Ihr Pamphlet

Ava L. Ries

Mitglied
"Hey, Linda, wach auf. Ich brauch deine Hilfe", werde ich um 2 Uhr nachts von meiner Mitbewohnerin geweckt. Nur schwer kann ich meine Augen öffnen und sie verwirrt ansehen.
"Was? Wobei?", frage ich und reibe mir übers Gesicht, um irgendwie wacher zu werden.
"Ich weiß, ich hab mich schon oft aus dem Fenster gelehnt, aber da heute der letzte Tag ist und die Zeugnisse schon feststehen, kann ich es noch einmal wagen. Hilfst du mir?", fragt sie mich mit hilfesuchendem und so unendlich begeistertem Blick.
"Und diesmal lehnst du dich wieder raus oder wird's etwas gediegener?", frage ich nur und hoffe, dass sie nichts zu Extremes vorhat. Im Gegensatz zu ihr habe ich noch ein Jahr an dieser Schule und würde ungern kurz vor dem Abschluss in etwas reingezogen werden. Ihr breites Grinsen verheißt nichts Gutes.
"Diesmal springe ich sogar und direkt rein ins Leben!"

Danach hat mir Kira ihren Plan grob erklärt und ich habe die restliche Nacht nicht mehr geschlafen. Sie braucht mich allerdings nur, um Mr. Peters abzulenken und es wird nichts auf mich zurückfallen, das hat sie mir fest versprochen. Also saß ich stundenlang über einem anfangs noch weißen Blatt Papier, um mir zu überlegen, wie ich meinen Teil des Plans ausführen kann.
Und jetzt stehen wir in den frühen Morgenstunden beide in unseren Uniformen vorm Hauptgebäude. Kira trägt immer noch ihren viel zu kurzen Rock und ihre bauchfreie Weste, bei deren Umstyling sie so begeistert war, dass sie fast eine Änderungsschneiderei aufgemacht hätte. Zu schade, dass die Schule in den letzten Wochen keine neue Uniform mehr für sie bekommen hat, zumindest keine für Frauen. Kira lächelt mich freudig an und ihre Augen strahlen vor Aufregung. Mir zittern die Hände, aber reden war schon immer eines meiner Spezialgebiete, also vertraue ich darauf. Ich werde meinen Teil des Plans hinkriegen.
Und dann kommt Bewegung in die Sache. Die Tore werden vom alten Hausmeister geöffnet und während er uns noch verdutzt ansieht, laufen wir schon hinein. Kira nimmt den Weg links herum, weil wir beide wissen, dass Mr. Peters von rechts kommen wird. Dieser Weg ist für mich bestimmt. Bitte, Kira, lass das gut ausgehen.

Die beiden jungen Frauen trennen sich. Die eine läuft so schnell sie es in diesen unbequemen Schuhen schafft nach links den langen Gang entlang bis zur Kreuzung. Dort biegt sie quietschend rechts ein und nimmt die Tür genau in der Mitte. Sie kennt den Raum gut, auch wenn sie ihn bereits einige Wochen nicht mehr von innen sehen durfte. Und dennoch hat sich nichts verändert. Alles ist genau so wie in ihren Erinnerungen. Schnell zieht sie den kleinen regenbogenfarbenen USB Stick aus ihrer Rocktasche und fährt den PC hoch. Das alte Ding hat schon immer lange gebraucht und gerade heute verflucht Kira ihn sehr. Sie vertraut zwar darauf, dass Linda Mr. Peters ablenken kann, aber auch für ihn ist es der letzte Tag und sie ist sich nicht sicher, wie redefreudig er da sein wird. Dann bittet sie der Bildschirm endlich, den Profilnamen und das Passwort einzugeben. Das ist leicht: Schule. Schule. Also echt mal, auch da könnte sich ein so hochangesehenes Internat mal was Besseres einfallen lassen. Aber egal, für Kira ist es so nur noch einfacher. Ihre Finger fliegen flink über die Tastatur, das Dokument mit dem Namen "Gerechtigkeit" hat sie schnell geöffnet und kontrolliert ein letztes Mal das Format. Noch ein paar kleine Anpassungen und schon kann der Druck losgehen. Die Internatszeitungen für heute liegen bereits auf den Tischen ausgebreitet und Kira betrachtet sie ruhig und interessiert. Was wohl in der letzten Ausgabe für dieses Jahr drinsteht? Na gut, so interessant können die Themen gar nicht sein, denn ihres wird der Knaller!

Die andere junge Frau biegt rechts ab und stellt sich mit ihrem Ordner gezielt vor Mr. Peters Tür. Kurz schaut sie auf ihre Armbanduhr. In genau 3 Minuten würde diese Tür aufgehen und der Lehrer würde seinen Weg zum Internatszeitungsraum antreten. Angespannt und schon die ersten Worte gedanklich vorbereitend wartet Linda im stillen Gang. Plötzlich hört sie ein leises Quietschen, was sie aufschrecken lässt. Aber die Tür vor ihr ist noch immer geschlossen, also muss es Kira gewesen sein, die die Kurve mal wieder zu schnell genommen hat. Lächelnd schüttelt Linda den Kopf, als plötzlich doch die Tür vor ihr aufgeht. Ein müder, irritierter Mr. Peters kommt heraus und schaltet das Licht gerade noch aus, bevor er fragt: "Miss Linda,was machen Sie so früh schon hier? Die Abschlussfeier beginnt erst in gut einer Stunde." Jetzt heißt es: Showtime!
"Das ist eine gute Frage, Mr. Peters! Tatsächlich habe ich hier auf Sie gewartet, um etwsa von äußerster Wichtigkeit mit Ihnen zu besprechen! Also, es geht um die Anzahl der Austauschschülerinnen und -schüler. Wir nehmen ja pro Jahr immer nur eine oder einen auf und mir ist aufgefallen, dass die Tests nicht gerade fair sind. Ich weiß, dass unser Internat einen sehr guten Ruf hat und wir nur die Besten aufnehmen können, aber-" Dann wird sie schon von ihrem Lehrer unterbrochen: "Miss Linda, muss das jetzt sein? Sie wissen doch, dass ich zu tun habe. Aber Sie können mir gerne helfen, die Zeitungen abzuholen und auszulegen. Den Rest besprechen wir gerne die Tage mal, wenn wir die neue Schülerin oder den Schüler auswählen. Als Vorsitzende des Schüler*innenrats sind Sie sowieso dabei." Mr. Peters rückt seine Brille zurecht und dreht sich zur Seite, um den rechten Gang bis zum Ende zu gehen und dort den Raum zu betreten, in den Kira gerade eingebrochen ist. Linda schaltet schnell und schneidet ihrem Lehrer gekonnt den Weg ab.
"Aber gerade weil ich die Vorsitzende bin, ist es mir ein wichtiges Anliegen. Ich habe mir getsern viele Gedanken gemacht und finde wirklich, dass wir die Tests anpassen sollten. Es wäre viel besser, die potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten über einen längeren Zeitraum zu betrachten und nicht nur einen letzten Test zu nehmen. Das ist unfair denen gegenüber, die sich dasganze Jahr anstrengen und eben einmal einen schlechten Tag haben, finden Sie nicht auch?", versucht Linda, den älteren Mann aufzuhalten. Dieser sieht sie geduldig an, nutzt ihre Nachfrage allerdings dazu, sie beiseite zu schieben und seinen Weg fortzusetzen.
"Danke für Ihre Mühe und Ihre Gedanken. Ich finde es wäre trotzdem angemessener, das in der gesamten Runde in ein paar Tagen zu besprechen und nicht jetzt. Außerdem bin ich nicht die Direktorin dieser Schule. Vielleicht sollten Sie mit ihr sprechen." Linda folgt ihm direkt und versucht es noch ein letztes Mal mit ihrem Ordner, den sieprovokant vor ihm aufschlägt.
"Ich weiß doch, dass Sie nicht die Direktorin sind. Aber Sie sind doch ein wichtiges Mitglied des Komiteesund außerdem gerade hier, die Direktorin ist heute viel zu beschäftigt, um sich meine Vorschläge anzuhören. Also, ich habe etwas recherchiert und festgestellt..."

In der Druckerei läuft soweit alles gut bis die Tür vorsichtig geöffnet wird.
"Kira? Was machst du hier? Du hast doch Hausverbot bekommen", fragt der stets nette und pflichtbewusste Niklas aus Kiras Parallelklasse. Sie hat die letzten Monate mit ihm an der Internatszeitung gearbeitet, bis sie rausgeschmissen und verwarnt wurde. Eigentlich war er immer sehr nett zu ihr, aber das ausgerechnet er sie hier erwischt... Schnell, denk dir was Kluges aus! Bei diesem Gedanken schiebt sich die Schülerin langsam vor den Drucker, um die Zettel so gutwie möglich zu verdecken. Dabei sagt sie: "Hey Niklas! Na ja, ich weiß, dass ich hier nicht sein darf, aber der Drucker hier ist nun mal der Beste des ganzen Hauses, das weißt du doch."
"Und wofür brauchst du denso früh am Morgen?", Niklas merkt, dass da etwas nicht stimmt und kommt langsam näher.
"Na ja, also... für meine Abschlussparty! Ich wollte coole, bunte Zettel heute an alle verteilen, weil ich ja bald wieder nachhause fliege!", erklärt Kira und lächelt so überzeugend sie kann. Doch ihren Kollegen kümmert das nicht viel und er hebt, nach kleinem Gerangel mit Kira, erfolgreich einen der Zettel hoch. Laut liest er vor: "Gerechtigkeit und Liebe für alle." Dann schmunzelt er bis er auf das Bild blickt, was unter der großen Überschrift abgebildet ist.
"Was machst du da nur wieder, Kira?", fragt er und wird rot.
"Niklas, bitte, bitte, bitte, bitte sag es niemandem! Du bist die einzige Variable, die in meiner Rechnung für diese Aktion heute nicht drin war. Alles andere klappt gerade so gut. Ich bitte dich, verrate mich nicht!", Kira klingt verzweifelt und faltet ihre Hände wie für ein Stoßgebet vor ihrer Brust, obwohl sie weiß, dass diese Aktion sowieso irgendwelche Konsequenzen für sie haben wird. Sie traut Mr. Peters sogar zu, noch im Nachhinein ihre Noten zu verändern oder sie doch noch von der Schule zu schmeißen. Doch überraschenderweise lächelt Niklas freundlich. Dann sagt er: "Gut, hau schon ab. Ich nehme an, die sollen in die Zeitung ganz nach vorne? Ich mache das fertig bevor Mr. Peters kommt."
"Danke, danke, danke!", kreischt Kira freudig auf und umarmt ihren Mitschüler eifrig. Dann drückt sie ihm noch einen Kuss auf den Mund, was für den mit Mädchen noch unerfahrenen Jungen später eine besondere Erinnerung sein wird, auch wenn sie es in ihrem berauschend hektischen Leben schon am Nachmittag wieder vergessen haben wird. Danach zieht sie ihren USB Stick wieder raus und verlässt flink sowie triumphierend lächelnd den Raum. Niklas lässt sie mit geröteten Wangen und einem nachdenklichen Finger an seinen Lippen zurück.

"Ja, aber Mr. Peters!", versucht es Linda ein letztes Mal verzweifelt und kann den Lehrer doch nicht einfach an seinem Hemdärmel packen, oder? Doch zu ihrer Erleichterung hört sie von hinten federnde Schritte auf sie zukommen und kennt diesen Gang nur zu gut.
"Das hast du wunderbar gemacht, meine Liebe", Linda wird stürmisch von hinten umarmt und kriegt wie immer einen Kuss auf ihre weiche Wange gedrückt.
"Du bringst mich noch ins Grab", scherzt die Schülerin lachend und wirkt doch erleichtert, dass alles geklappt hat, auch wenn sie sich sicher ist, dass Mr. Peters ihr überschwängliches Engagement später auf diese Aktion zurückführen wird, aber Beweise wird er dafür keine haben, zumindest da ist sie sich sicher. Denn Kira war immer schon gut darin, ihre Spuren zu verwischen.
Danach schlendern beide gemütlich Richtung Aufenthaltsraum, wo sie die letzten Minuten bis zur großen Abschlussfeier verbringen wollen. Linda hat wie immer ein Buch dabei, kann sich aber überhaupt nicht konzentrieren, weil Kira ständig mitihrem Bein wippt und sie dabei immer wieder streift.
"Was ist denn jetzt noch?", fragt die Jugendlich sichtlich genervt.
"Ich bin einfach so aufgeregt, das ist alles. Und ich bin gespannt, was du dazu sagen wirst", kichert die andere fröhlich und kindlich und doch auch so verwegen. Wie kann in nur einem Menschen so viel Schelm stecken? Oder liegt das tatsächlich an kulturellen Unterschieden? Nein, das kann sich Linda nicht vorstellen. Es muss an Kira als Person liegen. Es kann nur so sein.

Und dann geht es los und Kiras Plan hoffentlich auf, denn die Abschlussfeier beginnt. Alle setzen sich auf ihre Plätze, alle haben die letzte Internatszeitung für dieses Jahr in ihren Händen und natürlich kann niemand die unzähligen Reden der Lehrkräfte abwarten. Alle schlagen sie auf und wollen durch die Seiten blättern, aber etwas hält sie auf und alle sehen es. Alle sehen sie. Sie alle sehen zwei nackte Brüste, die sich in den Vordergrund drängen und für das Foto in allen Farben des Regenbogens angemalt wurden. Vor ihnen formen zwei zierliche Hände ein Herz, aber das fällt den Meisten erst auf den zweiten Blick auf. Der Kopf der jungen Frau auf dem Foto ist oben hin abgeschnitten, sodass man nur ihren Hals sehen kann und dieser trägt ein auffälliges Muttermal. Die überschrift verdeckt es großteils, aber alle wissen es bereits. Alle brauchen sie nur dieses Bild, diese mutige und entschlossene Aktion zu sehen und sie wissen es: Das kann nur Kiras Werk sein.
Die Lehrkräfte auf der Bühne bekommen davon nichts mit und sehen sich irritiert um, werfen sich fragende Blicke zu. Währenddessen beginnt die Menge zu toben, die Jungs johlen laut, suchen sich nach der Täterin, dem Schelm, um. Die Mädchen kichern und bewundern Kiras Stärke. Nur Niklas wird mal wieder rot.
"Ruhe bitte, Ruhe!", ruft die Direktorin die Meute zur Disziplin auf, aber vergebens. Hier und heute wird keine und keiner mehr stillsitzen, hier wird niemandem mehr zugehört. Hier wird nur noch gelacht und gegrölt und gefeiert, weil endlich mal jemand das ausspricht, was sich in diesem starren System alle denken: Gerechtigkeit und Liebe für alle.
 
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