immer miniMAL

Nemo Mori

Mitglied
immer miniMAL


von J.G.








Wollte man sich in meiner Jugend mit Freunden verabreden, sollte man das am besten bereits in der Schule geklärt haben.


Für zuhausegebliebene Faulenzer oder spät Entschlossene gab es noch das Festnetz. Meist waren die Eltern am Telefon. „Hallo, Hertwig am Apparillo“ -Papawitze Anfang der 2000er.


Natürlich konnte auch an der Tür geklingelt werden. „Kommt Henry raus?“


Hatte man aber Hausarrest und musste daher ninja-artig aus dem Erdgeschossfenster verduften, war es das sicherste, um nicht am Freitagabend allein durch die nebelverhangene, zehn Häuser und einen Döner umfassende Innenstadt zu irren, einfach gegen Sieben am miniMAL zu sein.


Denn da war Treffpunkt.


Es gab den Versuch, einen Skateboarderplatz in der Stadt zu etablieren. Kurz vor der Genehmigung durch die Stadtverwaltung viel auf, dass der Platz viel zu nah an bewohnten Gebäuden errichtet werden sollte. Schwuppdiwupp und Tüdelü … neuer Parkplatz in der Innenstadt.


Ich hatte ein Jugendzimmer mit eben erwähntem Fenster im Erdgeschoss. Ich bin froh, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sich ein Mensch mit Zigarette im Mund fühlte wie James Dean mit Cowboyhut und Stiefeln aus Schlangenleder. Verwegen dreinblickend und hoch zu Rosse.


Das Fenster zu meinem Zimmer war oft ein Portal, das der Erörterung epochaler Themen diente. An dem man, rauchend und schwadronierend, auch gern die Zeit vergessen konnte. Davon zeugte das zum Aschenbecher degradierte drei Liter Gurkenglas. An dessen Füllstand konnte gut abgelesen werden, wie viele Teilnehmer eine Sitzung hatte und wie lange diese gedauert hatte.


Ich saß auf der Fensterbank und blickte in die Ruhe des angrenzenden Waldes, als ich ein Quietschen hörte. Das war immer das Zeichen dafür, dass jemand durch unser Eisentor kam. Ich hörte noch ein Quietschen, dieses aber verzagt, niederschmetternd, tieftraurig. Aus der Dunkelheit der Nacht schälte sich das tränende Gesicht von Josie.


„Was ist denn mit dir?“ krächzte ich empathieschwanger.


Zitternd öffnete sich ihr Mund, um mir zu sagen: „Ich bin abgehauen. Von daheim. Ich gehe auch nicht zurück, egal, was die sagen.“


„Ok, ok. Komm erstmal rein und erzähl, was los ist!“


Ich ließ Josie durch die Haustür ein und wir setzen uns nebeneinander auf meine Couch, die ich vorher ein wenig beräumen musste.


„Nun erzähl!“


„Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich mit Robert in den Urlaub fahre und sie erlauben mir das nicht. Ohne ihn zu kennen.“


„Aber wo ist er denn?“, fragte ich, da ich mich wunderte, wieso sie damit zu mir kommt.


„Er ist mit seinen Ellies übers Wochenende irgendwo hingefahren. Ich kann nie wieder zurück.“


Um etwas Dampf aus der Situation zu lassen sagte ich: „Verstanden. Du kannst bei mir bleiben, bis das geklärt ist. Aber gib bitte deinen Eltern Bescheid. Auf den Stress, wenn sie dich als vermisst melden, habe ich keinen Bock.“


Aus ihren geröteten Augen konnte ich lesen, dass sie der Meinung war, ich wäre mir der Dramatik der Sache nicht bewusst. Dass es gerade um die Romanze ihres Lebens geht und ich mal nicht so ruhig bleiben sollte. Ja, das alles stand da.


Gurkenglas füllte sich wieder ein Stück.


Selbstverständlich konnte nicht von ihr verlangt werden, sich ein wenig zu beruhigen. Aber ein gutes Heilmittel, um sich abzulenken waren Freunde. Wo anders sollte man die treffen als hinter dem miniMAL? Wir beide gingen also des Weges in Richtung unseres Treffpunktes. Dort angekommen, sahen wir, wie sich bereits der Parkplatz leerte. Es war schon dicht an der Schließzeit. Die letzten Leute trotteten mit der Beute ihres späten Shoppingraubzuges zu ihren Autos. Jene, denen zu spät eingefallen war, dass sie noch einkaufen müssen und andere, denen aufgetragen wurde noch eine Besorgung zu tätigen:


Schatz 1: „Schatz, holst du bitte noch ein Kilo Mehl und einen Wein?“


Schatz 2: „Muss es denn guter Wein sein? So aus der Flasche?“


Schatz 1: „Nee, ein Tetra-Pak der oberen Unterklasse tut es auch. Ich habe noch eine leere Flasche Château Lafite Rothschild zum Umschütten da. Da kann der Wein nochmal richtig karaffieren. “


Unser Treffpunkt im kreisrunden Einkaufszentrum war der rückwärtige Eingang. Es wird sich der ein oder andere fragen: „Woher wissen wir, wo bei einem kreisrunden Gebäude hinten ist?“ Nun, dieser Eingang war schmutziger, weniger frequentiert und einfach ein bisschen mehr Underground. Eben mehr hinten als vorn. So wie wir uns fühlten.


Zudem wollte der Hausmeister uns vorn nicht haben.


Dort trafen wir Henry.


Diesen, immer gut gelaunten Kerl musste man einfach mögen.


Obwohl wir alle im fortgeschrittenen Teenageralter waren, war die beste Beschreibung für Henrys Äußeres „Typ Holzfäller“. Flanellhemd in schwarz-rot kariert. Darüber eine Weste. Zerschlissene Jeans und Stiefel. Auch der typische Bart war, in Form eines Flaums, bereits angelegt.


Was niemand von uns ahnte war, dass Henry zum Helden werden sollte. Das Zündeln einer elektrischen Leitung, welche schon zu alt war, um störungsfrei zu funktionieren, sollte zu einem kleinen Flämmchen führen. Der Entstehungsort des kleinen Feuerteufels wird die Zuleitung für die Anlage sein, die zum Zwecke der optimalen Ausleuchtung der Stofftiersammlung von Henrys Nachbarin installiert ist. Die Plüscharmada wird als Brandbeschleuniger dienen. Binnen Sekunden wird die ganze Wohnung in Flammen stehen. Henry wird olfaktorisch darauf aufmerksam. Er wird geistesgegenwärtig aufspringen und seine Nachbarin aus dem Friedhof der Kuscheltiere holen. Er wird dafür Sorge tragen, dass sie und eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind den Flammen entkommen.


Aber für den Moment zeigt Henry seine Wohltätigkeit, indem er Getränke und Chips besorgt hatte.


Die Abende in einer Kleinstadt wie Albernhaw (auch die Wochenenden) konnten grausam langweilig sein. Zumindest wenn man allein oder zu zweit war. Daher musste man sich im Rudel organisieren. Das führte zwar nicht dazu, dass der Ort plötzlich vor Möglichkeiten platzte, aber unsere Schwarmintelligenz (oft auch Schwarmdummheit) ließ uns immer irgendetwas Spannendes aushecken. Meist waren wir auch der Überzeugung, dass unsere Ideen und Aktionen die Welt verändern könnten. Wer weiß schon, ob es das nicht vielleicht auf irgendeiner Ebene getan hat?


Und wir hatten eine Idee. Ein kleiner Funken Rebellion. Eine Message an Josies Eltern, an den Hausmeister des Einkaufszentrums, an die Stadtverwaltung und eigentlich an jeden Erwachsenen.


-Hey, wir sind auch da-


Am Tag nach diesem Abend am miniMal aß ich bei meinen Großeltern zu Mittag. Wie immer lag die Freie Presse auf dem Tisch und ich konnte den Artikel auf Seite Sieben bestaunen.


Über dem Text prangte ein großes Bild, das den ganzen miniMAL Parkplatz in nebelig trüber Morgenmelancholie zeigte. Auf jeden einzelnen der 135 Parkplätze war ein Einkaufswagen gestellt worden. „Was für ein Kunstwerk, dachte ich. Im Text war die Rede von randalierenden Rowdy. Damit macht es sich die Erwachsenenwelt wieder ziemlich einfach. Eine spontane, aber tiefsinnige Idee, inklusive einer kunstfertigen Umsetzung und was bei den Erwachsenen ankam war das, was ich hier lesen musste. Darüber wird sicher noch das ein oder andere mal am Fenster schwadroniert werden.


Und das Gurkenglas wird sich weiter füllen.
 



 
Oben Unten