In Uropas Zimmer

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juliawa

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Oma war nochmal los gegangen, sie hatte vorhin beim Einkaufen was vergessen. Er würde also für mindestens 20 Minuten allein im Haus sein. Als er sich durch das Küchenfenster versichert hatte, dass ihr Wagen hinter der Straßenecke verschwunden war, hastete er schnell über die Steintreppe ins obere Stockwerk. Er hatte lange Zeit keine Gelegenheit mehr gehabt, das geheime Zimmer zu betreten. Oma wollte aus irgendeinem Grund nicht, dass er dort hineinging. Das Zimmer hatte bis zu dessen Tod seinem Uropa gehört, der ins Haus der Großeltern gezogen war, nachdem er nicht mehr für sich selbst sorgen konnte. Er hatte Uropa nie kennengelernt, er war noch vor seiner Geburt gestorben. Auf den Fotos, die er von ihm gesehen hatte, blickte er immer sehr ernst. Er wusste genau, wo er den Schlüssel für das Zimmer finden würde. Seine Oma hatte ihn in einer Schublade eines sehr altmodisch aussehenden Schränkchens versteckt. Diese öffnete er jetzt mit großer Sorgfalt. Die Schublade wirkte wertvoll und zerbrechlich. Dann drehte er sich nach allen Seiten um, obwohl er sicher wusste, dass niemand außer ihm im Haus war, und öffnete das Schloss. Ins Zimmer seines Uropas zu gehen fühlte sich an, wie damals in Italien am Strandurlaub, als er aus Neugierde eine alte Kirche in der Stadt betreten hatte, fand er.
Die Jalousien waren vor das Fenster gezogen, es herrschte eine schummrige Dunkelheit. Es roch nach Staub und alten Büchern. Alle Möbel im Zimmer wirkten schwer und dunkel. Der Raum wurde seit dem Tod des Mannes nicht mehr benutzt.
Er liebte dieses Zimmer. Es war wie ein Versteck. Er sah sich um und bemerkte einen Tisch, der ihm bei seinen letzten Besuchen hier nicht aufgefallen war. Darauf standen irgendwelche Medaillen und alten Kreuze, die alle dasselbe Muster trugen. Er fand, es sehe aus wie ein eckiges Zahnrad. Aber er wollte seine Zeit nicht damit verschwenden.
In der Mitte des Raumes stand ein großer Flügel. Das war der Hauptgrund, warum er sich hierher geschlichen hatte. Mit einer Spur von Ehrfurcht öffnete er den schweren Klavierdeckel. Er konnte keine Noten lesen. Er spielte immer auf die selbe Art und Weise. Er drückte jeweils zwei der Tasten und gleichzeitig das Pedal, welches die Töne seltsam verwaschen machte und in die Länge zog. Dann lauschte er dem entstehenden Klang so lange nach, bis er völlig zum Verstummen kam. Jede Tastenkombination war wie ein Gefühl, vielleicht auch wie eine Geschichte, fand er. Die hellen Tasten erzählten Geschichten von Liebe, Freude, Stolz und Licht. Die schwarzen von Verbotenem, Geheimnis, Schlaf und Dunkelheit. Er spielte viel lieber die schwarzen Tasten. Dabei konnte er so gut nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie feierlich sein Opa im letzten Jahr in dem offenen Sarg ausgesehen hatte. Oder von seinem Klassenkameraden Robert, seinen merkwürdig geformten Lippen und seinen Augen, die ihm einfach nicht aus dem Kopf gingen. Während er dem vergehenden Ton hinterherlauschte, hörte er das Auto seiner Oma in der Einfahrt. So schnell er konnte, klappte er den Klavierdeckel zu und schloß die Tür des Zimmers hinter sich ab. Dann legte er den Schlüssel wieder in die Schublade zurück. Er hastete die Treppe hinunter.
"Das ging aber schnell", begrüßte er seine Oma, die gerade zur Tür hereinkam, mit rotem Gesicht.
 

Ji Rina

Mitglied
Sehr schön geschrieben...
Für jemand der gerade anfängt,... ;) großartig geschrieben!
Mit Gruß, Ji
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo juliawa,

deine Geschichte hat etwas Geheimnisvolles, das beim Lesen mitschwingt. Erfährt man doch nicht, warum das Zimmer tabu ist.
Sehr schön!

Liebe Grüße
Manfred
 
Zuletzt bearbeitet:

Lastro

Mitglied
Hallo juliawa,

sehr schön beschrieben, wie das Übertreten des Verbotes aus dem Geheimnis eine innere Welt aus Klängen und Phantasien entstehen lässt.

Liebe Grüße,
Lastro
 

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