Ich komme wieder
Klinikbesuche gehören zum Alltag in der rechtlichen Betreuung. Für mich war es neu, eine geschützte Station der Psychiatrie zu besuchen. Früher hieß es „die Geschlossene“.
Ich stehe vor der verschlossenen Tür von Station 2C und habe geklingelt. Ich warte und ich lausche.
Es tut sich gefühlt lange nichts und ich frage mich, ob ich noch einmal klingeln soll. Dann höre ich Schlüssel und mein Herz klopft schneller, als ob es etwas Besonderes sei, eingelassen zu werden.
Gleich lerne ich meinen neuen Klienten, Herrn P. Jahrgang 1967 kennen. Die Akte habe ich gelesen. Den Menschen kenne ich noch nicht.
Mir öffnet eine junge Frau in Alltagskleidung. Vielleicht ist sie Mitte Zwanzig. Ich hatte Schwesternkleidung erwartet. Sie lächelt mich an und sagt: „Guten Tag, wie kann ich helfen?“.
Ich nenne meinen Namen und sage, dass ich Betreuerin von Herrn P. bin. Fast wirkt es, als freue sie sich und sie lässt mich mit einem Kopfschwung Richtung Station hinein. Hinter mir schließt sie ab. Der dicke Schlüsselbund verschwindet in ihrer Tasche und das lange Band baumelt um ihre Oberschenkel. „Kommen Sie mit, immer mir nach,“ sagt sie und eilt voran.
Ich folge und schaue. Auf dem Flur ist es lebendig. Alle tragen Alltagskleidung, bis auf einen jungen Mann, der trägt nur ein Shirt, sonst nichts. Ich schaue nicht.
Der Flur ist vielleicht zwei Meter breit und hat viele Türen. Manche sind offen, andere geschlossen. Diese Türen haben ein Sichtfenster mit Rollo. Manche Rollos sind zu.
Am Ende des Flurs gibt es zwei Abzweigungen. Eine nach links, eine nach rechts und wieder Zimmer. Geradeaus öffnet sich ein großer Saal mit Tischen und Stühlen, Bücherregalen und Sideboards. Der Boden ist mit PVC belegt, macht kaum Geräusche.
Wir gehen durch den Saal und viele Blicke treffen mich. Ich kann nicht sehen, wer zum Pflegepersonal gehört. Ich lächle alle an, als wollte ich mich als die Neue vorstellen. Die meisten interessiert es nicht. Einer springt auf und ruft uns nach: „Kommen Sie zu mir?“ „Nein,“ sagt die Schwester, „heute nicht, Dirk. Setz dich gerne wieder hin.“ Wir ziehen weiter. Hinter dem Saal gibt es wieder zwei Abzweigungen. Eine nach links und eine nach rechts. Letztere nehmen wir und kommen vor dem Raucherzimmer zum Stehen.
Die Schwester klopft einmal fest an die Tür und öffnet sie. Eine mächtige Wolke Zigarettenrauchs wabert uns entgegen. Ich habe damals noch selbst geraucht. Es macht mir nicht so viel aus.
„Hallo Herr P.“, sagt sie in den Raum, in dem drei Menschen sitzen, schweigen und rauchen. „Ihre Betreuerin ist da.“ Ich bin gespannt, wer aufblicken wird. Es schauen alle.
Ein Mann in weißem Hemd und blauer Tuchhose steht auf. Er wirkt elegant und bewegt sich auch so. Er kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu, die ich auch ergreife. Er sagt: „Guten Tag Frau Sonnberg. Ich habe schon gehört, dass Sie sich von nun an meiner Angelegenheiten annehmen wollen. Ich komme nicht dazu, wissen Sie? Herzlich willkommen in meiner bescheidenen Bleibe.“
Er lacht mich an und drückt fest meine Hand. Seine ist feucht und klebt ein bisschen. Ich lache zurück und bedanke mich für den netten Empfang. Dann stehen wir da voreinander und sehen uns an. In meinem Kopf suche ich nach Tutorials für solche Situationen und finde nichts. Fast frage ich ihn, ob wir irgendwo ungestört sein können und schlucke dies rechtzeitig herunter.
Wir bleiben einfach vor der Tür des Raucherzimmers stehen. Er sagt mir, er habe eh nicht viel zu sagen. Er wisse eh nicht, warum er in der Klinik sei und dass er eine Betreuerin brauche, hält er für völligen Quatsch. Dann sagte er charmant: „Aber Sie sind nett, Frau Sonnberg. Sie können bleiben.“
Für den ersten Besuch haben wir beide genug. Er braucht seine Ruhe und ich ein Gesprächskonzept. Ich sage ihm, dass ich bald wiederkomme und dass wir dann besprechen, was ich für ihn tun kann.
„Ja, machen Sie das.“, sagt er, hält mir die Hand hin, die ich nehme. Dann dreht er sich weg und verschwindet im Raucherraum. Auf dem Weg zurück zur Eingangstür suche ich mir jemanden von den Anwesenden, der einen Schlüssel hat. Ich werde mit einem Nicken des Pflegers entlassen.
Mein nächster Besuch gilt dem Elternhaus von Herrn P.. Ich möchte mich auch dort vorstellen, denn der Vater hatte die Betreuung angeregt. Bislang hatte er sich um die Angelegenheiten seines Sohnes gekümmert. Er fühlt sich der Aufgabe aber nicht mehr gewachsen.
Wir sitzen im Wohnzimmer. Den angebotenen Kaffee lehne ich dankend ab. Der Vater berichtet, was ihm wichtig ist. Einiges davon steht nicht in der Akte. Das merke ich mir. Der Vater macht sich Sorgen. Fast regt er sich auf als er sagt: „Ich verstehe das alles nicht. Der redet so viel dummes Zeug. Dabei war er mal ein guter Schüler. Sein Studium hat er plötzlich geschmissen. Er hätte ja was anderes studieren können als BWL. Aber nein, da hängt er plötzlich nur noch rum in seinem Zimmer und redet davon, dass man im Radio über ihn spricht. Das stimmt nicht, ich habe nie so etwas gehört. Seit meine Frau nicht mehr da ist, ist es schlimmer geworden. Jetzt erzählt er mir, dass Beethovens Werke von ihm stammen. Der hat sie doch nicht mehr alle. Ich kann das alles nicht mehr. Er muss ausziehen. Der Junge ist jetzt 40. Ich habe ihm eine Wohnung gekauft. Da kann er hin. Machen Sie das jetzt bitte, Frau Sonnberg.“
Ich erfahre noch, dass Herr P. seine Arbeit in der Werkstatt für Behinderte geschmissen hat. Dort nannte man ihn „den Abiturienten“, weil er immer so geschwollen daherredet. Er hatte einen Job im Sekretariat. Da kommen nur die Schlauen hin, so der Vater. Auch das merke ich mir. Ich möchte Herrn P. darauf ansprechen.
Mir wird klar, dass ich dem Vater nichts versprechen kann. Ich gebe ihm eine Adresse an die Hand und schlage ihm vor, dass er einfach mal unverbindlich an einem Angehörigen-Stammtischtreffen teilnimmt. Er fragt mich und sich was das bringen soll, aber er will es sich anschauen.
Zum Abschied lächelt er und sagt mir, dass er froh ist, dass ich jetzt da bin, ich sei ihm sympathisch. Das fühlt sich schwer auf mir an. Auf der Heimfahrt wundere ich mich noch länger über das fehlende Wissen über das Krankheitsbild.
Für meinem nächsten Besuch auf Station 2C habe ich ein Arztgespräch vereinbart. Vorher möchte ich Herrn P. noch sprechen. Der Vater ist auch da. Er steht vor der Tür des Zimmers von Herrn P. und schreit herum: „Jetzt reiß dich mal zusammen, Junge. Die wollen dir hier helfen. Du machst alles nur noch schlimmer mit deinem Theater!“ Dann sieht er mich und sein Gesicht hellt sich um einen Hauch auf. Er grüßt stumm und verlässt die Station.
„Hallo Herr P.“, sage ich, „darf ich reinkommen?“. Er nickt und befiehlt: „Tür zu!“
Es fühlt sich falsch an zu fragen, wie es ihm geht. Also sage ich erst einmal nichts, sondern setze mich an den kleinen Tisch, der im Einzelzimmer steht. Das Bett ist gemacht. Herr P. sitzt auf der Bettkannte, in weißem Hemd und blauer Tuchhose. Das Zimmer ist stickig. Es riecht nach Bodylotion und gerauchten Zigaretten. Herr P. starrt zur Tür. Dann sagt er: „Ich weiß nicht, was ich hier soll. Das Essen schmeckt nach Scheiße. Die Leute sind dumm. Ich habe ihnen nichts zu sagen. Und Sie wissen sicher auch nicht, wer ich wirklich bin. Ich bin fertig auf dieser Welt. Es ist alles gesagt.“
Als ich ihn frage, was ich für ihn tun kann, schaut er mich ungläubig an. „Sie wollen wissen, was Sie für mich tun können? Wer sind Sie denn, dass Sie meinen, Sie könnten etwas für mich tun?“ Er wird laut und rückt sich weiter vor auf der Bettkante. Mir wird mulmig. „Holen Sie mich hier raus, verdammt nochmal!“, schreit er und dann fliegt die Wasserflasche vom Nachttisch in meine Richtung. Sie verfehlt mich knapp und landet über mir an der Wand. Ich verlasse das Zimmer und fühle mich hilflos. Wahrscheinlich sieht man mir das an, als ich aus dem Zimmer komme, denn der Pfleger, der in der Nähe steht, rennt ins Zimmer. Ich sage ihm noch: „Richten Sie ihm bitte aus, ich komme wieder.“ Und dann gehe ich.
Ich brauche zwei Tage, um das Erlebte einzuordnen. Ich habe viele Fragen an mich, an meine Mentorin und an meinen Mann. Die lassen sich nicht alle klären. Am Ende sage ich mir selbst: „Du hast ja gesagt, dann ist auch ja.“
Ich kam wieder. Und irgendwann hörten wir auf, einander zu misstrauen. Wir lernten, miteinander zu plaudern.
Als er in seine Wohnung entlassen wird, hat er auch einen Pflegegrad, Entlastungsleistungen und Ambulant Betreutes Wohnen.
Herr Sch. vom ABW ist Diplom Psychologe. Manchmal treffen wir uns zu dritt. Er darf Herrn P. sagen, dass er Quatsch erzählt. Sogar wörtlich. Ich nicht. Ich konnte das nicht.
Die Jahre gehen dahin. Wir gehen einmal im Monat zusammen einen Kaffee trinken. Es gibt kaum etwas zu reden, denn ist ja alles gesagt. Aber wir halten eine ganze Weile an diesem Kaffeetrinken fest.
Eines Tages, als ich einen neuen Termin vereinbaren möchte, sagt er mir, dass die Termine nicht nötig seien. Er hätte lieber seine Ruhe.
Herr P. ist jetzt 50 Jahre alt. Eine weitere neurologische Erkrankung macht ihn müde. Herr Sch. kommt weiter regelmäßig und auch Frau S. darf weiter im Haushalt helfen.
Es fühlt sich ein wenig komisch an, wie ausgeschlossen. Dann besinne ich mich, die rechtliche Betreuerin zu sein. Die Angelegenheiten sind geordnet, berichte ich im Jahresbericht an das Betreuungsgericht. Ich schreibe auch, dass das Arbeitsbündnis vertrauensvoll und zugewandt ist.
Weitere Jahre vergehen. Herr P. erkennt, dass meine Haare weiß werden und sagt es mir, wie es ist.
Dann erhält Herr P. vor gut einem Jahr eine Krebsdiagnose. Die Chemotherapie lehnt er ab. Er sagt, er habe nichts. Die Bestrahlungen lässt er zu. Sie helfen. Seine Entscheidung, auf eine weitergehende Therapie zu verzichten, fällt er bewusst. Ich trage sie mit.
Die Wohnung geben wir auf, denn der Pflegeaufwand ist zu hoch. Herr P. lebt jetzt in einem Pflegeheim. Er ist dort gerne. Er sagt, es gehe ihm gut und ich kann nach fast 20 Jahren Beziehung sehen, dass das stimmt.
Von Herrn P. lernte ich, dass Vertrauen nicht unbedingt mit richtigen Worten beginnt. Es beginnt damit, wiederzukommen.
Klinikbesuche gehören zum Alltag in der rechtlichen Betreuung. Für mich war es neu, eine geschützte Station der Psychiatrie zu besuchen. Früher hieß es „die Geschlossene“.
Ich stehe vor der verschlossenen Tür von Station 2C und habe geklingelt. Ich warte und ich lausche.
Es tut sich gefühlt lange nichts und ich frage mich, ob ich noch einmal klingeln soll. Dann höre ich Schlüssel und mein Herz klopft schneller, als ob es etwas Besonderes sei, eingelassen zu werden.
Gleich lerne ich meinen neuen Klienten, Herrn P. Jahrgang 1967 kennen. Die Akte habe ich gelesen. Den Menschen kenne ich noch nicht.
Mir öffnet eine junge Frau in Alltagskleidung. Vielleicht ist sie Mitte Zwanzig. Ich hatte Schwesternkleidung erwartet. Sie lächelt mich an und sagt: „Guten Tag, wie kann ich helfen?“.
Ich nenne meinen Namen und sage, dass ich Betreuerin von Herrn P. bin. Fast wirkt es, als freue sie sich und sie lässt mich mit einem Kopfschwung Richtung Station hinein. Hinter mir schließt sie ab. Der dicke Schlüsselbund verschwindet in ihrer Tasche und das lange Band baumelt um ihre Oberschenkel. „Kommen Sie mit, immer mir nach,“ sagt sie und eilt voran.
Ich folge und schaue. Auf dem Flur ist es lebendig. Alle tragen Alltagskleidung, bis auf einen jungen Mann, der trägt nur ein Shirt, sonst nichts. Ich schaue nicht.
Der Flur ist vielleicht zwei Meter breit und hat viele Türen. Manche sind offen, andere geschlossen. Diese Türen haben ein Sichtfenster mit Rollo. Manche Rollos sind zu.
Am Ende des Flurs gibt es zwei Abzweigungen. Eine nach links, eine nach rechts und wieder Zimmer. Geradeaus öffnet sich ein großer Saal mit Tischen und Stühlen, Bücherregalen und Sideboards. Der Boden ist mit PVC belegt, macht kaum Geräusche.
Wir gehen durch den Saal und viele Blicke treffen mich. Ich kann nicht sehen, wer zum Pflegepersonal gehört. Ich lächle alle an, als wollte ich mich als die Neue vorstellen. Die meisten interessiert es nicht. Einer springt auf und ruft uns nach: „Kommen Sie zu mir?“ „Nein,“ sagt die Schwester, „heute nicht, Dirk. Setz dich gerne wieder hin.“ Wir ziehen weiter. Hinter dem Saal gibt es wieder zwei Abzweigungen. Eine nach links und eine nach rechts. Letztere nehmen wir und kommen vor dem Raucherzimmer zum Stehen.
Die Schwester klopft einmal fest an die Tür und öffnet sie. Eine mächtige Wolke Zigarettenrauchs wabert uns entgegen. Ich habe damals noch selbst geraucht. Es macht mir nicht so viel aus.
„Hallo Herr P.“, sagt sie in den Raum, in dem drei Menschen sitzen, schweigen und rauchen. „Ihre Betreuerin ist da.“ Ich bin gespannt, wer aufblicken wird. Es schauen alle.
Ein Mann in weißem Hemd und blauer Tuchhose steht auf. Er wirkt elegant und bewegt sich auch so. Er kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu, die ich auch ergreife. Er sagt: „Guten Tag Frau Sonnberg. Ich habe schon gehört, dass Sie sich von nun an meiner Angelegenheiten annehmen wollen. Ich komme nicht dazu, wissen Sie? Herzlich willkommen in meiner bescheidenen Bleibe.“
Er lacht mich an und drückt fest meine Hand. Seine ist feucht und klebt ein bisschen. Ich lache zurück und bedanke mich für den netten Empfang. Dann stehen wir da voreinander und sehen uns an. In meinem Kopf suche ich nach Tutorials für solche Situationen und finde nichts. Fast frage ich ihn, ob wir irgendwo ungestört sein können und schlucke dies rechtzeitig herunter.
Wir bleiben einfach vor der Tür des Raucherzimmers stehen. Er sagt mir, er habe eh nicht viel zu sagen. Er wisse eh nicht, warum er in der Klinik sei und dass er eine Betreuerin brauche, hält er für völligen Quatsch. Dann sagte er charmant: „Aber Sie sind nett, Frau Sonnberg. Sie können bleiben.“
Für den ersten Besuch haben wir beide genug. Er braucht seine Ruhe und ich ein Gesprächskonzept. Ich sage ihm, dass ich bald wiederkomme und dass wir dann besprechen, was ich für ihn tun kann.
„Ja, machen Sie das.“, sagt er, hält mir die Hand hin, die ich nehme. Dann dreht er sich weg und verschwindet im Raucherraum. Auf dem Weg zurück zur Eingangstür suche ich mir jemanden von den Anwesenden, der einen Schlüssel hat. Ich werde mit einem Nicken des Pflegers entlassen.
Mein nächster Besuch gilt dem Elternhaus von Herrn P.. Ich möchte mich auch dort vorstellen, denn der Vater hatte die Betreuung angeregt. Bislang hatte er sich um die Angelegenheiten seines Sohnes gekümmert. Er fühlt sich der Aufgabe aber nicht mehr gewachsen.
Wir sitzen im Wohnzimmer. Den angebotenen Kaffee lehne ich dankend ab. Der Vater berichtet, was ihm wichtig ist. Einiges davon steht nicht in der Akte. Das merke ich mir. Der Vater macht sich Sorgen. Fast regt er sich auf als er sagt: „Ich verstehe das alles nicht. Der redet so viel dummes Zeug. Dabei war er mal ein guter Schüler. Sein Studium hat er plötzlich geschmissen. Er hätte ja was anderes studieren können als BWL. Aber nein, da hängt er plötzlich nur noch rum in seinem Zimmer und redet davon, dass man im Radio über ihn spricht. Das stimmt nicht, ich habe nie so etwas gehört. Seit meine Frau nicht mehr da ist, ist es schlimmer geworden. Jetzt erzählt er mir, dass Beethovens Werke von ihm stammen. Der hat sie doch nicht mehr alle. Ich kann das alles nicht mehr. Er muss ausziehen. Der Junge ist jetzt 40. Ich habe ihm eine Wohnung gekauft. Da kann er hin. Machen Sie das jetzt bitte, Frau Sonnberg.“
Ich erfahre noch, dass Herr P. seine Arbeit in der Werkstatt für Behinderte geschmissen hat. Dort nannte man ihn „den Abiturienten“, weil er immer so geschwollen daherredet. Er hatte einen Job im Sekretariat. Da kommen nur die Schlauen hin, so der Vater. Auch das merke ich mir. Ich möchte Herrn P. darauf ansprechen.
Mir wird klar, dass ich dem Vater nichts versprechen kann. Ich gebe ihm eine Adresse an die Hand und schlage ihm vor, dass er einfach mal unverbindlich an einem Angehörigen-Stammtischtreffen teilnimmt. Er fragt mich und sich was das bringen soll, aber er will es sich anschauen.
Zum Abschied lächelt er und sagt mir, dass er froh ist, dass ich jetzt da bin, ich sei ihm sympathisch. Das fühlt sich schwer auf mir an. Auf der Heimfahrt wundere ich mich noch länger über das fehlende Wissen über das Krankheitsbild.
Für meinem nächsten Besuch auf Station 2C habe ich ein Arztgespräch vereinbart. Vorher möchte ich Herrn P. noch sprechen. Der Vater ist auch da. Er steht vor der Tür des Zimmers von Herrn P. und schreit herum: „Jetzt reiß dich mal zusammen, Junge. Die wollen dir hier helfen. Du machst alles nur noch schlimmer mit deinem Theater!“ Dann sieht er mich und sein Gesicht hellt sich um einen Hauch auf. Er grüßt stumm und verlässt die Station.
„Hallo Herr P.“, sage ich, „darf ich reinkommen?“. Er nickt und befiehlt: „Tür zu!“
Es fühlt sich falsch an zu fragen, wie es ihm geht. Also sage ich erst einmal nichts, sondern setze mich an den kleinen Tisch, der im Einzelzimmer steht. Das Bett ist gemacht. Herr P. sitzt auf der Bettkannte, in weißem Hemd und blauer Tuchhose. Das Zimmer ist stickig. Es riecht nach Bodylotion und gerauchten Zigaretten. Herr P. starrt zur Tür. Dann sagt er: „Ich weiß nicht, was ich hier soll. Das Essen schmeckt nach Scheiße. Die Leute sind dumm. Ich habe ihnen nichts zu sagen. Und Sie wissen sicher auch nicht, wer ich wirklich bin. Ich bin fertig auf dieser Welt. Es ist alles gesagt.“
Als ich ihn frage, was ich für ihn tun kann, schaut er mich ungläubig an. „Sie wollen wissen, was Sie für mich tun können? Wer sind Sie denn, dass Sie meinen, Sie könnten etwas für mich tun?“ Er wird laut und rückt sich weiter vor auf der Bettkante. Mir wird mulmig. „Holen Sie mich hier raus, verdammt nochmal!“, schreit er und dann fliegt die Wasserflasche vom Nachttisch in meine Richtung. Sie verfehlt mich knapp und landet über mir an der Wand. Ich verlasse das Zimmer und fühle mich hilflos. Wahrscheinlich sieht man mir das an, als ich aus dem Zimmer komme, denn der Pfleger, der in der Nähe steht, rennt ins Zimmer. Ich sage ihm noch: „Richten Sie ihm bitte aus, ich komme wieder.“ Und dann gehe ich.
Ich brauche zwei Tage, um das Erlebte einzuordnen. Ich habe viele Fragen an mich, an meine Mentorin und an meinen Mann. Die lassen sich nicht alle klären. Am Ende sage ich mir selbst: „Du hast ja gesagt, dann ist auch ja.“
Ich kam wieder. Und irgendwann hörten wir auf, einander zu misstrauen. Wir lernten, miteinander zu plaudern.
Als er in seine Wohnung entlassen wird, hat er auch einen Pflegegrad, Entlastungsleistungen und Ambulant Betreutes Wohnen.
Herr Sch. vom ABW ist Diplom Psychologe. Manchmal treffen wir uns zu dritt. Er darf Herrn P. sagen, dass er Quatsch erzählt. Sogar wörtlich. Ich nicht. Ich konnte das nicht.
Die Jahre gehen dahin. Wir gehen einmal im Monat zusammen einen Kaffee trinken. Es gibt kaum etwas zu reden, denn ist ja alles gesagt. Aber wir halten eine ganze Weile an diesem Kaffeetrinken fest.
Eines Tages, als ich einen neuen Termin vereinbaren möchte, sagt er mir, dass die Termine nicht nötig seien. Er hätte lieber seine Ruhe.
Herr P. ist jetzt 50 Jahre alt. Eine weitere neurologische Erkrankung macht ihn müde. Herr Sch. kommt weiter regelmäßig und auch Frau S. darf weiter im Haushalt helfen.
Es fühlt sich ein wenig komisch an, wie ausgeschlossen. Dann besinne ich mich, die rechtliche Betreuerin zu sein. Die Angelegenheiten sind geordnet, berichte ich im Jahresbericht an das Betreuungsgericht. Ich schreibe auch, dass das Arbeitsbündnis vertrauensvoll und zugewandt ist.
Weitere Jahre vergehen. Herr P. erkennt, dass meine Haare weiß werden und sagt es mir, wie es ist.
Dann erhält Herr P. vor gut einem Jahr eine Krebsdiagnose. Die Chemotherapie lehnt er ab. Er sagt, er habe nichts. Die Bestrahlungen lässt er zu. Sie helfen. Seine Entscheidung, auf eine weitergehende Therapie zu verzichten, fällt er bewusst. Ich trage sie mit.
Die Wohnung geben wir auf, denn der Pflegeaufwand ist zu hoch. Herr P. lebt jetzt in einem Pflegeheim. Er ist dort gerne. Er sagt, es gehe ihm gut und ich kann nach fast 20 Jahren Beziehung sehen, dass das stimmt.
Von Herrn P. lernte ich, dass Vertrauen nicht unbedingt mit richtigen Worten beginnt. Es beginnt damit, wiederzukommen.