In Staatsgeschäften

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GerRey

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(Aus einem Brief an Martina vom 08.06.2021)

Heute wollte ich den Tag über munter bleiben. Um vier Uhr war ich schon aufgestanden, hatte mich an den Computer gesetzt, gelesen, Filme geschaut. Zwischen 6 und 8 Uhr sollte der Supermarkt kommen und mir meinen Online-Einkauf bringen (irgendwann um sieben war er dann da). Zwischendurch schaute ich in den Brief, den ich gestern von einer Brieffreundin bekommen hatte. Da schrieb sie, dass sie frische Erdbeeren gekauft habe. Früher hätte sie von ihrer Mutter zum Geburtstag selbstgemachte Erdbeertorte bekommen. Sie mochte Erdbeeren, würde aber für sich selber keine Torte machen. Ihr reichten nun die Erdbeeren, die sie im Supermarkt bekäme, sofern sie frisch wären. Das erinnerte mich daran, dass ich Erdbeeren im Garten habe. Entlang des Gartenzauns zum Nachbargrundstück wächst eine Zeile, in der einige rote Kügelchen hervorleuchteten, kaum größer als ein Fingernagel. Also machte ich mich im Licht der allmählich empor steigenden Sonne daran, ein halbes Schälchen zu ernten und zum Frühstück zu mir zu nehmen (sie schmeckten jedoch wässrig, so ließ ich den Rest für die Vögel).

Gegen Mittag machte ich mir dann Grillwürstchen mit Pommes und einem Blattsalat. Als Nachspeise nahm ich einen Becher Eis. Gegen 14 Uhr wurde ich müde; aber da sollte auch noch eine Amazon-Lieferung kommen - bis 20 Uhr! Solange würde ich nicht mehr durchhalten können, dachte ich. Also legte ich mich auf die Couch und schlief ein. Kurz vor sechzehn Uhr läutete es dann. Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und lief hinaus. Vor dem Gartentor stand der Amazon-Bote. Er brachte mir die Unterwäsche, die ich neu kaufen musste, weil ich 16 Kilo abgenommen hatte. Da fand ich auch Deinen feuerroten Brief im Postkasten.

Du konntest in meinem letzten Brief nicht entziffern, wer bereits unter der Erde läge? Ich glaube, ich schrieb über Ronnie James Dio? Das war ein begnadeter Rocksänger (Black Sabbath, Rainbow, Dio). Kannst Du Dir auf YouTube anhören, wenn Du möchtest!

Wann war ich zuletzt im Schloss Schönbrunn? Ist sicher schon über 10 Jahre her. Als ich zum ersten Mal dort war, als Kind mit der Schule, hatte ich eine Art Déjà-vu. Wir betraten das Schloss durch das große Tor, das zu den Seiten von den beiden Adlern flankiert ist, die mit ausgestreckten Schwingen auf den hohen Stelen, deren Sockel die ehemaligen Wachhäuschen bilden, eben zu landen scheinen, liefen über den weiten Vorplatz, und da hatte ich das Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein - was aber nicht sein konnte, da ich als Achtjähriger kaum Interessen an solchen Ausflügen gehabt hatte und auch sonst niemand mit mir dort gewesen war.

Bei der Führung durchs Schloss vor zehn Jahren war ich in Begleitung einer Frau. Wir schlenderten durch die Räume bis zum Arbeitszimmer von Kaiser Franz Joseph, einem Eckzimmer, das auf den weiten Platz, den ich oben erwähnt habe, blickt. Hier wäre der Kaiser schon sehr früh an dem großen Schreibtisch mit den Staatsgeschäften beschäftigt gewesen, hieß es. Und gegen sechs Uhr morgens, wenn ich mich richtig erinnere, bekam er dann durch seinen Diener ein zweites Frühstück serviert.

Da sagte ich zu meiner Begleiterin, dass ich eine Zofe bevorzugt hätte, um sie majestätisch auf den Schreibtisch zu werfen und dem Staat - quasi in Staatsgeschäften -- noch ein paar Untertanen zu besorgen, während draußen die Wachmannschaften exerzierten. Sie musste derart laut auflachen, dass wir durch geringschätzige Seitenblicke abgestraft wurden.
 

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