Ich werde dich rächen

Die Wohnung sah nach einem unordentlichen Single aus – wie Eberhardt es erwartet hatte. Es störte ihn nicht. Voller Vorfreude, mit ein klein wenig Anspannung, war er seinem neuen Verehrer gefolgt. Was sollte schon dabei herauskommen, wenn man in einer Bar um halb zwölf nachts von einem Typen angequatscht und um halb drei in dessen Wohnung eingeladen wurde? Zumindest ein One-Night-Stand. Hoffentlich. Für Sex war Eberhardt immer zu haben. Dass sein neuer Verehrer mindestens zehn Jahre älter war als er, zog ihn zusätzlich an.

„Setz dich.“ Der Mann, der sich ihm in der Bar als Norbert vorgestellt hatte, nickte ihm zu und wies auf einen Stuhl in der Ecke. Eberhardt setzte sich. „Und nun?“, fragte er neckend.
„Hast du es eilig? Dann zieh dich aus und setz dich hin“, sagte Norbert. „Ich bin gleich wieder da.“ Er verschwand durch eine Tür. Eberhardt schüttelte den Kopf. Der hat es eilig, nicht ich, dachte er, aber er war kein Spielverderber. Er zog sich aus und setzte sich auf den Stuhl. Kurze Zeit später trat Norbert hinter ihn. Eberhardt schloss die Augen, riss sie aber wieder auf, als er merkte, dass ein Seil um seinen Oberkörper geschlungen und seine Hände hinter dem Stuhl damit fixiert wurden, so schnell, dass er sich nicht mehr wehren konnte. „Moment mal, was soll das?“
„Ja, was wohl.“ Norberts Stimme klang monoton. „Was glaubst du?“
„Ich finde, für solche Spielchen kennen wir uns noch nicht lange genug.“ Eberhardt versuchte, würdevoll zu sprechen, merkte aber selbst, dass seine Stimme einen ängstlichen Klang angenommen hatte.
„Du glaubst, das ist ein Spiel? Da muss ich dich enttäuschen. Es ist alles andere als ein Spiel.“ Norbert kam hinter dem Stuhl hervor, stellte sich vor ihn hin und hob die rechte Hand. Entsetzt sah Eberhardt in die Mündung einer Pistole.
„Damit hast du nicht gerechnet, was?“
„Bitte …“, stammelte Eberhardt, „bitte ... “
„Du Trottel hast gedacht, ich fahr auf dich ab“, sagte Norbert verächtlich, „ich würde sowas wie dich nicht mit der Kneifzange anfassen.“
„Warum hast du dann … ich verstehe nicht …“
„Nein? Du hast mich noch nie gesehen?“
Eberhardt schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht. Ich hab dich auch heute nicht gesehen. Lass mich gehen, bitte.“
„Ganz sicher nicht. Wir werden uns jetzt mal hübsch unterhalten, du Arschloch.“ Norbert betrachtete ihn voll Abscheu. „Was hast du heute vor zehn Jahren gemacht?“
„Heute - vor zehn Jahren?“
„Genau. Hast du da nicht als Angeklagter im Gerichtssaal gesessen? Na, klingelt es endlich?“
„Ach, das meinst du … ich war unschuldig …“
„Ich war einer der Nebenkläger, du Pfeife. Und unschuldig warst du nicht, du wurdest nur freigesprochen.“
„Ich wurde freigesprochen. Der Fall war damit abgeschlossen. Was willst du noch von mir?“
„Du und deine Kumpane habt meinen Freund umgebracht. Was soll ich da wohl wollen? Rache, Gerechtigkeit, Genugtuung - such es dir aus.“
„Es tut mir leid“, sagte Eberhardt kläglich. „Ich wollte das nicht, ehrlich.“
„Nein, du wolltest das nicht. Natürlich nicht.“ Norberts Stimme klang spöttisch. „Du hast ihn mit deinen Kumpels zusammengeschlagen - ihr drei zusammen, drei gegen einen – aber natürlich wolltest du das nicht. Du willst mich wohl verarschen, was?“

Er wechselte die Pistole in die linke Hand, holte mit der rechten aus und schlug Eberhardt zweimal kräftig mit der flachen Hand ins Gesicht. Eberhardt stiegen die Tränen in die Augen.
„Weichei“, sagte Norbert. „Pedro musste mehr aushalten als du Wichser. Er hat noch drei Tage im Krankenhaus gelegen, ehe er gestorben ist, drei Tage. Er kam nicht mehr zu Bewusstsein. Damals habe ich mir geschworen, dass ich es seinen Mördern heimzahlen werde. Wer hätte gedacht, dass dein Kumpel sich in der Untersuchungshaft umbringt und dir nichts mehr zu beweisen war.“ Er schwieg ein paar Minuten. „Es hat lange gedauert. Aber jetzt habe ich dich gefunden. Ich habe mir dein Gesicht eingeprägt Und du kannst jammern, soviel du willst – ich weiß, dass du schuldig bist.“
„Ich war dran beteiligt, ja – aber ich wollte ihn nicht umbringen.“
„Ich glaube dir kein Wort“, sagte Norbert gelassen und betrachtete ihn kalt.
„Bitte lass mich gehen“, flehte Eberhardt . „Ich werde niemadem etwas sagen.“
„Natürlich wirst du das nicht. Und weißt du auch warum? Weil du heute sterben wirst, so einfach ist das.“ Norbert legte die Pistole auf den Tisch. „Ja, wie machen wir das nur? Du könntest dich selbst erschießen. Ist mir aber zu viel Sauerei. Erst recht hier drin. Ich weiß was viel Besseres.“ Er nahm die Pistole wieder und zielte auf Eberhardt. „Zieh dich an. Nur die Hose. Hemd, Socken und Schuhe lässt du hier. Und dann gehen wir.“ Er drückte Eberhard die Pistole in den Nacken, während er den Knoten hinter seinem Stuhl wieder löste. „Du bist echt ein Flachwichser. Jeder andere hätte den Knoten selbst aufbekommen oder es zumindest versucht. Du hast lieber nur gewinselt. Toll, wenn man so alleine und ausgeliefert ist, was?“ Er zerrte ihn hoch und stieß ihn vor sich her. „Los, die Treppe runter. Und mach ja keine Faxen auf der Straße. Mir ist scheißegal, wann ich dich umlege. Kannst es auch gleich haben.“

Eberhardt zog sich die Hose über. Norbert bemerkte, dass seine Hände dabei zitterten und grinste. „Oh Mann, geht dir die Muffe. Los, runter!“ Er stieß Eberhard mit der Pistole in den Rücken. „Und dann zur Brücke."
Eine halbe Stunde später standen sie auf der großen Brücke der Stadt, unter der der Rhein wirbelnd dahin floss. Norbert hatte ein Tuch um die Pistole geschlungen, aber Eberhardt keine Sekunde aus den Augen gelassen.
„Du steigst jetzt auf das Geländer“, befahl er. Eberhardt zuckte zusammen. „Nicht …“, brachte er hervor, aber Norbert drehte ihm mit seiner linken Hand den Arm so fest auf den Rücken, dass er aufjaulte.
„Halt endlich die Schnauze“, brüllte er. „Du gehst heute Nacht sowieso drauf, schnallst du es immer noch nicht?“

Ein Auto näherte sich. Der Fahrer beachtete die beiden Männer nicht weiter und fuhr vorbei. Trotzdem witterte Eberhard eine Chance. „Du wirst doch gesehen“, sagte er. „Du kommt in den Knast.“
„So wie ihr Dreckskerle damals, was?“ Jetzt lachte Norbert laut auf. „Tja, was hast du nur für eine lange Haftstrafe für einen Mord bekommen!“ Seine Augen wurden schmal. „Du bekommst deine gerechte Strafe. Los, rauf mit dir auf das Geländer!“
Eberhardt schüttelte den Kopf. Er hatte Angst vor dem Ertrinken, noch mehr Angst als vor diesem Irren. Er blieb stehen.
„Verstehe. Nutzt dir nur nichts.“ Norbert schwang sich auf das Geländer, warf die Waffe ins Wasser und sprang mit Kopfsprung hinterher. Fassungslos sah Eberhardt zu, wie sein Körper auf das Wasser aufklatschte und dann von der Strömung mitgerissen würde.
„Das überlebt der nicht“, dachte er.
Dann rannte er so schnell weg, wie er konnte.

Zwei Wochen später wurde Eberhardt verhaftet. Der Polizei war am Tag von Norberts Verschwinden eine Mail zugegangen, in der Norbert schilderte, von einem Stalker ständig verfolgt worden zu sein, auch habe der Stalker mit Namen Eberhardt gedroht, ihn umzubringen. Nachdem Norberts Arbeitskollegen ihn als vermisst gemeldet hatten, durchsuchte die Polizei Norberts Wohnung und fand ein Hemd, Socken und Schuhe. Ein DNA- Test rundete das Bild ab.

Norberts Leiche wurde nie gefunden. Eberhardt wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Gericht glaubte ihm nicht, als er seine Unschuld beteuerte. Er überlegte, sich in der Haft das Leben zu nehmen. Aber dann ließ er es doch.
 
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