ihm

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Mondnein

Mitglied
[ 4]ihm


natürlich ist es ungerecht ich weiß es
doch das kann dir wohl gleich sein denn auch mir ists
egal: mein ganzes all mein ich verschenk ich
an ihn ihn den ich liebe alles geb ich

und damit fang ich jetzt und alle tage
von neuem an zu schenken und in nächten
vergeß ich was ich ihm vermacht und wandle
mich ihm zudenkend all mein sein in träume

ich halte nichts zurück und will nichts haben
von ihm da gibt es kein dafür kein preisschild
nein ich will nichts nur: daß ich mich ergebe
bedingungslos gedächtnislos vergebens

gerechtigkeit soll es für mich nicht geben
das opfer wird nicht als bestechung gelten
denn es hat seinen wert in sich – vernichtet
darin besteht sein wert: still zu verglühen
 

HerbertH

Mitglied
fantastisch, dieses Gedicht, es dreht sich um die ewigen Themen des Menschseins. Mag es sich auf eine Tragödie, eine Oper, einen Roman beziehen, oder "nur" auf ein Schicksal eines LyrI - ich brauch es nicht zu wissen, denn das Gedicht spricht direkt zu mir und schlägt mich in seinen Bann. Chapeau, lieber Hansz
 

Mondnein

Mitglied
Freudig erstaunt bin ich, lieber HerbertH, und Ihr lieben Werter,

denn ich hatte befürchtet, daß ein Shitstorm von "aufgeklärten Sichselbsten" mir meine Verse um die Ohren hauen würde.
(Was nicht ist, kann noch werden.)

Denn erstens ist es pur abstrakt, ein reiner, struktureller Archetypus, eine Form, eine Dimension im Seelenraum, eine Verhaltenspolarität ohne Anspruch auf eine Aufschlüsselung von der Art "Der wars, der schoß, dies der Bogen!" Das widerspricht dem Sinnlichkeitspostulat inhaltlicher Sättigung (das ich selbst doch sonst für wesentlich halte).
Zweitens ist es in der aktuellen "Sexismus"-Diskussion bedenklich, Opfergestalten zu malen: Weil eine sich den Schuh anziehen könnte, tief verletzt, oder weil einer das lieben könnte, daß er so geliebt wird. Gefährlich.

Archetypus heißt: Es geht, ganz in dem Sinne, wie Du, HerbertH, es geschrieben hast, um ein allgegenwärtiges Grundmotiv des Menschseins, wie es gerade in "Tragödien, Opern, Romanen" zum Tragen kommt. Und es heißt auch, daß es sich in irgendeiner Weise in den Seelen dimensioniert, verborgen oder peinlich, identifikationsstiftend oder abgewehrt - möglichkeitsoffen, dramatisch (sterbende Schwäne) oder devotional (Sufi-Dichter).

grusz, hansz
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lieber Hansz,

das Gedicht ist wunderbar und ebenso wunderbar löst es sich im stillen Verglühen auf.

Liebe Grüße
Manfred
 
T

Trainee

Gast
Hallo Hansz,

du bist ein wunderbares Beispiel für (meine?) These, dass ein Dichter, der sich mit allen gängigen Reim- und Gedichtsformen vertraut gemacht hat, noch am ehesten in der Lage ist, wohltönenden Klang zu erzeugen, mit den Mitteln tradierten Handwerks Inhalte sprachlich gekonnt umzusetzen.
Ein wirklich sehr schönes Gedicht! :)

Und: Das Schwierige(re), Freiere steht dir gut zu Gesicht.

Trainee
 

Mondnein

Mitglied
Das "Freiere", liebe Trainee,

ist "schwieriger" nur dann, wenn minimalistische Prinzipien in einem Gedicht gelten sollen.
Das gilt natürlich für alle sparsamen, extrem konzentrierten, diamantharten Dinger, wie Neutronensterne, Haikus, Celane usw.

Da dies hier zwar hochemotional (bedingungslose Liebe), aber sprachlich nicht ganz so celanisch oder wortgeizig daherschlendert, wars auch nicht so "schwierig", allerdings war eine gewisse Ballance auf dem Seil zu halten, ich meine die Einsinnigkeit des Grundgedankens, und das darf natürlich nicht schwierig aussehen.

grusz, hansz
 

Perry

Mitglied
Hallo Hansz,

was gibt es "Liebenswerters", als sich für einen anderen ganz hinzugeben, auch wenn es erst im Gedenken geschieht.
Konstruktiv könnte ich auf die einleitenden Zeilen verzichten und würde so beginnen:

egal: mein ganzes all mein ich verschenk ich
an ihn ihn den ich liebe alles geb ich vergeß
nicht was ich ihm vermacht und wandle
mich ihm zudenkend all mein sein in träumee

Gern hineingefühlt und gelesen!
LG
Manfred
 

Mondnein

Mitglied
Danke, Perry,

für dieses aktive, gestaltende Eingehen auf mein Gedicht. Interessant, es läßt mich darüber nachdenken, warum ich die Selbstbezichtigung des "Ungerechtseins" an den Anfang gestellt habe.

Es ist ja ein trockenes, nur scheinbar selbstbezichtigendes, understatement, in der Sprache flapsig, eben keine vorgezeigte Selbststilisierung als "Opfer", gar "Märtyrer", sondern das sorgfältige Bereitlegen der Harakiri-Klinge, mit dem weißen darum gefalteten Papier, das saubere Hemd oben aufgeknöpft, knieend, erst mal tief Einatmen, Ausatmen, Andacht, Bitte um Verzeihung bei den Märtyrern, die nach Gerechtigkeit hungern usw.

grusz, hansz
 

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