst du?“
„Verrat ich nicht“, sagte Marcel und streckte ihr die Zunge raus.
Milo schien ernsthaft verärgert darüber. „Okay, aber dann spiel ich nie wieder was für dich.“
Marcel blieb eine Weile still und schaute einfach weiter ihr Gesicht an.
Dann sagte er: „Wenn du es unbedingt wissen willst. Ich hab gerade nur gedacht, dass es immer auch noch eine andere Wahrheit gibt.“
Sie blickte ihn einige Sekunden lang merkwürdig und ernst an und sagte dann: „Aha. Was auch immer das konkret bedeutet.“
Marcel lachte.
Nach einem kurzen Zögern sagte er, ziemlich laut: „Hör mal, Milo, hättest du vielleicht Bock, dich heute Abend ein bisschen mit mir zu besaufen?“