Ich hol mir meinen Laptop von Hermann zurück

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Die Kündigung hatte mich kalt erwischt. Wieder und wieder las ich den Brief:

„Sehr geehrte Frau Z.,

hiermit kündigen wir Ihnen innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist zum 1. des folgenden Monats. Wir bedauern, Ihnen aufgrund zu wenig freier Stellen in unserer Firma keine andere Mitteilung machen zu können und wünschen Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen“

und so weiter. Was sollte ich tun? Was wohl. Bewerbungen schreiben. Ich sah mir Stellenangebote im Internet auf dem Handy an und beschloss, umgehend meinen Laptop bei meinem alten Freund Hermann, einem relativ erfolglosen Schriftsteller, abzuholen. Dort hatte ich ihn vor einer Woche vergessen. Seitdem war ich dreimal vor Hermanns Haustür gewesen und hatte geklingelt, ohne Erfolg. Entweder war er nicht da oder – was wahrscheinlicher war – er wollte mich nicht sehen. Seinen eigenen Laptop hatte er ins Pfandhaus gebracht und mich gebeten, bei unserem letzten Treffen meinen mitzubringen. Wir hatten die Gewohnheit, uns gelegentlich zu verabreden und uns über Literatur und unsere schriftstellerische Arbeit auszutauschen. Letzteres sah ich eher als Hobby, während Hermann die Sache ernster nahm und von seinem ersten Bestseller träumte.
Ich machte mich auf den Weg und beschloss, mich nicht abwimmeln zu lassen. Den Regenschirm nahm ich trotz strahlenden Sonnenscheins mit, um eine drohende Kulisse vor der Tür einzunehmen und gegebenenfalls damit heftig an die Tür zu klopfen.

Eine halbe Stunde später stand ich vor Hermanns Tür und klingelte. Zu meiner Überraschung öffnete er sofort.
„Melanie!“, rief er aus und strahlte über das ganze Gesicht. „Wie schön, dich zu sehen!“
Blitzschnell huschte ich an ihm vorbei in den Flur und widerstand der Versuchung, zu fragen, warum er mich die letzten drei Male nicht hereingelassen hatte. Statt dessen marschierte ich schnurstracks ins Wohnzimmer und entdeckte meinen Laptop aufgeklappt auf dem Tisch. Offenbar war Hermann damit beschäftigt, ein Word-Dokument zu bearbeiten, das die Überschrift „Aus dem Leben eines Schriftstellers“ trug.
„Ich komme meinen Laptop abholen“, sagte ich. „Ich habe die Kündigung bekommen und brauche ihn dringend, um Bewerbungen zu schreiben.“ Während ich noch sprach, schoss es mir durch den Kopf, dass ich mich nicht zu rechtfertigen brauchte, um meinen eigenen Laptop abzuholen. „Du kannst dir dein Dokument ausdrucken“, sagte ich deswegen mit, wie ich hoffte, genug Strenge in der Stimme, „und dann machst du bitte alles zu. Ich fahr ihn runter und hole ihn direkt mit.“
„Warum hast du es denn so eilig, Melanie? Setz dich doch erstmal hin.“ Er wies einladend auf einen Stuhl. „Es tut mir leid mit deiner Kündigung. Hast du eine Idee, was du machen willst?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nichts Genaues.“ Zögernd setzte ich mich. Vielleicht war es ganz gut, mit einem alten Freund über mein Problem zu reden. „Ich habe mir die Stellenangebote angeschaut, es ist zum Verzweifeln. Was man alles können muss und was ich nicht kann.“
„Du hast doch tolle Fähigkeiten, Melanie. Willst du eine Tasse Kaffee? Dann analysieren wir das Problem in Ruhe.“
„Gerne“, sagte ich. Fünf Minuten später saßen wir uns am Tisch gegenüber, jeder mit einer Tasse Kaffee vor sich und Hermann außerdem mit meinem Laptop.
„Was schreibst du da eigentlich?“, fragte ich.
„Ein paar Anekdoten“, erwiderte er. „Aus dem Leben eines Schriftstellers.“
„Also aus deinem.“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Naja, so bekannt bin ich nicht, das weißt du ja. Der große Durchbruch lässt auf sich warten. Und die Anekdoten habe ich zum größten Teil erfunden. Aber zurück zu dir. Was meinst du damit, was man alles können muss und was du nicht kannst?“
„Ich kann keinen Reifen wechseln, kein Drehbuch auf Französisch übersetzen und noch nicht mal auf Anhieb auf Englisch reden“, sagte ich kläglich.
„Wer verlangt denn so etwas?“
Ich zuckte die Achseln. „Stand in verschiedenen Stellenanzeigen. Also nicht alles auf einmal. Aber gute Englisch- und Französischkenntnisse. Ich bin total eingerostet. Schande über mich. Das kommt davon, wenn man jahrelang die gleiche Arbeit macht und glaubt, das würde immer so weitergehen. Und handwerkliche Sachen kann ich schon gar nicht.“
„Melanie“, sagte Hermann sanft, griff über den Tisch und nahm meine Hand, „ich wollte dir schon lange etwas sagen.“
Um Gottes willen. Er wollte mir doch nicht etwa einen Heiratsantrag machen? Ich saß vor Entsetzen stocksteif da.
„Du bist nicht alleine“, fuhr er fort und ließ meine Hand los, „ich habe mir tatsächlich etwas überlegt. Wie wäre es, wenn wir zwei zusammen einen Roman schreiben? Das schwirrt mir schon lange im Kopf herum.“
Gottseidank. Ich atmete erleichtert auf. „Das können wir machen“, stimmte ich zu. „Wird aber nicht über Nacht funktionieren.“
„Das ist klar. Aber ich denke, wenn wir zwei zusammen loslegen, haben wir eine größere Aussicht auf Erfolg. Es gibt doch viele Autoren, die zusammen ein Buch herausbringen.“
Ich nickte. „Aber das löst nicht mein Problem.“ In dem Moment fiel mir wieder ein, weshalb ich hergekommen war. Ich stand auf. „Danke für den Kaffee. Druck dein Dokument aus und fahr den Laptop runter, ich nehme ihn jetzt mit.“
„Natürlich, Melanie.“ Er machte tatsächlich, was ich gesagt hatte. Ich nahm den Laptop an mich und umklammerte ihn fest.
„Wann treffen wir uns denn, um unseren Roman zu besprechen?“, fragte er.
„Wie wäre es nächste Woche, Dienstag, bei mir? 20.00 Uhr? Also nach dem Abendessen?“ Bei Hermann war es wichtig, zu betonen, dass es sich nicht um eine Einladung zum Essen handelte.
„Dienstag passt mir gut“, stimmte er zu. „Ich bring dich noch zur Tür. Du kannst ja schon mal darüber nachdenken, was für ein Thema unser Roman haben soll. Ich mache mir auch Gedanken.“
An der Tür fiel mir etwas ein. „Du hast hoffentlich nicht das Passwort geändert?“
„Ts, Melanie, was du immer von mir denkst.“ Er öffnete die Tür. „Bis Dienstag!“

Zu Hause angekommen, fuhr ich den Laptop hoch, sah mir nochmal die Stellenangebote an, tippte drei Bewerbungen und schickte sie ab. Dann nahm ich die lokale Tageszeitung zur Hand. Auf der ersten Seite wurde darüber berichtet, dass die Arbeitslosigkeit gestiegen sei. Wer hätte das gedacht.
Unwillkürlich kam mir eine Idee. Wie wäre es, eine Geschichte über einen Protagonisten zu schreiben, der in die Arbeitslosigkeit rutscht und einen Bestseller schreibt?
Ich nickte vor mich hin. Das wäre eine Idee. Hermann würde begeistert sein.
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe SilberneDelfine,

tatsächlich war das wohl bei der Joanne K. Rowling so wie ich mal las, allerdings erfand sie Harry Potter und schrieb nicht über die Mühsal der vom Sozialamt abhängigen arbeits- und wohnungslosen, alleinerziehenden Mutter.

Du hast da sehr schön die Rahmenbedingungen der Freundschaft von 'Beladenen' skizziert und die Charaktere durchscheinen lassen, wenn mir auch Hermann sehr entspannt rüberkommt und Melanies Misstrauen nicht gerechtfertigt zu sein scheint. Aber sie wird wohl ihre Erfahrungen mit der 'Entspannheit' gemacht haben.
Man möchte den beiden Glück wünschen bei ihrem Projekt.

Liebe Grüße
Petra
 



 
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