In den Laboren auf Ganymed

lietzensee

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In den Laboren​

„Plasmagewehre“, Kommandant Keen zog mehrere Waffen an ihren Tragegurten hervor. „Uniformen, Notrationen, Cyanidpillen“, er griff an Ausrüstung, was er in dem kleinen Lagerraum noch finden konnte und warf es vor Herbert auf den Tisch.
„Bist du verrückt?“ Herbert kannte Keen schon lange, doch nun wusste er nicht, ob der Andere es ernst meinte.
„Wir haben keine andere Wahl Herb. Du bist der Einzige, der sich in den Korridoren da unten etwas auskennt. Außerdem hast du die Grundausbildung durchlaufen.“ Keen sah ihm in die Augen. „Man hat uns mit heruntergelassenen Hosen erwischt.“
Eine Stunde später saß Herbert in einem Shuttle mit drei Rekruten, denen die Uniformen nicht passten. Von der kleinen Relaisstation flogen sie hinab zur Oberfläche Ganymeds. Sie hörten die Stimme des Kommandanten bevor die Funkverbindung abbrach: „Keine Angst Jungs. Herbert kennt sich aus…“ Dann landeten sie. Die automatischen Hangartore öffneten sich und sie betraten den Laborkomplex.
„Durchzählen“, rief Herb. Die Drei sahen in verständnislos an. „Wie heißt ihr?“, fragte er schließlich. Diese Rekruten mussten erst kurz zuvor auf die Relaisstation versetzt worden sein.
„Bernd.“
„Yann.“
„Jakub.“
„Also los.“ Er führte sie den verlassenen Gang des Hangars entlang und versuchte dabei, sich die drei Namen einzuprägen. Aber wichtiger noch war ein vierter Name, Robert Meyer, der Mann war Wissenschaftler. Sie sollten ihn finden und zurück zum Shuttle bringen. Das bedeutete, sie mussten die verwinkelten Labore durchsuchen und enge, schlecht ausgeleuchtete Korridore. Herbert hoffte, dass die Rekruten nicht sahen, wie ihm die Hände am Plasmagewehr zitterten.
Nach etwa einer halben Stunde hatten sie ihren ersten Feindkontakt. In einem Labor trat Bernd an einen Tisch, auf dem eine Vase mit einer kleinen Blume stand. Er stieß sie mit der Spitze seiner Waffe an. Die Vase kippte und ergoss einen Schwall über die Kunststoffplatte. „Frisches Wasser“, sagte er, „lange können die Räume hier noch nicht verlassen sein.“
Dann sahen sie es. Auf dem Fliesenboden kroch ein Wurm. Er arbeitete sich aus dem Schatten unter einem Labortisch hervor und hielt direkt auf Herbert zu. Ein abstoßendes Tier. Sein Körper bog sich nicht, sondern er knickte in fingerlangen Segmenten, als lägen Gelenke unter der feucht glänzenden Haut.
Herbert hob unsicher seinen Stiefel. Dann trat er zu. Ein Knacken ertönte. Die anderen drei lachten, als Herbert seinen Stiefel an einem Laborstuhl zu reinigen versuchte. Jakub wischte sich vergnügt die Augen. Da sahen sie, wie sich etwas unter dem Ärmel seiner Uniform bewegte.
„Würmer!“ Plötzlich war der Feind überall, er kroch unter Labortischen und aus Müllkübeln hervor. Jakub schrie auf. Aus seinem Ärmel spritzte Blut. Sie schossen mit ihren Plasmagewehren um sich und die Fetzen der Wurmkörper spitzten gegen die Wände. Jakub musste sich übergeben. Zwischen Galle und Blut quollen zwei Würmer aus seinem Mund hervor.
Als Herbert wieder klar denken konnte, presste er sich gegen die Wand eines Korridors. „Habt ihr Jakub...“, er brachte die Frage nicht zu Ende. Mit den anderen zwei tauschte er Blicke aus. Dann durchsuchten sie die nächsten Labore. Dort fanden sie keine Würmer und keinen Doktor Meyer.
In der Cafeteria roch es nach verbranntem Fleisch. Sie erinnerten sich an ihre Notrationen und warfen sie in einen Müllkübel. Aus einem der Lagerräume hörten sie rhythmisches Pochen. „Bleibt in Formation!“, rief Herbert. Er sah die zwei Anderen unsicher an. Dann stürmten sie den Lagerraum. Die Lampen darin flackerten. Sie sahen einen Mann, der mit einem Stuhlbein in jeder Hand auf Würmer einschlug. Sofort begannen sie zu feuern. Die Würmer wurden zerfetzt. Aber immer neue Feinde krochen aus Lüftungsschächten und der Deckenverkleidung hervor. Sie ließen sich von oben fallen, knickten ihre Körper zu Haken und versuchten, ihre Köpfe in die Gliedmaßen der Menschen zu bohren. Herbert sah, wie Yann sich ihm zuwandte. Seine Schulter wurde von mehreren Würmern gleichzeitig aufgerissen. Dann begann Herbert, sein Gewehr als Schlagkolben zu verwenden. Er keuchte und schlug zu, wieder und wieder und wieder. Schließlich sah er statt der Würmer nur noch schmierige Flecken auf dem Boden.
Yann war tot. Der Fremde mit den zwei Stuhlbeinen auch. Sein Laborkittel war von Einschusslöchern der Plasmagewehre versengt. „Ist das Doktor Meyer?“, rief Herbert. Es war der erste Gedanke, den er in der Aufregung fassen konnte.
„Nein, das war mein Assistent. Doktor Meyer bin ich.“ Aus einer der Lagerkisten stieg ein Mann mit einer gesprungenen Brille auf der Nase. Er blickte prüfend in Herberts und Bernds mit Wurmresten verschmierte Gesichter. Dann griff er aus der Kiste ein Glasgefäß und barg es vorsichtig im Aufschlag seines Kittels. „Wenn Sie ein Shuttle haben, dass sollten wir jetzt verschwinden.“ Auf dem Rückweg erzählte der Doktor, wie der Feind sie während der Nachtschicht überrascht hatte. Er sprach von Massakern in den Schlafquartieren.
„Wer ist der Feind?“, fragte Bernd.
„Dazu sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.“ Der Doktor strich über das Glasgefäß. Etwas darin begann zu zappeln. „Aber das hier, das wird unsere Revanche sein.“
Sie brachten den Doktor zum Shuttle. Erst jetzt wurde Herbert klar, wie wenig er daran geglaubt hatte, diesen Auftrag erfüllen zu können. Doktor Meyer trat an ihn heran. Durch die gesprungene Brille hindurch sah er Herbert noch mal genau in die Augen. Dann drehte er sich zu Bernd und tat das Gleiche. Er riss Herbert das Gewehr von der Schulter und schoss Bernd in den Kopf.
„Was…“ Herbert holte mit seiner Faust aus. Dann sah er zwei Würmer, die aus den Augenhöhlen des Toten rutschten. „Bernd“ stieß Herbert hervor und wurde plötzlich unsicher. Hatte dieser Junge sich mit Bernd vorgestellt oder war es Jakub gewesen? Das Shuttle hob ab. Herbert weinte. Er presste die Hände vor den Mund und seine Kiefer knackten.
„Schallmassagen und eine Sonnenbank.“ Kommandant Keen lachte, als er Herbert im Rehabilitationszimmer besuchte. „Du hast es gut getroffen Herb.“ Herbert schwieg. „Jetzt gewinnen wir gegen den Feind die Oberhand.“ Herbert schwieg und die Brauen des Kommandanten zogen sich zusammen. „Ich musste dich da runter schicken Herb! Ich hatte keine Wahl. Aber ich habe doch alles für dich getan, was ich konnte.“
„Aber…“ Herbert sah zu ihm auf.
„Aber was Herb?“
„Aber die Cyanidpillen waren Placebos.“
 
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