Imaginäres Dreieck

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Marcus Soike

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Der Philosoph entwirft Sätze für Tagebuch, Ewigkeit, vielleicht auch für eine Frau:
-"Ein Dreieck ist Ping-Pong mit Schmettern parallel zum Netz."
-"Bei der Billard-Triangel ist die Form nötig, um in die Nähe jedes Lochs zu kommen."
-"Von zwei Punkten gehen Parallelen ab und treffen sich in der gemeinsamen Höhe: Der Unendlichkeit. Ist dies nicht auch ein Dreieck?"
Er zerstieß das Eis in seinem Jack Daniels noch ein bisschen, schwenkte das Glas und trank.

Die Frau hatte in der Therapie kürzlich ihre Flashbacks erwähnt. Jetzt sitzt sie abends allein in der Küche. Sie trinkt wieder - Thema für die nächste Therapiestunde? Für Therapie, Traumabewältigung, Loslassen? Bilder ihres Vaters, ihres Kerls kommen hoch. Sie sind wieder zu dritt, denn die Frau trinkt wieder. Die Bilder werden deutlicher, bedrohlich. Die Nacht wird lang.

Der beste Freund des Mädchens: hellblau schimmernde Augen im Halbdunkel unter der Bettdecke. Das Weinen aus dem Schlafzimmer der Eltern, der brüllende Vater ließ das Mädchen zittern. Der beste Freund summte ihr ein Lied, nahm sie in die Arme, ließ sie in seine Arme flüchten, ließ sie vor sich selbst flüchten.
Der Vater betrat das Zimmer. Sein besoffener Bariton wurde zärtlich. Der beste Freund verstummte. Das Mädchen heulte auf. Sie waren wieder zu dritt, denn der Vater hatte das Kinderzimmer betreten. Vater, Mutter, Kind - das war einmal. Nun gab es Mißbrauch, Stillschweigen und Mißbrauchte.

Die Frau schreckt hoch. Die Träume, das Trauma, sie sind zurück.

Der Philosoph zimmert Sätze. Es tut ihm gut, über den Dingen zu stehen, nicht leiden zu müssen, beobachten zu dürfen.
-"In der Höhe ein Schnitt - zurück zur Basis, eine Linie finden, die Steigung erneut vollziehen."
-"Sie folgte ihrer Linie, sprang bald im Quadrat."
-"Die Unendlichkeit des Kreises ist verwinkelt im Dreieck zu finden."
Frühmorgens fällt er ins Bett, vom Alkohol gnädig betäubt.

Der Kerl ist besoffen, doch er findet keinen Schlaf. Die Frau liegt neben ihm. Tut so als ob sie, suffbetäubt, schläft.
"Ich will dich nicht mit deiner Neurose teilen!", lallt er halb weinerlich, halb aggressiv. Wobei er doch Teil ihrer Neurose ist - Sie sind also zu zweit, schön für ihn, der dritte Teil ist nur imaginär... Der Kerl säuselt noch ein paar Zärtlichkeiten, die die Dunkelheit mit Fuselgestank durchdringen. Stinkendes Déja vu. Die Frau will in den Schlaf flüchten. Als das nicht funktioniert, stellt sie sich schlafend. So ist es nicht sie, die ertragen muss, was nun kommt. Ihr bester Freund muss ertragen: den Fuselatem, den Gestank billigen Drehtabaks, das grobe Befingern...
Ihr imaginärer Freund kann die Frau heute nicht trösten: Vater zu weit weg, Schmerz zu weit weg. Der Suff ist heute Nacht der Tröster. Die Frau, das kleine Mädchen in ihr, der Suff, sie umgrenzen sich souverän nach drei Seiten, doch die Hölle spielt sich innerhalb des Dreiecks ab.

Der Philosoph:
-"Ein Punkt öffnet sich in die Weite, schließt die Fläche, sprengt den Raum."
-"Die kürzeste Entfernung zweier Punkte braucht den dritten Punkt als Umweg, um kürzest zu sein."

Die Frau sitzt bei ihrer Psychologin. Diese hatte gefragt, ob ihre Praktikantin an diesem Termin teilnehmen darf. Die Frau hatte sich das verbeten. Ein echter Abgrenzungserfolg.
"Ich möchte Ihnen auch keine Paartherapie anbieten", sagt die Psychologin. Einer von uns dreien würde stören."
"Na also."
Ist Weltflucht schlimm? Ist es schlimm, die Kontrolle zu verlieren? Oder vor der Kontrolle zu fliehen?... Mann, Frau und Suff, welcher Gesichts-/ Dreieckspunkt stört da?... Mann, Frau und Kind mit aufgeplatztem Gesicht, welcher Dreiecks-/ Fluchtpunkt stört da?... Zurück zur 2 oder vor zur 4?... Im Dreieck herumspringen und im 4-Mast-Segler weitersegeln? Oder im Doppeldecker... abstürzen?
Die Psychologin kommt nicht zu Wort. Was sie hätte sagen wollen: Zwei Säulen tragen eine Last, da geht es los mit den Zahlen... Die 3 als Schicksalszahl des Ungleichgewichts... Ihr Vater gewinnt, weil Sie trinken. Sie trinken, weil Ihr Vater trinkt. Ihr Kerl gewinnt, weil Sie einen trinkenden Vater haben und selber trinken und er gewinnend mittrinken kann...
"Wann ziehen Sie die Reißleine, die die Triangel hält?"


Der Kerl sitzt in einer schmierigen Altmännerkneipe: Dart, Flipper, Musikbox... Er bestellt noch einen doppelten Korn.
Romantischer Gedanke, dass die Frau ihn hier abholt... aber sie ist woanders. Immer ist sie woanders, und wenn sie dann doch mal bei ihm ist, scheint die Zeit nicht zu stimmen... Sie macht eine Kunst daraus, sich auszuklinken. Wenn Sie mit ihm spricht, ist es oft so, als rede sie mit jemand ganz anderem. Wenn sie ihn ansieht, schaut sie durch ihn hindurch. Wenn sie sich lieben, wird klar, dass sie ihn liebt, weil er sie an ihren Vater erinnert...
Sein blöder Suffkumpan, angelacht für eine Nacht, bestellt noch einen Korn. Er sagt, lallt:
-"Durch den Höhenflug Religion wird ein Dreieck zum Tetraeder"
-"Wenn die zwei Schenkel sich vom Punkt lösen, sehen sie im ersten Moment wie ein ´Kleiner als´-Zeichen aus."
-"Aufeinandertreffen in einem Punkt... Aber einer der Schenkel strebt durch die Hintertür zu einem Punkt, den der andere Schenkel längst verlassen hat."
Der Kerl ist genervt. Die alte Saufdrossel könnte sein Vater sein. Hat die Saufdrossel selbst einen Vater? Dann wären sie zu dritt, könnten Skat spielen und - saufen.
Der Kerl zahlt, gibt viel zu viel Trinkgeld, geht ohne Abschied, steckt ein Hohngelächter ein.

Der Vater der Frau war Säufer, Chauvinist, Ich-Protz,bevor er überhaupt etwas kapierte, denn sein besoffener Babba lag mit ihm in der Wiege, buchstäblich wie übertragen... Er krabbelte früh, aber sein Babba, Großvater der Frau, übertraf ihn, wenn er besoffen auf dem Fußboden der Küche krabbelte. Bevor er sprechen konnte, war er Zeuge seines Babbas, wie er lallte. Er war Kind, und damit im Wettstreit mit seinem Vater, der sich im Suff in die Hose machte. `Warum?`, diese Frage stellte sich ihm früh. ´Warum ich?´, diese Frage kam früher als ´Was bin ich?` Er fand sich wieder in der Konstellation Babba-Mutter-die Frucht der Karambolage. "Lasst die Mißgeburt im Dreieck umherspringen!", lallt der Vater gossen-philosophisch. Und er denkt: "Ein Brüderchen, das hätte ich gerne gehabt! Das Elend hätte sich aufgeteilt!" Und er denkt weiter und philosophiert, abstrahiert, vergeistigt: "Zwanzig Geschwister, das wäre es gewesen: Ein Kreis, die Vollendung." Aber die Wirklichkeit hat Ecken und Kanten: "Ich als Kind die Nummer 3, muss mich entscheiden zwischen 1 und 2. Lückenexistenz als Schicksal."
Er muss noch in der Gegenwart flüchten, der alte Vater, der junge Philosoph, der junge Abstrahierer, der junge Geistesmensch, der Junge, der im Dreieck herumspringt.

Räumlich weit entfernt, im Geiste aber gerade um die Ecke, ersten Grades mit der kaputten Seele verwandt, durchlebt die Frau ihr nächtliches Jammertal, schultert ihr dreieckiges Joch. Sie wimmert unter der Last der persistierenden Bilder. Die Flucht in die Phantasiewelt ihres imaginären Freundes hat an Wirkung verloren, da sie sich selbstständig gemacht hat und die Realität nicht stehenbleibt. Sie betrachtet ihre zerritzten Arme und konzentriert sich darauf, geometrische Figuren, Schnittpunkte, Parallelen zu erkennen. Der Schmerz ist fassbar, eingrenzbar, berechenbar, abstrahierbar, intellektualisierbar... Schmerzpunkte ergänzen sich, nehmen sich gegenseitig die Arbeit ab, alles ist aufeinander abgestimmt, der Schmerz ist nur mehr Dreingabe, unapetittliches Detail, Marginalie.
Nach Stunden kann sie schlafen.

-"In der Höhe ein Schnitt - zurück zur Basis, eine Linie finden, die Steigung erneut vollziehen."
Unter Schmerzen der Philosoph: Fassend, eingrenzend, berechnend, abstrahierend, intellektualisierend... Der Schmerz macht seine eigene Rechnung: imaginärer Querschläger im Ping-Pong der Zahlen, Formeln, Sätze, Beweise.
-"Der Kreis schließt sich."
Er legt das Messer weg und badet seine Unterarme im Waschbecken. Blut bildet Wolken im lauwarmen Wasser.
Der Vater, der Philosoph, der Schmerz: sie machen einander ein Ende.
 
Eigentlich nicht. Es wird doch erklärt wofür das Dreieck steht, soweit ich sehe, in jedem Abschnitt. Für eine unschöne Verbindung von Menschen und Ereignissen, die dann zu psychischen Störungen führen, in denen dieses Dreieck wieder aufgelöst werden soll. Sprachlich ist es meisterlich geschrieben, ohne Frage. 5 Sterne von mir!

L.g
Patrick
 

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