Ich sollte betroffen sein

steyrer

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Der schwarzumrandete Brief in meinem Postkasten war an eine Tote gerichtet. Ein Vermerk sagte, dass Retouren nicht an den Grazer Absender, sondern das Wiener Postfach 555 gesandt werden sollen: einen Schredder. Es handelte sich also um eine Massensendung und keine Todesnachricht. „Gott sei Dank“, dachte ich. Auch der Bogen hatte die Aufmachung eines Trauerbriefes. Hier erfuhr ich, dass ein Michael vor dem Sarg seines Papas stehe. Ein Sternchen verwies auf eine Anmerkung: „Name zum Schutz der Persönlichkeit geändert.“ Für Michael sei die Sonne untergegangen und für seine Mama die Welt, denn sie stehe nun mit ihm und den Schulden alleine da. Jede Spende zähle. Beigelegt waren etwas Krimskrams und ein Faltprospekt.
Ich fühle mich vom Namen der Toten nicht angesprochen und erfahre keinen echten der fremden Familie. Das Grazer Kinderhilfswerk lässt Briefe schreddern. Und dennoch: Ein Vater ist tot, ein Kind traurig und eine Mutter verzweifelt. Ich sollte betroffen sein.
 
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